Im November 2026 stehen in den USA Zwischenwahlen an. Die Ausgangslage ist sowohl politisch als auch aus Sicht der Finanzmärkte interessant. Während die Aktienmärkte neue Höchststände erreichen, verharren die Zustimmungswerte von Präsident Trump auf einem vergleichsweise tiefen Niveau. Aktuelle Umfragen sprechen daher eher für eine Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse im Kongress.
von Bekim Laski, Chief Investment Officer und Partner smzh
Für Anleger stellt sich die Frage, ob eine Machtverlagerung die Finanzmärkte belasten oder angesichts der erratischen Politik der Trump-Regierung sogar eher entlasten könnte. Historisch betrachtet wäre ein solcher Ausgang jedenfalls keine Ausnahme. Im Gegenteil: US-Zwischenwahlen mündeten in der Vergangenheit häufig in einer geteilten Regierung.
Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf die grundsätzliche Frage, wie wichtig Zwischenwahlen für die Finanzmärkte überhaupt sind. Langfristig werden die Renditen von Aktien nicht durch Wahlzyklen bestimmt, sondern durch Wirtschaftswachstum, Inflation, Geldpolitik und insbesondere Unternehmensgewinne.
Der Midterm-Effekt: Ein historisches Muster, aber kein Naturgesetz
Dennoch verfolgen Investoren die Midterms seit Jahrzehnten aufmerksam. Ein Grund dafür ist der sogenannte Midterm-Effekt, der ein historisch beobachtbares Muster im Verlauf des vierjährigen Präsidentschaftszyklus beschreibt. So tendierten die Aktienmärkte in Zwischenwahljahren insbesondere während der späten Sommermonate zu einer erhöhten Volatilität und einer schwächeren Entwicklung, bevor es nach den Wahlen oft zu einer Erholung kam. Die zwölf Monate nach den Zwischenwahlen zählten historisch betrachtet oft zu den stärkeren Phasen des Präsidentschaftszyklus.
Eine mögliche Erklärung liegt im Verlauf der wirtschaftspolitischen Unsicherheit, die innerhalb eines Präsidentschaftszyklus einem vergleichsweise stabilen Muster folgt. Sie ist im ersten Jahr einer Präsidentschaft erhöht, steigt im Vorfeld der Zwischenwahlen weiter an und nimmt nach der Wahl typischerweise wieder ab. Im dritten Jahr einer Präsidentschaft erreicht sie häufig ihren Tiefpunkt, bevor sie im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahl erneut zunimmt.
Einige Beobachter betrachten den Midterm-Effekt daher weniger als ein politisches Phänomen, denn als Ausdruck eines politischen Unsicherheitszyklus. Mit zunehmender Visibilität hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen nimmt die Ungewissheit der Investoren häufig ab, wodurch sich die Aufmerksamkeit der Märkte wieder stärker auf fundamentale Faktoren richtet.
Dennoch lässt sich daraus nicht schliessen, dass sich dieses Muster in jedem Zyklus in gleicher Weise wiederholt oder als verlässlicher Prognosemechanismus dienen kann. Der Midterm-Effekt sollte eher als historisches Muster, denn als Marktgesetz verstanden werden.
Dass die Unsicherheit nach Zwischenwahlen typischerweise sinkt, hängt auch damit zusammen, dass sich die Mehrheitsverhältnisse im Kongress dann oft ändern, ein gut dokumentiertes Muster.
Machtverschiebungen sind eher die Regel als die Ausnahme
Seit 1982 war die politische Konstellation nach den Zwischenwahlen mit Ausnahme des Jahres 2002 von einer geteilten Regierung geprägt. Dies spiegelt die historische Tendenz wider, dass die Partei des amtierenden Präsidenten bei Zwischenwahlen häufig einen Teil ihrer politischen Unterstützung im Kongress einbüsst.
Die Zwischenwahlen des Jahres 2026 könnten sich ebenfalls in dieses Muster einfügen. Gegenwärtig kontrollieren die Republikaner die Präsidentschaft sowie beide Kammern des Kongresses. Dies ist erst das fünfte Mal seit 1930, dass eine solche Konstellation vorliegt. In allen vier vergleichbaren Fällen verlor die Regierungspartei anschliessend die Kontrolle über mindestens eine Kammer des Kongresses.
Gegenwärtig erscheinen drei Szenarien besonders wahrscheinlich:
- Die Republikaner behalten die Kontrolle über den Kongress.
- Die Republikaner behalten den Senat, verlieren jedoch die Mehrheit im Repräsentantenhaus.
- Die Demokraten übernehmen die Kontrolle über beide Kammern des Kongresses.
Aktuelle Umfragen und politische Prognosen sprechen vor allem für das zweite Szenario. Auch die Zustimmungswerte von Präsident Trump liegen in dem Bereich, der historisch häufig mit Sitzverlusten der Regierungspartei verbunden war.
Warum Machtverschiebungen die Finanzmärkte nicht zwangsläufig belasten müssen
Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, würde nach den Zwischenwahlen erneut eine geteilte Regierung entstehen. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Bedeutung die politischen Kräfteverhältnisse für die Entwicklung der Finanzmärkte tatsächlich haben. Gerade hier lohnt sich ein Blick auf die historische Erfahrung.
Historisch betrachtet entwickelten sich die Aktienmärkte nach Zwischenwahlen häufig positiv, auch wenn sich die politischen Mehrheitsverhältnisse regelmässig veränderten. Dies verdeutlicht, dass wirtschaftliche Zyklen nicht zwangsläufig mit politischen Wahlzyklen einhergehen.
Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass mit dem Ende der Wahlen die politische Unsicherheit abnimmt und dadurch die Visibilität hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zunimmt. Gleichzeitig könnte die Aufteilung der politischen Mehrheiten den Spielraum für weitreichende politische und regulatorische Veränderungen einschränken und damit die Bandbreite möglicher Entwicklungen verringern. Dies könnte erklären, weshalb der Midterm-Effekt historisch auch dann bestehen blieb, wenn sich die Kräfteverhältnisse in Washington verschoben.
Es gilt allerdings zu berücksichtigen, dass sich die politische Handlungsfähigkeit nicht allein aus den Mehrheitsverhältnissen im Kongress ableitet. Selbst im Fall einer geteilten Regierung bliebe Donald Trump Präsident. Gerade in Bereichen wie der Handels-, Zoll- und Aussenpolitik verfügt die Exekutive weiterhin über erheblichen Handlungsspielraum.
Was bedeutet dies für Anleger?
Für Anleger ergibt sich daraus eine differenzierte Einordnung. Kurzfristig spricht die historische Erfahrung für erhöhte Unsicherheit in den kommenden Monaten. Gleichzeitig deutet das historische Muster darauf hin, dass eine Schwächephase eher vorübergehender Natur ist. Mit dem Rückgang der politischen Unsicherheit nach den Wahlen könnten sich die Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte wieder verbessern.
Entscheidend bleibt jedoch das makroökonomische Umfeld. Inflation, Geldpolitik, geopolitische Entwicklungen und insbesondere die Unternehmensgewinne bleiben die wichtigsten Einflussfaktoren und können politische Zyklen jederzeit überlagern. Dies gilt umso mehr, als die Konsenserwartungen für Unternehmensgewinne weiterhin nach oben tendieren und jüngere US-Inflationsdaten auf eine allmähliche Abschwächung des Preisdrucks hindeuten.
Da die Finanzmärkte derzeit ein bis zwei Zinserhöhungen der Federal Reserve bis zum Ende des ersten Quartals 2027 einpreisen, könnte eine weitere Abschwächung des Inflationsdrucks dazu führen, dass sich diese Erwartungen als überzogen erweisen. Dies würde die Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte zusätzlich verbessern.
Unabhängig vom Ausgang der Zwischenwahlen bleibt daher eine Erkenntnis bestehen: Politische Entwicklungen können die Märkte kurzfristig beeinflussen, langfristig werden die Renditen jedoch vor allem von den fundamentalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt.
Der Midterm-Effekt bleibt damit ein interessantes historisches Muster, jedoch kein Naturgesetz. Die Geschichte der Zwischenwahlen zeigt, dass Phasen erhöhter Ungewissheit an den Finanzmärkten häufig mit einer höheren Volatilität und einer geringeren Risikobereitschaft der Investoren einhergehen. Entscheidend ist jedoch weniger, wer am Ende die Mehrheit im Kongress hat, als vielmehr, wie rasch die Unsicherheit abnimmt und sich die Aufmerksamkeit der Investoren wieder auf Wachstum, Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinne richtet. (smzh/mc/pg)
