von Patrick Gunti
Herr Feitknecht, Sie haben Mitte Mai Ihren ersten Jahresabschluss als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Fenaco präsentiert. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die ersten Monate an der Spitze des Unternehmens zurück?
Die ersten Monate waren intensiv und gleichzeitig äusserst spannend. Obwohl ich schon vorher 7 Jahre für die fenaco tätig war, durfte ich das Unternehmen noch einmal neu kennenlernen. Mein Eindruck nach bald einem Jahr: Die fenaco ist stabil unterwegs. Wir haben die Kraft, um entlang der ganzen Wertschöpfungskette praktische Lösungen für die Land- und Ernährungswirtschaft zu entwickeln und umzusetzen.
Was hat Sie seit Ihrem Amtsantritt am 1. Juli vergangenen Jahres in Ihrer neuen Rolle am meisten überrascht – positiv oder negativ?
Besonders beeindruckt mich das Engagement unserer Mitarbeitenden. Wir sind mit grossen Herausforderungen konfrontiert. Unsere Mitarbeitenden begegnen diesen mit viel Verantwortungsbewusstsein und dem Willen, etwas Positives für die Schweizer Landwirtschaft- und Ernährungswirtschaft zu bewegen.
Der Nettoerlös der Fenaco ist 2025 leicht zurückgegangen, gleichzeitig konnte der EBIT gesteigert werden. Was war der wichtigste Hebel, um die Profitabilität trotz schwierigem Umfeld zu verbessern?
Die fossilen Energieträger sowie der Getreidehandel hatten 2025 einen geringeren Anteil am Gesamtumsatz. Beides sind Bereiche, in denen mit tiefen Margen kalkuliert wird. Dies wirkte sich positiv auf unsere Nettoerlösrendite aus. Parallel dazu hatten wir unsere Kosten – obschon auf anhaltend hohem Niveau – im Griff.
Sie sprechen von einer «anspruchsvollen Gesamtsituation» mit geopolitischen Krisen, hoher Kostenbasis und gedrückter Konsumentenstimmung. Wo spürt die Fenaco diese Unsicherheiten derzeit am stärksten?
Bei den fossilen Brenn- und Treibstoffen spüren wir eine starke Zurückhaltung der Kundschaft aufgrund der Preissituation. Die gestiegenen Energiepreise ziehen einen Rattenschwanz nach sich: Sie treiben die Kosten für die Logistik, Verpackungsmaterial usw. in die Höhe. Es gibt aber auch positive Nebeneffekte. Das Thema Energie-Autonomie dürfte wichtiger werden. Es gibt unserem Konzept der virtuellen Kraftwerke Auftrieb. Konkret planen wir, unsere Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Ladestationen und Microgrids zu einer intelligenten Plattform zu vernetzen. Sie ist in der Lage, Strom zu steuern und zum richtigen Zeitpunkt auf den Märkten zu verkaufen.
«Das Thema Energie-Autonomie dürfte wichtiger werden. Es gibt unserem Konzept der virtuellen Kraftwerke Auftrieb. Konkret planen wir, unsere Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Ladestationen und Microgrids zu einer intelligenten Plattform zu vernetzen.»
Michael Feitknecht, Vorsitzender Geschäftsleitung der fenaco Genossenschaft
Die tiefen Preise im internationalen Getreidehandel und bei fossilen Energien belasteten den Umsatz. Wie stark verändert sich dadurch das Geschäftsmodell der Fenaco langfristig?
Solche Schwankungen sind für uns nicht neu. Wir halten an unseren vier Geschäftsfeldern Agrar, Lebensmittelindustrie, Detailhandel und Energie fest, auch wenn der Wind einmal in die andere Richtung bläst. Der internationale Getreidehandel bleibt wichtig für die Versorgungssicherheit in der Schweiz. Im Energiebereich erwarten wir einen langfristigen Wechsel hin zu dezentral produzierten Energien.
Alle vier Geschäftsfelder – Agrar, Lebensmittelindustrie, Detailhandel und Energie – konnten ihre Marktanteile halten oder ausbauen. Welcher Bereich hat Sie 2025 positiv überrascht, in welchem herrscht andererseits am meisten Druck?
Der Detailhandel hat sich besonders positiv entwickelt. Volg erzielte einen Umsatzrekord und auch die LANDI Läden verzeichneten ein leichtes Wachstum. Während im Geschäftsfeld Energie der Nettoerlös preisbedingt sank, blieb die Nachfrage nach fossilen Treibstoffen hingegen stabil. Das zeigt, wie wichtig die fossilen Energien nach wie vor sind. Umgekehrt hat sich das Geschäft mit den erneuerbaren Energien aufgrund von regulatorischen Unsicherheiten nicht wunschgemäss entwickelt.
Im Detailhandel sieht sich Fenaco mit Volg und Landi durch den Onlinehandel und die Discounter einem immer grösser werdenden Preiskampf ausgesetzt. Wie gelingt es, trotzdem – wie bei Volg – Rekordumsätze zu erzielen?
Unsere Detailhandelskonzepte LANDI, Volg und TopShop sind in ihren Nischen im ländlichen Raum gut etabliert, werden geschätzt und wachsen stetig. Volg positioniert sich konsequent als Begegnungsort im Dorf. Die kleinflächigen Läden mit Produkten des täglichen Bedarfs, ausgedehnten Öffnungszeiten und Zusatzangeboten, zum Beispiel Post-Dienstleistungen, erfüllen ein Konsumentenbedürfnis. Die LANDI Läden überzeugen mit einem einzigartigen Sortimentsmix und Eigenmarken in Top-Qualität zu dauerhaft tiefen Preisen. Wie bei Volg spielt auch bei LANDI das Einkaufserlebnis eine entscheidende Rolle. Es ist einfach «angenehm anders» in einer LANDI einzukaufen. Im Hintergrund investieren wir laufend in eine schlagkräftige Logistik und IT.
«Wie bei Volg spielt auch bei LANDI das Einkaufserlebnis eine entscheidende Rolle. Es ist einfach «angenehm anders» in einer LANDI einzukaufen.»
Rund ein Drittel des EBIT fliesst an die Mitglieder zurück. Wie wichtig ist dieser genossenschaftliche Gedanke gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten?
Die Genossenschaftsumfrage 2025 zeigte es deutlich: Für 90 Prozent der befragten Landwirtinnen und Landwirte sind Genossenschaften wichtig für den eigenen Betrieb. Gerade in der Schweiz mit ihren vielen Familienbetrieben sind sie von grosser Bedeutung. Denn sie übernehmen Aufgaben, die ein einzelner Betrieb nicht alleine schultern kann und wirken als Puffer bei Marktverwerfungen. Konkret zeigt sich das aktuell beim Dünger. Hier konnten wir die aktuellen Preisanstiege wegen des Irankriegs dank des Vorbezugssystems für die Schweizer Landwirtinnen und Landwirte fürs erste abwenden.
«Gerade in der Schweiz mit ihren vielen Familienbetrieben sind die Genossenschaften von grosser Bedeutung. Denn sie übernehmen Aufgaben, die ein einzelner Betrieb nicht alleine schultern kann und wirken als Puffer bei Marktverwerfungen.»
Die Fenaco investiert stark in Innovationen – etwa in Digitalisierung, Automatisierung oder alternative Pflanzenschutzlösungen. Wo sehen Sie aktuell den grössten Hebel für die Schweizer Landwirtschaft?
Alle diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle für eine Landwirtschaft mit Zukunft. Wir betreiben praxisnahe Innovation und bringen die erprobten Lösungen über das LANDI Netzwerk auf die Landwirtschaftsbetriebe. Dazu zählt etwa unsere Technologieplattform Innovagri mit Lösungen für den alternativen Pflanzenschutz oder Innovationen im Bereich der Landtechnik. Mit der Terrascan-Technologie erstellen wir zum Beispiel per Drohnenflug detaillierte Bodenanalysen. Auf dieser Grundlage können die Landwirtinnen und Landwirte ihre Felder viel präziser bearbeiten und setzen dadurch den Dünger oder Kalk noch gezielter ein. Weiter setzen wir auf den digitalen Hofmanager barto und entwickeln ihn laufend weiter. Er vereinfacht den Landwirtinnen und Landwirten die Administration und liefert ihnen Daten für die Weiterentwicklung ihres Unternehmens.
Gleichzeitig stehen Landwirtschaft und Ernährungssysteme stark unter gesellschaftlichem und politischem Druck – Stichwort Nachhaltigkeit. Wie gelingt der Balanceakt zwischen Wirtschaftlichkeit und ökologischen Erwartungen?
Wirtschaftlichkeit und Ökologie schliessen sich nicht gegenseitig aus. Die Landwirtinnen und Landwirte haben ein Interesse daran, unsere natürlichen Ressourcen so schonend wie möglich zu nutzen. Pflanzenschutzprodukte zum Beispiel setzen sie nicht aus Selbstzweck ein, sondern um die Schweiz mit Lebensmitteln zu versorgen. Die ganze Branche arbeitet mit Hochdruck daran, die Produktivität der Landwirtschaft zu erhalten, ohne die Umwelt zusätzlich zu belasten – und da spielt Innovation eine wichtige Rolle. Letztes Jahr steckten wir 4,7 Mio. Franken à fonds perdu in die Forschung und Entwicklung. Die Gelder flossen in Forschungskooperationen mit Schweizer Hochschulen und in Projekte rund um neue Züchtungsverfahren, den alternativen Pflanzenschutz, die Digitalisierung und Automatisierung der Landwirtschaft sowie Innovationen in der Lebensmittelindustrie. Und nicht zuletzt ist Nachhaltigkeit ein Konsumentenbedürfnis. Die Landwirtinnen und Landwirte produzieren für den Markt und wollen dieses Bedürfnis befriedigen.
Für 2026 geben Sie sich eher vorsichtig. Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorgen?
Für 2026 erwarten wir ein herausforderndes Jahr. Einerseits sind die geopolitischen Unsicherheiten gross. Andererseits zeichnet sich keine Verbesserung der Konsumentenstimmung ab. Der Wettbewerb in unseren Märkten bleibt intensiv und der Spielraum für Preiserhöhungen ist klein. Aber insgesamt sind wir auf Kurs. Wir verfügen über eine solide finanzielle Basis, geniessen das Vertrauen unserer Mitglieder und können auf engagierte Mitarbeitende zählen. Deshalb haben wir die Ambition, Resultate auf Vorjahresniveau zu erreichen.
