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Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Finger verbrannt?

Von moneycab - 13:31

Eingestellt unter: Dossiers, Finanz, Invest, Kommentare

Martin Neff

von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Es ist ruhig geworden um die Kryptowährungen, der Hype zumindest ist vorbei. Wurde ich noch vor wenigen Monaten fast täglich gefragt, ob es Sinn mache in Bitcoin und Co. zu investieren, brennt diese Frage nun kaum mehr jemandem unter den Nägeln. Die einen sind – wenn‘s gut geht – mit einem blauen Auge davon gekommen und die anderen froh, dass sie der kollektiven Gier nicht gefolgt sind. Das Debakel ist ziemlich heftig.

Anfang des Jahres, dem bisherigen Höhepunkt des Kryptobooms betrug die gesamte Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen 831 Milliarden US-Dollar. Das war am 8. Januar. Von da an ging es rapide bergab auf 279 Milliarden US-Dollar bis am 7. Februar. Das macht zwei Drittel Wertverlust innert Monatsfrist. Da hat sich wohl so mancher die Finger verbrannt.

So weit, so nicht gut. Mittlerweile hat sich der Kryptomarkt wieder kräftig erholt, das Jahresanfangs- und bisherige Allzeithoch liegt aber in weiter Ferne. Aktuell beträgt die Marktkapitalisierung 460 Milliarden US-Dollar. Wer also am Tiefpunkt anfangs Februar investierte, kann heute auf stolze zwei Drittel Wertzuwachs zurückblicken. Es lässt sich also noch immer mächtig Geld verdienen. Alles eine Frage des Timings also? Nicht ganz, denn es verstärkt sich der Eindruck, dass mittlerweile mehr gehandelt wird als investiert. Das ist mitunter auch dem Einstieg etlicher Finanzinstitute und Handelsplattformen ins Kryptobusiness zu verdanken. Händler leben vor allem von Volatilität und diesbezüglich hat der Kryptowährungsmarkt mehr als jeder andere zu bieten. Nicht mehr Wachstum stand die zwei Monate im Vordergrund, sondern massive Verschiebungen unter den verschiedenen Kryptowährungen.

Achtung vor exponentiellen Entwicklung
Als die Cyberwährungen noch in den Kinderschuhen steckten, etwa in den Jahren 2013 bis 2014, gab es lange keine Marktbreite, sondern „nur“ einen Markt, den für Bitcoin. Bitcoin stemmte damals zum Teil über 90% und bis Anfang 2017 noch über 80% der gesamten Marktkapitalisierung aller Cyberwährungen. Vor etwas mehr als einem Jahr dann erodierte die krasse Dominanz von Bitcoin. Zwar legte Bitcoin weiter an Wert zu, aber nun schlug die Stunde anderer Währungen, vor allem Ethereum und Ripple. Im Sommer 2017 brachte dann Ethereum (32%) fast so viel Gewicht auf die Waage wie Bitcoin (38%). Zuvor hatte auch Ripple zu einem Höhenflug angesetzt, ja sogar kurz fast ein Viertel der Marktkapitalisierung ausgemacht. Wie wir heute wissen, war das in etwa der Zeitraum, an dem der Hype erst richtig losging.

Wöchentlich wurden neue Cyberwährungen lanciert. Bitcoin knackte in einem exponentiellen Höhenrausch schliesslich die 20‘000 Dollar Marke. Die „Goldgräber“ schürften, was das Zeug hielt, der Riesenenergieaufwand schien problemlos amortisierbar. Doch merke: exponentielle Entwicklungen an den Finanzmärkten waren noch nie nachhaltig. Ob Tulpen oder Silber, Dotcom oder Rohstoffexzesse, es gab stets eine harte Landung. Dass sich darauf kaum jemand besann, liegt wohl am Hightech-Charakter der Cyberwährungen, was dazu führt, dass im Grunde niemand so richtig versteht, was dahinter steckt. Aber da Silicon Valley uns schon länger weismachen will, dass wir längst im exponentiellen Zeitalter leben, glaubten viele ans schnelle Geld.

Ab ins Casino
Inzwischen haben indes fast alle der mehr als 1’500 Cyberwährungen Korrekturen erfahren und das unabhängig von deren Marktkapitalisierung. Wer glaubte, dass sich der Bitcoin Höhenflug auch bei anderen Währungen früher oder später einstellen würde, sah sich getäuscht. Was jetzt dominiert ist vor allem die Volatilität, die schon vorher extrem hoch war. Mittlerweile übertrifft sie alles bisher Dagewesene. Tagen mit rational nicht nachvollziehbaren zweistelligen Prozenteinbrüchen, folgt plötzlich ein ebenso unerklärlicher Rebound. Zum Teil dreht sogar innert Stunden der Trend von plus nach minus und umgekehrt. Dies trifft für Coins (digitale Münzen) genauso zu wie für Tokens. Letztere sind eine Art digitale Anteilsscheine, von denen die meisten auf der Ethereum Plattform gehandelt werden, letztlich aber zum Erwerb anderer Coins berechtigen können. Daher auch der Begriff des ICO für Initial Coin Offering, eine Art Coin-Startup. Einen Trend gibt es derzeit nicht, ausser dass die Volatilität den Markt regiert und dies, weil nun fast ausschliesslich Coins bzw. Tokens untereinander gehandelt werden oder Coins gegen Tokens getauscht werden und vice versa. Frisches Geld kommt hingegen kaum mehr in den Markt. Folglich sind die Trader nun am Werk, vielleicht muss man eher von Zockern sprechen.

Ich wage daher eine Prognose und schliesse diese mit einer Empfehlung ab. Es lässt sich weiter (unverschämt viel) Geld verdienen mit Kryptowährungen, aber nur wenigen gelingt dies – so wie bei Glücksspielen. Meine Empfehlung lautet: gehen Sie ins Casino, dort verstehen Sie wenigstens die Spielregeln.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

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