von Sandra Willmeroth
Moneycab.com: Herr Sibbern, SIX hat im ersten Halbjahr 2026 das höchste operative EBITDA ihrer Geschichte erzielt. Was waren die wichtigsten Treiber dieses Rekordergebnisses?
Bjørn Sibbern. Entscheidend war, dass alle vier Geschäftseinheiten zum Ergebnis beigetragen haben. Günstige Marktbedingungen und eine hohe Handelsaktivität halfen insbesondere Exchanges und Securities Services. Gleichzeitig wuchsen Financial Information und Banking Services in ihren Kerngeschäften weiter. Hinzu kamen die konsequente Umsetzung unseres Programmes zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit (Scale-up 2027) und ein diszipliniertes Kostenmanagement: Der Betriebsaufwand ohne Transformationskosten sank wechselkursbereinigt um 6,8 Prozent. Das zeigt, dass unser diversifiziertes Geschäftsmodell und unsere operativen Verbesserungen gemeinsam Wirkung entfalten.
«Entscheidend war, dass alle vier Geschäftseinheiten zum Ergebnis beigetragen haben.»
Bjørn Sibbern, CEO SIX Group
Der Nettobetriebsertrag stieg um 8,8 Prozent auf 806,6 Millionen Franken, gleichzeitig profitierte SIX von hoher Handelsaktivität und volatilen Märkten. Wie viel des Wachstums ist strukturell – und wie viel dem günstigen Marktumfeld zu verdanken?
Beides spielte eine Rolle. Die hohe Marktaktivität sorgte vor allem bei Aktien und ETFs/ETPs für zusätzliche Volumen. Der breite Ergebnisbeitrag zeigt aber, dass die Entwicklung nicht allein zyklisch ist: Indizes sowie Steuer- und regulatorische Dienstleistungen wuchsen, das Debitkarten-, Mobile- und Zahlungsgeschäft legte zu, und auch Marktdaten und Konnektivitätslösungen entwickelten sich positiv. Zudem stieg der Nettobetriebsertrag wechselkursbereinigt um 10,0 Prozent, während wir die Kostenbasis deutlich reduzierten. Das sind klare strukturelle Fortschritte.
Besonders auffällig ist die Profitabilität: Die EBITDA-Marge ohne Transformationskosten stieg von 35,8 auf 45,6 Prozent. Damit liegen Sie bereits über dem mit «Scale Up 2027» angestrebten Ziel von mehr als 40 Prozent. Können Sie dieses Niveau dauerhaft halten?
Ein Halbjahreswert ist keine neue dauerhafte Zielgrösse. Die Marge wurde durch das starke Marktumfeld unterstützt und kann deshalb schwanken. Gleichzeitig bestätigt sie, dass die strategische Richtung stimmt. Unser mittelfristiges Ziel bleibt eine EBITDA-Marge von über 40 Prozent. Dafür müssen wir das Wachstum halten, die erzielten Effizienzgewinne sichern und «Scale Up 2027» weiterhin diszipliniert umsetzen. Wir wollen nicht einen einzelnen Spitzenwert verteidigen, sondern nachhaltig profitabler und wettbewerbsfähiger werden.
«Wir wollen nicht einen einzelnen Spitzenwert verteidigen, sondern nachhaltig profitabler und wettbewerbsfähiger werden.»
Der kombinierte Handelsumsatz der Börsen in der Schweiz und Spanien stieg um 15,3 Prozent auf 969,3 Milliarden Franken. Gleichzeitig gewinnt SIX an beiden Märkten Marktanteile. Wo sehen Sie noch weiteres Wachstumspotenzial im klassischen Börsengeschäft?
Wachstumspotenzial sehen wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Im Aktien- und ETF/ETP-Handel, bei festverzinslichen Wertschriften, bei Marktdaten sowie bei Kotierungen und Konnektivitätslösungen. Insbesondere das Fixed-Income-Geschäft gewann an Dynamik – in der Schweiz mit rekordhohen Emissionen und in Spanien durch die Rückführung von Emissionsprogrammen; der Handelsumsatz stieg dort um 55,3 Prozent. Zudem wollen wir über die Harmonisierung unserer Handelsplattformen den Zugang vereinfachen und unsere Angebote über die Schweiz, die EU und das Vereinigte Königreich besser verbinden. Entscheidend bleibt, für Emittenten und Handelsteilnehmende attraktive Liquidität, Reichweite und Qualität zu bieten.
Mit Aquis haben Sie Ihre Präsenz in Europa deutlich erweitert. Im ersten Halbjahr erreichte Aquis einen Handelsumsatz von knapp 460 Milliarden Euro. Welche Rolle soll Aquis langfristig innerhalb von SIX spielen?
Aquis ist ein zentraler Baustein unserer europäischen Wachstumsstrategie. Das Unternehmen ergänzt unsere Primärbörsen und Datenangebote um ein multilaterales Handelssystem für 16 europäische Märkte, einen Primärmarkt für Wachstumsunternehmen sowie ein skalierbares Technologie- und Datengeschäft. Langfristig wollen wir unseren Kunden mit «One Plug, Multiple Trading Venues» über eine einzige Verbindung Zugang zu unseren Handelsplätzen in der Schweiz, Spanien und dem Vereinigten Königreich bieten. Das schafft mehr Auswahl, besseren Marktzugang und neue Wachstumschancen in Handel, Listings, Daten und Technologie.
Auch Financial Information wächst, insbesondere bei Indizes sowie Steuer- und regulatorischen Dienstleistungen. Wie wichtig wird das Datengeschäft künftig im Vergleich zum klassischen Börsen- und Nachhandelsgeschäft?
Das Datengeschäft wird weiter an Bedeutung gewinnen, nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Börse und Nachhandel. Finanzinstitute benötigen verlässliche Referenz-, Preis- und Corporate-Actions-Daten sowie zunehmend regulatorische und steuerliche Lösungen. Besonders attraktiv sind skalierbare Mehrwertdienste wie Indizes und RegTech-Angebote. Zugleich bleibt Reference Data and Pricing mit 78,7 Prozent des Nettobetriebsertrags von Financial Information ein solider Teil des Kerngeschäft. Die Kombination aus Handel, Post-Trade und Daten ist ein klarer Vorteil von SIX, weil wir Kunden Services entlang der gesamten Wertschöpfungskette bieten können.
«Das Datengeschäft wird weiter an Bedeutung gewinnen, nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Börse und Nachhandel.»
Bei Banking Services sorgen unter anderem Debitkarten, mobile Dienstleistungen und Konto-zu-Konto-Zahlungen für Wachstum. Wie stark wird sich der Zahlungsverkehr in den nächsten Jahren verändern – und wo sieht SIX dabei ihre Rolle?
Der Zahlungsverkehr wird schneller, stärker digitalisiert und zunehmend direkt zwischen Konten abgewickelt. Gleichzeitig bleiben Sicherheit, Verfügbarkeit und einfache Nutzung zentral. SIX sieht ihre Rolle darin, gemeinsam mit den Banken skalierbare Infrastrukturen und Standards für den Schweizer Finanzplatz bereitzustellen – von Debit- und mobilen Dienstleistungen über Instant Payments und Konto-zu-Konto-Zahlungen bis zu eBill und Open-Banking-Lösungen wie bLink. Wichtig ist, dass neue Angebote interoperabel sind und Kundinnen und Kunden einen konkreten Mehrwert bieten.
Künstliche Intelligenz und Tokenisierung verändern zunehmend die Finanzmarktinfrastruktur. Wo erwarten Sie für SIX den grösseren Umbruch – und wo sehen Sie bereits konkrete Geschäftschancen?
KI wird kurzfristig breiter wirken, weil sie beispielsweise bestehende Prozesse in Datenverarbeitung, Kundenservice, Softwareentwicklung und Marktüberwachung umgestalten oder effizienter machen kann. Tokenisierung hat dagegen das Potenzial, die Marktstruktur langfristig grundlegend zu verändern: Emission, Handel, Abwicklung und Verwahrung können enger verzahnt und teilweise automatisiert werden. Für SIX liegen die Chancen in beiden Bereichen. Entscheidend ist, Lösungen in einem sicheren, regulierten und skalierbaren Umfeld einzusetzen und traditionelle sowie digitale Märkte sinnvoll miteinander zu verbinden.
SIX gehört rund 120 Banken und soll zugleich als internationales Infrastrukturunternehmen wachsen. Wie weit kann und soll die Internationalisierung gehen, ohne dass SIX ihren besonderen Auftrag für den Schweizer Finanzplatz aus den Augen verliert?
Internationalisierung und der Auftrag für den Schweizer Finanzplatz sind für uns kein Widerspruch. Skalierung in Europa erweitert unser Angebot, verteilt Investitionen auf eine breitere Basis und stärkt unsere Innovationskraft. Davon profitieren auch unsere Kunden und Aktionäre in der Schweiz. Gleichzeitig bleiben Stabilität, Sicherheit, offene Märkte und faire Zugangsbedingungen für den Schweizer Finanzplatz zentral. Internationales Wachstum ist für uns dann sinnvoll, wenn es strategisch passt, finanzielle Disziplin wahrt und unsere Heimatmärkte Schweiz und Spanien stärkt.
Nach dem starken ersten Halbjahr: Was muss SIX in den kommenden zwölf bis achtzehn Monaten erreichen, damit Sie «Scale Up 2027» am Ende als Erfolg bezeichnen?
Erfolg bedeutet für mich, dass wir die heutige Dynamik in nachhaltige Ergebnisse übersetzen. Konkret wollen wir im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen, die EBITDA-Marge dauerhaft auf über 40 Prozent verbessern und die geplanten Effizienzgewinne realisieren. Gleichzeitig wollen wir die Potenziale mit Aquis weiter erschliessen, die Harmonisierung unserer Handelsplattformen vorantreiben und in allen vier Geschäftseinheiten messbaren Kundennutzen schaffen. Entscheidend ist nicht nur, finanzielle Ziele zu erreichen, sondern SIX langfristig agiler, einfacher und wettbewerbsfähiger aufzustellen – bei unverändert hoher Stabilität und Sicherheit.
