von Patrick Gunti
Moneycab.com: Herr Musshafen: Das Hallenstadion hat im vergangenen Geschäftsjahr den Umsatz von 17,4 auf 23,1 Millionen Franken gesteigert und den Jahresgewinn auf 1,65 Millionen Franken praktisch verdoppelt. Was waren die wichtigsten Gründe?
Das starke Ergebnis ist vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen: Erstens hatten wir mit 110 Veranstaltungstagen ein ausserordentlich dichtes und attraktives Programm. Zweitens durften wir aussergewöhnlich viele ausverkaufte oder sehr gut besuchte Events erleben. Und drittens ist es uns gelungen, die Halle sehr effizient zu betreiben und die teilweise sehr engen Umbau- und Produktionsfenster optimal zu nutzen. Man spürt sehr deutlich: Die Menschen suchen Live-Erlebnisse. Sie suchen diese besondere Art von Emotion, die nur entsteht, wenn Tausende Menschen im gleichen Moment dasselbe erleben. Vielleicht gerade auch als Ausgleich zu einer Welt, die immer schneller, digitaler und teilweise auch anonymer wird. Das Hallenstadion steht genau für diese gemeinsamen Momente.
2025 war deshalb nicht einfach nur ein Jahr mit mehr Events. Es war ein Jahr mit hoher Auslastung, grosser programmlicher Vielfalt und einer starken Nachfrage nach Live-Entertainment. Dass wir gleichzeitig unsere Abläufe sehr konsequent optimieren konnten, hat wesentlich zur verbesserten Profitabilität beigetragen.
Hat Sie dieses Wachstum selbst überrascht?
In dieser Deutlichkeit ja. Wir wussten, dass 2025 ein starkes Jahr werden kann, weil die Buchungslage früh vielversprechend war. Aber 110 Veranstaltungstage und rund 937’000 Besucherinnen und Besucher sind auch für das Hallenstadion aussergewöhnlich. Nach dem Auszug des ZSC war klar, dass wir unser Geschäftsmodell weiterentwickeln und neue Formate, mehr Mehrtagesproduktionen und eine noch stärkere Nutzung der Arena ermöglichen müssen. Dass uns dies in dieser Geschwindigkeit und Qualität gelungen ist, freut mich sehr. Überrascht hat mich weniger das Potenzial des Hallenstadions – daran glaube ich jeden Tag –, sondern eher, wie konsequent unser Team dieses Potenzial auf die Bühne gebracht hat.
Welche Veranstaltungsformate haben besonders stark zum Ergebnis beigetragen – Konzerte, Corporate Events, Sport oder Entertainment-Shows?
Unsere Kernkompetenz bleibt ganz klar das Live-Entertainment und insbesondere das internationale Konzertgeschäft. Konzerte sind für das Hallenstadion wirtschaftlich und emotional weiterhin der wichtigste Treiber. Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, wie wertvoll unsere Multifunktionalität ist. Entertainment-Shows, Musicals, Corporate Events, Sportveranstaltungen und Spezialformate tragen alle dazu bei, dass wir die Halle über das Jahr breit auslasten können. Gerade seit dem Auszug des ZSC sind Mehrtagesformate im Show- und Entertainmentbereich wichtiger geworden. Diese Vielfalt ist ein grosser Vorteil. Sie macht uns weniger abhängig von einem einzelnen Segment und stärkt Zürich als zentralen Veranstaltungsstandort der Schweiz.
«Konzerte sind für das Hallenstadion wirtschaftlich und emotional weiterhin der wichtigste Treiber. Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, wie wertvoll unsere Multifunktionalität ist.»
Philipp Musshafen, CEO AG Hallenstadion Zürich
Trotz hoher Inflation und steigender Kosten konnten Sie die Profitabilität verbessern. Wo haben Sie konkret angesetzt?
Wir haben sehr konsequent auf Effizienz, Planung und Kostenbewusstsein geachtet. In einer Arena wie dem Hallenstadion entscheidet nicht nur die Anzahl Events über den Erfolg, sondern auch, wie präzise man Personal, Technik, Energie, Sicherheit, Reinigung, Gastronomie und Umbauten plant.
Bereits 2024 konnten wir den Veranstaltungsaufwand deutlich senken – von einem historischen Durchschnitt von rund 29 bis 30 Prozent auf 26,4 Prozent. Diese Effizienzstrategie haben wir weitergeführt. Gleichzeitig profitieren wir bei hoher Auslastung natürlich auch von Skaleneffekten. Wenn eine bestehende Infrastruktur häufiger genutzt wird, verbessert sich die Wirtschaftlichkeit – sofern die Qualität nicht darunter leidet. Und genau das war unser Anspruch: Kosten im Griff behalten, aber nicht an der Erlebnisqualität sparen.
Sie haben erstmals eine Wertschöpfungsstudie durchführen lassen. Dass die Arena ein bedeutender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Impulsgeber für Zürich ist, war schon vorher klar. Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Studie?
Natürlich wussten wir, dass das Hallenstadion eine grosse Bedeutung hat. Aber die Studie macht diese Bedeutung erstmals sehr konkret und belastbar sichtbar. Sie zeigt: Das Hallenstadion ist weit mehr als eine Eventhalle. Es ist eine strategisch relevante Infrastruktur für Stadt und Kanton Zürich. Die Bruttowertschöpfung beträgt schweizweit rund 186 Millionen Franken pro Jahr, davon 69 Millionen in der Stadt Zürich und 57 Millionen im Kanton Zürich. Zudem lösen unsere Aktivitäten schweizweit ein Arbeitsvolumen von rund 1440 Vollzeitstellen aus. Dazu kommen zusätzliche Ausgaben der Besucherinnen und Besucher in Zürich, unter anderem in Gastronomie, Hotellerie, Mobilität und Detailhandel.
Der wichtigste Schluss für mich ist: Live-Entertainment ist nicht einfach Freizeitkonsum. Es schafft wirtschaftliche Wirkung, gesellschaftliche Begegnung und Standortattraktivität. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt sind Orte, an denen Menschen gemeinsam Emotionen erleben, besonders wertvoll.
«Live-Entertainment ist nicht einfach Freizeitkonsum. Es schafft wirtschaftliche Wirkung, gesellschaftliche Begegnung und Standortattraktivität.»
Sie prüfen verschiedene Ausbau- und Modernisierungsschritte. Welche Investitionen haben Priorität?
Priorität hat alles, was unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichert. Eine Arena wie das Hallenstadion muss laufend modernisiert werden. Stillstand ist in unserem Geschäft keine Option. Konkret geht es um die Erneuerung der Bestuhlung, den Ersatz von Lüftungs- und Elektroanlagen, Hebeeinrichtungen, den Ausbau von Digital Signage, die Erneuerung von Sanitäranlagen und den Ersatz unseres LAN-Netzwerks. Darüber hinaus prüfen wir grössere Entwicklungsschritte im VIP- und Hospitality-Bereich, neue Restaurants und Logen sowie langfristig auch bauliche Fragen rund um das Dach, die Dachhöhe und mögliche Kapazitätserweiterungen.
Gerade diese Themen sind aber komplex. Das Hallenstadion steht unter Denkmalschutz. Das macht gewisse Weiterentwicklungen anspruchsvoller – insbesondere dort, wo es um das Dach, die lichte Höhe über der Bühne oder eine höhere Kapazität geht. Gleichzeitig entwickeln sich internationale Produktionen technisch und räumlich weiter. Bühnen werden grösser, Rigging-Anforderungen steigen, die Ansprüche an Hospitality und Infrastruktur nehmen zu. Wenn Zürich weiterhin auf den relevanten Tourplänen bleiben soll, müssen wir diese Fragen frühzeitig und ernsthaft angehen.
Der Eventmarkt gilt als volatil und stark von internationalen Tourplänen abhängig. Wie planbar ist ein Geschäftsjahr für das Hallenstadion überhaupt?
Unser Geschäft ist volatiler geworden. Buchungen, aber auch Stornierungen, erfolgen heute teilweise kurzfristiger als früher. Das hängt mit internationalen Tourplänen, Produktionskosten, Verfügbarkeiten, wirtschaftlichen Unsicherheiten und sich veränderndem Publikumsverhalten zusammen. Ein erstes relativ gutes Grundrauschen für das kommende Jahr sehen wir meistens im November. Dann erkennt man, in welche Richtung sich das Jahr entwickeln könnte. Aber danach kann noch sehr viel passieren – positiv wie negativ. Zusätzliche Shows können kurzfristig dazukommen, Produktionen können verschoben werden, einzelne Formate können wegfallen. Darauf müssen wir als Organisation sehr flexibel reagieren können.
Deshalb arbeiten wir mit regelmässigen Forecasts, die wir dreimal pro Jahr aktualisieren. Sie helfen uns, die Entwicklung realistisch einzuschätzen, Ressourcen zu planen und rechtzeitig Massnahmen zu treffen. Ganz genau planbar ist ein Jahr im Live-Entertainment nie. Aber mit Erfahrung, guten Daten, starken Partnerbeziehungen und einem sehr flexiblen Team kann man die Volatilität deutlich besser steuern.
Wie stark spüren Sie die Konkurrenz durch neue oder modernisierte und grössere Arenen im europäischen Ausland?
Sehr stark – und zunehmend. In Europa entstehen oder bestehen immer mehr moderne Arenen mit Kapazitäten um oder über 20’000 Personen, etwa in Mailand, Bologna, München, Lyon oder Wien. Gleichzeitig werden weltweit, insbesondere in Asien, Südamerika und im arabischen Raum, grosse neue Arenen gebaut. Das verändert die Tourplanung internationaler Produktionen spürbar.
Die Künstlerinnen und Künstler reisen nicht einfach mehr als früher. Wenn neue Märkte attraktiver werden, wird die verfügbare Zeit für Europa kleiner. Innerhalb Europas steigt damit der Wettbewerb um jede grosse Tournee. Zürich bleibt attraktiv, aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen.
«Innerhalb Europas steigt damit der Wettbewerb um jede grosse Tournee. Zürich bleibt attraktiv, aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen.»
Internationale Topstars konzentrieren ihre Tourneen zunehmend auf wenige grosse Metropolen. Wie schwierig ist es geworden, Zürich auf die Routen dieser Produktionen zu bringen?
Es ist anspruchsvoller geworden. Früher war eine Europatournee oft breiter angelegt. Heute konzentrieren sich viele internationale Produktionen auf weniger Städte, grössere Arenen oder Stadien und auf Märkte mit sehr hoher Skalierung.
Zürich hat aber weiterhin starke Argumente: eine kaufkräftige und live-affine Bevölkerung, hohe Sicherheit, professionelle Abläufe, ein sehr verlässliches Umfeld und ein Standort, an dem sich Künstlerinnen, Künstler und Crews wohlfühlen. Genau diese Mischung ist wichtig. Wir verkaufen nicht nur eine Halle. Wir verkaufen Verlässlichkeit, Qualität, Sicherheit und ein Publikum, das Live-Entertainment liebt.
Welche Standortnachteile hat die Schweiz im Wettbewerb um internationale Grossproduktionen?
Die Schweiz ist ein kleiner Markt mit hohen Kosten. Produktion, Personal, Logistik, Hotel, Transport und Dienstleistungen sind im internationalen Vergleich teuer. Dazu kommen Währungsfragen, Zoll- und Grenzthemen sowie regulatorische Anforderungen. Für internationale Tourneen zählt am Ende jeder Tag, jeder Kilometer und jede Kostenposition.
Ein weiterer Punkt ist die Kapazität. Viele Produktionen denken heute in sehr grossen Dimensionen. Wenn eine Arena mehr Tickets verkaufen kann, verändert das die Wirtschaftlichkeit einer Show. Deshalb müssen wir als Hallenstadion umso stärker mit Qualität, Effizienz, Sicherheit und Professionalität punkten.
Wie verändert sich das Geschäft mit Live-Events? Was erwarten Veranstalter und Besucher heute, das vor zehn Jahren noch kein Thema war?
Das Live-Erlebnis ist emotional wichtiger geworden, aber auch anspruchsvoller. Besucherinnen und Besucher erwarten heute nicht nur eine gute Show, sondern ein Gesamterlebnis: einfache Anreise, digitale Orientierung, schnelle Einlassprozesse, gute Gastronomie, saubere Infrastruktur, Sicherheit, Komfort und zunehmend auch Nachhaltigkeit.
Auch Veranstalter erwarten mehr. Produktionen sind technischer, schwerer, digitaler und komplexer geworden. Sie brauchen flexible Abläufe, kurze Umbauzeiten, moderne Backstagebereiche, gute Hospitality, leistungsfähige Daten- und Netzwerkinfrastruktur und ein Team, das lösungsorientiert arbeitet. Eine Arena ist heute nicht mehr nur ein Raum mit Bühne und Sitzplätzen. Sie ist eine Plattform für Erlebnisse.
Viele Menschen klagen über stark steigende Ticketpreise. Beobachten Sie Grenzen bei der Zahlungsbereitschaft des Publikums?
Ja, diese Grenzen gibt es. Gleichzeitig sehen wir, dass Live-Erlebnisse für viele Menschen einen sehr hohen Stellenwert haben. Gerade bei internationalen Topacts sind Fans bereit, viel zu investieren – nicht nur in Tickets, sondern auch in Anreise, Gastronomie, Hotel oder Merchandise. Aber das Publikum wird selektiver. Nicht jede Preiserhöhung wird einfach akzeptiert. Für uns als Arena ist wichtig zu betonen: Die Ticketpreise werden in der Regel nicht vom Hallenstadion festgelegt, sondern durch Veranstalter, Tourneen und Künstlerstrukturen. Trotzdem betrifft uns die Entwicklung natürlich. Wenn Live-Entertainment langfristig nur noch für eine kleine Gruppe erschwinglich wäre, wäre das für die Branche problematisch. Live-Events leben von Breite, Vielfalt und gemeinsamer Emotion.
Nach dem starken 2025: Erwarten Sie für 2026 und 2027 ähnlich gute Geschäftsjahre?
2025 war aussergewöhnlich stark. Solche Jahre kann man nicht einfach linear fortschreiben. Für 2026 und 2027 sind wir grundsätzlich zuversichtlich, aber der Eventmarkt bleibt volatil und stark abhängig von internationalen Tourplänen. Unser Ziel ist nicht, jedes Jahr einen Rekord zu jagen. Unser Ziel ist ein nachhaltig erfolgreicher Betrieb, der uns erlaubt, in die Zukunft des Hallenstadions zu investieren. Wir wollen Zürich weiterhin auf den relevanten Tourplänen halten, neue Formate entwickeln und unseren Gästen Erlebnisse bieten, die bleiben. Oder mit unserem Motto gesagt: We stage great emotions. Genau das bleibt unser Anspruch.
