Martin Schaufelberger, CEO Coltene, im Interview

Martin Schaufelberger

Coltene-CEO Martin Schaufelberger. (Foto: Coltene)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Schaufelberger, seit zehn Jahren fokussiert Coltene ausschliesslich auf den Dentalmarkt und hier auf die Verbrauchsgüter. Auch bei den Verbrauchsgütern gibt es viel Hightech, vor allem Dank Polymerchemie. Welches ist für Sie als ausgebildeter Elektroingenieur in der Chemie die spannendste Neuentwicklung?

Martin Schaufelberger: Die Digitalisierung hält auch Einzug im Dentalbereich. Hier wird im Vergleich zu anderen Branchen bereits Vieles digital umgesetzt. So wurde das heutige Cerec System vor 30 Jahren an der ETH Zürich entwickelt und ist heute recht gut verbreitet. Bei diesen Chair-side Restorationen wird in einer Sitzung beim Zahnarzt zum Beispiel eine Krone erstellt und permanent eingesetzt. Die Daten werden mit einem Oral-Scanner am Patienten erfasst, mit dem Computer nachbearbeitet und zu einem Tisch-Fräscenter geschickt. Dieses fräst innert Minuten die Krone. Coltene stellt dafür hochwertige Composite Blocs her – also die Verbrauchsgüter für die digitale Restauration. Das sind spannende High-Tech-Lösungen und bestimmt erst der Beginn von weiteren Entwicklungen.

Ist Haltbarkeit und Farbstabilität von Zahnersatz überhaupt noch ein Problem?

Unsere Produkte sind genau auf diese Eigenschaften optimiert. Auf Komposit oder Kunststoff basierende Füllmaterialien wurden erstmals vor 50 Jahren eingesetzt und haben seither eine gewaltige Entwicklung erlebt. Haltbarkeit sowie Farbstabilität sind heute kein Problem mehr. Coltene hat mit BRILLIANT EverGlow zudem ein Produkt entwickelt, bei dem auch der Glanz dem natürlichen Zahn entspricht.

«Zahlreiche externe Ansprechpartner unterstützen unsere breite interne Fachkompetenz in der Forschung und Entwicklung sowie im Marketing im kreativen Entwicklungsprozess von neuen Produkten.»
Martin Schaufelberger, CEO Coltene

Gibt es neben Zinkoxid noch andere antimikrobielle Zusätze, um Karies und anderen bakteriellen Schäden Herr zu werden?

Sie sprechen wohl das Problem der Sekundärkaries an, bei der an den Rändern der Restauration, also zwischen dem Zahn und dem Füllmaterial erneut Karies entsteht. Dies war bei den Amalgamfüllungen aufgrund der antibakteriellen Wirkung von Silber kaum ein Problem. Heute werden Restaurationen mit einer chemischen Adhäsion eingesetzt. Dabei gilt es, die richtigen Prozeduren und Produkte anzuwenden. Coltene verfügt über Ätzmittel und Bonds, die auf die Komposite hervorragend abgestimmt sind. Dadurch hält nicht nur die Restauration optimal, sondern es entstehen auch keine Zwischenräume, die eine Sekundärkaries erst entstehen lassen.

Wie viele Neukunden gewinnen Sie durch den direkten Kontakt zu Ihren Endkunden, den Zahnärzten?

Das ist schwierig zu sagen. Ideen und Entwicklungen sind oft das Produkt aus verschiedenen Dialogen, die natürlich unsere Endkunden beinhalten. Wir pflegen den Kontakt zu einem breiten und weltweiten Kreis an Key-Opinion-Leadern und zu den entsprechenden Fakultäten führender Universitäten. Diese externen Ansprechpartner unterstützen unsere breite interne Fachkompetenz in der Forschung und Entwicklung sowie im Marketing im kreativen Entwicklungsprozess von neuen Produkten.

Coltene wird die Firmen SciCan (Desinfektionsgeräte) und MicroMega (Endodontie-Feilen) im vierten Quartal des laufenden Jahres übernehmen. Damit kaufen Sie sich eine EBIT-Marge von 13 Prozent. Zwei Prozent weniger als diejenige der Muttergesellschaft. Reichen die Synergien aus, um alles in einem Jahr wieder auf 15 Prozent zu heben?

SciCan und MicroMega passen sehr gut zur uns. Wir holen uns damit die Kompetenzzentren für Infektionskontrolle und Endodontiefeilen in die Gruppe. Die Integration umfasst unter anderem die Anpassung der Geschäftsprozesse, Zusammenführung der Produktportfolien sowie die gemeinsame Ausrichtung der Marketing- und Verkaufsteams. Dazu sind keine riesigen Investitionen notwendig, wir erwarten jedoch, dass in einer ersten Phase mehr Kosten anfallen, um im Anschluss nachhaltige Synergien nutzen zu können. Das Erreichen einer EBIT-Marge von 15% erachten wir mittelfristig als sehr realistisch.

Stehen der Umfang und die Art der Finanzierung dieser Transaktion bereits definitiv fest?

Wir haben uns für eine Finanzierung aus Eigen- und Fremdkapital entschieden. Die Kapitalerhöhung wird in zwei Schritten erfolgen. Zunächst geben wir im Rahmen einer Bezugsrechtskapitalerhöhung neue Aktien für die bestehenden Aktionärinnen und Aktionäre aus. Anschliessend erfolgt eine Sacheinlagekapitalerhöhung. Dabei sind die Bezugsrechte ausgeschlossen und die neu ausgegebenen Aktien gehen gegen Sacheinlage vollumfänglich an die Verkäufer. Dies erlaubt, die bestehenden und neuen Aktionäre zu berücksichtigen und gleichzeitig eine relativ tiefe Fremdverschuldung zu bewahren. Die Kapitalmarkttransaktionen müssen vorab durch eine ausserordentliche Generalversammlung beschlossen werden.

«Das Erreichen einer EBIT-Marge von 15% erachten wir bei SciCan und MicroMega mittelfristig als sehr realistisch.»

Durch die Übernahmen wird Coltene auf einen Schlag rund 50 Prozent mehr Mitarbeitende haben. Nach den letztjährigen „Kleinakquisitionen“ von Diatech und KENDA ist das eine ganz andere Aufgabe: Was bedeuten die grossen Brocken SciCan und MicroMega für die Unternehmenskultur?

Coltene ist bereits heute das Produkt von Zusammenschlüssen der Coltene in Altstätten (Schweiz), der Roeko in Langenau (Deutschland) und der Whaledent in Cuyahoga Falls (USA). Wir haben die Kernkompetenzen der Firmen an den jeweiligen Standorten belassen und weiter betrieben. Prozesse sollen jedoch vereinheitlicht werden und Marketing- und Verkaufsaktivitäten gemeinsam erfolgen. Die Aufgabe, die Unternehmen zusammenzuführen, ist für alle Beteiligten nicht einfach, braucht Zeit und ist auf die Unterstützung der gesamten Belegschaft angewiesen.

SciCan ist kanadisch, MicroMega französisch. Beide sind sehr stark im nordamerikanischen Markt verankert. Ist das ein Vor- oder Nachteil, wenn man von ausserhalb kommend im US-Markt agiert?

MicroMega ist in Europa und vor allem im Heimmarkt Frankreich stark. Die heutige Coltene hat ihren grössten Standort mit 350 Mitarbeitenden in Ohio (USA) und wir erarbeiten einen Drittel des Umsatzes in Nordamerika. In diesem Sinne sind wir also bereits ein US-Unternehmen.

Die USA sind ja das Land des Lächelns, zumindest was den weiss gebleichten Zahnbogen betrifft. Merken Sie dort besonders stark, dass das Konsumklima günstig ist und sich die Menschen gerne schöne Zähne machen lassen?

Ästhetische Zahnmedizin ist in den USA sicherlich wichtig. Wir haben bei den Kompositen – also bei den auf Kunststoff basierenden Zahnfüllungen – für die USA eine hellere Farbvariante entwickelt. Diese entspricht den aufgehellten Zahnfarben, die durch das beliebte Bleaching erreicht werden.

Brasilien hat sich wirtschaftlich erholt und wächst in Ihrer Branche ebenfalls sehr stark. Letztes Jahr konnte Coltene dort fast 10 Prozent wachsen. Problematisch ist aber mittlerweile der Währungsverfall in den Schwellenländern. Wie sichern Sie sich da ab?

Grundsätzlich sind wir betreffend Währungsrisiken gut aufgestellt. Wir haben Werke und damit Kosten im US-Dollar-, Euro- und Schweizer Franken-Raum. Die Hauptumsätze erzielen wir in Euro, Dollar und Schweizer Franken. In Brasilien, China und Indien verkaufen wir via unsere Tochterfirmen in Lokalwährungen. In diesen Märkten kann man sich zwar kurzfristig absichern, trägt jedoch mittel- und langfristig sicherlich ein Währungsrisiko.

«Die Konzentration auf Nischen ist für uns bestimmt ein guter Weg.»

Werden Ihre Verkaufspreise quasi wöchentlich angepasst?

Gegenüber unseren Händlern halten wir die Preise relativ konstant. Einzelne Händler in gewissen Ländern Lateinamerikas sind jedoch gezwungen, die Preise auch unterjährig anzupassen.

Marktführer in einer Nische zu sein ist ja gleichsam das Mantra der Schweizer Medtech-Industrie. Ich nehme an, Sie werden diesen Weg in den nächsten Jahren konsequent weitergehen?

Die Konzentration auf Nischen ist für uns bestimmt ein guter Weg. Dort sind die ganz grossen Player etwas weniger stark und wir können unsere Ressourcen fokussiert ausrichten. Der Zukauf von SciCan und MicroMega soll uns helfen, in den Bereichen Infektionskontrolle und Endodontie ein kompetitives Produktsortiment auf- und unsere Marktstellung weiter auszubauen.

Zur Person:
Martin Schaufelberger (1964) verfügt über eine langjährige und sehr erfolgreiche Führungserfahrung in mittelgrossen, weltweit tätigen Unternehmen. Vor seinem Eintritt bei Coltene war er seit 2007 CEO der Kunststoff Schwanden AG, in die er 1998 als Leiter Marketing und Vertrieb eintrat. Für Zellweger Uster AG trug er Mitte der neunziger Jahre die Verantwortung für die japanische Tochtergesellschaft und leitete dann bis 1998 den Verkauf und das strategische Marketing des Geschäftsbereichs Garnreiniger. Martin Schaufelberger ergänzte seine Ausbildung als Elektroingenieur 1993 mit einem MBA in Marketing. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Zum Unternehmen:
Coltene ist ein international tätiges Unternehmen für Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von zahnmedizinischen Verbrauchsgütern und Kleingeräten in den Bereichen Restauration, Endodontie, Abformung und Behandlungshilfen. Coltene verfügt in den USA, Deutschland, Brasilien und der Schweiz über modernste Produktionsstätten sowie über eigene Vertriebsorganisationen in den wichtigen Schlüsselmärkten wie Europa, Nordamerika, China und Indien. Weltweit vertrauen Zahnärzte und Dentallabors auf die qualitativ hochwertigen Produkte Coltene. Die Namenaktien (CLTN) werden an der SIX Swiss Exchange gehandelt.

Coltene
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