Erwin Stoller, CEO und VRP Rieter

Erwin Stoller

Erwin Stoller, abtretender VRP Rieter. (Foto: Rieter)

Erwin Stoller, CEO VRP Rieter. (Foto: Rieter)

von Bob Buchheit

Moneycab: Herr Stoller, wir sind jetzt im dritten Jahr nach der Aufspaltung des Rieter-Konzerns: Was sind da die Erkenntnisse: Was läuft besser, was läuft schlechter?

Erwin Stoller: Der grosse Vorteil ist, dass wir uns vom Verwaltungsrat bis zum einzelnen Mitarbeitenden klar auf das Geschäft mit Spinnereimaschinen und -Komponenten fokussieren können. Wir haben eine einfachere Führungsstruktur und kürzere Entscheidungswege. Davon profitieren wir, und das kommt unseren Kunden zu Gute.

Gibt es noch irgendeine Form der Zusammenarbeit mit der abgespaltenen Autoneum?

Nein, beide Unternehmen sind völlig eigenständig und unabhängig. Es gibt eine Verbindung über den Verwaltungsrat: Vier Verwaltungsräte haben bei Rieter und bei Autoneum Einsitz.

Seit Jahren rücken die Schweizer Maschinenbauer mit ihrer Produktion immer näher an die Absatzmärkte. Bei Ihnen sind das vor allem Indien, China und die Türkei. Wie stark greifen Sie dort auf lokale Managementtalente zu?

Wir verfügen seit Jahren über eigene Organisationen in China und Indien und haben sie  in den letzten zwei Jahren massiv ausgebaut. Wir sind selbstverständlich auf lokale Managementtalente angewiesen. Dank unserer starken Marke und dem guten Ruf in diesen Ländern gelingt es uns auch, gute Manager zu rekrutieren. In der Türkei führen wir eine eigene Serviceorganisation, die seit Jahren von einem Schweizer geleitet wird. Wir ziehen aber türkische Talente nach.

Die Chinesen holen im Textilmaschinenbau auf. Welches sind noch immer die technischen Vorteile unserer Schweizer Spinnereimaschinen?

Die Spinnereiindustrie in China ist einem starken Wandel unterworfen. Die rasch steigenden Kosten sowie der Mangel an Arbeitskräften führen zu einer starken Nachfrage nach hochwertiger Technologie, die Rieter ganz klar liefern kann. Aus diesem Grund wachsen wir in China stärker als der Markt. Wir differenzieren uns mit unseren Produkten über eine bessere Garnqualität und Rohmaterialausnutzung, über einen geringeren Personalbedarf und eine höhere Energieeffizienz.

«Die Spinnereiindustrie in China ist einem starken Wandel unterworfen.»
Erwin Stoller, CEO und VRP Rieter

Spüren Sie in Indien und China die sich deutlich verlangsamende Konjunktur?

Der indische Markt ist immer noch verhalten, hat sich aber bei den Komponenten leicht belebt. Die Nachfrage nach hochwertigen Textilmaschinen und -komponenten besteht auch in Indien. In China wachsen wir, wie gesagt, stärker als der Markt.

Im letzten Jahr war der free cash flow mit 32,3 Millionen Franken negativ, ohne den Verkauf von ihrer tschechischen Produktionsstätte gar bei -67 Millionen. Rieter will weiter stark antizyklisch investieren. In welche produkttechnologischen Schwerpunkte soll es gehen?

Wir investieren gezielt in das Hochleistungsspinnverfahren Air Jet, in den Ausbau unserer Produktionsstandorte China und Indien sowie in Prozessverbesserungen, die uns helfen, die Vorteile unserer globalen Aufstellung optimal zu nutzen.

Erst im 2015 wird die Viertelmilliarde der 4,5%-Anleihe fällig. Wollen Sie nicht bereits jetzt das rekordgünstige Zinsumfeld nutzen?

Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen im Zinsumfeld genau und haben diese in unseren langfristigen Finanzierungsüberlegungen entsprechend berücksichtigt.

Rieter wird mittlerweile mit weniger als einem Jahresumsatz an der Börse bewertet. Das macht sie doch sicherlich zu einem Übernahmekandidaten?

Ich sehe uns keineswegs als Übernahmekandidaten. Wir haben eine klare Strategie, verfügen über konkrete Pläne und Projekte zu deren Umsetzung sowie zwei Hauptaktionäre, welche diese Vorhaben unterstützen.

«Unser Geschäft ist und wird immer zyklisch bleiben. Dies ist auch der Grund, weshalb wir nach  Beendigung des Investitionsprogramms unseren Break-even wieder senken wollen.»

Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, ihr so stark zyklisches Investitionsgütergeschäft zu glätten?

Unser Geschäft ist und wird immer zyklisch bleiben. Dies ist auch der Grund, weshalb wir nach  Beendigung des Investitionsprogramms unseren Break-even wieder senken wollen. Damit können wir die Zyklen besser meistern. Zudem haben wir über die letzten Jahre unser Komponentengeschäft, welches etwas weniger zyklisch ist, weiter ausgebaut.

Werden Sie Servicedienstleistungen ausbauen? Das würde ja den Geschäftsverlauf glätten.

Wir verfügen über ein sehr gutes Ersatzteilgeschäft. Ein eigentliches Servicegeschäft gibt es aber in unsere Branche nicht.

Seit 2011 gibt es in der Schweiz einen Einstellungsstop, und in den nächsten zwei Jahren soll weltweit die Personaldecke um 5% kürzer werden. Was bringt das unter dem Strich?

Der Grund dafür sind unsere Erwartungen an ein weiteres Marktwachstum vor allem in Asien. Deshalb müssen wir an den etablierten Standorten die Kapazitäten anpassen. Gleichzeitig fokussiert sich Rieter auf die Verbesserung der Margen mittels Senkung der Produktkosten, optimaler Steuerung der Kapazitäten und Preisdisziplin.

Bis 2014 wollen Sie den CEO-Staffelstab an Norbert Klapper übergeben. Was geben Sie ihm noch zusätzlich mit?

Ein global gut aufgestelltes Unternehmen mit Weltruf; Kunden, die zu den besten in der Branche gehören; konkurrenzfähige Produkte und eine sehr starke Mannschaft, die ihre Verpflichtungen unserem 218 jährigen Unternehmen gegenüber genau kennt.

Zur Person:
Erwin Stoller verbrachte praktisch sein ganzes Berufsleben bei Rieter. 1978 stieg der  Maschineningenieur bei dem Winterthurer Traditionskonzerns ein. Seit 2008 ist er Verwaltungsratspräsident und seit 2009 Konzernchef des Unternehmens, einem der weltweit grössten, führenden Anbieter für Textilmaschinen und –komponenten für die Kurzstapelfaser-Spinnerei: Erwin Stoller führte Rieter nach dem verlustreichen 2009 wieder in die Gewinnzone und vollzog die Abspaltung von Autoneum. Anfangs 2014 übergibt Erwin Stoller die Leitung des Konzerns an Norbert Klapper und konzentriert sich auf das Verwaltungsratspräsidium.

Zum Unternehmen:
Rieter entwickelt und fertigt Maschinen, Anlagen und Komponenten für die Verarbeitung von Naturfasern und synthetischen Fasern sowie deren Mischungen zu Garnen. Das Unternehmen ist der einzige Anbieter weltweit, der sowohl die Prozesse für Spinnereivorbereitung als auch sämtliche vier Endspinnverfahren abdeckt, die am Markt etabliert sind. Mit allen Schlüsselprodukten bei Maschinen und Komponenten gehört Rieter zu den weltweiten Marktführern. Bis zum 12. Mai 2011 war der Rieter-Konzern auch im Autozuliefergeschäft tätig. Die ehemalige Division Rieter Automotive Systems ist seit dem 13. Mai 2011 unter dem Namen  Autoneum als separate Gesellschaft an der SIX Swiss Exchange kotiert. Das Unternehmen Rieter ist mit 18 Produktionsstätten in zehn Ländern vertreten und beschäftigte 2012 rund  4 700 Mitarbeitende.

 

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