Arthur Sebesteny, CEO und Gründer Dental Robotics, im Interview

Arthur Sebesteny

Arthur Sebesteny, CEO und Gründer Dental Robotics. (Foto: zvg/mc)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Sebesteny, immer mehr Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Mundgesundheit und Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes. Wird Prävention in der Zahnmedizin noch immer zu stark isoliert betrachtet?

Arthur Sebesteny: In der Zahnmedizin selbst ist Dentalhygiene bereits ein integraler Bestandteil des Gesamtbildes. Ich glaube aber, dass wir in der Medizin allgemein Fachbereiche oft zu stark voneinander trennen, obwohl wir viel holistischer denken sollten. Das Problem beginnt meist nicht, wenn Patient:innen bereits beim Zahnarzt sind. Das Problem ist, sie überhaupt dorthin zu bringen – oft wegen Angst, Hemmschwellen oder mangelndem Zugang. Genau das möchten wir ändern: Wir wollen die Türschwelle der Zahnarztpraxis näher zu den Menschen bringen, indem Dentalhygiene und Diagnostik dort möglich werden, wo Patient:innen sich bereits befinden.

Sie sind selbst praktizierender Zahnarzt. Viele Menschen verschieben regelmässige Kontroll- und Prophylaxetermine. Welche Gründe erleben Sie in Ihrem Praxisalltag am häufigsten?

Ich denke, in der Schweiz funktioniert das Recall-System grundsätzlich recht gut. Patient:innen erhalten alle sechs Monate eine SMS oder Erinnerung, und das wird auch wahrgenommen. Terminverschiebungen passieren aber trotzdem häufig, weil viele den Zahnarztbesuch als lästig empfinden. Es ist ein «Must-do» und oft nicht mit einer entspannten Atmosphäre verbunden. Genau diesen Ansatz möchten wir verändern.

«Das Problem beginnt meist nicht, wenn Patient:innen bereits beim Zahnarzt sind. Das Problem ist, sie überhaupt dorthin zu bringen – oft wegen Angst, Hemmschwellen oder mangelndem Zugang.»
Arthur Sebesteny, CEO und Gründer Dental Robotics

Wann wurde Ihnen bewusst, dass das eigentliche Problem oft nicht die Behandlung selbst, sondern der Zugang zur präventiven Zahnpflege ist?

Mich hat dieses Thema schon während der Universitätszeit interessiert. Auf einer Party wurde ich einmal von Mädchen, die ich beeindrucken wollte, gefragt, ob ich mir nicht ihre Zähne anschauen könne. Ich sagte: «Ich würde gerne, aber ich habe keine mobile Praxis in meiner Hosentasche.» Und dann hat es Klick gemacht: Warum eigentlich nicht? Muss Zahnmedizin immer stationär sein? Ich wollte genauso mobil sein wie ein Hausarzt – immer ready-to-go. Die Zahnarztpraxis ist für viele Menschen mit Stress, Angst und einer gewissen Hürde verbunden. Genau diese Hürde möchte ich kleiner machen.

Sie möchten die Zahnpflege also dorthin bringen, wo sich die Menschen aufhalten – nach Hause, an den Arbeitsplatz oder in Pflegeeinrichtungen. Wie gross ist das Potenzial eines solchen Paradigmenwechsels?

Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit. Nach Covid haben immer mehr Menschen verstanden, dass sich Gesundheitsversorgung verändern muss. In den USA ist dieser Markt bereits deutlich weiter fortgeschritten. Auch in Zürich gibt es bereits rund 100 mobile Dentalhygieniker:innen. Gleichzeitig sind Hausbesuche bei Coiffeur:innen, Masseur:innen, Physiotherapeut:innen oder Psychotherapeut:innen längst nichts Ungewöhnliches mehr. Die Zahnmedizin ist der nächste logische Schritt. Und weil Dentalhygiene der Grundbaustein zahnärztlicher Behandlung und Nachsorge ist, ist sie der perfekte Ausgangspunkt.

Besonders interessant erscheint der Einsatz in Pflegeeinrichtungen. Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit dieser Zielgruppe gemacht?

Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Pflegeeinrichtungen haben sehr spezifische Bedürfnisse. Viele Bewohner:innen leiden an Erkrankungen des Bewegungsapparats oder an neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder Demenz. Für diese Menschen kann es schwierig sein, in einer Zahnarztpraxis komfortabel behandelt zu werden. In ihrer gewohnten Umgebung lässt sich oft deutlich mehr Ruhe schaffen. Unser Gerät wirkt bewusst einfacher und weniger einschüchternd als klassische Praxisgeräte. Bei Bedarf kann es zudem auf gerontologische Bedürfnisse angepasst werden, etwa für Prothesenanpassungen oder Unterfütterungen. Besonders wichtig wird hier Teledentistry: Patienten können mit unserer Intraoralkamera aus der Ferne dokumentiert und diagnostiziert werden, ohne physisch in die Praxis kommen zu müssen. Das spart Zeit, Kosten und Stress – für Pflegepersonal, Behandler und vor allem für ältere Patient:innen.

«Pflegeeinrichtungen haben sehr spezifische Bedürfnisse. (…) Für sie kann es schwierig sein, in einer Zahnarztpraxis komfortabel behandelt zu werden. In ihrer gewohnten Umgebung lässt sich oft deutlich mehr Ruhe schaffen.»

Dental Robotics entwickelt ein ultraportables 3-in-1-System. Was kann dieses Gerät konkret leisten, was bisher nur in einer klassischen Praxis möglich war?

Unser Gerät ist deutlich leichter als bestehende Systeme und hochspezialisiert auf Dentalhygiene und Diagnostik. Einfache Füllungen, Versiegelungen oder kleinere konservierende Behandlungen sind ebenfalls möglich. Wurzelkanalbehandlungen oder chirurgische Eingriffe gehören aber weiterhin in die Praxis oder Klinik. Man kann sich das als Behandlungsspektrum vorstellen: Wir decken Dentalhygiene und Diagnostik sehr breit ab und gehen bei einfachen Fällen in die konservierende Zahnmedizin hinein. Im Kern ist unser System eine diagnostische Maschine auf Rädern – ausgestattet für Teledentistry und moderne digitale Zahnmedizin.

Können Sie uns das Gerät «Claire» näher vorstellen?

Unser 3-in-1-System besteht aus einem portablen Behandlungsstuhl, einem Hocker und einer Behandlungseinheit, die wir Unit nennen. In dieser Unit befinden sich vier zentrale Geräte: Speichelabsaugung, Ultraschall-Zahnsteinentferner, Mikromotor zum Bohren oder Polieren und eine Intraoralkamera. Gesteuert wird alles über ein Tablet, auf dem auch Parameter wie Servicezustand oder Wasserstand angezeigt werden – ähnlich wie bei einem Autotacho. Das System ist Plug-and-play: Man braucht nur eine Steckdose, füllt Wasser ein und kann loslegen.

Design ist für uns dabei kein Gimmick, sondern ein zentraler Teil der Medizin. Gutes Design senkt Stress, macht zahnärztliche Behandlungen weniger furchteinflössend und verbessert gleichzeitig die Ergonomie für Behandler:innen. Unsere Inspiration kommt von Dieter Rams bei Braun und Jony Ive bei Apple. Wir möchten, dass Claire eher wie ein hochwertiges Apple-Produkt oder ein Bang-&-Olufsen-Lautsprecher wirkt als wie eine klassische «Zahnarztmaschine». Auch der Name Claire ist bewusst gewählt: Er erinnert an care, clear und air – also Fürsorge, Klarheit und Leichtigkeit.

«Gutes Design senkt Stress, macht zahnärztliche Behandlungen weniger furchteinflössend und verbessert gleichzeitig die Ergonomie für Behandler:innen.»

Wie verändert sich die Arbeit von Dentalhygienikerinnen und Dentalhygienikern durch Ihr System?

Dentalhygieniker:innen werden freier und können ihr Karrierepotenzial endlich stärker ausleben. Sie müssen nicht mehr in einer klassischen Praxisstruktur funktionieren, in der sie manchmal als Assistenz, Rezeption oder im schlimmsten Fall als reine Reinigungskraft eingesetzt werden. Sie können genau das tun, wofür sie ausgebildet wurden: Dentalhygiene – und das individuell, mobil und eigenständig. Dazu kommt mehr Freiheit in der Zeiteinteilung und eine bessere Work-Life-Balance. Wer mehr arbeitet, kann auch mehr verdienen; die Decke ist nicht künstlich begrenzt. Ich glaube, dass es bald Dentalhygieniker:innen geben wird, die mehr verdienen als manche Zahnärzte. Am Anfang ist jeder Schritt in die Selbstständigkeit schwer, aber sobald ein eigener Patientenstamm aufgebaut ist, kann das zu einem besseren Leben führen – für Dentalhygieniker:innen und Patienten.

Sie wurden zuletzt mit dem Vigier Award ausgezeichnet. Was bedeutet das für Dental Robotics?

Es ist eine grosse Ehre, mit dem W.A. de Vigier Award ausgezeichnet worden zu sein. Wir sind nun ein Leben lang Teil dieses Alumni-Netzwerks, und in der Startup-Szene ist das ein starkes Qualitätssiegel. Für uns bedeutet es Sichtbarkeit, Vertrauen und Rückenwind. Gleichzeitig ermöglicht uns das Preisgeld, die Dental Robotics Technologies AG zu gründen und einen Prototypen zu bauen, mit dem wir möglichst bald in den Markt eintreten können.

Dental Robotics wurde erst dieses Jahr gegründet. Was waren die grössten Herausforderungen auf dem Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt?

Wir hatten einen steilen Weg – wie jedes Startup mit vielen Ups and Downs. Jetzt spüren wir aber ein Momentum, das wir sehr ernst nehmen und nicht verpassen wollen. Die grösste Herausforderung als Hardware-Startup ist, Investor:innen davon zu überzeugen, in uns, unsere Vision, unser Produkt und einen Markt zu investieren, der gerade erst entsteht. Wir wissen aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Wir kennen den Schmerz vieler Dentalhygieniker:innen sehr gut: Sie möchten eigenständig arbeiten und ihr Potenzial entfalten, werden in Praxen aber oft nicht entsprechend eingesetzt. Genau diesen Sprung in die Selbstständigkeit möchten wir erleichtern – mit einem Produkt und attraktiven Subscription-Modellen, damit niemand zuerst den Gegenwert eines Kleinwagens investieren muss, um loslegen zu können. Diese Revolution anzufechten und aus Funken einen globalen Waldbrand zu machen, ist unsere Aufgabe für das kommende Jahr. Das ist nicht leicht, aber wir nehmen es uns zu Herzen und sehen es als unsere Verantwortung, eine bessere Versorgung mitzugestalten.

Sie adressieren einen globalen Markt für zahnmedizinische Versorgung, der auf rund 25 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, wobei der Fokus klar auf der Prävention liegt. Welche Ausbauschritte planen Sie?

Für Dentalhygieniker:innen ist der Schritt in die Selbstständigkeit oft mit viel Unsicherheit verbunden, weil dieses Modell noch nicht überall bekannt ist. Genau hier soll unser Produkt helfen: technisch, wirtschaftlich und organisatorisch. Wir möchten den Einstieg durch attraktive Subscription-Konditionen vereinfachen, damit Dentalhygieniker:innen sofort starten können, ohne hohe Anfangsinvestitionen tragen zu müssen. In einem zweiten Schritt planen wir zudem, unser Gerät in grösseren Stückzahlen an Unternehmen im Bereich Mobile Enterprise Dentistry zu verkaufen. Dafür haben wir bereits LOIs von zwei Marktführern in diesem Segment: Jet Dental und Onsite Dental. Unser Ziel ist es, diese Bewegung international zu skalieren – aus kleinen Funken soll ein globaler Waldbrand für zugängliche präventive Zahnpflege entstehen.

Dental Robotics

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