Marc-André Christinat, CEO Affidea Schweiz, im Interview

Marc-André Christinat

Marc-André Christinat, CEO Affidea Schweiz. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Christinat, Affidea hat sich in den vergangenen Jahren vom Radiologieanbieter zu einem breit aufgestellten ambulanten Gesundheitsnetzwerk entwickelt. Was war der Auslöser für diese strategische Neuausrichtung?

Marc-André Christinat: Der Schweizer Gesundheitsmarkt verändert sich rasant. Es reicht nicht mehr aus, sich ausschliesslich auf einzelne medizinische Leistungen zu konzentrieren. Unsere Patienten erwarten heute eine nahtlose, unkomplizierte und gut koordinierte Versorgung. Auslöser war daher die klare Erkenntnis, dass die diagnostische Bildgebung – unsere langjährige Kernkompetenz – die Grundlage dafür bildet, verwandte medizinische Fachgebiete sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Indem wir integrierte Versorgungspfade von der Früherkennung über die Diagnose bis hin zur Behandlung und Nachsorge unter einem Dach anbieten, schaffen wir echten medizinischen Mehrwert und überwinden die traditionellen Silos im ambulanten Bereich.

Seit Ihrer Ernennung zum CEO im Jahr 2022 hat Affidea zahlreiche Akquisitionen getätigt. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Unternehmen oder Fachbereiche zu Affidea passen?

Unsere Expansionsstrategie orientiert sich an unserer medizinischen Vision, nicht an Grösse oder Volumen. Wir suchen nach Partnern, die uns dabei helfen, stärkere und umfassendere ambulante Versorgungspfade in Bereichen aufzubauen, in denen Affidea bereits über fundiertes Fachwissen verfügt – Diagnose, Pathologie, Facharztkonsultationen, Krebsversorgung. Klinische Exzellenz ist unerlässlich, aber ebenso wichtig ist die strategische Passung. Jede Übernahme muss entweder einen bestehenden Versorgungspfad stärken, eine klare Kompetenzlücke schliessen oder es uns ermöglichen, ein bewährtes Versorgungsmodell für mehr Patienten und Regionen zugänglich zu machen und so den Zugang zu hochwertiger Versorgung zu erweitern. Wir suchen gezielt nach führenden Einrichtungen mit exzellentem medizinischem Management, die unsere Vision einer hochpräzisen, patientenzentrierten Medizin teilen. Die kulturelle Kompatibilität ist ebenso wichtig. Wir möchten, dass die lokalen medizinischen Teams operativ stark bleiben, während Affidea ihnen die Grösse, die Technologien, die Infrastruktur, die Unternehmensführung und die administrative Unterstützung bietet, die es ihnen ermöglichen, sich noch stärker auf die klinische Versorgung zu konzentrieren.

«Wir suchen gezielt nach führenden Einrichtungen mit exzellentem medizinischem Management, die unsere Vision einer hochpräzisen, patientenzentrierten Medizin teilen.»
Marc-André Christinat, CEO Affidea Schweiz

Affidea spricht von integrierten Behandlungspfaden. Was bedeutet das konkret für Patientinnen und Patienten im Alltag?

Konkret bedeutet dies kürzere Wartezeiten, keine doppelten Untersuchungen und eine nahtlose Versorgung. Ein Patient mit Verdacht auf eine urologische Erkrankung oder eine Frau, die sich einer Brustkrebsvorsorgeuntersuchung unterzieht, erhält bildgebende Untersuchungen, Gewebeanalysen und die anschliessende fachärztliche Behandlung – alles koordiniert innerhalb eines vernetzten Netzwerks. Der Informationsfluss zwischen unseren Radiologen, Pathologen und Fachärzten verläuft nahtlos, was schnellere und fundiertere klinische Entscheidungen ermöglicht. Die Patienten müssen sich nicht mehr alleine im komplexen Gesundheitssystem zurechtfinden, sondern werden von einem gut koordinierten, interdisziplinären Team unterstützt, das sich ganz auf ihren individuellen Behandlungsverlauf konzentriert.

Viele Arztpraxen stehen vor Nachfolgeproblemen. Versteht sich Affidea auch als Lösung für Ärztinnen und Ärzte, die keinen Nachfolger finden?

Die Nachfolge ist in der Tat eine der strukturellen Herausforderungen, vor denen die ambulante Medizin heute steht. Für viele etablierte Ärzte wird es immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden, der bereit ist, das unternehmerische Risiko und den enormen Verwaltungsaufwand zu tragen, die mit der Führung einer eigenen Praxis verbunden sind. Wir betrachten dies unter dem Gesichtspunkt der Versorgungskontinuität, der medizinischen Qualität und des langfristigen Zugangs für Patienten. Affidea Schweiz kann ein stabiler Partner für Ärzte sein. Unsere Rolle besteht nicht darin, die Identität oder die klinischen Stärken dieser Praxen zu ersetzen, sondern das zu bewahren, was sie vor Ort vertrauenswürdig macht, und sie gleichzeitig in ein medizinisch geführtes Netzwerk zu integrieren.

Dies kann dazu beitragen, den Verwaltungsaufwand zu verringern, den Zugang zu Technologie und Infrastruktur zu ermöglichen und Ärzten zu gestatten, sich stärker auf die Patientenversorgung zu konzentrieren. In diesem Sinne kann die Nachfolge nicht nur einen Übergang für den Arzt darstellen, sondern auch eine Möglichkeit sein, die ambulante Versorgung in der Region langfristig zu stärken.

Mit Uroviva, den Berner Urologen, dem Brust-Zentrum Zürich oder dem Institut für histologische und zytologische Diagnostik haben Sie gezielt spezialisierte Netzwerke übernommen. Welche Fachgebiete stehen als Nächstes im Fokus?

Unsere jüngsten Schritte zeigen deutlich, dass wir die Bereiche Onkologie, Urologie und integrierte Pathologie gestärkt haben. Als Nächstes wollen wir diese erfolgreichen, hochspezialisierten Kompetenzzentren – wie unser etabliertes Modell für Brust- und Prostatamedizin – weiter ausbauen und auf andere Regionen der Schweiz ausweiten, in denen ein klarer Patientenbedarf besteht. Fachgebiete wie Gastroenterologie, Neurologie und Kardiologie, die eng mit unseren diagnostischen Dienstleistungen verknüpft sind, bleiben für uns ein strategischer Schwerpunkt.

«Fachgebiete wie Gastroenterologie, Neurologie und Kardiologie, die eng mit unseren diagnostischen Dienstleistungen verknüpft sind, bleiben für uns ein strategischer Schwerpunkt.»

Gibt es eine konkrete Zielgrösse hinsichtlich Standorten, Mitarbeitenden oder Marktanteilen?

Für uns ist Grösse kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um eine hochwertige medizinische Versorgung und Zugänglichkeit zu gewährleisten. Wir betreiben derzeit 39 Zentren und 4 Labore in der Schweiz mit rund 900 Mitarbeitern. Unser Ziel ist ein gesundes, qualitätsorientiertes Wachstum. Wir wollen in den Schlüsselregionen der Deutschschweiz, der Romandie und im Tessin so positioniert sein, dass Affidea für Patienten, Ärzte und Gemeinden zu einem vertrauenswürdigen Partner im ambulanten Gesundheitswesen wird. Es gibt kein starres, rein zahlenmässiges Ziel; Qualität, Relevanz und die Vernetzung des Netzwerks haben stets Vorrang vor der Quantität.

Affidea behandelt heute in der Schweiz jährlich über 260’000 Patientinnen und Patienten. Wie stellen Sie sicher, dass bei zunehmender Grösse die medizinische Qualität nicht leidet?

Indem wir eine starke medizinische Führung mit standardisierten Qualitätssystemen und klinischer Autonomie dort kombinieren, wo es am wichtigsten ist. Hinter den Kulissen setzen wir modernste klinische Protokolle ein und verfügen über ein strenges, konzernweites Qualitätsmanagementsystem, das regelmässig überprüft wird. Gleichzeitig investieren wir kontinuierlich in die Weiterbildung unserer mehr als 130 Ärzte und unseres Fachpersonals. Unsere Grösse ermöglicht es uns zudem, konsequent in die allerneueste Medizintechnik zu investieren – wovon jeder einzelne Patient direkt durch höhere Präzision, verbesserten Komfort und eine effizientere Versorgung profitiert.

Sie setzen stark auf künstliche Intelligenz in der Diagnostik. Wo sehen Sie heute bereits den grössten praktischen Nutzen von KI im medizinischen Alltag?

KI ist schon lange Teil unseres Alltags, insbesondere als unterstützendes System im Hintergrund. Der grösste praktische Nutzen liegt derzeit in der verbesserten Effizienz, Konsistenz und Präzision. Bei MRT- oder CT-Untersuchungen hilft uns KI dabei, Bildrauschen zu minimieren und die Untersuchungszeiten deutlich zu verkürzen, was den Komfort für die Patienten erhöht. In der Diagnostik fungiert KI als extrem schnelles und zuverlässiges „zweites Paar Augen“: Sie hebt Auffälligkeiten in Mammographien hervor und ermöglicht es unseren Radiologen, komplexe Fälle noch präziser und konzentrierter zu analysieren.

«KI liefert Daten und Wahrscheinlichkeiten, ersetzt aber weder Diagnosen noch die klinische Verantwortung oder die vertrauensvolle Beratung der Patienten.»

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der KI-Technologie, und welche Aufgaben müssen zwingend beim Arzt bleiben?

Die Grenzen sind dort erreicht, wo Empathie, Kontextwissen und letztendliche medizinische Verantwortung gefragt sind. KI liefert Daten und Wahrscheinlichkeiten, ersetzt aber weder Diagnosen noch die klinische Verantwortung oder die vertrauensvolle Beratung der Patienten. Nur ein Arzt kann die Krankengeschichte, die Symptome, die Sorgen des Patienten und seine klinische Erfahrung zu einer fundierten Entscheidung zusammenführen. Die endgültige medizinische Entscheidung und der direkte, einfühlsame Kontakt mit dem Patienten müssen und werden vollständig – zu 100 Prozent – beim Arzt bleiben.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der Westschweiz, wo Affidea historisch stark verankert ist, und der Deutschschweiz, in der Sie zuletzt besonders stark gewachsen sind?

Die französischsprachige und die deutschsprachige Schweiz unterscheiden sich in ihren lokalen Marktstrukturen. Während wir in der französischsprachigen Schweiz als etablierter, integrierter Partner fest verankert sind, war der Markt in der deutschsprachigen Schweiz stärker fragmentiert. Was unser jüngstes Wachstum in der Deutschschweiz betrifft – beispielsweise durch Akquisitionen in den Regionen Zürich, Aargau und Bern –, sehen wir eine grosse Offenheit für professionelle, gut koordinierte Netzwerke, die Ärzte unterstützen, den Verwaltungsaufwand reduzieren und den Zugang für Patienten verbessern. Die Erwartungen der Patienten an exzellenten Service und schnelle Ergebnisse sind jedoch in allen Sprachregionen gleich hoch – Patienten wünschen sich hervorragende medizinische Qualität, schnelle Ergebnisse und einen reibungslosen Ablauf.

Sie selbst haben einen Finanzhintergrund und waren vor Ihrer Zeit als CEO CFO von Affidea. Wie beeinflusst diese Perspektive Ihre Führungsphilosophie in einem medizinischen Umfeld?

Als ehemaliger CFO habe ich gelernt, Prozesse datengestützt, strukturiert und nachhaltig zu betrachten. Im medizinischen Umfeld hilft mir das, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Ressourcen dorthin fliessen, wo sie den grössten Nutzen bringen: zu den Patienten und zum medizinischen Personal. Meine Führungsphilosophie basiert auf dem Prinzip des „Empowerments“. Ich sehe meine Rolle nicht darin, medizinische Entscheidungen zu treffen, sondern vielmehr darin, die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen sich unsere Ärzte und unser Pflegepersonal voll und ganz auf die Patientenversorgung konzentrieren können. Eine solide Finanzstruktur ist eine wesentliche Grundlage, die eine hochwertige, zugängliche und nachhaltige Versorgung ermöglicht.

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