Jean‑Daniel Laffely, CEO Vaudoise, im Interview

Jean‑Daniel Laffely

Jean‑Daniel Laffely, CEO Vaudoise. (Foto: zvg)

von Sandra Willmeroth

Herr Laffely, 2025 erzielt die Vaudoise ein historisches Jahresergebnis. Welche Faktoren haben diesen Gewinnanstieg am stärksten geprägt – und wo lagen die grössten Belastungen?

Zu den wichtigsten positiven Elementen zählen ein sehr gutes Anlageergebnis sowie eine im Vergleich zum Vorjahr geringere Schadenbelastung im Bereich der Naturereignisse. Die allgemeinen Kosten sind jedoch aufgrund verschiedener Projekte wie der digitalen Transformation und einer Änderung unserer Rechnungslegung gestiegen.

Die Combined Ratio im Nichtleben hat sich verbessert, bleibt aber über dem strategischen Zielwert. Welche Massnahmen wirken 2026 am stärksten auf Schaden- und Kostenquote?

Die Massnahmen der letzten Jahre zeigen Wirkung. Obwohl wir unser Ziel nicht erreicht haben, sind wir 2025 nicht weit von unserem Sollwert entfernt. Dies war nur mit Massnahmen zur Anpassung der Motorfahrzeug-Prämien als Reaktion auf die deutliche Erhöhung der Kosten für Fahrzeugreparaturen möglich. Ausserdem stellen Naturereignisse zwangsläufig ein Risiko dar und können die Combined Ratio beeinflussen. Wir werden weiterhin ein besonderes Augenmerk auf die Rentabilität legen, um das Ziel zu erreichen, das wir für die neue Strategieperiode 2026–2028 festgelegt haben. Dabei achten wir weiterhin auf ein diszipliniertes Underwriting. Ausserdem ergreifen wir Massnahmen, um den Teil der Kosten in der Schaden-Kosten-Quote zu senken.

Die Kapitalmärkte waren 2025 anspruchsvoll, dennoch stieg die Nettoanlagerendite. Wie haben Sie Ihre Anlagestrategie angepasst, und welche Risiken sehen Sie für 2026?

Wir verfolgen eine langfristige Strategie, die nicht stark angepasst wurde. Die Risiken für das Jahr 2026 hängen natürlich mit der unsicheren geopolitischen Situation zusammen, die starke Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben könnte. Wir sind zudem zufrieden, dass unser Absicherungsprogramm für Wechselkursschwankungen und extreme Bewegungen an den Aktienmärkten seine Aufgabe gut erfüllt.

Die Vaudoise wächst im Nichtleben deutlich über dem Markt. Welche Segmente und Vertriebskanäle haben dieses Wachstum getragen – und wie wollen Sie den Vorsprung 2026 verteidigen?

Erfreulicherweise wird diese Entwicklung von allen unseren Absatzkanälen getragen, mit dem höchsten Wachstum im Brokerbereich. Natürlich entwickeln sich einige Kanäle stärker als andere, aber wir sind sehr froh, dass unsere Omnikanal-Strategie Wirkung zeigt. 2025 konnten wir in allen Versicherungsbereichen im Nichtlebengeschäft wachsen. Mit Ausnahme der Sparte Krankentaggeld war dieses Wachstum in allen Branchen auch über dem Marktdurchschnitt.

«2025 konnten wir in allen Versicherungsbereichen im Nichtlebengeschäft wachsen.»
Jean‑Daniel Laffely, CEO Vaudoise

Die Deutschschweiz zeigt das stärkste Wachstum innerhalb der Gruppe. Was sind die Gründe für diese Dynamik, und wie wollen Sie diese Region weiter ausbauen?

Schon lange steht die Deutschschweiz im Fokus unserer Markterweiterungsstrategie. Dies zahlt sich nun seit mehreren Jahren auch aus. Wir werden mit dieser Strategie weiterfahren, um in dieser Region stärker als der Rest des Markts zu wachsen. Wir expandieren unser Agenturnetz in der Deutschschweiz weiterhin gezielt um 1 bis 2 Standorte pro Jahr.

Das Lebengeschäft verzeichnet einen Rückgang, während der Markt bei Einmalprämien stark wächst. Wie erklären Sie diese Entwicklung, und welche strategischen Anpassungen planen Sie im Vorsorgegeschäft?

Die Einmalprämien im Lebensversicherungsgeschäft waren schon immer volatil. So werden wir zum Beispiel 2026 eine im Vergleich zum Vorjahr um 37 % grössere Tranche unseres Produkts Trendvalor an den Markt bringen. Auch bei den periodischen Prämien haben wir für 2026 bereits gezielte Wachstumsmassnahmen am Laufen.

2025 wurde die Aktivierung immaterieller Anlagen neu geregelt. Wie beeinflusst diese Änderung Ihre Ergebnisdarstellung – und was bedeutet sie für die Steuerung grosser Digitalprojekte?

Es handelt sich eher um eine methodische Präzisierung als um eine grundlegende Änderung. Die Anpassung ermöglicht es uns, den Umgang mit den Ressourcen unserer Transformationsprojekte kohärent zu gestalten. Sie wirkt sich kurzfristig auf die Erfolgsrechnung aus, wodurch diese mittel- bis langfristig entlastet wird. Auf die IT-Projekte selber hat diese Änderung keine Auswirkung, und auch nicht auf unsere Bereitschaft, weiterhin konsequent in unsere digitale Transformation zu investieren.

Mit der Übernahme der Procimmo Group wächst das Immobilienvermögen stark. Welche Rolle soll das Immobiliengeschäft künftig im Konzern spielen, und wie integrieren Sie Procimmo in die Gesamtstrategie?

Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass die Aktivitäten ausserhalb des Versicherungsgeschäfts einen operativen Gewinn (also vor Abschreibungen gemäss Swiss GAAP FER 30) von 40 Millionen Franken zum Gruppenergebnis beitragen. Das Asset Management im Immobilienbereich mit den Produkten von Procimmo sowie den Produkten ImmoHelvetic und Good Buildings und der Vaudoise Anlagestiftung spielt hier die wichtigste Rolle.

Der Schweizer Versicherungsmarkt konsolidiert weiter. Welche Rolle will die Vaudoise künftig einnehmen: aktiver Käufer, selektiver Partner oder bewusst unabhängiger Player?

Die Vision der Vaudoise ist es, der bevorzugte Versicherer der Schweiz zu sein. Entsprechend unserer DNA als genossenschaftlicher Versicherer wollen wir dies als unabhängiger Player sein, der bei seiner Kundschaft mit seinen Werten – nah, vertrauenswürdig, menschlich, proaktiv – überzeugt.

Die Digitalisierung verändert das Kundenverhalten rasant. Welche technologischen Trends werden die Branche in den nächsten drei Jahren am stärksten prägen – und wo positioniert sich die Vaudoise?

Der sichtbarste Wandel in den nächsten drei Jahren wird im Kundenerlebnis stattfinden. Die Marktstandards verschieben sich in Richtung einer einfachen, jederzeit zugänglichen und weitgehend Self-Service-basierten Customer Journey. Dabei setzen wir weiterhin auf eine menschliche Begleitung für die wichtigen Momente im Leben (Beratung, Schaden, komplexe Entscheidungen). Die erfolgreichen Versicherer werden diejenigen sein, die in der Lage sind, ein echtes Omnikanal-Modell zu entwickeln, bei dem digitale Optionen, Agenturen und Berater beim Kundenerlebnis zusammenspielen. Vor diesem Hintergrund ist die Vaudoise gut aufgestellt: Die Konsolidierung des Kundenbereichs und die Einführung einer gemeinsamen CRM-Basis bilden eine solide strategische Grundlage für eine kontinuierliche, personalisierte und effizientere Kundenbeziehung.

«Die erfolgreichen Versicherer werden diejenigen sein, die in der Lage sind, ein echtes Omnikanal-Modell zu entwickeln, bei dem digitale Optionen, Agenturen und Berater beim Kundenerlebnis zusammenspielen.»

Welche Bedeutung messen Sie der Künstlichen Intelligenz dabei zu?

Die generative KI, und sehr bald auch die autonomen Agenten, werden die betriebliche Produktivität weit über Assistenten hinaus verändern. Die Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, den Mitarbeitenden zu helfen, sondern komplette Abläufe (Schadenmanagement, Kundenservice, Compliance, Backoffice) unter menschlicher Aufsicht zu automatisieren. Die erwarteten Vorteile betreffen sowohl die Kosten als auch die Qualität und die Einhaltung von Fristen. Mit den ersten KI-Initiativen und der Einführung von Copilot hat die Vaudoise bereits den richtigen Weg eingeschlagen. Die Priorität liegt nun darin, diese Anwendungen in grossem Massstab zu industrialisieren und direkt in die Kerngeschäftsprozesse zu integrieren.

Gleichzeitig werden die Datenaufbereitung (Prävention, feinere Tarifierung) und die Modernisierung des IT-Systems zu strukturellen Voraussetzungen: Modularität der Architektur, Cloud Readiness, Automatisierung der Delivery und robuste Data Governance. Diese Fähigkeiten werden neue Ökosysteme durch Partner und APIs unterstützen und gleichzeitig die steigenden Anforderungen an Cybersicherheit, Resilienz und Compliance, insbesondere im Bereich KI, erfüllen. Durch die Kombination dieser grundlegenden Projekte mit der Kundennähe und der genossenschaftlichen Unternehmenskultur verfügt die Vaudoise über eine glaubwürdige Position, um Innovation, Vertrauen und nachhaltige Leistung im Zeitraum 2026–2028 miteinander zu vereinbaren.

Viele Versicherer modernisieren ihre Kernsysteme. Wie weit ist die Vaudoise bei der Transformation hin zu cloudbasierten Plattformen wie Guidewire Cloud Plattform, und welche Vorteile oder Risiken erwarten Sie?

Wir haben verschiedene Anbieter, auch lokale, getestet. Die Wahl fiel schlussendlich auf Guidewire, ein anerkannter, auf Versicherungslösungen spezialisierter Partner und Weltmarktführer, der langfristige Solidität und Beständigkeit garantiert. Und da sehen wir schon jetzt klare Vorteile. Guidewire ist einfach in der Handhabung: Ein paar Wochen Angewöhnungszeit reichen, während dies bei anderen Systemen mehrere Monate dauert. Die hohe Automatisierung der Prozesse ermöglicht eine reibungslosere und schnellere Bearbeitung der Fälle. Die Versicherten können ihre Dokumente online übermitteln, was die Eigenständigkeit stärkt. Auch der Datenaustausch mit externen Partnern wird vereinfacht und im System zentralisiert. 2025 haben wir den Teil Claims für die Automobilbranche eingeführt. Bis 2027 werden wir ein neues Automobilprodukt mit einer umfassenden Überarbeitung des Back- und Front-Ends in diesem Bereich auf den Markt bringen.

Die strategischen Ziele bis 2028 sind ambitioniert. Wo stehen Sie heute auf dem Weg zu Impact 2028 – und welche Prioritäten setzen Sie für 2026?

Der neue Strategiezyklus hat soeben begonnen, und wir haben eine solide Governance rund um die strategische Planung etabliert, die Effizienz, Disziplin und zugleich die notwendige Flexibilität sicherstellt. Unser Fokus im Jahr 2026 unterscheidet sich dabei nicht wesentlich von den Zielen, die wir uns bis zum Ende des vorherigen Strategiezyklus gesetzt haben. Wachstum bleibt unser zentrales Leitmotiv. Entsprechend nehmen Wachstum und Rentabilität eine Schlüsselrolle ein, mit einem besonders ausgeprägten Wachstumsfokus in der Deutschschweiz. Gleichzeitig ist es entscheidend, unsere Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen, indem wir neben dem operativen Geschäft auch die konsequente Umsetzung unserer Transformationsziele sicherstellen.

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