Künstliche Intelligenz boomt – doch ihr Wachstum stösst zunehmend an physische Grenzen. Rechenzentren werden zur kritischen Infrastruktur der KI-Ära: energiehungrig, knapp und mit wachsender Preissetzungsmacht. Für Betreiber und Investoren entsteht ein struktureller Wachstumsmarkt mit globaler Dimension.
Andrew Ye, Investment Strategist, Global X ETFs
Rechenzentren haben sich in wenigen Jahren grundlegend verändert. Waren sie früher vor allem für Datenspeicherung und klassische Softwareanwendungen ausgelegt, werden sie heute als hochspezialisierte KI-Superfabriken konzipiert. Plattformen wie ChatGPT verzeichneten ein explosionsartiges Wachstum und erreichten innerhalb kürzester Zeit rund 800 Millionen wöchentliche Nutzer – vergleichbar mit den grössten Internetplattformen.
Täglich kommen neue KI-Anwendungen auf den Markt, gleichzeitig steigt die Anzahl der Anfragen rasant. Ob im Kundenservice, in der medizinischen Diagnostik, in der Logistik oder bei der Betrugserkennung: KI-Anwendungen breiten sich rasant aus. Rund um die Uhr verarbeiten die Rechenzentren komplexe KI-Workloads und stellen neue Anforderungen an Architektur, Standortwahl, Kühlung und insbesondere an die Energieversorgung.
Das weitere Wachstum von KI-Anwendungen hängt primär von der Verfügbarkeit leistungsfähiger, KI-optimierter Recheninfrastrukturen ab, die jedoch begrenzt ist. Tatsache ist: Um den steigenden Rechenbedarf gerecht zu werden und zugleich den Fortschritt bei Zukunftstechnologien wie physischer KI oder Quantencomputing zu ermöglichen, muss die weltweite Rechenzentrumskapazität deutlich ausgebaut werden.
Nachfrage überholt das Angebot
Die Branche reagiert mit massiven Investitionen. 2024 flossen weltweit rund 455 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren, ein Anstieg von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch bleibt die Kapazität knapp, insbesondere bei KI-optimierten Servern mit ausreichender Stromanbindung. KI-Anwendungen verbrauchen viel Strom und müssen Daten extrem schnell verarbeiten. Deshalb kommen nur bestimmte Standorte für den Betrieb solcher Rechenzentren infrage.
Aus Sicht der Endnachfrage stellt sich zudem die Frage, ob das Potenzial überhaupt schon ausgeschöpft ist. Nur rund 34 % der erwachsenen US-Bevölkerung geben an, ChatGPT zu nutzen. Gleichzeitig dürfte KI künftig zunehmend «unsichtbar» werden – integriert in soziale Netzwerke, digitale Karten, Produktivitätssoftware oder Smartphones, ohne dass Nutzer explizit eine separate Anwendung öffnen müssen. KI mit autonomen Agenten scheitert aktuell weniger an der Technologie als an fehlender Rechenkapazität.
In den wichtigsten US-Rechenzentrumsregionen sind die Leerstandsquoten auf historische Tiefststände gefallen. Trotz rekordhoher Bautätigkeit wird neue Kapazität rasch absorbiert. Da Entwicklungs- und Bauzeiten typischerweise zwölf bis 18 Monate betragen, rechnen Marktbeobachter auch in den kommenden Jahren mit einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.
Preissetzungsmacht und defensive Ertragsprofile
Diese Knappheit stärkt die Verhandlungsposition etablierter Betreiber. Mangels Alternativen in der erforderlichen Grössenordnung sind Kunden weniger wechselbereit. Die Auslastung bleibt hoch, die Abwanderung gering. Mietpreise haben bereits historische Höchststände erreicht, und langfristige Verträge sorgen für gut planbare Einnahmen.
Typisch sind Mietverträge mit Laufzeiten von zehn bis 15 Jahren, häufig abgeschlossen mit Hyperscalern oder grossen Unternehmenskunden. Je stärker diese in spezifische Standort-Ökosysteme eingebunden sind, desto höher werden die Wechselkosten. Das verleiht dem Geschäftsmodell von Rechenzentren einen vergleichsweise defensiven Charakter – trotz des technologischen Umfelds.
Wettlauf um neue Kapazitäten
Grosse Betreiber treiben den Ausbau mit hoher Priorität voran. Unternehmen wie Equinix oder Digital Realty investieren weltweit in neue Standorte, um der steigenden Nachfrage nach KI-Kapazitäten gerecht zu werden. Neben klassischen US-Hubs gewinnen internationale Märkte an Bedeutung, da Kunden zunehmend globale Infrastrukturstrategien verfolgen.
Obwohl die USA weiterhin eine führende Rolle in der KI-Entwicklung spielen, globalisiert sich der Markt für Rechenzentren rasch. China beschleunigt den KI-Einsatz mit Open-Source-Modellen, während Europa den Infrastrukturausbau durch staatliche Programme und Digitalisierungsstrategien vorantreibt. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts könnte sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren mehr als verdoppeln – ein grosser Teil dieser Kapazitäten existiert heute noch nicht.
Rechenzentren sind längst mehr als passive Infrastruktur. Sie entwickeln sich zum zentralen Engpass, und gleichzeitig zum Schlüsselprofiteur, der KI-Revolution. Betreiber, die neue Kapazitäten rasch bereitstellen und effizient betreiben und langfristig vermieten können, positionieren sich in einem strukturellen Wachstumsmarkt mit globaler Reichweite und wachsender strategischer Bedeutung. (pd/mc)
