Zürich – Mit der BX Swiss verfügt die Schweiz über eine zweite Börse neben der dominierenden SIX. Mit einem klaren Fokus auf Retail-Anleger bei günstigen Gebühren und künftig mit einer Digital-Börse will der deutlich kleinere Börsen-Handelsplatz in den kommenden Jahren schnell wachsen und Marktanteile gewinnen.
Wo die seit 2018 zur Börse-Stuttgart-Gruppe gehörende BX Swiss ihre Wachstumschance sieht, wird im Gespräch mit Börsenchef Lucas Bruggeman schnell klar: Die Börse fokussiere klar auf «Selbstentscheider», sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur AWP: «Darunter verstehen wir die modernen Privatanlegerinnen und -anleger, die sich selbstständig im Internet und über die sozialen Medien informieren.»
Dieser Anlegergruppe wolle die BX Swiss einen «preisgünstigen Zugang» zu Aktien, Obligationen und vor allem auch zu ETFs bieten. «Jeder selbstständig denkende Mensch soll die Möglichkeit haben, einen Teil seines Einkommens auf eine vernünftige Art und Weise und zu bezahlbaren Preisen anzulegen», wirbt Bruggeman. Die BX Swiss berechne bei Handelstransaktion weniger als einen Franken – und das ungeachtet der Grösse des Auftrags.
Marktanteil von 10 Prozent
Der Umsatztrend zeigt für die BX Swiss jedenfalls aufwärts. Seit seinem Amtsantritt vor gut fünf Jahren habe sich das Handelsvolumen verzehnfacht – ausgehend allerdings von einem relativ geringen Niveau. «Dieses Jahr streben wir 750’000 Trades an und 2027 wollen wir 1 Million erreichen», sagt Bruggeman.
Damit ist sie zwar noch weit weg von einem Umsatz der hierzulande dominierenden SIX mit über 50 Millionen Transaktionen im Jahr 2025. Direkt vergleichen könne man die BX Swiss mit der Blue-Chip-Börse SIX nicht, betont Bruggeman: «Wir bedienen auch nicht die institutionellen Händler, sondern die Retail-Anleger.» Das Ziel sei in der Schweiz aber ein Marktanteil von mindestens 10 Prozent, was aber «noch einige Jahre dauern» werde.
Hoffnungen auf Fintechs
Dabei ist die BX Swiss auf Banken und Handelsplattformen angewiesen, die auf ihre Infrastruktur zurückgreifen – Hoffnungen setzt die Börse dabei nicht zuletzt auf Fintechs. Bei der Online-Bank Swissquote etwa können die Anleger zwischen einer Abwicklung auf der SIX oder der BX Swiss auswählen, die Handelsplattform «Neon Invest» lässt ihre Anleger ausschliesslich über die BX Swiss handeln.
Bruggeman zeigt sich überzeugt, dass der Schweizer Kunde auch dank immer mehr Transparenz preissensitiver wird: Davon profitierten auch Finanzunternehmen, die Vermögensverwaltung oder Säule-3-Produkte mit günstigen ETF anböten. «Das ist ein komplett anderer Trend als noch vor einigen Jahren, als vielerorts primär bankeigene Fonds mit hohen Margen im Vordergrund standen.»
Kleine Rolle des Main Market
Zurückhaltend zeigt sich der Börsenchef allerdings bezüglich der exklusiv bei der BX Swiss gelisteten Titel von Schweizer Unternehmen, darunter eine Reihe von Immobilientiteln. Die 15 Titel des «Main Market» generierten «nur wenig Handelsvolumen», räumt Bruggeman ein.
Auch mit einem bedeutenden Zuwachs rechnet der BX-Chef offenbar nicht. Er sei zwar persönlich ein «grosser Fan von Schweizer KMU» – es gebe sehr viele starke Wachstums- und Familienunternehmen. Im Gegensatz zu anderen Ländern sei hierzulande das Bedürfnis nach einem Börsenlisting aber offenbar gering. «Wir bleiben offen für KMU-Listings, denken das Thema aber zunehmend auch über neue digitale Formen der Kapitalmarktzugänge», sagte Bruggeman mit Verweis auf die BX Digital.
Blockchain-Börse BX Digital sieht sich von Regulierung gebremst
Derweil verzögert sich der ursprünglich für 2025 vorgesehene Start der BX Digital als erstes Blockchain-Handelssystem in der Schweiz. BX-Digital-CEO Lidia Kurt sieht im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP die grössten Hürden nicht zuletzt bei der Zurückhaltung der Regulierungsbehörde Finma. Zwar habe die Schweiz mit der DLT-Gesetzgebung («Distributed Ledger Technology») früh eine gute Grundlage geschaffen, sagt Kurt. Die grösste Herausforderung liege weniger im gesetzlichen Rahmen, sondern in der konkreten Anwendung dieser Regeln auf eine neue regulierte Finanzmarktinfrastruktur. «So spüren wir in letzter Zeit eine sehr hohe Risikoaversion auf Seiten der Finanzmarktaufsicht Finma.»
Kein fixes Datum
Die BX Digital, die wie die BX Swiss zur Börse Stuttgart-Gruppe gehört, habe ihre Ziele erreicht, eine auf der Blockchain basierende, regulierte Finanzmarktinfrastruktur für digitale Vermögenswerte aufzubauen, sagt die Börsenchefin. Ein konkretes Startdatum will sie aber nicht nennen. Man arbeite nun klar auf den «Go-live» hin. «Ein fixes Datum nennen wir aber bewusst erst, wenn die letzten operativen und marktseitigen Voraussetzungen erfüllt sind.»
Gleichzeitig baue man die Präsenz in diesem Bereich als Börse Stuttgart-Gruppe gezielt aus: Mit Seturion habe die Gruppe ein Angebot für tokenisierte Vermögenswerte auch auf dem europäischen Markt, erinnert Kurt, die auch Seturion als CEO leitet.
Digital gut aufgestellt
Die Schweizer Finanzinstitute sieht Kurt derweil gut aufgestellt. So seien 54 der etwa 225 Schweizer Banken im Bereich digitaler Vermögenswerte tätig und böten den Kunden etwa elektronische «Wallets» für digitale Vermögenswerte wie Kryptowährungen an. «Das ist eine sehr hohe Zahl im Vergleich zum Rest von Europa.» Dass es wie bei der grossen Schweizer Börsenbetreiberin SIX zu einer Rückgabe der Lizenz für eine Digitalbörse kommt, glaubt die CEO nicht. Gerade im Bereich Clearing und Settlement ermögliche die BX Digital echte Effizienzsteigerungen. «Wir haben mit BX Digital etwas wirklich Innovatives aufgebaut, das echten, messbaren Mehrwert in den Markt bringt.» (awp/mc/pg)
