Bruno Vogelsang, Geschäftsführer und Inhaber der VERWO AG, im Interview

Bruno Vogelsang, Geschäftsführer und Inhaber VERWO AG (Bild: VERWO, Moneycab)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Vogelsang, Sie haben 2007 eine traditionsreiche, aber strategisch breit aufgestellte Blechwarenfabrik übernommen, das Kunststofffenstergeschäft verkauft, das Fassadengeschäft beendet, in Acquacut investiert, Spreitenbach 2022 in die Franke Industrie eingebracht und bauen 2026 in Reichenburg ein neues Montagewerk für rund 14 Millionen Franken. Welcher strategischer Schritt steht als nächster an?

Bruno Vogelsang: Als nächstes steht das Auslasten des neuen Montagewerks an. Insgesamt stehen rund 7’000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung, welche bespielt werden müssen.

«Heute haben wir in der Schweiz eine einzigartige Stellung als «Contract manufacturer» für anspruchsvollste Kunden erreicht. Die Blechbearbeitung ist Teil unserer DNA. Sie ist wichtig und bildet oft die Basis unserer Projekte.» Bruno Vogelsang, Geschäftsführer und Inhaber der VERWO AG

Mit dem neuen «Werk 2» direkt gegenüber dem Hauptsitz konzentrieren Sie sich klar auf hochpräzise Baugruppen für Wehrtechnik, Vakuumtechnik, Halbleiter und Reinraumprodukte. Was bedeutet das für das klassische Blechbearbeitungsgeschäft aus dem Anlagen- und Maschinenbau?

Wir haben vor über zehn Jahren begonnen, uns zu einem Systemlieferanten zu entwickeln. Die Ausweitung im Bereich hochstehender Montagefähigkeiten für spezielle Branchen ist eine logische Manifestierung unserer Strategie. Heute haben wir in der Schweiz eine einzigartige Stellung als «Contract manufacturer» für anspruchsvollste Kunden erreicht. Die Blechbearbeitung ist Teil unserer DNA. Sie ist wichtig und bildet oft die Basis unserer Projekte. Sie wird in Kombination mit weiteren Fähigkeiten und Kapazitäten auch künftig zentral bleiben.

In welche neuen geografischen Märkte führt der Weg in den nächsten fünf Jahren und in welchen davon werden Sie über lokale Präsenz oder eine zweite Auslandsproduktion antreten müssen, um genügend Marge erzielen zu können?

Bis anhin ist es oft so, dass unsere Kunden den Hauptsitz oder mindestens einen Ableger in der Schweiz haben. Dies erleichtert den gegenseitigen Zugang und den Vertrauensaufbau. Wir haben einen Standort in der EU, dies wiederum hilft, den Kundenerwartungen in Bezug auf eine BCC supply chain (Best-Cost-Country) gerecht zu werden. Es ist indes schwierig, einzelnen Kunden in die Regionen zu folgen. Unsere Prozesse hängen oft von sehr grossen Investitionen in Technologien ab. Hinzu kommt eine Verkettung der Technologien und Prozesse und der Anspruch, diese auszulasten, um letztlich die Investitionen amortisieren zu können. Bisher hat kein Kunde das Volumen und die Auslastung anbieten können, welche eine Subsidiary in einem anderen Land rechtfertigen würde.

«Wir haben einen Standort in der EU, dies hilft, den Kundenerwartungen in Bezug auf eine BCC supply chain (Best-Cost-Country) gerecht zu werden.»

Engineering, Blechbearbeitung, Baugruppenmontage und strategische sowie operative Beschaffung – das sind mehrere unterschiedliche Geschäftsmodelle mit ganz verschiedenen Margenprofilen. Welcher dieser drei Bereiche trägt heute den grössten Deckungsbeitrag, welcher wächst am schnellsten, und in welchen der drei werden Sie in den nächsten 3 Jahren überproportional investieren?

In der Regel beinhalten unsere Kundenprojekte alle von Ihnen ausgeführten Disziplinen. Sie sind voneinander abhängig, respektive ergänzen sich. Durch die Fähigkeit, welche wir uns aufgebaut haben in den verschiedenen Bereichen, können wir sehr komplexe Projekte abwickeln und oft die Kunden entlasten, indem wir ihnen das «VERWO Sorglospaket mit Plus» liefern.

Die Beschaffung – einst eine Hilfsdisziplin im Maschinenbau – ist bei VERWO zu einem eigenständigen Geschäftsfeld geworden. Was ist die Strategie dieses Bereiches, was kann ein Schweizer KMU hier anbieten, das Kunden nicht bei einem global breiter aufgestellten Unternehmen schon bekommen?

Wie gesagt, selten bieten wir solche Dienstleistungen singulär an, dafür umso öfter in Kombination. Entsprechend nimmt die Komplexität exponentiell zu. Global aufgestellte Kunden kommen auch an Grenzen. Grösse, träge Prozesse, langsame Entscheide, Führungsmankos, ungenügend gute Projektmanagement-Tools sind Stichworte hierzu. Wir können solche Lücken füllen. Letztlich geht es darum «time to market» zu reduzieren und schneller als die Konkurrenz Umsatz zu generieren. Hierzu können wir einzigartige Mehrwerte schaffen.

Wo setzen Sie Künstliche Intelligenz (KI) heute schon konkret ein und welcher dieser Anwendungsfälle hat den ersten messbaren Beitrag in Ihrer Erfolgsrechnung erzeugt?

Alle PC-User haben eine erste globale KI Schulung durchlaufen mit «Do’s und Dont’s» sowie vielen Anwendungstricks. Ziel ist es, dass die auf uns zugeschnittenen heute verfügbaren Standardlösungen sicher und effizient genutzt werden. Wir prüfen die Anzahl der KI-Einsätze, diese nimmt von Monat zu Monat zu. Ausserdem haben wir erste spezifisch umgesetzte Anwendungen eingeführt. Beispielsweise werden Auftragsbestätigungen von Lieferanten automatisch geprüft, die Einkäuferin muss sich nur noch um Abweichungen kümmern. Damit werden die Jobs abwechslungsreicher und es wird Kapazität für in diesem Fall Cost-saving-Massnahmen bei Lieferanten geschaffen.

Beeinflusst KI auch Ihr Produkt selbst, also die ausgelieferte Baugruppe – etwa über digitale Zwillinge für Halbleiterkunden, smarte Wartungssensorik oder selbstoptimierende Reinraumkomponenten, was sind die nächsten geplanten Einsatzbereiche für KI?

Nein, so weit sind wir noch nicht mit KI verheiratet. Der Ideenspeicher ist zwar prall gefüllt, aber wir haben nur eine beschränkte Kapazität für die Umsetzung und Einführung. Wir konzentrieren uns die nächsten Monate auf Prozesse und noch nicht auf Produkte mit KI-Anteil.

«Auftragsbestätigungen von Lieferanten werden (mit KI) automatisch geprüft, die Einkäuferin muss sich nur noch um Abweichungen kümmern. Damit werden die Jobs abwechslungsreicher.»

Halbleiter- und Vakuumtechnik-Kunden vergleichen Schweizer Lieferanten heute mit Anbietern aus Tschechien, Polen, der Türkei und zunehmend China. Was ist «Swiss made» einem deutschen oder amerikanischen Equipment-Hersteller 2026 noch konkret wert – in Prozent Aufpreis, gemessen am Vergleichsangebot aus Osteuropa?

Wir können nur mit Verlässlichkeit punkten. Top-Qualität zum richtigen Zeitpunkt. Glücklicherweise sind viele der Produkte für die Halbleiterproduktion hart an der Machbarkeitsgrenze angesiedelt. Die Eintrittsbarrieren sind entsprechend sehr hoch. Dies wiederum reduziert ein wenig den Kostendruck auf uns. Hinzu kommen die weltwirtschaftlichen Hemmnisse, wie Zölle oder «no China, no US»-Regeln, einmal ist es zu unserem Vorteil, ein anderes Mal ist es nachteilig. Letztlich müssen wir unsere Nischen finden und uns stets anpassen, dann kann man in der Schweiz erfolgreich produzieren.

VERWO CZ in Letiny bei Pilsen ist seit 2015 aktiv und 2021 in eine eigene Liegenschaft mit ERP-Anbindung an Reichenburg gezogen. Wo verläuft heute die Wertschöpfungsgrenze: Was wird zwingend in Reichenburg gefertigt, was in Letiny und wo wird künftig das grössere Wachstum stattfinden?

Einzelteilfertigung von Serienteilen soll bevorzugterweise in Letiny stattfinden und in die Schweiz geliefert werden. Sobald ein Bauteil in eine Baugruppe integriert wird, verlässt es in der Regel die Schweiz erst nach Fertigstellung, denn «Hin und Her macht die Taschen leer» – Ausserdem haben wir nichts davon, wenn wir den Teiletourismus fördern.

Reichenburg liegt im Kanton Schwyz – steuerlich attraktiv, politisch berechenbar, mit kurzen Wegen in der Verwaltung. Letiny liegt mitten im EU-Binnenmarkt, mit Zollfreiheit, anderen Lohnkosten und einem ganz anderen Regulierungstempo. Wo erleben Sie den Kanton Schwyz überlegen, wo hat die EU Vorteile?

Wir müssen in der Schweiz aufpassen, dass wir die von Ihnen erwähnten Vorteile nicht verspielen. Die Regulierungswut zerstört einen wichtigen Standortvorteil und macht uns noch teurer als wir schon sind. Aktuell beim Bau des Werk 2 wird es sehr deutlich. Angefangen bei den SIA-Normen, welche in vielerlei Hinsicht zu viele Reserven beinhalten und immer auf die ganz sichere Seite ausgelegt werden. Kumulativ führt dies zu klar teureren Bauten und zu einem höheren Ressourcenverbrauch. Provokativ gesagt – wir verbauen doppelt so viel Eisen und Beton wie bei einem Bau vor 30 Jahren – SIA wird in der Bauwelt als heiliger Gral angesehen und ist untouchable für den Bauherrn.

«Wir müssen in der Schweiz aufpassen, dass wir die Vorteile nicht verspielen. Die Regulierungswut zerstört einen wichtigen Standortvorteil und macht uns noch teurer als wir schon sind.»

Hinzu kommen viele behördliche Vorschriften, welche ebenfalls zu höheren Gestehungskosten führen. Schauen Sie sich einmal eine Baubewilligung an. Beinahe jedes Amt im Kanton steckt einen hohen Aufwand in die Prüfung der Baueingabe-Unterlagen und muss seine Haltung dazu geben. Oft treffen dabei widersprüchliche Auslegungen der Gesetze und Verordnungen aufeinander, weil die Ämter ihre singulären Interessen vertreten. Dabei wäre es wünschenswert, dass sie einen Konsens untereinander finden und diesen im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens koordiniert an die Gemeinde zurückspielen.

Eine teilweise Widersprüchlichkeit in den Auflagen führt wiederum für den Bauherrn zu teureren Baukosten und zu Verzögerungen in den Verfahren. Das ist in erster Linie kein Vorwurf gegen die Behörden, sondern gegen unsere Gesetzgebung, welche wir Bürger uns selbst aufbürden. Lange Rede kurzer Sinn – in Tschechien erleben wir zwar eine etwas andere Vorgehensweise, aber sie ist in Summe nicht (mehr) nachteiliger als in der Schweiz.

Die VERWO bildet rund 22 Lernende in mehreren technischen Berufen aus – ein für ein 300-Personen-Unternehmen aussergewöhnlich grosses Engagement. Wie viele Ihrer heute aktiven Fachkräfte sind aus dieser eigenen Lehre hervorgegangen, und für welche Profile müssen Sie trotz der eigenen Ausbildung zwingend im Ausland rekrutieren?

Als ich die VERWO vor 20 Jahren übernehmen durfte, hatten wir einen einzigen Lernenden und viele Mitarbeitende, welche auf das Pensionsalter zusteuerten. Wir hatten also schon damals ein markantes Überalterungsproblem, was natürlich für die Weiterentwicklung eines Unternehmens gefährlich ist. In einer Zwischenphase haben wir dann versucht mehr Lernende auszubilden. Aber ehrlich gesagt, haben wir nur die zweitbeste Ausbildung geboten und oft nur die zweitbesten Lernenden rekrutieren können.

Als sich dann zunehmend der Arbeitsmarkt auszutrocknen drohte, haben wir aufs Ganze gesetzt und die VERWO-stifti ins Leben gerufen. Heute bildet die VERWO-stifti professionell aus, die Lernenden sind betreut von motivierten und kompetenten Ausbildnern, die Infrastruktur ist modern, die Maschinen entsprechen dem neuesten Stand der Technik. Die Folge davon ist, dass wir heute die besten Lernenden erhalten und sie zu 80% bei uns bleiben nach der Lehre. Wir haben Beispiele, welche es nach der Matura und einem Studium bis in das Management und die Geschäftsleitung geschafft haben. Das macht Spass!

«Heute bildet die VERWO-stifti professionell aus, die Lernenden sind betreut von motivierten und kompetenten Ausbildnern, die Infrastruktur ist modern, die Maschinen entsprechen dem neuesten Stand der Technik.»

Mit welchen Hochschulen, Fachhochschulen und Forschungsinstituten arbeiten Sie heute systematisch zusammen, und zu welchen Themen?

Für uns am Naheliegendsten ist die Zusammenarbeit mit der OST und teilweise mit der ETH. Wir bieten die Möglichkeit, dass Studenten bei uns «reinschnuppern» können und dadurch die Produktionsmöglichkeiten besser kennen lernen. Oder wir unterstützen die «Racing-OST»-Community, hierbei baut eine Studentengruppe jeweils einen elektrischen Rennwagen. Zusätzlich werden wir im Innovationspark Zürich einen Engineering-Hub aufbauen, damit wir noch näher an den Universitäten, Grosskonzernen und Startups dran sind und so hautnah Innovationen mitgestalten können.

Wenn wir in drei Jahren wieder hier sitzen: Wo steht VERWO dann beim Umsatz, den strategischen Bereichen, bei der internationalen Präsenz?

VERWO wird sich weiterhin erfolgreich entwickeln und wachsen. Unsere Positionierung ist aussergewöhnlich stark, unser Know-how und die Dienstleistungsangebote treffen den Zeitgeist. Die grossen Player in den für uns wichtigsten Branchen brauchen künftig noch verstärkter agile Partner und «Umsetzer», um ihre eigenen Wachstumsvorgaben erfüllen zu können. Wir freuen uns auf die Zukunft.


VERWO AG


Dieses Interview wurde mit der freundlichen Unterstützung des Amts für Wirtschaft des Kantons Schwyz ermöglicht

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