Adriano Lucatelli, CEO Descartes, im Interview

Adriano Lucatelli, CEO Descartes (Bild: Descartes)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Lucatelli, Ende Juni haben Sie verkündet, dass Yuh ein neues digitales Produkt für die 3. Säule auf der Technologie von Descartes auflegt. Was genau liefert Descartes für diese Lösung, wie gross war der Entwicklungsaufwand?

Adriano Lucatelli: Der Entwicklungsaufwand war nicht zu unterschätzen. Schliesslich haben wir vier Partner über unsere Plattform zusammengeführt. Wir sind sozusagen der Orchestrator der Vorsorgeplattform, welche die ganze Wertschöpfungskette digital abdeckt. Alle Microservices sind cloud-nativ und können via API abgerufen werden.

Nebst dem technischen Know-How geht es bei Vorsorge-Lösungen auch um Finanz- und Rechtswissen. Welche Unterstützung bietet hier Descartes ihren Firmenkunden?

Wir sind ein FINMA-bewilligter Vermögensverwalter. Das heisst, dass wir neben dem Betrieb unserer digitalen Plattform auch das Portfolio Management unserer B2B-Kunden übernehmen können. So stellen wir zum Beispiel die Einhaltung der Bandbreiten sicher und legen die Maximal- respektive Maximalwerte der verschiedenen Anlageklassen fest. Unsere SaaS-Kunden können von uns erwarten, dass ihre Vorsorgelösungen BVV-2-konform sind. Diese Aufgaben könnten wir als reiner Software-Anbieter nicht erfüllen.

«Wir sind sozusagen der Orchestrator der Vorsorgeplattform, welche die ganze Wertschöpfungskette digital abdeckt.» Adriano Lucatelli, CEO Descartes

«Embedded Finance», also das Anbieten von Finanzprodukten und Finanzdienstleistungen durch Unternehmen ausserhalb der traditionellen Bankenbranche als Teil ihrer Produkte oder Services, wird medial als vielversprechende Entwicklung gehandelt. Wie sieht die Realität in der Schweiz aus, welche konkreten Beispiele sind erfolgreich im Markt?

Wir sind noch weit von einem Durchbruch entfernt. Trotzdem gibt es bereits heute spannende Beispiele. Neben unserer Zusammenarbeit mit Yuh, möchte ich Yapeal erwähnen, das mit seiner Fintech-Lizenz Dienstleistungen wie Online-Identifikation, Konten, Zahlungen und Kartenlösungen anbietet. Und nicht zu vergessen ist die Hypothekarbank Lenzburg, die Schweizer Pionierin im Banking-as-a-Service.

Während die EU mit den PSD2-Richtlinien die Verfahren und Standards zur Öffnung der Banken rechtlich regelt und durchsetzt, hofft man in der Schweiz bei den Themen Open Banking und Open Finance auf den Markt. Wie gut funktioniert das und wo steht die Schweiz bezüglich Open Banking im internationalen Wettbewerb?

Der Schweizer Weg der marktgetriebenen und selbstbestimmten Öffnung ist eine Enttäuschung. Wir hinken der Entwicklung im Euroland deutlich hinterher. Sogar die USA drohen uns zu überholen. Ich befürchte, dass dieses zögerliche Vorgehen für die Kunden letztendlich nachteilig ist. Ohne bundesrätlichen Druck wird sich im Open Banking nicht viel bewegen, oder zumindest nur wenig.

Wie wird der Wegfall der zweiten Grossbank, der Credit Suisse, in der Schweiz die Entwicklung von Open Banking beeinflussen, da sich dadurch der Konkurrenzdruck für die UBS auf dem Heimmarkt verringert?

Zum Glück sind nicht alle Schweizerinnen und Schweizer bei der UBS. Konkurrenzdruck gibt es bereits heute und dieser bleibt bestehen. Der Wegfall der Credit Suisse wird demnach keinen grossen Einfluss auf die Entwicklung von Open Banking in der Schweiz haben.

«Der Schweizer Weg der marktgetriebenen und selbstbestimmten Öffnung ist eine Enttäuschung. Wir hinken der Entwicklung im Euroland deutlich hinterher. Sogar die USA drohen uns zu überholen.»

Die Lösungen von Descartes werden als SaaS (Software as a Service) angeboten. Wo wird die Plattform gehostet?

Unser Cloud Hoster ist die Schweizer Firma Safe Swiss Cloud, die ihre Infrastruktur in der Schweiz unterhält. Ein Hosting mit Google oder Amazon kommt für uns als Finanzdienstleister nicht in Frage. Das Prädikat «Swiss Hosting» ist uns und unseren Kunden sehr wichtig.

Welche Vorkehrungen treffen Sie zum Schutz der Kundendaten und gegen Hackerangriffe?

Wir haben einen ganzen Katalog von Massnahmen implementiert. Darunter fallen unter anderem regelmässige Sicherheits-Updates, Firewall und Reverse Proxy, Anti-Malware Software, Sicherheitsmonitoring sowie periodische Penetration Tests.

Descartes hat sich auf die Fahne geschrieben, dass alles aus Sicht der Kunden entwickelt werden soll. Wissen denn die Kunden, was sie wollen und welche die wichtigsten Bedürfnisse sind, die in nächster Zukunft adressiert werden müssen?

Natürlich wissen sie das nicht. Aus diesem Grund fragen wir unsere Kunden auch nie direkt nach ihren Wünschen. Sonst haben wir tausend Umsetzungsideen, die sich zum Teil widersprechen. Wir testen unsere digitalen Produkte aber mit echten Nutzerinnen und Nutzern und lernen beim Beobachten viel über deren Bedürfnisse. Und unsere IT-Entwicklung ist nicht tech-getrieben, sondern auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet.

«Ein Hosting mit Google oder Amazon kommt für uns als Finanzdienstleister nicht in Frage. Das Prädikat «Swiss Hosting» ist uns und unseren Kunden sehr wichtig.»

Im März 2023 hat Descartes die FINMA-Bewilligung erhalten. Was bedeutet die FINMA-Regulierung bezüglich Mehraufwand und welchen Nutzen erhoffen Sie sich durch die Bewilligung?

Der Mehraufwand ist beträchtlich, insbesondere was administrative Aufgaben betrifft. Auf der anderen Seite haben wir unsere Prozesse professionalisiert. Das erhöht unsere Glaubwürdigkeit. Und ohne FINMA-Bewilligung könnten wir unsere Rolle als Plattform-Orchestrator gar nicht spielen. Ich denke da konkret an das Business Process Outsourcing beim Asset Management.

Viele Schweizer Startups müssen sich nach ersten Anfangserfolgen schnell den grösseren ausländischen Märkten zuwenden, um das von den Investoren geforderte Wachstum erreichen zu können, oder alternativ einen schnellen Exit mit einer Grossbank suchen. Welche Strategie haben Sie für Descartes?

Unser Heimmarkt ist die Schweiz und hier gibt es immer noch Potenziale. Bisher sind wir als unternehmergeführte und unabhängige Firma damit sehr gut gefahren. Wir sind langsamer, dafür aber nachhaltig gewachsen. Natürlich sind wir offen für Gespräche mit grösseren Partnern, wobei nicht nur Banken, sondern auch Versicherungen in Frage kommen.

«Letztlich stiftet Finance nur dann echten Nutzen, wenn es das Leben der Menschen verbessert.»

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Dass unsere Dienstleistungen dazu beitragen, dass immer mehr Schweizerinnen und Schweizer ein finanziell sicheres Leben führen können. Und dass die digitale Transformation zu mehr «Financial Inclusion» führt – und so einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leistet. Letztlich stiftet Finance nur dann echten Nutzen, wenn es das Leben der Menschen verbessert.


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