von Patrick Gunti
Klimaanpassung war lange vor allem ein Thema für Behörden, Nachhaltigkeitsabteilungen und Fachplaner. Doch mit steigenden Schäden, höheren Temperaturen und wachsenden Risiken für Gebäude und Infrastruktur wird sie zunehmend zur Investitionsfrage. Das Zürcher Unternehmen Resilens will genau dafür eine neue Entscheidungsgrundlage schaffen: Welche Massnahme lohnt sich an welchem Standort – und welchen wirtschaftlichen Nutzen bringt sie? CEO und Mitgründer Oliver Marchand spricht im Interview darüber, warum Hitze als Kostenfaktor unterschätzt wird, wie sich Anpassungsleistungen messbar machen lassen und weshalb sie künftig Immobilienwerte, Finanzierungskonditionen und Versicherungsprämien mitbestimmen könnten.
Moneycab.com: Herr Marchand, mit Resilens wollen Sie Klimarisiken in konkrete Investitionsentscheide übersetzen. Was heisst das in der Praxis?
Oliver Marchand: Anpassungsmassnahmen werden heute fast ausschliesslich über ihre Kosten identifiziert. Spätestens nach diesem Sommer sollte jede Stadt und jedes Unternehmen wissen, dass sie Hitzeschutz brauchen, aber im Budgetprozess erscheint Klimaanpassung immer noch lästiger Kostenpunkt. Was fehlt, sind die Simulationen und die Daten für die andere Seite der Rechnung, nämlich den Nutzen der Klimaanpassungsmassnahmen. Und dieser Nutzen ist erheblich: höhere Effizienz des Personals, geringere Ausfallzeiten von Infrastruktur, bessere Lernleistung bei Schülerinnen und Schülern. Der Nutzen ist real, nur bisher schwer darstellbar. Genau das haben wir uns zur Aufgabe gemacht. Sobald Nutzen quantifiziert neben den Kosten steht, lässt er sich gegen sie abwägen, und das Anpassungsprojekt kann als Investition gesehen werden.
Sie sagen, das grösste Hindernis bei der Klimaanpassung seien heute nicht fehlende Klimadaten oder fehlendes Kapital, sondern fehlende Entscheidungsgrundlagen. Wo genau liegt das Problem?
Die einfachste Antwort wäre, dass Daten fehlen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, Klimaprojektionen und Gefahrenkarten sind reichlich vorhanden. Auch am Bewusstsein liegt es nicht mehr. Rund 800.000 Unternehmen in Deutschland spüren nach der Auswertung des KfW-Klimabarometers bereits negative Folgen des Klimawandels, bei den grossen mit über 500 Millionen Euro Umsatz sind drei von vier betroffen. Was stockt, ist die Übersetzung dieser Daten in vergleichbare Investitionsentscheidungen. Wir wissen, was kommt, aber nicht, welche Massnahme sich an welchem Standort rechnet und welche das Problem langfristig sogar verschärft. Dabei ist die Wirksamkeit gut belegt. Eine vom Schweizer Bundesamt für Umwelt beauftragte Analyse von 81 Anpassungsprojekten zeigt ein durchschnittliches Nutzen-Kosten-Verhältnis von 4,7, kein einziges Projekt war unwirtschaftlich. Was den meisten Organisationen fehlt, ist die Entscheidungslogik, um diese Wirksamkeit am eigenen Standort sichtbar zu machen.
«Hitze ist das am meisten unterschätzte Risiko, und zwar deutlich. Viele Analysen zeigen, dass Hitze aus ökonomischer Perspektive das relevanteste Extremwetterthema ist.»
Oliver Marchand, CEO Resilens
Resilens startet mit extremer Hitze als Klimarisiko, Hochwasser soll als nächstes folgen. Welche Risiken werden in der Schweiz derzeit wirtschaftlich am meisten unterschätzt?
Hitze, und zwar deutlich. Viele Analysen zeigen, dass Hitze aus ökonomischer Perspektive das relevanteste Extremwetterthema ist. Das liegt an ihrer geografischen Ausbreitung und ihrer Dauer: eine Hitzewelle betrifft meist das ganze Land und läuft über Wochen. Bergstürze oder Überschwemmungen produzieren Bilder, die brutaler aussehen, sind aber oft sehr lokal, und ihre ökonomische Tragweite bleibt schlussendlich hinter der von Hitze zurück. Die Wahrnehmung folgt hier den Bildern und nicht den Zahlen. Dazu kommt, dass Hitzeschäden diffus anfallen. Es gibt keinen Schadenfall, den eine Versicherung reguliert, sondern zum Beispiel verlorene Unterrichtsstunden, sinkende Produktivität, Gesundheitsbelastung bei vulnerablen Menschen und Personal, das unter Bedingungen arbeitet, die seine Leistung messbar reduzieren. Diese Kosten stehen in keiner Schadensstatistik, deshalb erscheinen sie auch in keiner Investitionsrechnung.
Welche Folgen hat das für Immobilien? Werden Klimarisiken wie Überhitzung oder Hochwassergefahr künftig stärker in Immobilienbewertungen, Finanzierungen und Investitionsentscheide einfliessen?
Besitzer und Mieter von Immobilien stellen sich diese Fragen schon heute. Wie sieht es mit dem Hitzeschutz des Gebäudes aus, wie mit der Lüftung, der Nachtauskühlung, der Abschattung, der Isolation, und in welcher Umgebung steht das Objekt? Wenn ein Unternehmen Flächen mietet oder kauft, rechnet es diese Antworten in ökonomische Werte um, weil Arbeitsproduktivität und Ausfallzeiten direkt daran hängen. Das wirkt gleichzeitig auf Renovationspläne, auf Immobilienwerte und auf Standortwahl. Ich halte das für recht umfassend, und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.
Was passiert konkret, wenn beispielsweise eine Stadt, ein Spitalbetreiber, ein Infrastrukturbetreiber oder ein Immobilienunternehmen mit einem Portfolio von Gebäuden zu Ihnen kommt?
Sie laden Ihr Gebäudeportfolio in unser System, bei öffentlichen Gebäuden ziehen wir die Standorte aus unserer Geodatenbank. Als Erstes bekommen Sie einen Risikoscore pro Standort. Je genauer Sie die Daten für das jeweilige Gebäude ergänzen, desto präziser wird dieser Score. Dann simulieren Sie Massnahmen aus unserem Massnahmenkatalog an Ihren konkreten Standorten. Sie geben dabei das Budget vor und lassen dafür zum Beispiel ein Gründach oder eine Nachtlüftung durchrechnen. Sie bekommen einen sehr umfassenden Bericht, den man sich ein bisschen wie eine Produktbewertungstabelle vorstellen kann, mit dem Vergleich der Massnahmen und ihrer Wirkung. Das kann dann als Diskussionsgrundlage dienen: welche Lösungen man diskutieren möchte, welche Gelder man beantragen will und für welche Lösung man genaue Ingenieurspläne in Auftrag gibt, um die Umsetzung zu planen.
Gemeinsam mit CLIMADA Technologies haben Sie die Hitzebelastung von 39 Zürcher Spitalstandorten untersucht und sieben Anpassungsmassnahmen verglichen. Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Wenn man Spitäler analysiert, ist klar, dass der Fokus zunächst auf den Patientinnen und Patienten liegen muss, sie sind durch Krankheit und medizinische Massnahmen geschwächt, und das Ziel der Einrichtung ist die Genesung der Patienten. Wir haben in unserem Modell aber alle Nutzniesser oder Begünstigten der Anpassungsmassnahmen analysiert, und dabei zeigte sich, dass die Anzahl der Patientinnen und Patienten, die tatsächlich während einer Hitzewelle im Haus sind, im Verhältnis zur Gesamtzahl relativ klein ist zur Gesamtzahl der Begünstigten. Bei den Angestellten, die alle mithelfen, den Betrieb aufrechtzuerhalten, ist das ganz anders, dort sind praktisch alle betroffen. Von Angestellten, die vor Hitze geschützt werden, profitieren am Ende wieder die Patientinnen und Patienten. Über alle 39 Standorte kommen wir bei umfassendem Hitzeschutz auf rund 51.000 Begünstigte pro Jahr. Das heisst die Analyse hat uns gezeigt, dass man die Angestellten von Einrichtungen auf keinen Fall vergessen darf. Möglich war diese Studie durch die Zusammenarbeit mit CLIMADA Technologies, einem Spin-off der ETH Zürich, dessen Multi-Hazard-Klimarisikomodell in über fünfzehn Jahren Forschung entstanden ist.
Das Herzstück Ihrer Plattform ist der «AdaptationReturn». Sie wollen damit schon vor einer Investition berechnen, welche Klimaanpassungsmassnahme den grössten wirtschaftlichen Nutzen bringt. Wie funktioniert diese Berechnung konkret?
Der Kernpunkt ist, dass wir die Gefahr in eine physische Wirkungsgrösse übertragen. Zum Beispiel im Fall der Hitze übertragen wir die Hitze in sogenannte funktionale Ausfalltage. Jeder Einrichtungstyp hat aus unserer Sicht eine Hauptfunktion, bei der Schule ist das Lernen, beim Altersheim ein gutes Leben und die Langlebigkeit der Bewohnenden, beim Spital das Gesundwerden, in einer Fabrik die Produktion. Diese Funktion kann durch Hitze eingeschränkt werden bis zur vollen Einschränkung, und das nennen wir einen funktionalen Ausfalltag. Wir messen diese Tage in einer Simulation und teilen dem Betreiber der Standorte genau mit, was unsere Simulation sagt. Im zweiten Schritt bewerten wir, wie stark eine konkrete Massnahme diese Ausfalltage reduziert, und rechnen den Nutzen über fünf Jahre in drei Dividenden: vermiedene Schäden, direkte ökonomische Erträge wie Energieeinsparungen und verlängerte Lebensdauer, sowie soziale und ökologische Zusatznutzen. Davon ziehen wir die Kosten der Massnahme ab. Fehlanpassungsrisiken weisen wir separat aus. Das Ergebnis ist eine Kennzahl pro Massnahme und pro Standort, vergleichbar über das ganze Portfolio.
Sie verdichten dabei Klimarisiken, Investitionskosten, vermiedene Schäden sowie soziale und ökologische Effekte zu einer Kennzahl. Wie genau kann diese angesichts der Unsicherheiten hinsichtlich der Entwicklung des Klimas sein?
Es gibt viele Unsicherheiten, das ist unbestritten. Nur geht es in vielen Fällen gar nicht darum, die exakte Zahl zu messen, sondern die grossen relativen Unterschiede herauszufinden. Wenn eine Massnahme zehnmal mehr funktionale Ausfalltage verhindert als eine andere, bleibt diese Rangfolge auch dann stabil, wenn beide Werte in der absoluten Höhe unsicher sind. Wir verkaufen keine Best-Case-Szenarien, sondern eine konservative und prüfbare Entscheidungsgrundlage. Wir arbeiten transparent, denn eine Massnahme bringt nie nur einen einzigen Nutzen. Nehmen Sie ein begrüntes Dach, es kühlt das Gebäude, speichert Regenwasser, schafft Lebensraum und verlängert die Lebensdauer der Dachkonstruktion. Jeden dieser Nutzen weisen wir einzeln aus, mit klaren Annahmen dahinter, und Anwender entscheiden, welche in ihre Rechnung einfliessen. Keine Blackbox, keine Sammelposten. Und wir rechnen konservativ, für viele Nutzenkomponenten setzen wir bewusst einen Mindestpreis an, der wissenschaftlich kaum bestreitbar ist. Anwender können ihn erhöhen, wenn ihr Kontext es rechtfertigt.
«Wir verkaufen keine Best-Case-Szenarien, sondern eine konservative und prüfbare Entscheidungsgrundlage.»
Wie schwierig ist es, soziale Effekte wirtschaftlich zu bewerten?
Alle diese Simulationen sind in einen Kontext eingebettet, dessen Verschiebungen man nicht zu hundert Prozent kennt. Politische Krisen, Pandemien, Netzwerkeffekte zwischen verschiedenen Massnahmen und Regulierungen, das lässt sich in seiner vollen Komplexität nicht abbilden. Das heisst aber nicht, dass man verschiedene Massnahmen an einem konkreten Standort nicht sehr gut miteinander vergleichen kann. Beim Sozialen arbeiten wir vor allem über die Fehlanpassung, und die analysieren wir in unserem Massnahmenkatalog sehr genau. Fehlanpassung heisst, dass eine Massnahme auf der einen Seite etwas Gutes bewirkt und auf der anderen etwas Unerwünschtes. Das klassischste Beispiel ist die Klimaanlage, richtig gut für die Innentemperatur, schlecht in Bezug auf Kosten, Stromverbrauch, Elektroschrott und Treibhausgase. In unserem Fehlanpassungsrisikomodell sind soziale Aspekte integriert, etwa wenn Bewohnende ausziehen müssen, weil eine Sanierung das Gebäude verteuert.
Wird Klimaanpassung ähnlich selbstverständlich zu einer Immobilieninvestition werden wie heute Energieeffizienz oder eine energetische Sanierung – also ein normaler Bestandteil der Investitionsrechnung?
Das ist eines unserer Ziele. So wie der CO₂-Fussabdruck zum Standard für den Klimaschutz wurde, soll AdaptationReturn zum Standard für die Klimaanpassung werden. Energieeffizienz wurde nicht deshalb Teil jeder Investitionsrechnung, weil alle überzeugt waren, sondern weil es eine anerkannte Grösse gab, mit der sich rechnen, fördern und finanzieren liess. Bei der Anpassung fehlt dieses gemeinsame Mass bisher, deshalb landet sie im Nachhaltigkeitsbericht statt in der Investitionsrechnung. Bei Immobilien kommt der Bewertungshorizont hinzu, eine Hypothek läuft über Jahrzehnte, in denen sich das Hitzeprofil eines Standorts verändert. Sobald sich Anpassungsleistung belastbar ausweisen lässt, wird sie in Kaufpreisen, Konditionen und Sanierungsplänen auftauchen wie jede andere wertrelevante Gebäudeeigenschaft.
«So wie der CO₂-Fussabdruck zum Standard für den Klimaschutz wurde, soll AdaptationReturn zum Standard für die Klimaanpassung werden.»
Auch Versicherer und Banken haben ein Interesse daran, dass Gebäude und Infrastruktur widerstandsfähiger werden. Sehen Sie künftig neue Modelle, bei denen Eigentümer beispielsweise günstigere Versicherungsprämien oder Finanzierungskonditionen erhalten, wenn sie nachweislich in Klimaanpassung investieren?
Auf jeden Fall. Diese Diskussion höre ich sowohl auf der Hypothekenseite bei Banken als auch bei Versicherungen immer wieder. Eigentümer, die nachweislich investiert haben, werden dafür bessere Konditionen erwarten, und dieser Nachweis braucht eine prüfbare Grundlage. Ich höre allerdings auch die Kehrseite der Medaille. Versicherungen und Banken, die selbst in Anpassungsmassnahmen investieren, wollen dafür wiederum bessere Konditionen bekommen. Was ja nicht passieren kann, ist, dass die öffentliche Hand den gesamten Gebäudesektor vom Risiko her verbessert und Versicherungen dadurch nicht günstiger werden. Man könnte sich sogar vorstellen, dass Versicherungen verpflichtet werden, einen Teil ihrer eingenommenen Prämien in Anpassungsmassnahmen zu stecken. Beides läuft auf dasselbe hinaus, Anpassungsleistung muss messbar und zurechenbar werden.
