OBT: ISA-CH 600 (Revised) – ein Praxisleitfaden für Schweizer KMU

(Bild: OBT)

St. Gallen – Für Abschlüsse, die am oder nach dem 15.12.2024 beginnen, gilt in der Schweiz erstmals der revidierte Standard ISA-CH 600 (Revised) «Besondere Überlegungen – Konzernabschlussprüfungen». Für Schweizer KMU-Gruppen stellt sich vor allem eine Frage: Welche praktischen Folgen hat diese Einführung für kleinere Unternehmensgruppen, die nach Obligationenrecht (OR) oder Swiss GAAP FER konsolidieren? Der Artikel beleuchtet die wichtigsten Neuerungen, fasst Erfahrungen aus den Konzernabschlussprüfungen 2024 zusammen und gibt konkrete Hinweise für KMU und deren Abschlussprüfer.

ISA 600 (Revised), offiziell veröffentlicht durch das International Auditing and Assurance Standards Board (IAASB), verfolgt das Hauptziel, die Qualität der Konzernabschlussprüfung zu erhöhen. Der Standard definiert den Rahmen für die Konzernabschlussprüfung mit einem klaren Fokus auf die Verantwortung des Konzernabschlussprüfers, der die Arbeit der Teilbereichsprüfer stärker zu integrieren und zu steuern hat.

ISA 600 (Revised) verfolgt primär drei Ziele:

  1. Stärkung eines durchgängigen, risikoorientierten Prüfungsansatzes in Konzernabschlussprüfungen
  2. Klarere Verantwortlichkeit des Konzernabschlussprüfers und bessere Einbindung von Teilbereichsprüfern in ein einheitliches Prüfungsteam
  3. Schärfung der Anforderungen an Planung, Kommunikation und Dokumentation inklusive Abgrenzung von Komponenten und Umgang mit zentralisierten Prozessen

Der Standard betont, dass die Konzernabschlussprüfung aus einem Guss erfolgt: Der Konzernabschlussprüfer bestimmt, gestützt auf ein vertieftes Verständnis von Gruppe, Umfeld, Geschäftsmodell, Informationssystemen und Konsolidierung, welche Arbeiten wo am wirksamsten sind. Komponenten werden nicht mehr allein über juristische Grenzen definiert; vielmehr kann eine Komponente auch eine Geschäftseinheit, ein Standort oder eine gemeinsame Prozesslandschaft (z.B. Shared Service Center) sein. Im Fachjargon wird auch von der Verschiebung des vertikalen Scopings (bisheriger Ansatz) zum horizontalen Scoping gesprochen (vgl. dazu die unten stehende Abbildung).

Konzeptionell rückt damit das Erreichen hinreichender und geeigneter Prüfungsnachweise für die Konzernabschlüsse ins Zentrum. Dies erfolgt unabhängig davon, ob Prüfungsnachweise zentral durch das Konzernprüfungsteam oder dezentral durch Teilbereichsprüfer gewonnen werden. Die Verantwortung für Leitung, Überwachung und Beurteilung der Qualität liegt konsistent beim Konzernabschlussprüfer.

Neue Anwendung 2024 – Kernerfahrung aus Sicht der Prüfpraxis

Der internationale Standard ISA 600 (Revised) war bereits gültig für Abschlüsse, die am oder nach dem 15.12.2023 begannen. Die Anwendung im Jahr 2024 brachte für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften weitreichende operative und methodische Veränderungen:

1. Erhöhter Koordinationsaufwand des Konzernabschlussprüfers:

    2. Dokumentationsintensität:

    3. Kommunikation und Governance:

    4. Qualität und Professional Skepticism:

    Neue Anwendung 2024 – Kernerfahrung aus Sicht der KMU

    Aus Unternehmenssicht traten ebenfalls spürbare Veränderungen im Zusammenhang mit ISA 600 (Revised) auf:

    1. Erhöhter Informationsbedarf:

    2. Harmonisierung von Berichtswegen:

    3. Kosten- und Zeitaufwand:

    4. Positiver Effekt auf Governance:

    Effekt der ISA-Erfahrungen 2024 auf die erstmalige Anwendung von ISA-CH 600 (Revised) im Jahr 2025 im Schweizer KMU-Markt

    Die Schweizer Wirtschaft ist von mittelgrossen, familiengeführten Unternehmensgruppen geprägt. Für diese stellt sich die Frage, wie ISA-CH 600 (Revised) im Zuge einer sukzessiven Ausweitung auf kleinere Märkte wirkt.

    1. Skalierbarkeit als Schlüssel:

    2. Herausforderung Kosten–Nutzen:

    3. Potenzial für Governance-Verbesserung:

    Substanzielle Auswirkungen für Prüfer und Geprüfte

    Die erstmalige Anwendung von ISA 600 (Revised) im Jahr 2024 hat sowohl für die Abschlussprüfer als auch für die geprüften Gesellschaften substanzielle Auswirkungen gezeigt. Während aufseiten der Prüfenden insbesondere der Koordinations- und Dokumentationsaufwand sowie die Verantwortungsklarheit im Vordergrund standen, erlebten Unternehmen eine Intensivierung der Informationsbereitstellung und Governance-Strukturen.

    Für den Schweizer KMU-Markt wird entscheidend sein, wie die Prinzipien des Standards skaliert und pragmatisch angewendet werden können. Die bisherigen Erfahrungen aus dem Jahr 2024 legen nahe, dass ein balancierter Ansatz möglich ist: erhöhte Prüfungsqualität und verbesserte Governance auf der einen Seite, Kosten- und Aufwandskontrolle auf der anderen. (OBT/mc/ps)

    Fazit

    Die Zukunft der Konzernabschlussprüfung wird durch ISA-CH 600 (Revised) langfristig geprägt sein. Erwartet werden eine weitere Digitalisierung der Kommunikation zwischen Konzernabschlussprüfer und Teilbereichsprüfer, eine stärkere Automatisierung der Risikoprofilierung und eine kontinuierliche Debatte über die richtige Balance zwischen Qualität und Effizienz. Für die Schweiz und insbesondere für den KMU-Markt gilt: Die erfolgreiche Implementierung hängt von praxisnahen Leitfäden, gezielten Schulungen und der Bereitschaft ab, aus den Erfahrungen grosser Konzerne zu lernen sowie diese pragmatisch und sinnvoll zu adaptieren.

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