Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr Bryner, was waren seit dem Marktstart von findependent anfangs 2021 die bedeutendsten Meilensteine und ab wann rechnen Sie mit der operativen Profitabilität?
Matthias Bryner: Mir fallen drei Meilensteine ein. Das Erreichen von 100 Mio. Franken an verwalteten Vermögen war für uns ein echter Erfolg, auch wenn er sich angesichts der aktuellen 400 Mio. Franken AUM bereits wieder etwas “klein” anfühlt.
Emotional war es bestimmt das Crowdinvesting im Sommer 2024, innerhalb von weniger als 30 Stunden haben sich über 1’500 unserer Kundinnen und Kunden mit 5 Mio. Franken an findependent beteiligt. Ein unfassbar schöner Vertrauensbeweis, dass so viele nicht nur mit uns, sondern auch in uns investieren wollen. Das bringt natürlich auch Erwartungen mit sich und liess uns alle unter Volldampf für den aktuellsten Meilenstein arbeiten: Als schweizweit erster reiner ETF-Vermögensverwalter haben wir von der FINMA die Lizenz als kontoführendes Wertpapierhaus erhalten. Das gibt uns noch mehr Unabhängigkeit und vor allem Flexibilität. Unser Ziel ist es, in den nächsten 1-2 Jahren die Profitabilität zu erreichen.
«Als schweizweit erster reiner ETF-Vermögensverwalter haben wir von der FINMA die Lizenz als kontoführendes Wertpapierhaus erhalten. Das gibt uns noch mehr Unabhängigkeit und vor allem Flexibilität.» Matthias Bryner, Gründer und CEO von findependent
Independent ist als reine Vermögensverwalterin gestartet und macht jetzt den Schritt zur Wertpapierhaus-Lizenz. Was waren die Gründe für diese zeitliche Verzögerung? Welche strategischen oder regulatorischen Hürden mussten Sie überwinden, und ab welchem Schwellenwert wurde dieser Schritt notwendig und wirtschaftlich sinnvoll?
Als erstes wollten wir den Markt testen und sehen, ob unsere Anlagelösung Anklang findet. Bei der Gründung hatte ich den Schritt zu einer höheren FINMA-Bewilligung auch noch gar nicht im Kopf. Die Idee kam erst in Gesprächen Ende 2023 auf. Das starke Kundenwachstum Anfang 2024 hat uns gezeigt, dass wir mit unseren Anlagelösungen für viele Kundinnen und Kunden ein echtes Problem lösen und dank des Crowdinvestings hatten wir dann auch das notwendige Kapital. Von da an war klar, dass wir diesen Schritt machen wollen und nun ist auch genau der richtige Zeitpunkt für uns für diesen grossen Ausbauschritt.
Neben den finanziellen Anforderungen macht eine solche Lizenz auch einen personellen Ausbau nötig, besonders im Bereich Risk & Compliance. Und wir haben unser IT-System komplett neu gebaut, um die eigene Konto- und Depotführung zu handhaben. Ein Projekt, das wir vollständig inhouse bewältigten.
Die Wertpapierhaus-Lizenz erweitert Ihr Angebot erheblich. Wie wird sich das auf die Dienstleistungen, Produktkategorien und Finanzerträge auswirken, wie wird sich dadurch Ihre Kundenstruktur verändern?
Unsere Kundinnen und Kunden dürfen sich auf eine noch bessere Datenaktualisierung in der App freuen. So werden beispielsweise Einzahlungen wesentlich schneller sichtbar sein. Zudem werden wir in der zweiten Jahreshälfte Säule 3a Anlagelösungen lancieren, gefolgt von weiteren Vorsorgelösungen. Und auch die Wahlmöglichkeiten im freien Vermögen werden ausgedehnt.
Für uns als Unternehmen verdoppeln sich die Finanzerträge grob gesagt, da künftig auch die Depotgebühren (0.2% p.a.) bei uns bleiben. Das Tolle an der Sache: Die Gebühren für unsere Kundinnen und Kunden bleiben so günstig wie bisher (0.29-0.4% p.a.).
Wir denken, dass wir mit dieser Lizenz auch ein Zeichen setzen können, dass wir erwachsen geworden sind und einen vertrauensvollen Partner darstellen – auch für grössere Vermögenswerte.
«Für uns als Unternehmen verdoppeln sich die Finanzerträge grob gesagt, da künftig auch die Depotgebühren (0.2% p.a.) bei uns bleiben. Das Tolle an der Sache: Die Gebühren für unsere Kundinnen und Kunden bleiben so günstig wie bisher (0.29-0.4% p.a.).»
Mit der neuen Lizenz führt findependent Kundenkonten und Depots selbst – inklusive vollständiger Management- und Sicherheitsverantwortung. Um wie viel Prozent erhöhen sich die Betriebskosten durch Compliance, Cybersecurity, Risk Management und interne Kontrollsysteme?
Unsere Kosten erhöhen sich gesamthaft um rund 30-40%, dabei handelt es sich aber primär um einen Fixkostenblock. Die variablen Betriebskosten steigen nur leicht.
Wo steht findependent konkret beim geplanten Wachstum, in welchen geographischen Regionen und Kunden-Segmenten findet das grösste Wachstum statt?
Wir wachsen nach wie vor in der Deutschschweiz am stärksten, hier in der Grossregion Zürich und in der Nordwestschweiz. Natürlich sticht hier unser Heimatkanton Aargau heraus. Aber auch eher unerwartete Gebiete wie der Kanton Graubünden wachsen stark.
Die Alterskategorie 56-65 wächst prozentual klar am stärksten und auch der Frauenanteil von 33% erhöht sich weiter. Zudem sticht das Wachstum bei den Vermögenswerten über 100’000 Franken heraus.
Wie differenzieren Sie sich von etablierten Konkurrenten (Neo-Banken oder traditionellen Banken)?
Wir haben keinen Grosskonzern im Hintergrund, wir sind keine Bank und wollen es auch nicht sein. Für unsere Ausgabenpolitik heisst dies, dass wir wesentlich schlanker als alle traditionellen Banken unterwegs sind und wohl auch schlanker als alle unsere direkten Mitbewerber. Tiefer Ausgaben ermöglichen es uns, die Gebühren auch für Anlegerinnen tief zu halten. Überhaupt ist uns im Kontakt mit unseren Kunden eine Kommunikation auf Augenhöhe wichtig, ein langfristiges Miteinander statt einer kurzfristigen Optimierung. Nutzerinnen mögen unsere App für die Übersichtlichkeit und Einfachheit und unser Team für die Zugänglichkeit und den persönlichen Touch, den wir auch mit weit über 20’000 Kunden jeden Tag leben. Und schlussendlich gehört das Unternehmen zu einem stattlichen Teil auch unseren Kundinnen, was uns sicher auch von den meisten Konkurrenten unterscheidet.
Wie ist die aktuelle Eigentumsstruktur von findependent verteilt (Gründer, Investoren, Mitarbeiter)? Welche Investoren sind beteiligt, und wie viel Kapital wurde bisher aufgebracht? Ist eine nächste Finanzierungsrunde geplant, und wenn ja, in welchem Umfang und Zeitrahmen?
Das Unternehmen ist privat gehalten, 30% gehören seit dem Crowdinvesting rund 1’500 Kundinnen und Kunden. Weitere 30% sind im Besitz von privaten Investoren wie beispielsweise Roland Brack. 40% gehören uns Mitarbeitenden und dem Verwaltungsrat.
Bisher haben wir 8.5 Mio. Franken an Kapital aufgenommen und davon sind 4 Mio. Franken nach wie vor Cash auf dem Konto und werden es auch bleiben. Ich bin sehr stolz, was wir mit nur gerade 4.5 Mio. Franken Burn mit findependent in den letzten Jahren aufgebaut haben.
«Bisher haben wir 8.5 Mio. Franken an Kapital aufgenommen und davon sind 4 Mio. Franken nach wie vor Cash auf dem Konto und werden es auch bleiben.»
Da wir 2026 nochmals einen Verlust machen werden, führen wir aktuell nochmals eine kleine Finanzierungsrunde durch, um die Eigenmittelanforderung sicher erfüllen zu können. Die benötigten rund 1.5 Mio. Franken sind bereits zugesichert und kommen fast ausschliesslich von bestehenden Investoren. Ob es künftig nochmals ein Crowdinvesting geben wird, ist aktuell noch offen.
KI wird im Fintech-Sektor zunehmend entscheidend. Wo setzt findependent bereits künstliche Intelligenz ein? Welche KI-basierten Features sind geplant, und wie sehen Sie die nächsten technologischen Entwicklungen, die für findependent strategisch entscheidend sein werden?
Einerseits prüfen wir laufend, wo wir bei uns intern KI einsetzen können, beispielsweise bei der Prozessoptimierung, Softwareentwicklung oder im Marketing. Wir überlegen uns andererseits auch, wie die Menschen in ein paar Jahren ihre persönlichen Finanzen von KI-Agenten regeln lassen und wie wir auch in diesem neuen Umfeld erfolgreich sein können.
Der Markt für digitale Säule-3a-Lösungen wächst kontinuierlich. Wie wichtig ist dieses Segment für findependent langfristig, welche Chancen und Risiken sehen Sie bei der Säule 3a im Kontext regulatorischer Entwicklungen und veränderter Konsumentenpräferenzen?
Aus Kundensicht macht unsere für das zweite Halbjahr 2026 geplante Lancierung einer Säule-3a-Anlagelösung die Dinge noch einfacher. So kommt freies und gebundenes Vermögen aus einer Hand bzw. einer App. Wir versprechen uns in diesem Zusammenhang eine noch engere und langfristigere Bindung bestehender Kundinnen. Zudem agiert ein 3a-Angebot oft auch als Türöffner: Fasst ein Neukunde über 3a Vertrauen, kann die Geldanlage im freien Vermögen der nächste Schritt sein.
Der Markt für 3a-Lösungen ist äusserst kompetitiv. Um erfolgreich zu sein, muss das Angebot einfach und preisgünstig sein. Beides Aspekte, die fest in unserer DNS verankert sind. Wir sind daher bestens positioniert, um eine kundenfreundliche Anlagelösung zu lancieren.
Viele europäische Fintechs expandieren international. Plant findependent eine Expansion in andere Märkte (EU, UK, global), oder konzentrieren Sie sich bewusst auf den Schweizer Markt und dessen Besonderheiten?
Wir glauben, dass der Schweizer Markt vorerst genügend Wachstumsmöglichkeiten bietet und planen daher kurz- und mittelfristig keine Expansion.
Welches sind die wichtigsten Eckpunkte Ihrer Strategie Ziele für die nächsten 3–5 Jahre, welche Meilensteine müssen Sie erreichen, um nachfolgende Investitionen oder Expansionsschritte zu rechtfertigen?
Unser aktuell wichtigstes Ziel ist es, in 1-2 Jahren die Profitabilität zu erreichen und mittelfristig die Milliardenschwelle bei den verwalteten Vermögen zu erreichen. Ganz grundsätzlich möchten wir mit findependent zeigen, dass man auch als unabhängiges Startup, ohne Hilfe von Grosskonzernen, also ganz “uncorporate” signifikante Marktanteile gewinnen kann.
«Ganz grundsätzlich möchten wir mit findependent zeigen, dass man auch als unabhängiges Startup, ohne Hilfe von Grosskonzernen, also ganz “uncorporate” signifikante Marktanteile gewinnen kann.»
Die Finanzregulierung in der Schweiz und weltweit wird laufend verschärft (KYC, AML, ESG-Compliance, Datenschutz). Sehen Sie neue regulatorische Herausforderungen durch die Wertpapierhaus-Lizenz, wie viel investieren Sie in die Compliance-Infrastruktur?
Die Wertpapierhaus-Lizenz bringt natürlich auch zusätzliche regulatorische Aufgaben mit sich. Wie bisher streben wir aber auch im Compliance-Bereich weiterhin eine hohe Automatisierung an. Damit dies möglich ist, halten wir unser Angebot weiterhin bewusst einfach: Vermögensverwaltung für Privatkunden mit Wohnsitz in der Schweiz.
Ich sehe die Regulierung aber nicht bloss als Herausforderung, sondern denke, dass sie auch zu mehr Vertrauen bei Anlegerinnen und Anlegern und zu einem stärkeren Unternehmen führen kann.
Sie sind als reiner Online-Dienstleister, ohne Altlasten der technologischen Infrastruktur, gestartet. Wie hoch sind Ihre aktuellen Kunden- Akquisitionskosten im Vergleich zum erwarteten Kundenwert, welche Vertriebskanäle funktionieren für findependent am besten?
Als Resultat unserer bisherigen Ausgabenpolitik sind unsere Akquisitionskosten eher tief. Mit der neuen Bewilligung steigt für uns der Kundenwert, was uns dann auch nochmals mehr Möglichkeiten gibt in der Kundenakquise. Nach wie vor sind Weiterempfehlungen ein sehr wichtiger Wachstumskanal und für uns ein gutes Zeichen, dass unser Angebot tatsächlich funktioniert und echten Mehrwert schafft.
Welche Projekte und Herausforderungen beschäftigen Sie als CEO derzeit am intensivsten, wo sehen Sie die grössten operativen oder strategischen Herausforderungen?
Aktuell liegt mein Fokus ganz klar auf dem Go-Live als Wertpapierhaus und der in diesem Zusammenhang anstehenden Migration der Bestandskunden. Wir wollen dies gut über die Bühne bringen und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Projekt. Denn mit der Lancierung unserer Säule 3a werden wir zeitgleich auch unsere App komplett überarbeiten. Allgegenwärtig bleibt natürlich die Erfüllung aller regulatorischen Anforderungen. Nebst all diesen Projekten möchte ich auch das Wachstum wieder beschleunigen. Es wird uns und mir ganz bestimmt nicht langweilig.
Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?
Ich würde mir wünschen, dass alle verstehen, dass eine kostengünstige, breit abgestützte Anlagelösung für die langfristigen Ersparnisse der viel bessere Ort ist als das Sparkonto. Und dass die Schweiz so nicht primär ein Land der Sparerinnen, sondern auch ein Land der Anlegerinnen wird.
