Martin Schaufelberger, CEO COLTENE Holding AG, im Interview

Coltene-CEO Martin Schaufelberger. (Foto: Coltene)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Schaufelberger, Corona ist zwar noch nicht vorbei, aber die Durchimpfung der Bevölkerung und weniger virulente Mutanten bringen Entspannung. Was bedeutet das für Infection Control?

Martin Schaufelberger: Der 2018 akquirierte Bereich Infection Control mit dem Kauf der kanadischen Firma SciCan hat uns in der Pandemie sehr geholfen. Zum Glück waren wir mit den Desinfektionstüchern immer lieferfähig. Der Umsatz hatte sich hier vervierfacht, liegt aber heute nur mehr leicht über der Zeit davor. In diesem Gebiet bieten wir aber auch Kleingeräte für die Wiederaufbereitung von dentalen Instrumenten an. Dieser Bereich litt trotz guter Nachfrage unter den Lieferproblemen bei Elektronikkomponenten. Die Entwicklung der Firma SciCan zeigt, dass die Volumina nach Pandemien oder dem Ausbruch von Infektionskrankheiten immer auf ein höheres Niveau gestiegen sind. Insofern sind wir zuversichtlich, dass die Behörden mittelfristig höhere Anforderungen stellen und diese auch durchsetzen werden.

Haben die zahnärztlichen Behandlungen wieder zugenommen?

Zu Beginn der Pandemie waren die Zahnbehandlungen stark eingeschränkt. Nach der Lockerung dieser Einschränkungen gingen trotzdem massiv weniger Patienten zum Zahnarzt und zur Dentalhygiene. Die Besucherzahlen haben sich nur langsam erholt und sind noch nicht ganz auf dem Niveau wie vor der Pandemie. Dies hat eventuell auch mit den aktuellen Rezessionsängsten zu tun.

«Zu Beginn der Pandemie waren die Zahnbehandlungen stark eingeschränkt. Nach der Lockerung dieser Einschränkungen gingen trotzdem massiv weniger Patienten zum Zahnarzt und zur Dentalhygiene.»
Martin Schaufelberger, CEO COLTENE Holding AG

Abformmaterial oder Composite Füllungsmaterialien sind Brot und Butter im Coltene-Produktportfolio. Aber da wir da nicht von grossen Mengen, sondern von Spezialchemie sprechen, dürfte es keine problematischen Rohstoffkostensteigerungen für Sie geben, oder?

Die Beschaffung, also die Verfügbarkeit, von chemischen Produkten war nicht das Problem. Hier stellen sich bei Elektronikkomponenten für Reinigungs- und Sterilisiergeräte grössere Herausforderungen. Die Preiserhöhungen machten aber vor keinem Einkaufsprodukt halt. Vielleicht auch in Zusammenhang mit den neuen und höheren Anforderungen der EU durch die MDR (Medical Device Regulation) sind einige Lieferanten ausgestiegen, was uns zur Suche und Qualifikation von neuen, meist teureren Lieferanten gezwungen hat. Insgesamt waren Preiserhöhungen bei den Geräten hoch, bei den Verbrauchsmaterialien waren diese weitaus geringer.

Was hat die neue Kundenservicesoftware, was die alte nicht hat?

Wir liefern über den Dentalhandel. Insofern ist unser Kunde primär der Händler, und unser Kundendienst hatte auf dieser Beziehung basiert. Im Vertrieb und in unserer Aufgabe als Produkthersteller sind wir aber auch mit dem Endkunden, der Zahnarztpraxis, in Kontakt. Die neue Software basiert auf einem CRM (Customer Relation Management) System und erfasst alle Daten des Endkunden. Alle Interaktionen, ob im Verkauf, bei Anfragen, Reklamationen, Schulungen, Reparaturen und vieles mehr sind neu dem Zahnarzt zugeordnet. Das System lernt selbst von allen eingegebenen Informationen und macht uns im Kontakt mit dem Endkunden kompetenter. Dies hilft uns zudem, die Produkte besser auf den Kundennutzen auszurichten.

Der US-Dollar machte im zweiten Halbjahr ja ein ordentliches Hin- und Her. Wie sichert sich Coltene als «halb amerikanisches Unternehmen» da ab?

USA ist für uns der grösste Einzelmarkt mit gut 40% des Gesamtumsatzes. Einzelne Länder in Südamerika und Asien werden zudem in Dollar fakturiert. Auf der anderen Seite steht auch unser grösstes Werk in Ohio und es werden auch Produkte in anderen Werken auf US-Dollar-Basis eingekauft. Wir haben also eine hohe «natürliche» Absicherung des Dollars, bezogen auf den Unternehmensertrag. Rechnet man die Umsätze in Schweizerfranken um, entstehen translatorische Effekte und der CHF-Umsatz «schwankt» etwas.

In den USA, dem Land der strahlend-weissen Zähne, läuft es sehr rund. Was sind die Trends, und was wird von jenseits des Atlantiks vielleicht nach Europa rüberschwappen?

Der Grund, weshalb es in den USA während der Pandemie besser lief wie anderswo, liegt primär daran, dass dies der Heimmarkt der Produkte von SciCan und damit der Infection Control-Produkte ist. Das pandemiebedingte Wachstum dieser Produktgruppe hat grösstenteils in Nordamerika stattgefunden.

Die Desinfektion von Oberflächen wird in den USA primär mit Wasserstoffperoxyd-basierten Produkten ausgeführt. In Europa werden hierzu Alkohol-basierte Produkte eingesetzt. Auch bei der Wiederaufbereitung von Instrumenten, insbesondere beim Waschen/Desinfizieren gibt es Unterschiede. Betreffend der Rückverfolgung und Validierung der Aufbereitungsschritte sehen wir jedoch beidseits des Atlantiks grossen Bedarf und neue Möglichkeiten.

«Während wir in den Hauptmärkten Südamerikas schöne Wachstumsraten verzeichnen, brechen auch immer wieder Märkte weg.»

Auch in Südamerika hat Coltene eine eigene Sales Force. Sie bringt aber nur 4,4 Prozent des Konzern-Weltumsatzes. Hat der Halbkontinent kein Geld mehr für schöne und gesunde Zähne?

Mit dem Verkauf der brasilianischen Vigodent haben wir Volumen reduziert. Da Vigodent-Produkte im mittleren Segment nur für den lokalen Markt produziert, war dies in Anbetracht der grossen Währungsrisiken strategisch nicht interessant.

Wir haben bei importierten Qualitätsprodukten, also dem obersten Segment, eine gute Stellung und gute Marktanteile. Während wir in den Hauptmärkten Südamerikas schöne Wachstumsraten verzeichnen, brechen auch immer wieder Märkte weg. Vor ein paar Jahren war es Venezuela, aktuell müssen wir aufgrund der lokalen Wirtschaftslage Rückgänge in Argentinien hinnehmen.

Hat sich der französische Markt mittlerweile stabilisiert?

Durch die Turbulenzen während der Pandemie sind die einzelnen Perioden untereinander in den Ländern nur bedingt vergleichbar. Aufgrund von Distributoren, welche in mehreren zentraleuropäischen Ländern agieren, ist es zudem schwierig, die Umsätze klar auf einzelne Länder zuzuteilen. Insgesamt sind wir mit der Entwicklung der Marktanteile in Europa jedoch zufrieden.

In einigen Märkten schaut Coltene nach Kooperationspartner. Sind Sie schon fündig geworden?

Unser Umsatz in China hat sich über die letzten zehn Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten entwickelt. Aktuell importieren wir alle Produkte nach China, und wir hatten nie in Erwägung gezogen, unsere Qualitätsproduktion aus Kostengründen nach China zu verlegen. Wir sehen Risiken betreffend Import von Produkten nach China. In diesem Sinne haben wir das strategische Projekt «in China für China» gestartet. Wir wollen ein bis zwei zentrale Produkte in China herstellen. Dies soll zusammen mit lokalen Partnern erfolgen. Dabei wollen wir aber auch sicherstellen, dass kein zentrales Knowhow abfliesst und so unser Geschäft absichern. Aktuell sind wir daran, die Geschäftsmodelle zu definieren und die Produktionsschritte zu planen. Sobald wir einen geeigneten lokalen Partner gefunden haben, werden wir die Umsetzung konkret planen und darüber informieren.

«Wir wollen ein bis zwei zentrale Produkte in China herstellen. Dies soll zusammen mit lokalen Partnern erfolgen. Dabei wollen wir aber auch sicherstellen, dass kein zentrales Knowhow abfliesst und so unser Geschäft absichern.»

Coltene hat die attraktivste Dividende unter den Schweizer Medtech-Aktien. Wie wird es da weiter gehen?

Wir wollen über dem Markt wachsen und streben mittelfristig eine EBIT-Marge von 15% an. Selbstverständlich beeinflusst die wirtschaftliche Lage unser Vorankommen. Der Verwaltungsrat hat betreffend Dividende die Politik, rund. 70% der Gewinne auszuschütten und die Dividende unter kontinuierlichen und langfristigen Gesichtspunkten festzusetzen respektive den Aktionären vorzuschlagen.

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