Ralf Glabischnig, Partner inacta, im Interview

Ralf Glabischnig

Ralf Glabischnig, Managing Partner inacta.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Glabischnig, die Digitalisierung schreitet auch bei den Währungen voran. Um Zug herum hat sich ein eigentliches “Crypto-Valley” entwickelt. Welche Rolle werden Krypotwährungen in naher Zukunft spielen und wie kann sich hier die Schweiz im internationalen Wettbewerb positionieren?

Ralf Glabischnig: Als die Stadt Zug letztes Jahr als international erste öffentliche Behörde die Kryptowährung Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptierte, war dies ein starkes Signal an die weltweite Technologie- und FinTech-Branche. Seitdem gilt Zug als Mekka für Blockchain. Daraus entstand auch das Crypto Valley – in Anlehnung an das Silicon Valley -, also ein Cluster für Kryptowährungen und Blockchain. Als Mitbegründer und aktives Mitglied der Crypto Valley Association erleben wir tagtäglich, wie diese Anziehungskraft laufend Startups und etablierte Unternehmen nach Zug bringt. Zum Beispiel plant Wisekey, ein in Genf domizilierter Anbieter von IT-Security Lösungen, im Crypto Valley ein IoT Blockchain Center of Excellence aufzubauen. Nur schon in unserem Lakeside Business Center im Herzen von Zug sind über zehn Blockchain-Startups angesiedelt, welche wir mit Coaching und Infrastrukturleistungen im Aufbau begleiten. Um den zukünftigen Bedarf abzudecken, planen wir mit unseren Partnern und den Zuger Behörden das Crypto Valley Lab, wo innovative Unternehmer aus aller Welt ihre innovativen Ideen austesten können.

«Wir planen mit unseren Partnern und den Zuger Behörden das Crypto Valley Lab, wo innovative Unternehmer aus aller Welt ihre innovativen Ideen austesten können.» Ralf Glabischnig, Partner inacta

Ob die kontrovers diskutierten Kryptowährungen den Durchbruch schaffen werden, spielt aus meiner Sicht eine untergeordnete Rolle, zumal offene Fragen bezüglich Geld- und Währungswesen nicht abschliessend geklärt sind. Ich bin jedoch überzeugt, dass die zugrunde liegende Blockchain-Technologie enormes Potential für disruptive Geschäftsmodelle, innovative Produkte (z. B. www.limosafe.net.au) und effiziente Geschäftsprozesse darstellt. Das Leistungsangebot der inacta AG orientiert sich deshalb auch an den beiden Perspektiven «improve» (Prozessverbesserung) und «innovate» (Innovation).  Dabei investieren wir in äusserst spannende Initiativen gemeinsam mit Kunden, Hochschulen und Startups.

Für mich ist klar, dass sich der Wettbewerb nicht zwischen Zug, Zürich oder Genf abspielt, sondern weltweit. Wenn wir es schaffen, die Innovationskraft der wachsenden Eco-Systeme in geeigneter Form zu bündeln, kann die Schweiz ihre hervorragende internationale Position als wichtiger Finanzplatz und Wirtschaftsstandort behalten oder sogar ausbauen. Dazu gehört auch, das Bewusstsein für die digitale Transformation bei der Bevölkerung zu fördern. Der am 21. November 2017 stattfindende, von der nationalen Initiative digitalswitzerland organisierte und von der Wirtschaft und vom Bundesrat unterstützte landesweite «Digitaltag» erachte ich als eine hervorragende Idee für die Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Die ursprüngliche Idee von Blockchain, Vermittler, zu denen zum Beispiel Banken, Versicherer, Notare etc. gehören, auszuschalten, wird durch die massiven Investitionen von Finanzinstituten in das Thema und angekündigte Regulierungen schwierig umzusetzen sein. Welche Zukunft sehen Sie für Blockchain?

Wie bereits erwähnt, sehe ich ein Vielzahl von konkreten Anwendungsfällen, wo Blockchain ganze Branchen umwälzen wird, sei es in der Banken- und Versicherungsindustrie, im Gesundheitswesen, in der Logistik oder der Energiewirtschaft. Dass langjährige, traditionell aufgestellte Marktplayer in solchen Situationen grosse Investitionen tätigen, ist nachvollziehbar. Die einen versuchen, diese Entwicklungen zu verhindern oder zumindest zu verzögern, um länger vom heutigen Geschäftsmodell zu profitieren. Oder – und das finde ich zielführender – Finanzinstitute wollen diese Veränderungen aktiv begleiten, um auch zukünftig im Geschäft zu bleiben.

«Wir tun gut daran, die Hürden (für Fintech-Unternehmen) im Vergleich zum Ausland nicht zu hoch anzusetzen.»

Eine staatliche Regulierung ist natürlich auch im Blockchain-Umfeld notwendig, jedoch nur so viel wie nötig. Die Analyse der digitalen Tauglichkeit bestehender Gesetze durch das Staatssekretariates für Wirtschaft SECO erachte ich als einen Schritt in die richtige Richtung. Nun steht die politische Vernehmlassung über die gesetzlichen Anpassungen bezüglich Erleichterungen für Fintech-Unternehmen an. Wir tun gut daran,  die Hürden im Vergleich zum Ausland nicht zu hoch anzusetzen. Denn wie bereits erwähnt, die rasant fortschreitende Digitalisierung generell und besonders die Blockchain-Technologie kann die Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit des ganzen Wirtschaftsstandorts Schweiz stärken.

Inacta ist einer der Initiatoren der “blockchain competition”, die sich in diesem Jahr speziell den Anwendungsgebieten im Versicherungsbereich widmet. Was ist das Ziel des Wettbewerbs, welche konkreten Erwartungen verbinden Sie mit Ihrem Engagement?

Ich war von Anfang überzeugt, dass wir im schweizerischen Crypto Valley die ersten sein sollten, welche diesen weltweit einzigartigen Wettbewerb für die Versicherungsindustrie lancieren. Darum hat inacta AG auch die Vorinvestition in den Aufbau und in das Preisgeld übernommen. Was Ich jedoch nicht genau wusste, ob wir genügend Industriepartner finden. Insofern war es ein unternehmerisches Risiko. Als wir jedoch die Hochschule Luzern, die Stadt und der Kanton Zug sowie weitere namhafte Ambassadoren an Bord hatten, konnten wir auch Versicherer als Industriepartner überzeugen.

«Unser Ziel mit der blockchain competition ist es, innovative Unternehmen im Crypto Valley anzusiedeln, qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und ein über die Schweiz hinaus wirkendes Eco-System zu etablieren.»

Unser Ziel mit der blockchain competition ist es, innovative Unternehmen im Crypto Valley anzusiedeln, qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und ein über die Schweiz hinaus wirkendes Eco-System zu etablieren. Auch erhoffe ich mir einige spannende Iden im Rahmen dieses Wettbewerbs, welche dann auch am Markt Erfolg haben. Last but not least denke ich, dass die blockchain competition einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Innovationsfähigkeit des Versicherungsmarktes in der Schweiz beiträgt. Übrigens konzipieren wir bereits die nächsten blockchain competitions und prüfen, spezifische Wettbewerbe für weitere Branchen zu lancieren.

Versicherungsinstitute sind im Allgemeinen nicht gerade als Innovationstreiber bekannt. Wie sieht es aus beim Thema Blockchain?

Das Geschäft mit Versicherungen basierte jahrzehntelang auf Kontinuität, Stabilität und Sicherheit. Es fehlte also die Dringlichkeit für Innovationen. Seit einiger Zeit tritt jedoch branchenfremde Konkurrenz aus der InsurTech-Szene in den traditionellen Versicherungsmarkt ein. Das veränderte die Haltung bezüglich der notwendigen Geschwindigkeit für die digitale Transformation. Insbesondere das disruptive Potential der Blockchain interessiert nun auch das Top Management. Wir diskutieren derzeit mit verschiedenen Versicherungsinstituten, wie man die Blockchain-Technologie für deren Produkteinnovation einsetzen kann und wie dadurch das Geschäftsmodell verändert wird. Nicht zuletzt spricht das Engagement bei der blockchain competition auch dafür, dass die Schweizer Versicherer die Zeichen der Zeit erkannt haben. Spannend finde ich, dass sich mit der PAX ein eher kleineres Versicherungsinstitut die Platin-Partnerschaft gesichert hat.

Traditionelle Banken und Versicherungen haben gegenüber von FinTechs und InsurTechs den Vorteile von vielen und oft langjährigen Kunden mit den dazugehörenden historischen Daten, während die Startups durch frische Ansätze und modernste Technologie überzeugen. Wer wird das Rennen machen?

Die entscheidende Frage ist, welche Player zukünftig den Endkundenkontakt haben werden. Denn diejenige Plattform, welche die Kundeninteraktion beherrscht, also alle traditionellen und die neuen mobilen Kommunikationskanäle wie Social Media, Chats, Robo-Advisors oder Portale und deren zugrunde liegenden Prozesse bedient, gibt den Takt an. Aus Sicht des Konsumenten sind die meisten Finanzprodukte sogenannte «low interest products», also Produkte ohne echten emotionalen Wert. Darum will er Bank- und Versicherungsgeschäfte schnell, unkompliziert und mobil erledigen. Vieles spricht dabei für die bisherigen Marktakteure – sofern es Ihnen gelingt, die FinTechs und InsurTechs in ihr Ecosystem respektive in die Wertschöpfungskette einzubinden. Allianz als Beispiel tätigte anfangs April ein strategisches Investment in Lemonade, ein amerikanisches InsurTech-Unternehmen, welches mittels künstlicher Intelligenz die Wertschöpfungskette der Versicherer digitalisiert und effizienter gestaltet.

Roboter, künstliche Intelligenz und Automatisierung machen auch vor einem IT-Beratungsunternehmen wie inacta nicht halt. Wie beeinflusst das die Strategie Ihres Unternehmens, in welche Bereiche werden Sie investieren, welche Fähigkeiten werden in Zukunft gefragt sein?

Automatisieren von Geschäftsprozessen ist seit jeher Bestandteil unseres Geschäfts. Die meisten Unternehmen sind bereits recht weit, wir nennen sie in unserem Reifegradmodell «Digital Enterprises». Die neuen technologischen Möglichkeiten verfolgen wir sehr genau. Dazu kooperieren wir mit Forschungsteams der Hochschulen sowie FinTech- und InsurTech-Unternehmen. So gelingt es uns, unsere Beratungs- und Methodenkompetenz mit aktuellstem Technologie-Knowhow zu ergänzen.

Aktuellste Studien gehen davon aus, dass im Jahr 2025 zehnmal mehr Daten als letztes Jahr generiert werden. Das muss man sich mal vorstellen – Wie geht ein Unternehmen mit solchen riesigen Datenmengen um, welche Datenschutzbestimmungen muss man einhalten und wie verschafft man sich damit ein Wettbewerbsvorteil? Wir geben hier Antworten und helfen unseren Kunden, indem wir zum Beispiel deren interner Datenbestand intelligent mit weiteren am Markt verfügbaren Quellen verknüpfen, um vorausschauend besser zu entscheiden, schneller auf Marktbedürfnisse zu reagieren oder Risiken genauer einzuschätzen. Wir sprechen dabei vom Reifegrad «Predictive Enterprise» (Vorausschauendes Unternehmen). Wir legen Wert auf ein ergebnisorientiertes Vorgehen, um gemeinsam mit unseren Kunden Resultate zu erreichen. Dazu führen unsere Digitalisierungsexperten entsprechende Workshops beim Kunden durch, untersuchen die Geschäftsprozesse bezüglich Chancen und Risiken, Datenqualität, Cross-Selling oder Fraud Detection-Themen und schlagen konkrete Business Cases vor. In der Regel rechnet sich der Case schnell und das Vorhaben wird realisiert – wenn der Kunde wünscht, unterstützen wir auch bei der Implementierung.

«Die Digitalisierung aller gesellschaftlichen Ebenen setzt eine vertrauenswürdige elektronische Identität voraus. Die Verbreitung und die Einsatzbereiche sind heute jedoch noch stark eingeschränkt.»

Ein weiterer strategischer Bereich ist die Entwicklung von spezifischen Apps, welche sich in die bestehende Kernanwendungen nahtlos integrieren lassen. Damit helfen wir unseren Kunden, ihre Geschäftsprozesse und Kommunikationskanäle ohne Medienbrüche zu digitalisieren. Die inacta|AppSuite umfasst heute die drei Module E-Mail Management, digitaler Postkorb und digitales Dossier. Wir investieren einen signifikanten Anteil des Umsatzes in die Weiterentwicklung und in Innovationen, um weitere Apps in ausgewählten Nischenbereichen anzubieten. Den Bedarf erkennen wir oftmals aus Vorhaben bei unseren Kunden oder wie obenstehend angesprochen, aus Forschungsprojekten. Das bestehende Team mit Software-Ingenieuren und -Architekten, bauen wir sukzessive mit Blockchain- und Data Analytics-Spezialisten aus. Weiterhin investieren wir in das technische Implementierungs-Knowhow unserer Consultants und die fachliche Branchenkompetenz. Unsere Stärken wie Flexibilität, Vertraulichkeit, Kundennähe und Dienstleistungsmentalität haben auch in Zukunft Bestand.

Welches sind für Sie die Entwicklungen mit dem grössten Potenzial, das eigene Unternehmen in den kommenden Jahren fundamental zu beeinflussen?

Als finanziell unabhängiges Unternehmen mit einem rund 40-köpfigen kompetenten Team, kurzen Entscheidungswegen und einer zufriedenen Kundenbasis sind wir sehr gut aufgestellt. Das heutige Geschäft mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen bleibt ein wichtiges Standbein. Wir entwickeln uns jedoch rasant weiter. Ich denke, dass die Mitwirkung in Eco-Systemen wie dem Crypto Valley und die Zusammenarbeit mit Startups für inacta spannende Perspektiven eröffnet, sei es für Markterweiterungen oder um die Geschäftsprozesse unserer Kunden zu verbessern. Die digitale Transformation und im speziellen die neuen Interaktionsmöglichkeiten und gezielte Nutzung von internen und externen Daten bieten enorme Chancen für unsere Kunden und müssen technisch sowie organisatorisch integriert werden. Die erfolgreichen ersten BigData-Vorhaben und Realisierungen von Blockchain-Schnittstellen stimmen mich positiv. Das inacta-Team wird auch weiterhin einen wichtigen Beitrag zum Erfolg unserer Kunden leisten.

Wenn Sie morgen mit unbegrenzten Mitteln ein Startup gründen könnten, was würde dieses anbieten, welches Problem würden Sie lösen wollen?

Die Digitalisierung aller gesellschaftlichen Ebenen setzt eine vertrauenswürdige elektronische Identität voraus. Die Verbreitung und die Einsatzbereiche sind heute jedoch noch stark eingeschränkt. Viele clevere Geschäftsmodelle und innovative Produkte sind dadurch in deren Erfolg behindert und uns Individuen ärgert die Vielzahl von Logins. Und dieses Problem wird sich mit den Möglichkeiten des Internet of Things und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz noch weiter akzentuieren. Bei Vorhandensein von unbegrenzten Mitteln würde ich die klügsten Kopfe dieser Welt im Crypto Valley vereinen, um eine nachhaltige Lösung auf den Markt bringen.

Zum Schluss des Gespräches haben Sie noch zwei Wünsche frei, welche sind das?

Mein erster Wunsch knüpft an die vorherige Frage an – ich wünsche mir, dass jeder Schweizer Bürger schon bald über eine elektronische Identität verfügt. Mein anderer Herzenswunsch ist, dass sich die Schweiz als Crypto Valley weltweit durchsetzt, im Sinne von «The Winner Takes It All».

Der Gesprächspartner:
Ralf Glabischnig ist seit über fünfzehn Jahren im Beratungsumfeld mit Stationen in Österreich, Deutschland und der Schweiz tätig. In dieser Zeit hat er unter anderem den Versicherungsbereich einer führenden Schweizer Unternehmensberatung geleitet und einen neuen Geschäftsbereich mit Fokus Enterprise Content Management erfolgreich aufgebaut. Neben der Führung von Grossprojekten und strategischen Vorhaben im Information-Management Umfeld ist er als Gründungspartner der inacta AG verantwortlich für die Bereiche HR und Vertrieb.

Das Unternehmen:
inacta AG ist ein 2009 gegründetes unabhängiges Schweizer IT-Beratungsunternehmen mit Sitz in Zug. Über 40 erfahrene Digitalisierungsexperten begleiten Organisationen aus der Versicherungs-, Banken und Gesundheitsbranche auf dem Weg zum Predictive Enterprise (Vorausschauendes Unternehmen).  Angepasst an den jeweiligen Reifegrad profitieren inacta-Kunden von erprobten Methoden, innovativen Produkten, hoher Fachkompetenz und dem Einsatz von modernster Technologien für die digitale Transformation. Dank verbindlicher und vertrauensvoller Zusammenarbeit, hoher Flexibilität sowie ganzheitlicher Branchenexpertise sorgen wir für eine erfolgreiche Projektrealisierung. inacta engagiert sich zudem als Initiant der Blockchain Competition und Gründungsmitglied der Crypto Valley Association aktiv in der Förderung von innovativen Technologie-Startups. Damit schaffen wir einen gesellschaftlichen Beitrag zum Wirtschaftsstandort Schweiz.

Mit den Schwester-Unternehmen Lakeside Partners AG (Early-Stage Investments in Technologie-Startups) und Lakeside Business Center AG (moderne Office, Meeting- und Schulungsinfrastruktur zentral in Zug) wird das innovative  Gesamtkonstrukt noch abgerundet.


Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit dem Swiss Information Management Forum

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