Warum es für Anleger schwer ist, mit KI Schritt zu halten

Sonal Desai, CIO von Franklin Templeton (Bild: Franklin Templeton, Moneycab)

Nach Einschätzung von Sonal Desai, CIO von Franklin Templeton, dürfte die Inflation hartnäckig über dem Zielwert verharren. Da das Wachstum robust ist und der Arbeitsmarkt Anzeichen einer Stabilisierung zeigt, deutet dies darauf hin, dass der Lockerungszyklus der US-Notenbank bereits beendet ist.

Eine Anlagestrategie festzulegen ist keine leichte Aufgabe, doch zu Beginn dieses Jahres kam es zu einer bemerkenswerten Konstellation sich gegenseitig beeinflussender Faktoren: technologischer, wirtschaftlicher und geopolitischer Natur. Für die Vermögensallokation ist es daher entscheidend, zu verstehen, wie sich diese Faktoren entwickeln und aufeinander einwirken werden.

Die KI-Revolution und ihre potenziellen Auswirkungen beherrschen gerade die Anlagemärkte. KI hat das Potenzial, unsere Wirtschaft zu transformieren und die meisten Branchen auf den Kopf zu stellen, aber sie ist mit grosser, echter Unsicherheit behaftet und vollzieht sich in rasantem Tempo. Selbst für schnelle Finanzinvestoren ist es schwer, Schritt zu halten. Während des grössten Teils 2025 waren die massiven Investitionen in die Entwicklung von KI-Modellen und -Fähigkeiten das dominierende Thema. Die Anleger trieben die Bewertungen der Unternehmen, welche die Voraussetzungen für die KI-Revolution schaffen, binnen kürzester Zeit in die Höhe – die Rede ist von Nvidia und den Technologiegiganten, die KI-Modelle entwickeln. Seit einiger Zeit bereitet den Märkten jedoch das enorme Schuldtitel-Emissionsvolumen, mit dem diese KI-Investitionswelle finanziert wird, grosse Sorge. Der Fokus hat sich zudem auf die Unternehmen und Branchen verlagert, die durch den KI-Wettbewerb belastet werden könnten, wie Software. Hier gibt es eine grosse Unsicherheit und offensichtliche Risiken kurzfristiger Überreaktionen.

Prognosen der Hyperscaler für Investitionen 2019–2030:

Quellen: Bloomberg. Analyse von Franklin Templeton Fixed Income Research. Stand: 19. Februar 2026. Ein Hyperscaler ist ein grosser Cloud-Dienstanbieter, der riesige Rechen-, Speicher- und Netzwerkressourcen über miteinander verbundene Server bereitstellt und Dienste schnell skalieren kann, um der Benutzernachfrage gerecht zu werden. Für die Jahre 2027–2030 sind Schätzungen angegeben. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.

Der Fokus auf die potenziellen Verlierer ist teilweise darauf zurückzuführen, dass es bisher schwierig ist, die Unternehmen und Branchen zu ermitteln, die dank KI grosse Effizienzgewinne erzielen können. Das liegt daran, dass die Einführung von KI-Lösungen in grossem Massstab wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nehmen wird. Unternehmen müssen die richtigen KI-Modelle und -Lösungen für ihre unternehmenskritischen Bereiche finden; sie müssen Prozesse und Abläufe neu organisieren und die Einführung sozialisieren. Zudem wird die Akzeptanz in den Unternehmen und Branchen unterschiedlich sein. Da sich die KI immer schneller weiterentwickelt, wird uns diese Situation der Unbeständigkeit erhalten bleiben. Die Bestimmung der Branchen und Unternehmen, die bei der KI-Revolution wahrscheinlich gewinnen oder verlieren werden, ist eine der wichtigsten Prioritäten für die Vermögensallokation.

Ein zweiter entscheidender Faktor ist die unterschiedliche Verteilung der Anlagechancen in der Weltwirtschaft. Das grösste strukturelle Thema ist hier der anhaltende Aufstieg der Schwellenländer. In den letzten zehn Jahren und insbesondere nach COVID-19 haben viele Schwellenländer eine umsichtige Fiskal- und Geldpolitik verfolgt – ganz anders als die Industrieländer. Infolgedessen hat sich die Anlageklasse der Schwellenländer bereits als widerstandsfähig gegenüber globalen makroökonomischen Störungen erwiesen und dürfte nun 2026 von einem günstigeren makroökonomischen Umfeld profitieren. Daher sehe ich bei Schwellenländer-Staatsanleihen Raum für eine weitere Verengung der Spreads, da die Finanzpolitik im Allgemeinen umsichtig bleibt und die Dynamik der Wirtschaftsreformen anhält. Unternehmensanleihen der Schwellenländer werden wahrscheinlich innerhalb einer relativ engen Spanne gehandelt werden.

Europa erscheint attraktiv, aber es ist noch nicht klar, ob das nur zyklisch oder strukturell ist. In naher Zukunft dürften die europäischen Volkswirtschaften von einer Neubelebung der Investitionspolitik und der Verteidigungsausgaben profitieren. Die Geopolitik spielt eine wichtige Rolle, da sich die europäischen Staats- und Regierungschefs darüber einig sind, dass die Verteidigungskapazitäten des Kontinents gestärkt werden müssen. Damit dies jedoch eine strukturelle Erfolgsstory wird, müssen die europäischen Regierungen längst überfällige Strukturreformen in Angriff nehmen, einschliesslich solcher im Zusammenhang mit den öffentlichen Ausgaben. Die Straffung der sozialen Sicherheitsnetze scheint unverzichtbar, um den benötigten fiskalischen Spielraum für einen nachhaltigen öffentlichen Investitionsschub zu schaffen. Und die Vereinfachung der Rechtsvorschriften könnte einen grossen Beitrag zur Entfaltung des Innovations- und Investitionspotenzials des privaten Sektors leisten. An beiden Fronten hat Europa durchweg enttäuscht. Dank der Geopolitik besteht die etwas grössere Hoffnung, dass es dieses Mal anders sein könnte.

In Bezug auf die US-Wirtschaft bin ich nach wie vor optimistischer als der Konsens. Die Haushalte haben zuverlässig Widerstandsstärke bewiesen. Der KI-Investitionsboom geht weiter, und die Investitionen der Unternehmen scheinen sich nicht mehr nur auf KI zu beschränken. Das Produktivitätswachstum hat sich beschleunigt. Nicht zuletzt dürften neue fiskalische Anreize in der ersten Jahreshälfte für Auftrieb sorgen.

Auf längere Sicht ist die Fiskalpolitik jedoch auch der Hauptgrund, warum Vorsicht angebracht ist. Das Haushaltsdefizit wird voraussichtlich noch einige Jahre bei etwa 6 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen. Angesichts der öffentlichen Verschuldung von fast 100 % des BIP und der Aufwärtsrisiken für die Zinssätze ist dies die Achillesferse der US-Wirtschaft. Es kann das Vertrauen untergraben und erhöht den Druck auf die Finanzierungskosten und das Risiko erheblicher Steuererhöhungen in der Zukunft.

Der US-Dollar steht aufgrund seiner immer noch starken Bewertung und der Sorgen über die politische Polarisierung und die Stärke der US-Institutionen sowie der Geopolitik weiterhin unter Druck. Der aggressivere aussenpolitische Kurs der USA, der häufig auf Finanzsanktionen beruht, hat die Anreize für eine grössere Zahl von Ländern verstärkt, ihre Abhängigkeit von USD-Währungsreserven und von dem vom US-Dollar dominierten Finanzsystem zu verringern. Es gibt Grenzen, wie weit sich ein Land vom Dollar abkoppeln kann, der immer noch einen dominierenden Anteil an den globalen Devisenreserven, Finanzströmen und Handelszahlungen hat. Aber langfristig verliert der US-Dollar dadurch an Attraktivität.

Insgesamt glaube ich daher, dass das makroökonomische und geopolitische Umfeld auch weiterhin eine gewisse Diversifizierung ausserhalb der USA in Bezug auf Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und Devisen begünstigen wird, wobei die Schwellenländer einige der interessantesten Chancen zu bieten haben. Angesichts des Fehlens einer glaubwürdigen Alternative zur Tiefe und Liquidität der US-Anlagemärkte würde ich mich hier allerdings nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen, vor allem, weil diese Märkte durch eine robuste Wachstumsstory gestützt werden. Abschliessend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die Inflation wahrscheinlich hartnäckig über dem Zielwert verharren wird. Da das Wachstum robust ist und der Arbeitsmarkt Anzeichen einer Stabilisierung zeigt, deutet dies darauf hin, dass der Lockerungszyklus der Federal Reserve bereits beendet ist. (ft/mc/hfu)


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