Alessia Schrepfer, Co-Founder WeNurse AG, im Interview

Alessia Schrepfer

Alessia Schrepfer, Co-Founder WeNurse AG. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Schrepfer, der Fachkräftemangel in der Schweiz ist eine Tatsache, aber in kaum einem Bereich ist die Situation so dramatisch wie in der Pflege. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Alessia Schrepfer: Zu viele Fachkräfte kehren dem Beruf ihren Rücken und verlassen das System. Vielen Pflegenden ist die Freude am Beruf abhandengekommen und sie suchen nach Alternativen. Die Gründe für die Abwanderung sind eigentlich bekannt, wie stetige Überbelastung, fehlende Anerkennung, übermässige Administration, wenig flexible Arbeitsbedingungen, ungenügende Arbeits- und/oder Führungskultur.

Vor über zwei Jahren wurde an der Urne die Pflegeinitiative angenommen. Bis jetzt ist allerdings nicht viel passiert. Hätten Sie sich mehr, respektive ein schnelleres Vorgehen erhofft?

Logisch, denn das Ergebnis war eindeutig und die Stimmbevölkerung hat klar zum Ausdruck gebracht, dass klatschen allein nicht genügt. Gleichzeitig bin ich Realistin genug und kenne die politischen Prozesse in der Schweiz. Ich gehe auch nicht davon aus, dass die Politik jetzt dieses Problem im Alleingang löst. Im Gegenteil, bin ich davon überzeugt, dass die Veränderung durch die Akteure im System vorangetrieben werden muss. Und deswegen haben wir ja auch die WeNurse gegründet.

«Ich bin davon überzeugt, dass die Veränderung durch die Akteure im System vorangetrieben werden muss.»
Alessia Schrepfer, Co-Founder WeNurse AG

Wir kommen auf WeNurse gleich zu sprechen. Sie haben ursprünglich auch eine Berufslehre zur Fachfrau Gesundheit gemacht. Wie haben Sie die Situation persönlich erlebt?

Das ist schon über 15 Jahre her. Aber eines kann ich definitiv sagen: ich hatte einen wirklich sehr guten Lehrbetrieb und tolle Vorbilder in der Führung und bei meinen Berufsbildnerinnen. Ich konnte extrem viel lernen, würde aber auch sagen, dass ich selbst eine sehr engagierte und wissbegierige Lernende war. Es braucht nämlich beides: Einen guten Lehrbetrieb und gleichermassen interessierte und engagierte Lernende. Dort fängt es eben schon an, die «extra Meile» zu gehen – nur schon für sich selbst, dass man super in seinem Job wird.

Allgemein in Bezug zum Gesundheitswesen habe ich aber schon damals dringenden Optimierungsbedarf erkannt. Das hat mich auch angespornt, mich Ausbildungs- und Karriere-technisch innerhalb der Branche weiterzuentwickeln – damit ich Teil der Veränderung werden kann.

Grundsätzlich wollen heute allen jüngeren Berufsleute – schränken wir es auf die Generation Z ein – flexible Arbeitszeiten, eine gute Work-Life-Balance, eine sinnstiftende Arbeit. Können das Gesundheitseinrichtungen überhaupt bieten?

Die Einschränkung auf die Generation Z ist etwas zu kurz gegriffen. Ich denke, dies ist der aktuelle Zeitgeist und sicherlich bei jüngeren Generationen klar spürbar. Diese Generation fordert auch ein und setzt für sich persönlich klare Grenzen. Ich denke, zur Zeit werden viele Arbeitgeber diesen Anforderungen nicht gerecht. Man hat lange gewartet und Trends nicht sehen wollen. Oder zumindest haben Entscheidungsträger nicht entsprechend gehandelt und entschieden. Man spürt aber im Markt, wie sich nun viele mit den Anforderungen auseinandersetzen.

Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass der Trend «nur einfordern» in eine Sackgasse führt. Und zwar auf beiden Seiten. Die Zitronen sind irgendwann ausgepresst! Jemand muss noch Zitronen pflanzen und ernten. Ein Arbeitgeber kann «geben», solange etwas zurückkommt. Wie überall im Leben es ist ein «Geben und Nehmen». Ich persönlich finde, dass eine überdurchschnittliche Leistung auch überdurchschnittlich belohnt werden soll. Wenn man aber das Stellenprofil einfach «nur durchschnittlich» erfüllt ist der Deal ja klar: dafür bekommt man monatlich auch «einfach nur» seinen Lohn.

Sie sind Mitgründerin von AS-20, einer Organisation, die praxisnahe und zukunftsorientierte Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen entwickelt und relevante Cases in der Pflege, Altersmedizin sowie im Bereich chronischer Erkrankungen verfolgt. Daraus ist die WeNurse AG entstanden, die im Januar 2023 den Betrieb aufgenommen hat. Welche Ziele verfolgen Sie mit WeNurse?

Unsere Vision ist es, dass die Pflegefachpersonen Freude an der Arbeit haben, sich ernst genommen fühlen und dadurch dem Beruf treu bleiben. Der Pflegeberuf ist einer der schönsten Berufe und einer, der für das Wohlergehen unsere Gesellschaft unabdingbar ist. Jede:r, der/die in der Pflege arbeitet, soll darauf stolz sein! Wir sind auch überzeugt, dass es im Pflegeberuf mehr unternehmerisches Denken braucht. Deshalb sind unsere Mitarbeitenden auch Aktionärinnen und Aktionäre. Dadurch stärken wir das Berufsverständnis und die Anerkennung des Pflegeberufs und empowern die Pflegenden zu mehr Wirtschafts- und Finanzverständnis.

«Unsere Vision ist es, dass die Pflegefachpersonen Freude an der Arbeit haben, sich ernst genommen fühlen und dadurch dem Beruf treu bleiben.»

Wie funktioniert das Modell von WeNurse?

Wir verleihen Arbeitskolleginnen- und kollegen mit Erfahrung, Berufsfreude und grossem fachlichen Knowhow, die jedem Team einen echten Mehrwert bringen. Neben ausgebildeten Pflegefachpersonen verleihen wir auch Expertinnen und Experten für Ad Interim Management-Lösungen und Fachexperten-Consulting in der Pflege, in HR und Support in der Projektarbeit. Der grösste Unterschied zu unseren Mitbewerbern ist, dass unsere Mitarbeitenden eben auch die Aktionärinnen und Aktionäre von WeNurse sind. So werden Pflegefachpersonen zu Unternehmerinnen und Unternehmer. Wir rekrutieren unsere Mitarbeitenden persönlich und stellen meist nur auf Empfehlung ein.

«Der grösste Unterschied zu unseren Mitbewerbern ist, dass unsere Mitarbeitenden eben auch die Aktionärinnen und Aktionäre von WeNurse sind. So werden Pflegefachpersonen zu Unternehmerinnen und Unternehmer.«

Wo liegen die grössten Vorteile für die Pflegekräfte?

Wir differenzieren uns klar über unsere Beteiligungspogramm. Alle unsere Mitarbeitenden können als Aktionärinnen und Aktionäre über die Geschicke der WeNurse AG mitentscheiden und auch mitprofitieren. Entsprechend haben wir unsere Governance-Struktur aufgesetzt und agieren ähnlich zu einer partnerschaftlich geführten Anwaltskanzlei. Weiter fördern wir den Community-Aspekt: keine Einzelkämpfer, sondern Teamplayer und eine Gruppe Gleichgesinnter, welche sich gegenseitig unterstützen und ihr Fachwissen weitergeben.

Und für die Gesundheitsbetriebe?

Wirklich gute Mitarbeitenden mit dem richtigen Mindset. Da der Fachkräftmangel so vorangeschritten ist, ist die Qualität der verliehenen Fachpersonen auf dem Markt teilweise extrem grenzwertig.

WeNurse ist mit sechs Mitarbeitenden gestartet, wie viele «Mitgesellschafter» sind es heute?

Wir sind heute knapp 30 Mitarbeitende und davon 4 im Backoffice.

Welche Bilanz ziehen Sie nach dem ersten Jahr? Wie sind die Rückmeldungen von beiden Seiten?

Wir ziehen eine positive Bilanz. Es macht Freude zu sehen, wie unsere Modell auf Anklang stösst. Am schönsten ist zu sehen, wie unsere Mitarbeitenden in ihre Rolle hereinwachsen und mit Herzblut vor Ort in den Einsatzbetrieben täglich ihrer Berufung nachgehen.

Welche Weiterentwicklung erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Wir rechnen damit, dass wir uns mit unserem etwas anderen Arbeitsmodell auf dem Markt etablieren können. Gleichzeitig hoffen wir, dass ein Umdenken in der Branche passiert und die Arbeitsbedingungen so entwickeln, dass Pflegende das System nicht mehr verlassen – egal ob fest angestellt oder bei WeNurse.

WeNurse
AS20

Exit mobile version