Ein Markt, den Europa einst kannte – und seither vergessen hat

Fagan Nagiyev, Gründer von Blacktower Street (Bild: Blacktower Street)

Es gibt eine Frage, die man sich stellen sollte, bevor man weiterliest: Wann haben Sie das letzte Mal an Samarkand gedacht? Lautet die Antwort «nie» oder «im Geschichtsunterricht», ist dies an sich schon symptomatisch. Denn über Jahrhunderte hinweg war Samarkand kein exotisches Toponym, sondern einer der zentralen Knotenpunkte des Welthandels – eine Stadt, durch die Seide, Gewürze, Ideen und Kapital von Ost nach West und wieder zurück flossen. Auf ihren Basaren kannte man die Preise der Waren lange bevor diese Venedig erreichten. Ihre Architekten bauten Monumente, als Zürich noch ein bescheidenes Dorf an der Limmat war.

Von Fagan Nagiyev, Gründer von Blacktower Street

Machen wir einen Sprung in das Baku der Jahrhundertwende. Um 1900 förderte diese Stadt etwa die Hälfte des weltweiten Erdöls. Nicht die Hälfte der russischen, sondern der globalen Produktion. Hier bauten die Gebrüder Nobel auf, was zu einem der grössten Erdölunternehmen der Geschichte werden sollte: Branobel kontrollierte Bohrloch-Anlagen, Pipelines und die weltweit ersten Öltanker auf dem Kaspischen Meer. Die Rothschilds brachten Kapital ein und finanzierten gemeinsam mit den Nobels eine Eisenbahnlinie nach Batumi – einen Exportkorridor zum Schwarzen Meer und weiter nach Europa. Marcus Samuel, der Gründer von Shell, gehörte zu den Partnern. Auf der Absheron-Halbinsel arbeiteten schwedische Ingenieure, deutsche Geologen und französische Finanziers Seite an Seite.

Hier lohnt es sich, ein historisches Detail in Erinnerung zu rufen, das selten in den Lehrbüchern steht. Das Vermögen der Familie Nobel, das massgeblich aus dem Baku-Öl stammte, bildete das finanzielle Fundament für die Stiftung des berühmtesten Preises der Welt. Dass in Alfred Nobels Testament schliesslich ein Friedenspreis auftauchte, ist vor allem der österreichischen Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner zu verdanken.

Während ich an diesem Text arbeitete, suchte ich mein Zürcher Lieblingshotel, das Baur au Lac, auf, um mich gedanklich ins Jahr 1892 zurückzuversetzen. Genau hier, in diesen eleganten Sälen, trafen sich Nobel und von Suttner zu einem schicksalhaften Gespräch. Man stelle sich die Szene vor: Der pragmatische Industrielle und die Idealistin diskutieren über die Zukunft. Historikern zufolge war es genau dieser ehrliche, persönliche Austausch in Zürich, der Nobel endgültig davon überzeugte, einen Teil seines Kapitals für einen Friedenspreis zu widmen. So fand der am Kaspischen Meer geförderte Reichtum seine historische Bestimmung. 1905 wurde von Suttner selbst als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Fäden, die in Baku ihren Anfang nahmen, spannen sich weit.

All dies ist keine historische Exotik und kein Anlass für Nostalgie. Es ist der unabdingbare Kontext, ohne den jedes heutige Gespräch über Investitionen in der Region jeglicher intellektueller Redlichkeit entbehrt.

Die historische Klammer

1920 marschierte die Rote Armee in Baku ein. Die Ölanlagen wurden verstaatlicht. Es folgten sieben Jahrzehnte hinter dem sowjetischen Vorhang – kein Niedergang im strengen Sinne, aber ein vollständiger Bruch mit den globalen Kapitalmärkten, den offenen Institutionen und den internationalen Investoren. Die Region ist nicht degeneriert, sie wurde isoliert. Dies ist eine fundamental andere Diagnose.

Die Sowjetunion zerfiel 1991. Seither sind mehr als dreissig Jahre vergangen, und es gilt zu verstehen, was diese drei Jahrzehnte in Wirklichkeit waren. Es war keine Zeit, in der die Region lediglich «aufholte» oder sich «unter westlicher Schirmherrschaft entwickelte». Es war die Zeit eines Staatsaufbaus von Grund auf: die Schaffung von Institutionen, die Demarkation von Grenzen, die Beilegung von Konflikten. All dies erforderte eine enorme innere Energie.

Wer die Region heute durch das Prisma «mangelnden Fortschritts» betrachtet, verkennt den Kern: Was in dreissig Jahren auf den Trümmern einer Planwirtschaft aufgebaut wurde, ist ein Fundament. Und dieses ist nun bereit, die nächste Traglast aufzunehmen.

Keine Staaten. Ein Ökosystem

Der grösste analytische Fehler des westlichen Kapitals besteht darin, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und Georgien als isolierte Fälle zu betrachten. Das käme dem Versuch gleich, Deutschland losgelöst von den Niederlanden und Belgien zu analysieren, ohne die Logik des Rhein-Alpen-Korridors zu verstehen.

In der Realität haben wir es mit einem zusammenhängenden Organismus zu tun. Wenn ein kasachischer Staatsfonds ein Logistikterminal in Georgien finanziert, wenn die aserbaidschanische Infrastruktur den Transit usbekischer Güter in Richtung Türkei und Europa sicherstellt, wenn regionale Banken grenzüberschreitende Zahlungsketten aufbauen – dann beginnen die Grenzen zwischen diesen Jurisdiktionen anders zu funktionieren. Sie bleiben politisch, aber sie hören auf, wirtschaftlich zu sein.

Der wichtigste Wandel in der Region vollzieht sich nicht in den Statistiken, sondern in der politischen Kultur: Pragmatismus verdrängt die Ideologie. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Transformation der armenisch-aserbaidschanischen Beziehungen. Trotz der noch frischen historischen Wunden und der offensichtlichen Schmerzhaftigkeit dieses Prozesses für die Gesellschaften, erkennt Armenien auf der Suche nach einem Ausweg aus der Isolation, dass dieser nur durch eine wirtschaftliche Partnerschaft mit Aserbaidschan und der Türkei möglich ist. Gleichzeitig verfolgen Aserbaidschan und die Türkei keinen reaktionären, sondern einen pragmatischen Kurs in der Erkenntnis, dass die Einbindung Armeniens in regionale Projekte zu einem der wichtigsten Stabilitätsfaktoren werden kann.

Eine ähnliche Logik greift in der gesamten Region. Usbekistan liberalisiert sich unter Mirsijojew schneller, als es die meisten Beobachter erwartet hätten. Kasachstan betreibt eine multivektorale Aussenwirtschaftspolitik. Aserbaidschan diversifiziert seine Wirtschaft systematisch jenseits der Kohlenwasserstoffrente.

Als Resultat ist der Mittlere Korridor (die Transkaspische internationale Transportroute) nicht länger bloss ein geopolitisches Schlagwort. Er ist eine funktionierende Arterie, die angesichts der sanktionsbedingten Neuordnung der eurasischen Logistik zur einzigen strukturell bereiten Alternative avanciert ist. Die Region hat sich als integrierte Plattform formiert. Was dieser Plattform nun fehlt, sind Technologien und Kapital der nächsten Stufe.

Der globale Kontext und der Schweizer Vorteil

Die globale Handelsarchitektur erlebt eine systemische Verschiebung und fragmentiert in protektionistische Blöcke. Und hier geniesst die Schweiz einen fundamentalen Vorteil gegenüber ihren Nachbarn auf dem Kontinent. Während Brüssel die wirtschaftliche Logik oft komplexen und zuweilen schwer vermittelbaren politischen Kompromissen innerhalb der EU unterordnen muss, bewahrt die Schweiz ihre strategische Autonomie. Unser historischer Pragmatismus und unser unabhängiger aussenpolitischer Kurs erlauben es der Schweizer Wirtschaft, dort aktiv zu werden, wo andere erst Komitees bilden, um die Lage zu erörtern.

Doch die Schweiz ist nicht nur einer der grössten Tresore der Welt. Sie ist eine kolossale Forschungsbasis, führend in Technologie und Innovation. Für Schweizer Unternehmen bietet der Kaspische Korridor eine einmalige Gelegenheit zur Skalierung. Zudem war die Schweiz historisch nicht nur ein Finanzzentrum, sondern stets auch eine globale Plattform für den aufrichtigen politischen und wirtschaftlichen Diskurs. Genau diese Fähigkeit – zuzuhören, den Kontext des Partners zu verstehen und ohne ideologische Scheuklappen direkte Vereinbarungen zu treffen – ist heute am Kaspischen Meer von entscheidender Bedeutung.

Die Region verfügt über eine wachsende Mittelschicht, enormes Transitpotenzial und eine reiche Rohstoffbasis. Gleichzeitig bedarf sie dringend der Modernisierung ihrer Infrastruktur, grüner Technologien, der Digitalisierung und eines effizienten Ressourcenmanagements – Bereiche, in denen die Schweiz weltweit führend ist. Die Bündelung der technologischen und finanziellen Ressourcen der Schweiz mit dem Potenzial dieser Region kann der hiesigen Wirtschaft einen enormen Schub verleihen und ihr den Zugang zu einem Markt eröffnen, der frei ist von den ideologischen Fesseln der atlantischen Ökonomie. Dies ist die strukturelle Antwort auf die Frage, wo neues Wachstum zu finden ist.

Das ehrliche Gespräch

Für Schweizer und europäische Investoren existiert jedoch eine oft unterschätzte Barriere: die kulturelle. Transaktionen werden hier nicht in einem Term Sheet besiegelt – sie werden in ehrlichen, offenen Gesprächen geschlossen, die stattfinden, lange bevor ein solches Dokument überhaupt auf dem Tisch liegt. Die Entscheidungsfindung basiert auf persönlichen Beziehungen und Vertrauen in einer Weise, auf die keine klassische Due-Diligence-Checkliste vorbereitet. Ein Partner, der beide Seiten dieser kulturellen Kluft versteht und die Schweizer Geschäftslogik in die Sprache der lokalen Realitäten übersetzen kann (und vice versa), ist keine Option. Er ist eine zwingende Voraussetzung für den Markteintritt.

Fazit: Eine Lektion aus der Vergangenheit

In den 1870er Jahren warteten die Rothschilds und Nobels nicht auf ideale Bedingungen. Sie drangen in eine Region vor, die die meisten ihrer Zeitgenossen für fern und unberechenbar hielten. Sie schufen Infrastrukturen, bauten Beziehungen auf, gingen Risiken ein – und erhielten eine Prämie, die diesen Risiken angemessen war.

Heute befindet sich der Kaspische Korridor an einem ähnlichen Wendepunkt. Mit einem wesentlichen Unterschied: Im Gegensatz zu den 1870er Jahren gibt es hier bereits souveräne Staaten, Institutionen, Universitäten, digitale Infrastruktur und eine Klasse von Technokraten, die in London, Wien und Zürich ausgebildet wurden. Die Eintrittsschwelle ist niedriger. Aber das Zeitfenster ist auch enger.

Wer in Samarkand und Baku heute nur Geografie sieht, riskiert, morgen festzustellen, dass er eine der wichtigsten wirtschaftlichen Verschiebungen des Jahrzehnts verpasst hat.

Diese Region muss nicht neu entdeckt werden. Man muss sich nur an sie erinnern.


Über den Autor und das Unternehmen

Fagan Nagiyev ist Makroökonomie- und Anlageberater und verfügt über eine einzigartige Optik bei der Beurteilung von Schwellenländern (Emerging Markets) und den Staaten des Kaspischen Korridors. Als gebürtiger Aserbaidschaner vereint Fagan ein tiefes Verständnis für den kulturellen und politischen Kontext Eurasiens mit der makellosen Präzision der Schweizer Finanzschule. Mit fast 20 Jahren internationaler Erfahrung in Finanzzentren wie Moskau, Wien und Zürich führte ihn sein Weg vom strukturierten Bankgeschäft bis zur Position des Executive Directors bei der Schweizer Bankengruppe Julius Bär.
Sein akademisches Fundament umfasst einen Global Executive MBA (University of Minnesota und WU Wien) sowie Executive-Programme an der Università Bocconi und der Indian School of Business (ISB).
Heute ist Fagan Nagiyev Gründer der Blacktower Street Investment Advisors (Switzerland) GmbH in Zürich.

Blacktower Street ist weit mehr als eine traditionelle Finanzboutique. Es ist ein internationaler, intellektueller Hub, der Brücken zwischen westlichem Kapital und neuen Wirtschaftszentren schlägt. Das Unternehmen vereint ein Team globaler Partner und stützt sich auf ein hochkarätiges Executive Advisory Board, dem Experten mit tadellosem Ruf im Markt angehören – darunter der anerkannte Schweizer Experte für Unternehmensreputation Bernhard Bauhofer, der ehemalige Senior Portfolio Manager bei Vontobel Asset Management und der Credit Suisse, Florian Boehringer, CFA, sowie weitere namhafte Persönlichkeiten.
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