von Sandra Willmeroth
Moneycab.com: Herr Vitarelli, die VZ Gruppe hat heute ihre Jahreszahlen 2025 publiziert. Auffällig ist, dass die Erträge aus der Beratung um 13,4 Prozent gestiegen sind. Was treibt dieses Wachstum?
Giulio Vitarelli: Viele Erwerbstätige sind verunsichert, weil die Pensionierung deutlich komplexer geworden ist. Zahlreiche Reformen, komplexe Regeln und drohende Steuererhöhungen führen dazu, dass sich die Rahmenbedingungen ständig ändern. Darum suchen immer mehr Schweizerinnen und Schweizer den Austausch mit einer erfahrenen Fachperson, die die nötige Expertise mitbringt. Das zeigt sich entsprechend in unseren Honorarerträgen.
Sie haben angekündigt, die VZ Gruppe stärker digital auszurichten, ohne die persönliche Beratung zu vernachlässigen. Wie sieht diese Balance konkret aus?
Wir investieren laufend ins VZ Finanzportal – das ist unsere digitale Schnittstelle zu unseren Kundinnen und Kunden. Sie sollen alle Dienstleistungen auch digital nutzen können. Wir haben den Ehrgeiz, zu den Besten der Branche zu gehören. Beim Mobile- und E-Banking steht das Finanzportal in den relevanten Rankings bereits auf Platz 1. Es trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Dienstleistungen intensiver genutzt werden.
Ihre Fachexpertise wird durch den rasanten Fortschritt von KI für alle einfach zugänglich. Wie stark könnte die bezahlte Beratung künftig schrumpfen?
Ich glaube nicht, dass die Nachfrage nach unabhängiger Honorarberatung zurückgeht – im Gegenteil. KI kann vieles, aber sie nimmt einem nicht die Verantwortung für Entscheidungen ab, die man nur einmal im Leben trifft und dann ein Leben lang spürbar bleiben. Gerade bei der Pensionierung geht es um existenzielle Fragen. Viele Schweizerinnen und Schweizer sparen während ihres Berufslebens grössere Beträge an. Mit diesem Geld wollen sie keine Experimente machen – darum verlassen sie sich lieber auf fundierte Berechnungen und die Erfahrung einer Fachperson, die sie persönlich treffen können.
«KI kann vieles, aber sie nimmt einem nicht die Verantwortung für Entscheidungen ab, die man nur einmal im Leben trifft und dann ein Leben lang spürbar bleiben.»
KI ist also kein Thema für Sie?
Wir nutzen KI vor allem in der Verarbeitung und Abwicklung, um Prozesse zu automatisieren und Daten zu analysieren. Wissensdatenbanken unterstützen unsere Beraterinnen und Berater bei Fachfragen, Prozessen und Fragen zur Compliance. Allerdings: In der Interaktion mit unseren Kundinnen und Kunden bleibt der persönliche Austausch unverzichtbar.
Der Zustrom neuer Kunden hängt auch von den Märkten ab: Der SMI erreichte ein Rekordniveau, und auch Gold und Obligationen haben stark zugelegt.
Die Börsenstimmung spielt sicher eine Rolle. Unser Geschäftsgang hängt aber weniger von der Konjunktur und vom Börsengeschehen ab als von der Demografie. Unser Markt wächst kontinuierlich: Immer mehr Menschen erkennen, dass sie ihre Pensionierung gut organisieren müssen. Letztes Jahr kam beides zusammen: ein freundliches Marktumfeld und eine höhere Nachfrage nach Fachexpertise. Als Folge davon ist der Bestand an Kunden, die mindestens eine unserer Plattformen nutzen, um fast 13 Prozent auf mehr als 94’000 Kunden gestiegen.
«Unser Markt wächst kontinuierlich: Immer mehr Menschen erkennen, dass sie ihre Pensionierung gut organisieren müssen.»
Beim Anstieg des Netto Neugelds von 5,1 auf 5,8 Milliarden Franken spielte die gute Börse keine Rolle?
Dieser Wert hängt vor allem davon ab, wie viele Consultants für die Beratung der neuen Kundinnen und Kunden zur Verfügung stehen. 2025 waren es durchschnittlich 259 Vollzeitäquivalente. Voraussichtlich wächst diese Zahl um 7 bis 9 Prozent pro Jahr – das schafft Raum für eine weitere Steigerung beim Netto-Neugeld. Aber klar: Aus Erfahrung wissen wir, dass das Netto-Neugeld auch von der Marktlage abhängt, weil Kundinnen und Kunden freie Mittel in positiven Phasen eher investieren, während sie in unruhigen Zeiten zuwarten.
Wie stark spüren Sie die Auswirkungen des Zinsumfelds auf das Kerngeschäft der Vermögensverwaltung und der Vorsorgeberatung – und welche Segmente tragen derzeit überproportional zum Wachstum bei?
Das Zinsumfeld hat vor allem Einfluss auf unseren Bankertrag. Weil die Nationalbank den Leitzins schrittweise auf 0 Prozent gesenkt hat, ist das Zinsergebnis um fast 30 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sind die Handels- und Transaktionserträge gestiegen – gestützt durch starke Aktienmärkte und höhere Handelsaktivität. Insgesamt kompensierten diese Erträge einen Teil des Rückgangs. Langfristig wachsen die Bankerträge im Gleichschritt mit der Anzahl Kunden. 2026 ist das aber noch nicht der Fall: Die tiefen Zinsen führen dazu, dass die Zinsmarge 2026 gegenüber 2025 von durchschnittlich 56 auf rund 50 Basispunkte zurückgeht. Voraussichtlich wird das Bilanzwachstum diese Einbusse kompensieren.
Viele Finanzdienstleister stehen wegen Regulierung und Kosten unter Druck. Wie schafft es die VZ Gruppe, ihre Margen stabil zu halten – und wo liegen die grössten Effizienzpotenziale?
Der regulatorische Aufwand nimmt klar zu, und das führt zu höheren Kosten – daran kommt heute kein Finanzdienstleister vorbei. Für uns bleiben die Folgen begrenzt, weil wir stark wachsen. Je mehr Kundinnen und Kunden unsere Plattform nutzen, desto besser verteilen sich die Fixkosten – das stabilisiert die Margen. Gleichzeitig sehen wir grosse Effizienzpotenziale in der weiteren Digitalisierung der Prozesse. Jede zusätzliche Automatisierung – sei es bei der Beratungsvorbereitung, in der Dokumentation oder bei regulatorischen Checks – verbessert unsere Produktivität messbar. Das bedeutet: Wir wachsen, ohne dass unsere Kosten stärker wachsen müssen als die Erträge.
«Der regulatorische Aufwand nimmt klar zu, und das führt zu höheren Kosten – daran kommt heute kein Finanzdienstleister vorbei.»
Trotzdem sind die Personalkosten schneller gestiegen als die Erträge. Warum?
Nicht nur in der Beratung, sondern auch für den Betrieb unserer Plattformen brauchen wir gut ausgebildete Leute. Sie machen rund die Hälfte des Personals aus. Langfristig wächst dieser Teil der Personalkosten etwa im Gleichschritt mit der Anzahl der Plattform-Kunden. 2025 gab es ungewöhnlich viele Talente auf dem Arbeitsmarkt. Diese Chance haben wir genutzt, auch wenn die Kosten dadurch kurzfristig stärker gestiegen sind.
Wie stark wird sich das Zusammengehen von UBS und CS sowie Helvetia und Baloise auf den Arbeitsmarkt und die Talentgewinnung im Schweizer Finanzsektor auswirken?
Für den Ausbau unserer Consultant-Kapazitäten rekrutieren wir vor allem motivierte Personen ab der Universität oder Fachhochschule. Sie müssen zuerst eine rund zweijährige interne Ausbildung zu Themen wie Steuern, Pensionskassen, Nachlass oder Geldanlagen absolvieren, die mit anspruchsvollen Prüfungen einhergehen. Erst nach bestandenen Prüfungen hat ein Consultant das nötige Wissen und kann Kundenverantwortung übernehmen. Auch Quereinsteiger müssen die interne Ausbildung absolvieren und bestehen. Ehemalige Bank- oder Versicherungsangestellte müssen also bereit und motiviert sein, Zeit in ihre Ausbildung innerhalb unserer internen Akademie zu investieren. Das kommt selten vor.
Wie stellen Sie sicher, dass die Unternehmenskultur der VZ Gruppe trotz Wachstum, Digitalisierung und zunehmender Regulierung nicht verwässert, sondern gestärkt wird?
Wir denken langfristig – das gehört seit jeher zu unserer Kultur. Weil wir uns an den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden orientieren, sind wir niemandem verpflichtet ausser ihnen.
Das führt dazu, dass wir unternehmerische Verantwortung bewusst bis in sehr tiefe Hierarchiestufen verankern. Teams entscheiden selbst und tragen Verantwortung für ihre Resultate – das hält uns agil und schlank. Gestützt wird diese Kultur durch den starken Ankeraktionär und VZ Gründer Matthias Reinhart. Er sorgt für Stabilität und Kontinuität – also dafür, dass unsere Werte unverändert gelebt werden.
Wie beurteilen Sie die Rolle der VZ Gruppe im Vorsorgemarkt – gerade jetzt, wo die politischen Diskussionen rund um die 2. und 3. Säule wieder an Fahrt aufnehmen?
Das Vorsorgesystem wird gesellschaftspolitisch so intensiv diskutiert wie seit Jahren nicht mehr. Der Staat prüft etwa, den Bezug von Pensionskassen- und 3a-Geldern erst ab 63 zu erlauben – das trifft jene hart, die früher in Pension wollen. Geplant sind auch höhere Kapitalauszahlungssteuern. Viele sind irritiert, weil sich dadurch die Spielregeln nachträglich ändern könnten. Es überrascht nicht, dass kaum jemand noch den Durchblick hat. Wer kurz vor der Pension steht, wünscht sich Klarheit und Sicherheit. Hier ist unsere Fachexpertise entscheidend: Wir erklären komplexe Themen verständlich, zeigen die konkreten Auswirkungen auf die finanzielle Situation und unterstützen Erwerbstätige dabei, sich richtig zu entscheiden.
Das VZ nennt sich weiterhin unabhängig. Wie lässt sich diese Bezeichnung heute noch begründen?
Unsere Unabhängigkeit wird vor allem im Vergleich zu Banken und Versicherer sehr deutlich. Unsere Experten können Kundinnen und Kunden unabhängig zu Themen wie Pensionierung, Nachlass und Hypotheken beraten, weil unsere Fachexpertise nicht vom Verkauf von Finanzprodukten abhängig ist, sondern im Stundenhonorar durch die Kunden abgegolten wird. Darum haben unsere Consultants keinen Anreiz, etwas zu empfehlen, das ihnen einen Vorteil bringen würde. Zudem: Beim VZ kann die Vermögensverwaltung ein Folgeauftrag von Kunden nach einem abgeschlossenen Beratungsprojekt zu Themen wie Pensionierung und Nachlass sein. Anders als Banken, die eigene Fonds oder strukturierte Produkte verkaufen, verzichten wir auf solche Eigenkonstruktionen – und damit auf klassische Interessenkonflikte.
Welche Anlagen setzen Sie ein?
Nur solche, die sich in objektiven Auswahlverfahren als herausragend im Markt erwiesen haben. Alle Retrozessionen schreiben wir konsequent den Kunden gut. Es überrascht mich nicht, dass Banken und Versicherer unser Geschäftsmodell kritisieren. Denn es stellt ihre traditionellen Vertriebsstrukturen infrage, die vor allem auf dem Verkauf und der Vermittlung von Produkten basieren. Die hohe Nachfrage und Zufriedenheit unserer Kundinnen und Kunden bestätigen, dass wir mit unserem Geschäftsmodell richtig liegen. Die Fachexpertise, sei es bei Fragen rund um die Pensionierung, sei es in der Vermögensverwaltung bei der Auswahl der passenden Anlageprodukte, bleibt dabei unser stärkstes Differenzierungsmerkmal.
Wie sind Ihre Erwartungen für das aktuelle Jahr?
Im ersten Halbjahr 2026 wird der tiefere Zinsertrag das Wachstum der Bankerträge noch einmal bremsen. Über das gesamte Geschäftsjahr 2026 sollten wir uns wieder dem durchschnittlichen Wachstum der letzten Jahre annähern – wie immer vorausgesetzt, dass sich die Finanzmärkte stabil entwickeln. Darüber hinaus erwarten wir, dass die Nachfrage nach unserer Beratung und die Konversion zu unseren Plattformen in ähnlichem Tempo weiter zunehmen.
