Neue Allianz-Suisse-Chefin zielt auf profitables Wachstum ab

Laura Gersch, CEO Allianz Suisse. (Foto: Allianz)

Seit gut einem Jahr steht Laura Gersch an der Spitze der Allianz Suisse. Sie will mit der Tochter des deutschen Allianz-Konzerns profitabel wachsen und Marktanteile zurückgewinnen. Dabei könnte dem Allbranchenversicherer im Zuge der Helvetia-Baloise-Fusion Neugeschäft zufliessen. Im Nachgang zur Brandkatastrophe in Crans-Montana fordert Gersch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP ein rasches und unbürokratisches Vorgehen der Versicherungsbranche.

von Marc Kaufmann, AWP

AWP: Frau Gersch, vor einem Jahr haben Sie den Chefposten bei Allianz Suisse übernommen. Wie ist Ihr Einstieg verlaufen?

Laura Gersch: Hervorragend. Ich bin beruflich wie privat voll in der Schweiz angekommen und überall sehr offen empfangen worden. Mir hat sicherlich geholfen, dass ich in Freiburg im Breisgau geboren bin und dort auch gewohnt habe. Daher bin ich mit dem «Schweizerdeutsch» relativ schnell zurecht gekommen. Fachlich kenne ich die Allianz sehr gut, ich arbeite bereits seit 2014 für die Gruppe. In den ersten Monaten habe ich mir viel Zeit für Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen genommen, um ein Gefühl für die Menschen in der Allianz Suisse zu bekommen.

Sie wechselten von der Allianz Deutschland zur Allianz Suisse. Wie unterscheidet sich der deutsche vom Schweizer Versicherungsmarkt?

Die Schweiz ist ein deutlich kleinerer und stärker gesättigter Versicherungsmarkt mit wenigen Anbietern und hoher Konzentration, vor allem im Nichtleben-Bereich. Auffällig ist die hohe Relevanz des Automotive-Channels, über den in der Schweiz besonders viele Versicherungen abgeschlossen werden. Im Lebengeschäft stellt die steuerliche Behandlung einen wichtigen Unterschied dar und prägt das Kundenverhalten. Insgesamt ist der Schweizer Markt moderat wachsend, profitabel und bietet trotz seiner Reife attraktive Wachstumsmöglichkeiten.

Bietet sich auch für Allianz Suisse die Chance auf Wachstum?

Auf jeden Fall. Indem wir unsere Kundinnen und Kunden noch stärker in den Mittelpunkt stellen, digitale und technische Exzellenz ausbauen und unsere Marktposition schärfen, wollen wir profitabel wachsen und Marktanteile gewinnen. Die Kombination aus Kundenzentrierung, Innovation und breiter Produktpalette bietet uns eine sehr gute Ausgangslage für zusätzliches Wachstum. Und in der Schweiz wächst die Bevölkerung um rund 1 Prozent, das ist auch beim Kundenwachstum das Minimalziel.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir wachsen, indem wir unsere Stärke als Allbranchenversicherer nutzen und Lösungen aus einer Hand anbieten – vom Privat- bis zum Grosskunden. Besonders bei KMU sehen wir das Potenzial, etwa mit unseren All-Risk-Lösungen und Vorsorgelösungen. Dazu kommen neue Produkte wie die Tierversicherung, Chancen im Cyber-Bereich sowie starkes Wachstum in der Motorfahrzeugversicherung, vor allem bei Elektrofahrzeugen. Dort wachsen wir schneller als der Markt.

Wo liegen die grössten Wachstumsfelder?

Wachstum sehen wir vor allem beim Thema Cyber – eines der Top-Risiken, das zeigt auch das Risikobarometer der Allianz. Und für Privatkunden haben wir mit Calingo eine Haustierversicherung lanciert und erschliessen so ein komplett neues Kundensegment. Darüber hinaus bleibt das breite, klassische Versicherungsspektrum unser stärkster Wachstumstreiber.

Ein breites Angebot bietet die Allianz Suisse auch in der beruflichen Vorsorge. Bleibt das so?

Ja, wir bieten nach wie vor den Rundumschutz der Vollversicherung sowie teilautonome Lösungen an. Dabei sehen wir klar einen Trend hin zu teilautonomen Lösungen, die für Unternehmen mehr Anlagerisiken, aber eben auch zusätzliche Renditechancen eröffnen. Entscheidend ist für uns, dass die Firmen wählen können.

Gibt es Bereiche, in welchen Vorsicht geboten ist?

Wir haben den Anspruch, überall ein tragfähiges Profitabilitätsniveau zu erreichen. Wo das nicht möglich ist, müssen wir handeln – auch wenn das unangenehm sein kann. Im Krankentaggeldgeschäft war die gesamte Branche unprofitabel. Deshalb haben wir die Preise erhöht und bewusst in Kauf genommen, dass wir vereinzeltes Geschäft verlieren. Das ist nötig, um nachhaltig wirtschaften zu können.

Immer wichtiger werden digitale Prozesse. Wie digital ist Allianz Suisse aufgestellt?

Kunden können uns heute schon über viele Kanäle erreichen, digital wie persönlich. Bei einfachen Anliegen nutzen viele bereits digitale Kanäle und etwa in der Motor- oder Hausratversicherung nehmen Online-Abschlüsse deutlich zu. Wir bauen unsere digitale Lieferfähigkeit kontinuierlich aus. Das ist angesichts des Tempos technologischer Entwicklungen ein laufender Prozess.

Welche Rolle spielt da Künstliche Intelligenz?

KI entwickelt sich rasant und wir nutzen sie gezielt und mit klaren Leitplanken. Sie hilft uns, Routinearbeiten zu automatisieren und Mitarbeitende von davon zu befreien – etwa bei der Vorbereitung von Schadendossiers. Das macht uns schneller, effizienter und einfacher für die Kunden. Am Ende entscheidet aber immer der Mensch und ihn wird es auch weiterhin brauchen.

Der Schweizer Versicherungsmarkt ist mit dem Zusammenschluss von Helvetia und Baloise noch übersichtlicher geworden. Welchen Einfluss hat die Grossfusion auf das Geschäft von Allianz Suisse?

Für uns ändert sich durch die Fusion an den Marktanteilen nichts. Wir konzentrieren uns weiterhin auf unsere Wachstumschancen, unterstützt durch die Finanzkraft der Allianz-Gruppe im Rücken. Entscheidend ist, dass wir in unseren eigenen Segmenten weiter vorankommen.

Erwarten Sie Wechselbewegungen, sei es bei Kunden oder Mitarbeitenden?

Langfristig kann eine solche Fusion die Marktdynamik durchaus verändern. Es ist aber noch zu früh, um konkrete Tendenzen zu erkennen, schliesslich ist die Fusion noch in Umsetzung. Erste Chancen sehen wir im Broker-Geschäft: Weil Broker ihren Kunden eine Mindestzahl an Offerten vorlegen müssen, könnten wir künftig häufiger in die engere Auswahl kommen.

Noch zu früh ist es, um über konkrete Ergebnisse für das Jahr 2025 zu sprechen. Was können Sie bereits über die Entwicklungen auf der Schadenseite sagen?

Auffallend waren die tieferen Schadensfrequenzen in der Motorfahrzeugversicherung. Grund dafür war der sehr milde Winter. Zugleich steigen aber die durchschnittlichen Schadenskosten weiter an, weil moderne Fahrzeuge mit mehr Technologie ausgestattet sind und Reparaturen teurer werden. Das führt dazu, dass wir, wie der gesamte Markt, die Preise in der Motorversicherung entsprechend anpassten.

Und was geschah an der Wetterfront?

Das letzte Jahr war mit Ausnahme des Bergsturzes in Blatten nur von wenigen Naturkatastrophen geprägt. Es gab beispielsweise kaum Hagel, kaum Unwetter. Der Fall Blatten hat aber gezeigt, wie wertvoll der Elementarschadenpool ist, mit dem die Versicherer für ein solches Ereignis entsprechend ihres Marktanteils einstehen.

Mit dem fortschreitenden Klimawandel dürften die Naturgefahren zunehmen. Wie geht Allianz Suisse mit dieser Situation um?

Wir analysieren klimabedingte Risiken konzernweit wissenschaftlich und setzen stark auf Prävention. Wir gehen davon aus, dass Starkregen oder Hagel in Zukunft häufiger auftreten werden. Mit Partnern wie dem Wetterdienst Ubimet warnen wir Kunden gezielt per SMS vor Hagel mit dem Ziel, Schäden zu verhindern oder zumindest zu reduzieren.

Gleich zu Jahresbeginn hat die Brandkatastrophe in Crans-Montana die Schweiz erschüttert. Wie kann die Versicherungsbranche die Opfer und ihre Familien unterstützen?

Zunächst einmal: Was in Crans-Montana geschehen ist, ist eine menschliche Tragödie. Das Leid, das die betroffenen Familien erfahren, ist unvorstellbar. Noch sind viele Sachverhalte nicht geklärt. Aus Versicherungssicht werden mehrere Bereiche gefordert sein, die Gebäude- und Haftpflichtversicherungen ebenso wie Unfall- oder gerade bei sehr jungen Opfern, die Krankenversicherung. Jede dieser Sparten wird ihren Beitrag leisten müssen.

Die Axa Schweiz ist nach eigenen Angaben die Grundhaftpflichtversicherung der Gemeinde und die Betriebshaftpflichtversicherung der Bar. Die Schadensumme dürfte die Versicherungsdeckung aber übertreffen. Was geschieht dann?

Es ist leider absehbar, dass die Haftpflichtdeckungen nicht ausreichen werden, um sämtliche Schäden vollständig abzudecken. Wichtig ist jetzt, dass alle beteiligten Versicherer, insbesondere im Bereich der Unfall- und Sozialversicherungen, schnell und koordiniert unterstützen. Für die wenigen Fälle, die bei uns liegen, stellen wir sicher, dass die Betroffenen unkompliziert, unbürokratisch und zügig Hilfe erhalten. In einer solchen Situation steht für uns der Mensch im Mittelpunkt, und es ist selbstverständlich, dass wir unseren Beitrag leisten.

Ist ein runder Tisch der Versicherer sinnvoll?

In dieser Frage orientieren wir uns eng am SVV, mit dem wir seit Beginn der Ereignisse im Austausch stehen. Ein runder Tisch kann aus unserer Sicht sinnvoll sein, weil er eine koordinierte und transparente Zusammenarbeit erleichtert, insbesondere bei der Klärung komplexer Haftungs- und Deckungsfragen. Bevor ein solcher Austausch jedoch starten kann, ist es wichtig, dass die noch offenen Fakten vollständig geklärt werden.

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