von Patrick Gunti
Vor wenigen Jahren galt die Photovoltaik als Herzstück der Energiewende. Heute rücken zunehmend Batteriespeicher ins Zentrum, denn sie machen Solarstrom flexibel nutzbar und eröffnen neue Möglichkeiten für Haushalte, Unternehmen und das Stromnetz. Sinkende Preise, neue Geschäftsmodelle und der rasante Ausbau der Solarenergie verleihen dem Markt zusätzlichen Schub. Im Interview erklärt Matthias Egli, Geschäftsführer von Swissolar, weshalb Speicher künftig weit mehr leisten müssen als den Eigenverbrauch zu erhöhen – und welche politischen Weichen dafür jetzt gestellt werden müssen.
Moneycab.com: Herr Egli, vor wenigen Jahren standen Solaranlagen im Zentrum der Energiewende. Heute scheint sich der Fokus zunehmend auf Batteriespeicher zu verlagern. Wie erleben Sie die Entwicklung?
Matthias Egli: Die Installation von Batterien ist die logische nächste Entwicklungsstufe. Solaranlagen produzieren Strom, Batterien machen ihn zur richtigen Zeit nutzbar. Damit wächst der Markt vom einzelnen Modul zum intelligenten Energiesystem mit Speicher, Ladeinfrastruktur und Steuerung. Das schafft neue Möglichkeiten für Installateure, Energieversorger und Immobilienfirmen.
Der Batteriemonitor von Swissolar zeigt eine beinahe Verdoppelung der Neuinstallationen innert Jahresfrist. Was sind die wichtigsten Treiber dieses Booms – sinkende Preise, tiefere Einspeisevergütungen oder ein verändertes Bewusstsein für Versorgungssicherheit?
Der wichtigste Treiber sind die stark gesunkenen Preise. Gleichzeitig ist der Nutzen leicht verständlich: Private Haushalte können mehr eigenen Solarstrom nutzen. Gewerbe- und Industriebetriebe reduzieren teure Verbrauchsspitzen und senken so ihre Stromkosten. Batteriespeicher entwickeln sich deshalb rasch vom Nischenprodukt zum breiten Markt.
Vor wenigen Jahren wurde die Wirtschaftlichkeit von Batteriespeichern noch kontrovers diskutiert. Hat sich diese Frage heute weitgehend erledigt?
In der Tat. Die Wirtschaftlichkeit hat sich dank der deutlich gesunkenen Preise stark verbessert. Deshalb werden heute praktisch alle neuen Solaranlagen direkt mit einem Batteriespeicher gebaut. Die Wirtschaftlichkeit rechnet sich heute steht vor allem durch gesteigerten Eigenverbrauch. Künftig können die Speicher noch mehr Ertrag generieren: Strom gezielt dann ins Netz einspeisen, wenn die Preise hoch sind, und gebündelt über Dienstleister für die Regelenergie zur Stabilisierung des Stromsystems beitragen.
«Die Wirtschaftlichkeit hat sich dank der deutlich gesunkenen Preise stark verbessert. Deshalb werden heute praktisch alle neuen Solaranlagen direkt mit einem Batteriespeicher gebaut.»
Matthias Egli, Geschäftsführer Swissolar
Mit dem weiteren Ausbau der Photovoltaik entstehen immer häufiger hohe Produktionsspitzen zur Mittagszeit. Können Batteriespeicher dieses Problem tatsächlich entschärfen?
Ja. Dabei spielen nicht nur Batterien eine wichtige Rolle, sondern auch intelligente Energiemanagementsysteme. Sie steuern den Verbrauch so, dass möglichst viel Strom direkt zur Mittagszeit genutzt wird – zum Beispiel für den Boiler, die Wärmepumpe oder das Elektroauto. Überschüssiger Strom wird in der Batterie gespeichert. So lassen sich Produktionsspitzen reduzieren, die Netze entlasten und langfristig auch Netzkosten senken.
Bislang stehen vor allem Batteriespeicher in Einfamilienhäusern im Fokus. Welche Rolle werden künftig Quartierspeicher spielen, die den Solarstrom mehrerer Gebäude gemeinsam speichern und verteilen?
Quartierspeicher können den Solarstrom mehrerer Gebäude bündeln und dadurch besser auslasten. Davon profitieren etwa Wohnhäuser, Schulen und Gewerbebetriebe mit unterschiedlichen Verbrauchszeiten. Grössere Speicher sind pro Kilowattstunde oft günstiger. Dennoch gibt es bisher nur wenige Projekte, weil Planung, Bewilligung und Installation und komplexer sind und Landkosten eingerechnet werden müssen. Heimspeicher haben hier einen klaren Vorteil: Sie lassen sich einfach installieren. Grösserer Speicher werden jedoch häufig in Gewerbe- und Industriearealen installiert, wo sie direkt im Areal genutzt werden.
Der klassische Heimspeicher dient vor allem dazu, den Eigenverbrauch zu erhöhen. Müssen Batteriespeicher künftig zusätzliche Aufgaben übernehmen?
Ja. Künftig sollten Batteriespeicher mehr leisten als nur den Eigenverbrauch zu erhöhen. Sie können Stromkosten senken, Verbrauchsspitzen glätten, Elektroautos gezielt laden und das Netz entlasten. Heute fehlen dafür oft die finanziellen Anreize, weil Strom- und Einspeisetarife meist fix sind. Mit dynamischen Tarifen ändert sich das: Wer die Batterie bei hoher Solarproduktion lädt und bei hoher Nachfrage einspeist, profitiert finanziell. Der Wert liegt damit zunehmend in der Flexibilität.
«Künftig sollten Batteriespeicher mehr leisten als nur den Eigenverbrauch zu erhöhen. Sie können Stromkosten senken, Verbrauchsspitzen glätten, Elektroautos gezielt laden und das Netz entlasten.»
Swissolar spricht im Batteriemonitor von einer neuen Rolle der Speicher für das Stromnetz. Wie verändert sich damit ihre Funktion in den kommenden Jahren?
Dank der erwähnten Anreize werden Speicher vom privaten Gerät zu einem aktiven Teil des Stromsystems. Mit dynamischen Tarifen reagieren Produktion, Speicherung und Einspeisung automatisch auf Markt- und Netzsignale. So entlasten Speicher die Netze, stabilisieren das Energiesystem und erhöhen gleichzeitig den Ertrag für die Betreiber.
Neben Heimspeichern gewinnen Grossspeicher rasant an Bedeutung. Welche Aufgaben können sie übernehmen?
Grossspeicher dienen nicht dem Eigenverbrauch, sondern erfüllen in erster Linie drei Aufgaben im Stromsystem. Netzdienlich reduzieren sie Lastspitzen, vermeiden Engpässe und können teuren Netzausbauten verhindern. Systemdienlich stellen sie innert Sekunden Regelenergie bereit und stabilisieren das Netz. Dies kann in kürzester Zeit passieren und potentielle Blackouts verhindern. Marktdienlich speichern sie Strom bei Tiefen Preisen und Verkaufen ihn bei hoher Nachfrage. So verbinden sie Netzstabilität mit neuen Geschäftsmodellen.
Bis 2030 sind in der Schweiz Grossspeicher mit einer Kapazität von über 4 GWh angekündigt. Reicht dieser Ausbau aus?
Die angekündigten 4 GWh sind ein wichtiger Anfang, reichen aber langfristig noch nicht aus. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz Nachholbedarf. Dank dem Ausbau von kleinem Speicher wie auch Grosspeicher wird der Solarstrom zum 24 Stunden-Strom. Für die oben erwähnten Stabilsierung des Stromsystems braucht es aber deutlich mehr.
Welche Rolle werden Elektroautos künftig als mobile Batteriespeicher spielen? Wird bidirektionales Laden ein realistischer Bestandteil des Energiesystems?
Elektroautos werden künftig eine wichtige Rolle als mobile Speicher spielen. Ihre gesamte Batteriekapazität übersteigt jene der Schweizer Pumpspeicherkraftwerke deutlich. Deshalb ist es sinnvoll, diese potentiellen Speicher und Flexibilität ins Energiesystem einzubinden. Zunächst steht das intelligente Laden im Vordergrund: geladen wird, wenn viel Strom verfügbar und das Netz wenig belastet ist. Für bidirektionales Laden fehlen heute noch klare Anreize, einfache Modelle und Vertrauen bei den Fahrzeughaltern.
«Elektroautos werden künftig eine wichtige Rolle als mobile Speicher spielen. Ihre gesamte Batteriekapazität übersteigt jene der Schweizer Pumpspeicherkraftwerke deutlich.»
Swissolar fordert eine nationale Speicherstrategie. Wo sehen Sie heute die grössten regulatorischen Hürden, die einer stärkeren Nutzung von Batteriespeichern im Weg stehen?
Die grössten Hürden sind heute unklare Zuständigkeiten, uneinheitliche Regeln zum Beispiel für Bewilligungsverfahren und fehlende Anreize. Die Schweiz braucht deshalb eine nationale Speicherstrategie mit klaren Ausbauzielen bis 2035 und 2050. Speicher sollten unabhängig von ihrer Anwendung gleichbehandelt und von Netzgebühren befreit werden. Zudem braucht es klare Regeln, damit Batterien netz-, system- und marktdienlich eingesetzt werden können – sowie bessere Daten als Grundlage für Investitionen.
