Renato Stalder, CEO KLARA, im Interview

Renato Stalder, Geschäftsführer KLARA.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Stalder, Sie haben KLARA 2017 gestartet, um kleinen Unternehmen und Privatpersonen die Administration wichtiger Prozesse dank digitaler Unterstützung wesentlich zu erleichtern. Fünf Jahre später ist das Unternehmen mehrheitlich im Besitz der Post und hat 110 Mitarbeitende. Wie sieht Ihre Strategie aktuell aus, was sind die nächsten wichtigsten Meilensteine?

Renato Stalder: An unserer wesentlichen Strategie halten wir nach wie vor fest: Wir wollen für die Schweiz das «Büro einfacher machen» und so zum administrativen Rückgrat der Schweiz werden. Bei der Gründung basierte unsere Idee auf der Annahme, dass die Politik stets davon spricht, die Schweizer KMU zu entlasten. Hier hat sich aber unserer Meinung nach nicht viel getan. Diesem Umstand wollen wir mit der weitestgehenden Automatisierung administrativer Tätigkeiten entgegentreten.

«Wir wollen für die Schweiz das «Büro einfacher machen» und so zum administrativen Rückgrat der Schweiz werden.» Renato Stalder, CEO KLARA

Die Business Software KLARA haben wir mit dem heutigen Funktionsausbau schon so weit vorangetrieben, dass wir das KMU-Büro End-to-End – von der Kundenverwaltung bis hin zur Archivierung – digitalisiert haben. Dies spiegelt sich auch in den steigenden Nutzerzahlen wider. Eine vollumfängliche Automatisierung wird es aber noch lange nicht geben. Das ist vergleichbar mit dem «Autonomen Fahren». Die heute erreichten 90% sind doch auch schon ein Gewinn.

Mit der Beteiligung der Schweizer Post stehen uns darüber hinaus viele neue Optionen offen. Hierzu werden Sie in den kommenden Monaten einiges von uns hören.

Der staatliche gelbe Riese dürfte eine zum privaten Startup ziemlich unterschiedliche Firmenkultur und Marktperspektive haben. Wie wollen Sie den Gründergeist und die Agilität des Startups in der neuen Konstellation in Zukunft aufrechterhalten, welche neuen Perspektiven eröffnen sich durch die Mehrheitsbesitzerin Post?

Die Firmenkultur der Post und von KLARA unterscheiden sich selbstverständlich – rein vom Status, dem «Dienstalter» und der Unternehmensgrösse her. Das war beiden Parteien von Anfang an klar. Darauf waren wir sensibilisiert und haben sogenannte «Checkpoints» vereinbart. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

KLARA ist Teil des neuen Geschäftsbereiches Post CH Kommunikation AG, kurz Kommunikations-Services. Diese Organisation gibt es noch nicht «ewig», und ist daher sehr modern unterwegs. Das hat auf unserer gemeinsamen Reise sehr geholfen, dass die Unterschiede nicht wesentlich waren.

EinzelunternehmerInnen, kleine KMU und Privatpersonen können ihre meisten Bedürfnisse mit der kostenlosen Version von KLARA abdecken. Das hat zu einer Klage des Softwareherstellers ABACUS gegen die Post geführt, da KLARA nach wie vor defizitär sei und die Post so gegen ihren Kernauftrag verstosse und den Markt verfälsche zu Ungunsten von Herstellern wie ABACUS. Was beurteilen Sie diese Klage und was würde ein Erfolg der Klage für die weitere Entwicklung von KLARA bedeuten?

Beim Angebot von KLARA handelte es sich um ein sogenanntes Freemium Modell. Es war und ist nicht die Absicht, Software einfach gratis anzubieten. Dieses gängige Modell basiert auf der Idee, den Einstieg zu erleichtern und der Kundschaft individuelle Ausbaumöglichkeiten nach ihrem Bedarf anzubieten. Genau das ist der KLARA Ansatz: Wir wachsen mit dem KMU mit. Das heisst, klein anfangen und dann nach und nach beliebig viele Module hinzufügen. So gibt es Kundschaft, die nur ein digitales Archiv will, andere benötigen ein Kassensystem, etc.

«Beim Angebot von KLARA handelte es sich um ein sogenanntes Freemium Modell. Es war und ist nicht die Absicht, Software einfach gratis anzubieten.»

Unsere Preismodelle werden entsprechend dem laufenden Ausbaus der Software angepasst. Die Klage, oder besser gesagt die Klagen von Abacus sind ja nicht nur gegen uns gerichtet. Sie stossen damit auch die politische Diskussion über die Zukunft der Post und der gefragten Leistungen an. Dieser Diskurs darf und muss geführt werden. Der Eigner der Post hat aber einen klaren Auftrag gegeben und wir bewegen uns klar innerhalb dieser Grenzen. Das wurde mehrfach bestätigt. Welche Auswirkung der politische Diskurs mittelfristig hat, kann ich nicht voraussagen. Kurzfristig ändert es an unserer Strategie jedoch nichts.

Sie setzen bei Ihrer Lösung auf einen sehr hohen Automatisierungsgrad dank Künstlicher Intelligenz und digitaler Helfer. Wie viel der Arbeiten lassen sich in einem typischen Unternehmen automatisieren, wo liegen die grössten Potenziale?

Ein höherer Automatisierungsgrad sowie künstliche Intelligenz sorgen für eine enorme Zeitersparnis und reduzieren Fehler. In KLARA gestalten wir die Administration so intuitiv, dass selbst Nicht-Profis diese Aufgaben effizient und präzise erledigen können. Aber nicht zu 100%. Es gibt immer knifflige Fragestellungen, die von Spezialisten beantwortet werden müssen, beispielsweise von einem Treuhänder oder einer Wirtschaftsprüferin. So sehen wir KLARA als Assistenz-System für eine effiziente Administration – unter Einbezug verschiedenster Expertinnen und Experten.

Wir fördern den Austausch mit unserer Kundschaft über das KLARA Expertenportal, auf dem sich Userinnen und User gezielt Hilfe und Support holen können. Grundsätzlich geht es uns darum, Routinetasks zu automatisieren. Bei Prozessen wie Fakturierung, Zahlung und Buchhaltung haben wir bereits vieles erreicht. Das künftig grösste Potenzial liegt bei den Verkaufsoptimierungen. Wir wollen den KMU helfen, ihren Umsatz anzukurbeln und mehr zu verkaufen. 

Was die Technologie nicht schafft, müssen Menschen richten. Dazu haben Sie auch zahlreiche kostenpflichtige Dienstleistungen im Angebot. Wie werden diese genutzt und wie viele Mitarbeitende werden dazu in der Schweiz beschäftigt?

KLARA ist ein offenes Ecosystem – wir wollen möglichst viele Marktakteure miteinander vernetzen, um unserer Kundschaft integrierte Leistungen anzubieten. So stellen wir nicht einzelne Produkte, sondern die Userinnen und User ins Zentrum. Wir bieten also nicht nur einen direkten Kommunikationskanal zu Behörden, Versicherungen und Banken an, sondern auch viele «externe» Dienstleistungen wie Wechselstube.ch, Bonitätsprüfungen etc.

Auch die Dienstleistungen unserer Support-Organisation sind nicht kostenlos – diese sind aber nur ergänzend zu sehen und sollen einen effizienten Einstieg in KLARA ermöglichen. Wir wollen keine Konkurrenz zu anderen Dienstleistern sein, sondern streben ein Miteinander an.

Sie arbeiten mittlerweile mit den grössten Banken der Schweiz, zahlreichen Kantonalbanken, Finanzinstituten und Versicherungen zusammen. Wie viele Unternehmen sind inzwischen Kundinnen bei KLARA, bei welcher Anzahl wird die Gewinnschwelle erreicht und wann wird dies voraussichtlich der Fall sein?

Bei digitalen Produkten unterscheiden wir zwischen getätigten Registrierungen und den aktiven Userinnen und Usern. Bisher haben sich über 40’000 KMU bei KLARA registriert. Davon nutzen zwei Drittel die Software aktiv.

«Besonders das eArchiv ist ein Meilenstein für KLARA – denn wir bieten erstmals in dieser Preisklasse eine gesetzeskonforme digitale Archivierung, bei der ein KMU voll und ganz auf Papier verzichten kann.»

Die Gewinnschwelle für KLARA Business, den KMU-Bereich, soll gemäss Plan im Jahr 2024 erreicht werden. Das ist nach wie vor so. Wir fokussieren uns darauf, unsere User an uns zu binden und mit ihnen zu wachsen. Wir haben mittlerweile eine treue Basis von Kundinnen und Kunden, die ihr Geschäft mit KLARA führen. Wir sehen das auch an den Zahlen: Der durchschnittliche Umsatz pro KMU wächst jeden Monat kontinuierlich an. Damit das auch so bleibt, bauen wir unser Angebot weiter aus und versuchen mit zusätzlichen Funktionen zu begeistern.  

Die Softwareentwicklung haben Sie schon früh nach Vietnam ausgelagert. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Outsourcing nach Asien, welche Erwartungen haben sich erfüllt, wo gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen?

Seit über zehn Jahren arbeiten wir mit Programmierern aus Vietnam, die zu einem Unternehmen der Axon Gruppe gehören, zusammen. Der Grund ist einfach: Solche Talente sind hier in der Schweiz sehr schwierig zu finden – es ist schlicht unmöglich. Nach meiner Erfahrung geht es nicht darum, wo ein Team arbeitet, sondern wie es geführt wird und ob die Prozesse funktionieren.

Die kulturellen Unterschiede sehen wir als Stärke. Auch unsere Teams in der Schweiz sind sehr divers und wohnen in der ganzen Schweiz. Dank der heutigen Möglichkeiten für Austausch und Zusammenarbeit ist das kein Problem. In der Entwicklung arbeiten wir nach der SCRUM-Methode. Sie bietet schnelle Entscheidungswege und fokussiert auf den Projekterfolg. Wichtig sind für uns vor allem zwei Dinge: eine hohe Fachkompetenz und dass wir auch mal Spass haben.

Welche technologischen und funktionalen Neuerungen stehen aktuell zuoberst auf der Umsetzungsliste von KLARA?

Mit dem eArchiv und dem Budget Modul ist es uns gelungen, unser Produktportfolio in diesem Jahr perfekt abzurunden. Endlich ist es möglich, das Büro zu 100% zu digitalisieren. Besonders das eArchiv ist ein Meilenstein für KLARA – denn wir bieten erstmals in dieser Preisklasse eine gesetzeskonforme digitale Archivierung nach GebüV, der Geschäftsbücherverordnung, bei der ein KMU voll und ganz auf Papier verzichten kann. Geschäftliche Belege müssen bekanntlich zehn Jahre lang aufbewahrt werden.

«Viele Banken sehen bei Schnittstellen noch nicht eine Chance, sondern eine Gefahr. Den Fortschritt kann aber niemand aufhalten – zum Schluss entscheiden sowieso die Konsumentinnen und Konsumenten.»

Als nächstes steht KLARA Time in den Startlöchern, mit dem Arbeitszeiten erfasst werden, die dann automatisch in die Lohnverarbeitung einfliessen. Somit verbannen wir nicht nur die Bundesordner, sondern auch die Stempeluhren aus den KMU!

Die Open Finance Bewegung und die dazu nötigen Schnittstellen-Definitionen sind für Anbieterinnen wie KLARA essentiell. Wo stehen wir hier in der Schweiz im internationalen Wettbewerb, wo besteht noch Verbesserungspotential?

In diesen Belangen hinkt die Schweiz ein wenig hinterher. Ich meine dabei aber nicht nur gegenüber der EU, sondern auch im internationalen Vergleich. Was in gewissen asiatischen Ländern normal ist, ist hierzulande noch unbekannt. Viele Banken sehen bei Schnittstellen noch nicht eine Chance, sondern eine Gefahr. Den Fortschritt kann aber niemand aufhalten – zum Schluss entscheiden sowieso die Konsumentinnen und Konsumenten. Wir spüren aber bei einigen Instituten, dass sich der Wind dreht. Die Gespräche sind viel offener als noch vor zwei, drei Jahren. So gesehen geht es in die richtige Richtung.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Ich wünschte mir für die Schweiz eine positivere Einstellung gegenüber der Wirtschaft und dadurch bessere und schnellere Entscheide für eine gesunde Entwicklung und natürlich keinen Krieg.


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