Lucia Wohlgemuth und Nicole Sami, Co-Leiterinnen Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe

Von patrick.gunti - 11:30

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Sternschnuppe

Lucia Wohlgemuth (r.) und Nicole Sami, Co-Geschäftsleiterinnen Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe. (Foto: zvg/mc)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Wohlgemuth, Frau Sami, Zweck der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe ist es, Freude und Abwechslung in das Leben von Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren zu bringen, die mit einer Krankheit, Behinderung oder den Folgen einer schweren Verletzung leben. Was steht beim Engagement der Sternschnuppe im Mittelpunkt?

Unser Fokus liegt auf der Erfüllung von Herzenswünschen der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Es handelt sich dabei um einzigartige Erlebnisse, die Kraft und Mut spenden sollen und die oft noch jahrelang in den Alltag eines Kindes und seiner Familie ausstrahlen.

Bis zum heutigen Tag hat die Sternschnuppe über 2500 individuelle Herzenswünsche erfüllt. Ist Ihnen dabei ein Erlebnis in besonderer Erinnerung?

Nicole Sami: Aussergewöhnliche Wünsche bringen mich immer zum Schmunzeln: zum Beispiel einen Tag lang Lift fahren in möglichst hohen Gebäuden. Oder die Leidenschaft eines Jungen für Staubsauger und Waschmaschinen. Er durfte eine Produktionsstätte für diese Geräte besuchen.

Lucia Wohlgemuth: Ich erinnere mich an einen Jungen, der onkologisch erkrankt war. Er träumte davon, mit Asterix und Obelix ein Wildschwein zu braten.

„Das Wichtigste ist wohl, dass wir uns selbst immer wieder von den Herzenswünschen unserer Sternschnuppe-Kinder begeistern lassen.“

Ein ganzes Team kümmert sich um die Erfüllung der Wünsche. Wie geht dieses dabei vor, was ist bei der Realisierung der vielen individuellen Wünsche besonders wichtig?

Nachdem ein Wunsch bei uns gemeldet wurde, nehmen wir telefonischen Kontakt mit der Familie und dem Kind auf. Im Gespräch versuchen wir herauszufinden, was genau das Kind sich wünscht und welche Vorstellungen es von der Wunscherfüllung hat. Kann ein Kind sich verbal nicht äussern, verlassen wir uns auf die Gespräche mit den Eltern: Schaffen es die Eltern, sich in die Rolle ihres Kindes zu versetzen? Oder versuchen sie ihren eigenen Wunsch zu realisieren? Hier hilft uns unser langjährige Erfahrung und unser Bauchgefühl. Auch mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin nehmen wir Kontakt auf, um abzuklären, ob für die Realisierung des Wunsches besondere Vorkehrungen getroffen werden müssen.

Anschliessend beginnt die Recherche: wer kann uns bei der Erfüllung des Traumes unterstützen? Wo finden wir Kontakte, die wir nützen können? Es kann vorkommen, dass die Organisation eines Wunsches wenige Tage dauert. Manchmal ist aber auch Geduld gefragt und wir müssen immer wieder neue Türen aufzustossen, um ans Ziel zu kommen. Die Erfüllung eines Herzenswunsches ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Unsere Mitarbeiterinnen benötigen eine grosse Portion Organisationstalent, Kreativität und Hartnäckigkeit. Sie schaffen es aber fast immer, andere für den Wunsch eines Kindes zu begeistern und wissen sich dabei immer wieder auf unterschiedliche Partner einzulassen. Das Wichtigste ist wohl, dass wir uns selbst immer wieder von den Herzenswünschen unserer Sternschnuppe-Kinder begeistern lassen. Mit unserer Begeisterung für unsere Arbeit stecken wir auch andere Menschen an.

Sie haben vorher die Familie angesprochen. Welche Rolle spielt sie bei der Wunscherfüllung?

Die Familie spielt für uns eine sehr wichtige Rolle. Die Erkrankung oder Behinderung eines Kindes betrifft immer auch die Geschwister und Eltern. Uns ist es deshalb wichtig, dass die ganze Familie gemeinsam etwas Schönes erleben darf. Die Familie wird wenn immer möglich in die Wunscherfüllung miteinbezogen.

„Uns ist es wichtig, dass die ganze Familie gemeinsam etwas Schönes erleben darf.“ 

Was ist das Besondere an den sogenannten Sternenprojekten?

Sternenprojekte sind erlebnisorientierte Projekte in heilpädagogischen Schulen oder anderen Institutionen, die sich für die Interessen von Kindern mit einer Krankheit oder Behinderung einsetzen. Das kann z.B. eine Zirkuswoche, ein Segellager oder ein Geissentrekking sein. Bei diesem Angebot agieren wir als Vergabestiftung, die Organisation der Projekte hingegen obliegt den Schulen oder Wohnheimen.

Mit den Freizeitsternen offeriert die Stiftung Ausflugsmöglichkeiten und abwechslungsreiche Freizeiterlebnisse. Wie präsentiert sich hier das Angebot?

Mit den Freizeitsternen ermöglichen wir Familien und Gruppen mit betroffenen Kindern kostenlose Ausflüge in 35 Kulturinstitutionen der Schweiz. Dazu gehören beispielsweise das Verkehrshaus der Schweiz, der Zoo Zürich oder der Ballenberg. Unsere Stiftung übernimmt die Kosten für die Eintritte in unsere Partnerinstitutionen. Das Angebot ist äusserst beliebt. Pro Jahr finanzieren wir rund 35‘000 Eintritte.

Ihre Mitarbeitenden und Freiwilligen werden bei ihrer Arbeit mit Schicksalen konfrontiert, die nicht leicht zu verarbeiten sind. Wie gehen sie damit um?

Tatsächlich kommen wir unseren Sternschnuppe-Familien oft sehr nahe. Manchmal begleiten wir sie bei der Organisation des Wunsches über Monate. Ihre Geschichten und Schicksale berühren uns. Es ist aber wichtig, sich abzugrenzen zu können und den Fokus auf die Erfüllung des Wunsches, also auf das Positive und die Freude zu legen.

Die Stiftung feiert 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Wie hat sich die Stiftung in dieser Zeit entwickelt?

Die Stiftung ist in den letzten 10 Jahren gewachsen und hat sich stark professionalisiert. Mit den Freizeitsternen ist ausserdem ein neues Angebot dazugekommen, das sehr beliebt ist und uns damit auch grössere Bekanntheit gebracht hat. Geblieben sind die Freude für unsere schöne Arbeit und das grosse Wohlwollen unserer Spenderinnen und Spender, das sie uns seit bald einem Vierteljahrhundert entgegenbringen. Dafür sind wir sehr dankbar.

„Es ist wichtig, sich abzugrenzen zu können und den Fokus auf die Erfüllung des Wunsches, also auf das Positive und die Freude zu legen.“

Sie finanzieren alle Projekte ausschliesslich aus Spenden. Von wem kommt die finanzielle Unterstützung hauptsächlich?

Rund zwei Drittel sind private Spender, Spenden von Firmen und Kirchgemeinden machen etwa einen Viertel unserer Spenden aus. Wir dürfen auf ganz verschiedene Menschen zählen: Vom kleinen Kind, das auf Geburtstagsgeschenke verzichtet, über treue Spenderinnen und Spender, die uns jedes Jahr mit einer Zuwendung berücksichtigen, bis zu Firmen, die uns mit einer Weihnachtsspende unterstützen. Diese Vielfalt widerspiegelt unseren Stiftungszweck, der ganz unterschiedliche Menschen anspricht.

Wie viel des gespendeten Geldes geht in die Projekte, wie viel geht in Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung?

Wir sind unserem Stiftungszweck verpflichtet, deshalb ist es uns wichtig, einen möglichst grossen Anteil der Spendengelder in die Erfüllung der Herzenswünsche, der Finanzierung der Freizeitsterne und der Sternenprojekte zu investieren. 73% unserer Ausgaben setzen wir für diese Angebote ein. 12 % fliessen in die Öffentlichkeitsarbeit ein und 15 % in die Verwaltung.

Sie teilen sich die Leitung der Geschäftsstelle Zürich im Rahmen eines 150-%-Engagements. Wie funktioniert diese Aufgabenteilung, auf was legen Sie besonderen Wert?

Wir haben die Arbeitsbereiche thematisch aufgeteilt. Es ist aber unablässig, dass wir uns gegenseitig über unsere Arbeiten austauschen und wichtige Entscheide gemeinsam fällen. Wir können die Verantwortung und die Arbeit auf vier Schultern verteilen, was entlastend ist. Wichtig ist es, immer die „Sache“ im Vordergrund zu halten und Meinungen und Entscheide der Partnerin zu akzeptieren und diese zu respektieren. All das würde nicht funktionieren, wenn man dem Gegenüber nicht voll vertrauen würde.

Wenn Sie für das Jahr 2018 selber einen Herzenswunsch hätten, wie sähe dieser aus?

Lucia Wohlgemuth: Mich beglücken Ausblicke von hohen Bergen. Ich hoffe, ich kann im neuen Jahr die Aussicht vom Jungfraujoch geniessen.
Nicole Sami: Ich trage schon lange den Wunsch in mir, einmal die Nordlichter zu beobachten. Dafür lasse ich mir aber Zeit und ich werde mir diesen Traum wohl noch etwas länger aufsparen und die Vorfreude darauf geniessen.

Besten Dank für das Interview.

Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe
Spenden

Nicole Sami studierte nach einer kaufmännischen Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater Zürich und war mehrere Jahre im kulturellen Bereich tätig. Sie absolvierte das Masterprogramm Kulturmanagement an der Universität Basel und hat anschliessend im Bereich Design-Management und Marketing gearbeitet. Seit 2009 ist sie Co-Geschäftsleiterin der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe.

Lucia Wohlgemuth studierte Sozialpädagogik an der Höheren Fachschule für Soziale Arbeit beider Basel und arbeitete mehrere Jahre in der Jugendarbeit. Während vier Jahren war sie anschliessend verantwortlich für die Kindermitgliedschaften bei Unicef Schweiz. Seit 2012 arbeitet sie für die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe, erst als Verantwortliche für Kommunikation und Projekte, seit 2015 und nach dem Abschluss eines MAS in Kulturmanagement an der Hochschule Luzern als Co-Geschäftsleiterin.

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