Andreas von Muralt, Geschäftsführer und Co-Founder Jungkraut, im Interview

Andreas Von Muralt

Andreas Von Muralt, Geschäftsführer und Co-Founder Jungkraut. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Mit natürlichen Inhaltsstoffen, Schweizer Produktion und einer konsequenten Ausrichtung auf Männer will sich Jungkraut im hart umkämpften Kosmetikmarkt behaupten. Das 2020 gegründete Unternehmen setzt dabei auf Selbstfinanzierung statt Investorengeld – und nimmt dafür ein langsameres Wachstum in Kauf. Nach dem Einstieg bei Import Parfümerie rückt nun auch der Ausbau des Auslandgeschäfts in den Fokus. Im Interview erklärt Mitgründer und Geschäftsführer Andreas von Muralt, weshalb Swiss Made ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist und wie Jungkraut seine Position als Premiummarke weiter stärken will.

Moneycab.com: Herr von Muralt, Sie haben Jungkraut 2020 gemeinsam mit Luca Mijnssen und Julia Lüscher gegründet und 2022 die ersten Produkte auf den Markt gebracht. Welche Marktlücke haben Sie damals erkannt, und wie funktioniert das Geschäftsmodell von Jungkraut heute?

Andreas von Muralt: Die Idee zu Jungkraut entstand ursprünglich aus einer persönlichen Unzufriedenheit mit dem bestehenden Angebot im Pflegemarkt. Wir haben uns gefragt, weshalb wir bei Ernährung oder Produkten für unsere Kinder so genau auf Inhaltsstoffe achten, bei der täglichen Männerpflege aber kaum. Bei näherer Betrachtung stellten wir fest, dass es zwar schon Pflegeprodukte für Männer gab, aber kaum hochwertige, natürliche Alternativen, die wirklich auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Oft handelte es sich um klassische Massenprodukte oder um Naturkosmetik, die sich in erster Linie an Frauen richtete. Genau diese Lücke wollten wir schliessen: mit einer eigenständigen Schweizer Männerpflegemarke, die natürliche Inhaltsstoffe mit hoher Wirksamkeit verbindet und bei der von der Formulierung über den Duft bis zur Anwendung alles auf Männer abgestimmt ist. Gleichzeitig sollte die Pflege unkompliziert bleiben und sich einfach in den Alltag integrieren lassen.

Der internationale Kosmetikmarkt wird von finanzstarken Konzernen wie L’Oréal, Beiersdorf oder Unilever dominiert. Wie kann sich eine kleine Schweizer Marke in diesem Umfeld behaupten, und worin liegt Ihr entscheidender Wettbewerbsvorteil?

Mit den Marketingbudgets grosser Konzerne können wir natürlich nicht mithalten. Das ist aber auch nicht unser Anspruch. Wir wollen bewusst kein Massenprodukt anbieten, sondern uns durch höchste Qualität, Wirksamkeit und eine konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse von Männern differenzieren. Dabei geht es nicht nur um die Haut selbst, sondern um das gesamte Pflegeerlebnis: von den Inhaltsstoffen über Duft, Textur und Konsistenz bis hin zur Verpackung und einfachen Anwendung. Mit unserem Swiss NatureTECH-Ansatz verbinden wir natürliche alpine Pflanzenextrakte mit wissenschaftlich untersuchten Wirkstoffen zu leistungsstarken, eigens entwickelten Formulierungen, die gezielt auf unsere männliche Zielgruppe abgestimmt sind. Es handelt sich also nicht um Standardrezepturen, die lediglich anders verpackt auch als Frauenprodukte verkauft werden.

Als kleines Unternehmen sind wir zudem agil, nah an unseren Kunden und können gezielt auf deren Bedürfnisse reagieren. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Menschen mit möglichst vielen Produkten zu erreichen, sondern in unserem Segment eine starke, eigenständige Marke aufzubauen, die durch ihre Qualität überzeugt.

Jungkraut positioniert sich bewusst im Premiumsegment. Wie gross ist die Bereitschaft von Männern, für hochwertige Gesichtspflege deutlich mehr auszugeben als für etablierte Produkte aus dem Supermarkt? Und wie entwickelt sich dieser Markt in der Schweiz?

Unsere Erfahrung zeigt, dass Männer durchaus bereit sind, für hochwertige Hautpflege mehr auszugeben, wenn Qualität und Wirkung überzeugen. Besonders stark wächst bei uns die Kundengruppe der etwa 45- bis 60-Jährigen. Männer, die bewusst in Gesundheit, Ernährung oder hochwertige Kleidung investieren und bei ihrer Hautpflege ähnliche Ansprüche haben. Sie wollen allerdings keine zehn Schritte umfassende Pflegeroutine, sondern Produkte, die funktionieren und wenig Zeit beanspruchen. Auch die vollständige Schweizer Entwicklung und Produktion ist für diese Zielgruppe ein wichtiges Qualitätsargument. Männerhautpflege wird zunehmend selbstverständlicher, der Markt ist im Vergleich zur Frauenkosmetik aber noch wenig entwickelt. Gerade im Premiumsegment sehen wir deshalb weiterhin grosses Potenzial.

«Unsere Erfahrung zeigt, dass Männer durchaus bereit sind, für hochwertige Hautpflege mehr auszugeben, wenn Qualität und Wirkung überzeugen.»
Andreas von Muralt, Geschäftsführer und Co-Founder Jungkraut

Das Unternhemen ist vollständig selbstfinanziert. Welche Herausforderungen bringt der Verzicht auf externe Investoren mit sich, gerade in einer Branche mit hohen Vorleistungen für Produktentwicklung, Produktion und Marketing?

Die Selbstfinanzierung ist eine unserer grössten unternehmerischen Herausforderungen. Bereits bis zur Markteinführung haben wir rund 250’000 Franken aus eigenen Mitteln investiert. Produktentwicklung, Mindestbestellmengen und der Lageraufbau binden viel Kapital, das dann für Marketing und Wachstum fehlt. Wir müssen unsere Investitionen deshalb sehr bewusst planen und Prioritäten setzen. Das verlangt Disziplin und bedeutet ein langsameres Wachstum. Gleichzeitig gibt es uns aber die Freiheit, unsere Marke nach eigenen Vorstellungen und mit einer langfristigen Perspektive weiterzuentwickeln.

Im September 2025 haben Sie bei «Die Höhle der Löwen Schweiz» ein Investitionsangebot von Lukas Speiser abgelehnt. Weshalb haben Sie sich dagegen entschieden, und würden Sie heute wieder gleich handeln?

Die Teilnahme war für uns eine wertvolle Erfahrung und wir haben uns sehr über das Angebot von Lukas Speiser gefreut. Letztlich lagen seine Vorstellungen bezüglich der Unternehmensbeteiligung aber deutlich über dem, was wir ursprünglich angeboten hatten. Nachdem wir bereits viel Zeit und eigenes Kapital in den Aufbau von Jungkraut investiert und eine solide Marke geschaffen hatten, wollten wir nicht einen so grossen Anteil abgeben. Rückblickend stehen wir weiterhin hinter dieser Entscheidung. Externes Kapital schliessen wir für die Zukunft aber keineswegs aus, sofern neben den Konditionen auch der strategische Mehrwert stimmt.

Wie hat sich Jungkraut seit dem Markteintritt wirtschaftlich entwickelt? Können Sie uns einen Einblick in Umsatz, Wachstum und Profitabilität geben? Und inwiefern begrenzt die Selbstfinanzierung Ihre Wachstumsambitionen?

Seit unserem Markteintritt 2022 haben wir unser Sortiment von drei auf mittlerweile zwölf Produkte erweitert und unsere Kundenbasis im gesamten DACH-Raum kontinuierlich ausgebaut. Letztes Jahr konnten wir ein Umsatzwachstum von rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielen und waren profitabel. Für das laufende Jahr rechnen wir mit einem weiteren Umsatzwachstum von rund 45 Prozent. Mit dem Einstieg bei Import Parfümerie haben wir Anfang 2026 zudem erfolgreich den Schritt in den grösseren stationären Handel geschafft. Wir reinvestieren weiterhin den grössten Teil unserer Mittel in Produktentwicklung, Markenaufbau und Vertrieb. Die Selbstfinanzierung begrenzt dabei zwar unser Wachstumstempo, zwingt uns aber auch, sehr genau auf Wirtschaftlichkeit und einen nachhaltigen Unternehmensaufbau zu achten.

«Die Selbstfinanzierung begrenzt dabei zwar unser Wachstumstempo, zwingt uns aber auch, sehr genau auf Wirtschaftlichkeit und einen nachhaltigen Unternehmensaufbau zu achten.»

Sie entwickeln und produzieren ihre Pflegeprodukte im Toggenburg. Wie stark fallen die höheren Schweizer Produktionskosten ins Gewicht, und lässt sich der Herkunftsbonus tatsächlich in höhere Verkaufspreise umsetzen?

Die Schweizer Produktion ist gerade bei kleineren Mengen deutlich kostenintensiver. Dafür profitieren wir von kurzen Wegen, einer engen Zusammenarbeit mit unserem Produktionspartner und sehr hohen Qualitätsstandards. Das ist für uns ein wesentlicher Bestandteil unseres Qualitätsversprechens. Swiss Made ist für viele unserer Kunden ein zentraler Grund, sich für Jungkraut zu entscheiden. Wir merken, dass die Schweizer Herkunft nicht nur Vertrauen schafft, sondern unsere Kunden auch bereit sind, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Gleichzeitig verlassen wir uns nicht allein darauf. Die Qualität der Inhaltsstoffe und die Wirksamkeit unserer Produkte müssen genauso überzeugen.

Um die höheren Produktionskosten abzufedern, versuchen wir, in sämtlichen Prozessen möglichst schlank und effizient zu bleiben. Das gilt auch für unser Sortiment: Statt unzählige Varianten anzubieten, konzentrieren wir uns auf wenige, durchdachte Produkte, die konkrete Bedürfnisse unserer Kunden abdecken.

Sie produzieren in kleinen Chargen. Wie lässt sich dieses Modell bei steigender Nachfrage skalieren, und wäre eine teilweise Produktion im Ausland für Sie langfristig denkbar?

Kleine Chargen geben uns Flexibilität und ermöglichen eine hohe Qualitätskontrolle. Mit steigender Nachfrage wird allerdings eine funktionierende Supply Chain immer wichtiger. Wir müssen Produktionsmengen früher prognostizieren, Warenbestände professioneller steuern und gemeinsam mit unserem Produktionspartner effizientere Strukturen schaffen. Grössere Produktionsvolumen bieten dabei auch wirtschaftliche Vorteile. Unser Ziel ist klar, die Entwicklung und Produktion in der Schweiz zu behalten. Eine Verlagerung ins Ausland steht nicht zur Diskussion, zumal wir hier noch erhebliches Skalierungspotenzial sehen.

Sie haben lange vor allem auf den Direktvertrieb über den eigenen Onlineshop gesetzt. Seit einigen Monaten sind Ihre Produkte auch bei Import Parfümerie erhältlich. Welche Bedeutung hat der Einstieg in den grösseren stationären Handel für Ihre Wachstumsstrategie, und wie unterscheiden sich die beiden Vertriebskanäle hinsichtlich Kosten, Margen und Kundenansprache?

Die Zusammenarbeit mit Import Parfümerie ist für uns ein wichtiger Meilenstein. Sie verschafft uns zusätzliche Sichtbarkeit und erreicht Kunden, die unsere Produkte gerne vor dem Kauf ausprobieren oder sich persönlich beraten lassen. Der Direktvertrieb verschafft uns dafür den direkten Kundenaustausch und eine gezielte Weiterentwicklung unsere Community.

Wirtschaftlich unterscheiden sich die Kanäle deutlich: Im Onlineshop erzielen wir höhere Bruttomargen, tragen aber sämtliche Akquisitions- und Logistikkosten selbst. Im Handel sind die Margen tiefer, dafür profitieren wir von einer bestehenden Verkaufsinfrastruktur. Für uns ergänzen sich beide Kanäle ideal: Der Handel schafft Bekanntheit und Vertrauen, der Onlineshop ermöglicht eine direkte und langfristige Kundenbeziehung.

Die Gewinnung neuer Kunden über digitale Kanäle ist kostspielig. Wie gelingt es Ihnen, Kunden zu wirtschaftlich vertretbaren Kosten zu gewinnen und langfristig an die Marke zu binden? Welche Rolle spielen dabei wiederkehrende Bestellungen und Ihr Abonnementmodell?

Die steigenden Kosten für digitale Werbung sind gerade für kleinere Marken eine Herausforderung. Deshalb analysieren wir sehr genau, welche Marketingmassnahmen und Kanäle wirtschaftlich funktionieren, und legen grossen Wert auf die langfristige Kundenbindung. Hautpflege bietet hier einen Vorteil: Wer mit einem Produkt zufrieden ist, benötigt es regelmässig. Unser Abonnementmodell vereinfacht solche Wiederbestellungen und macht Umsätze planbarer. Gleichzeitig ermöglicht uns der Direktvertrieb, unsere Kunden gezielt und persönlich anzusprechen, Feedback einzuholen und eine aktive Community aufzubauen, sodass wir möglichst lange Kundenbeziehungen aufbauen können.

«Deutschland ist mittlerweile umsatzmässig etwa gleich gross wie unser Schweizer Markt, was das Potenzial unserer Positionierung auch ausserhalb der Schweiz bestätigt.»

Der Schweizer Markt ist begrenzt. Welche Bedeutung haben Auslandsmärkte bereits für Jungkraut? Wie wollen Sie Ihre Marke international etablieren, ohne Ihre Kostenstruktur und Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen?

Die Schweiz ist unser Heimmarkt und wird für uns immer einen besonderen Stellenwert haben. Gleichzeitig verkaufen wir bereits erfolgreich nach Deutschland und Österreich. Deutschland ist mittlerweile umsatzmässig etwa gleich gross wie unser Schweizer Markt, was das Potenzial unserer Positionierung auch ausserhalb der Schweiz bestätigt. Langfristig möchten wir Jungkraut als international relevante Schweizer Männerpflegemarke etablieren. Dafür konzentrieren wir uns zunächst auf den gezielten Ausbau im DACH-Raum. Neue Märkte bringen zusätzliche Kosten und Komplexität mit sich, weshalb wir bewusst schrittweise expandieren. Unser Anspruch ist es, ambitioniert zu wachsen, ohne dabei unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen.

Jungkraut

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