Simon Michel, CEO Ypsomed, im Interview

Simon Michel

Ypsomed-Konzernchef Simon Michel. (Foto: Ypsomed)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Michel, Sie bereiten den Markteintritt der YpsoPump in den USA vor. Wird das den Umsatz dieser neuen Insulin-Pumpe in neue Sphären hieven?

Simon Michel: Der amerikanische Markt ist der grösste und damit der bedeutendste Markt für Insulinpumpen. Rund die Hälfte der weltweiten Insulinpumpenanwender leben in den USA. Wir gehen heute davon aus, dass wir die US-Zulassung für unsere YpsoPump Mitte 2022 erlangen werden. Unser designierter Vertriebspartner ist gut aufgestellt. Als nachhaltig und langfristig denkendes Unternehmen fokussieren wir uns aber primär auf die Profitabilität. Durch die Partnerschaft schützen wir unsere Bottom-line und nehmen massiv Risiken aus dem US-Markteintritt. Unsere amerikanische Tochtergesellschaft fokussiert in erster Linie auf Kontaktpflege mit den Behörden, auf Second Level Complaint Handling und auf Unterstützung in der Logistik hin zu unserem Partner.

Der US-Markt ist allein schon wegen der riesigen Anzahl Diabetiker ein lukrativer. Wo liegen die Tretminen?

Seit wir begonnen haben, unsere neue Insulinpumpe zu entwickeln, war für mich klar, dass wir sie in die USA bringen müssen. Die Herausforderungen dabei liegen primär in der Grösse des Landes, der Komplexität und Intransparenz des Gesundheitssystems sowie des starken Wettbewerbs. All dies hat uns schliesslich dazu bewogen, von einen direkten Markteintritt abzusehen und uns auf einen Marktzugang zusammen mit einem Partner zu fokussieren. Das reduziert unsere Risiken enorm. Unsere Aufgabe ist es nun, die Kapazitäten für Pumpen und Infusionssets sicherzustellen und die YpsoPump technisch weiterzuentwickeln.

«Der indirekte Markteintritt in den USA reduziert unsere Risiken enorm.»
Simon Michel, CEO Ypsomed

Ihre Eigenkapitalquote von 53.4% ist solide. Welche Spielräume erlaubt sie?

Ypsomed ist ein besonderes Unternehmen, bei dem die Gründerfamilie mit über 70% Hauptaktionär ist. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung. Deshalb können wir die enormen Opportunitäten konsequent nutzen. Wir werden unsere Kapazitäten für Autoinjektoren und Einwegpens bereits früher als erwartet erweitern müssen. Wir industrialisieren neue, vielversprechende Produkte, wie die neue Generation unseres Infusionssets oder den Patchinjektor YpsoDose für höhere Volumen. Ausserdem bietet uns die Digitalisierung neben neuen Anwendungen ganz neue Möglichkeiten für Daten-Geschäftsmodelle.

Die Dividende ist doch sicher ein Thema. Oder?

Unsere Dividendenpolitik ist seit Gründung des Unternehmens unverändert mit einer Ausschüttungsquote von 35 Prozent.

Aber letztens fiel sie mit 2 Promille Aktienrendite arg mager aus?

Wir verfolgen eine ausgeprägte Wachstumsstrategie. In diesem Zusammenhang haben wir auch ambitionierte, mittelfristige EBIT-Ziele kommuniziert. Mit der Erreichung dieser Ziele ist auch eine deutliche Steigerung unserer Ausschüttung an unsere Aktionäre verbunden.

Mit der mylife App stehen den Patienten alle relevanten Therapie-Daten auf ihrem Smartphone zur Verfügung, ja sie können die Insulinabgabe sogar übers Smartphone steuern. Wie stark ist die Durchdringung?

Grundlage unserer zukunftsweisenden Insulintherapie-Lösung ist, dass wir die Pumpe selbst auf das Wesentlichste reduziert haben und von Anfang an unsere App ins Zentrum stellten. Dadurch ist die Pumpe einerseits klein und handlich, bietet aber gleichzeitig den Anwendern alle digitalen Funktionen. Wir arbeiten derzeit hart daran, neue Funktionen in unsere Lösung zu integrieren. Die moderne Insulinpumentherapie setzt sich aus der Basal- und Bolusabgabe von Insulin zusammen. Die Basalrate sichert die Grundversorgung mit Insulin und wird durch die Pumpe stetig und automatisch ausgeschüttet. Insbesondere vorgängig zu Mahlzeiten muss zusätzlich eine Bolusmenge durch den Anwender direkt an der Pumpe ausgelöst werden. Zukünftig kann diese Auslösung über das Smartphone erfolgen. Ein wichtiger Fortschritt für Menschen mit Diabetes.

«Wir sind aktiv bestrebt, die internen Softwareressourcen auszubauen und das Know-how zu internalisieren.»

Sitzen die Programmierer inhouse?

Mittlerweile beschäftigen wir rund 70 Mitarbeitende in der Softwareentwicklung und -wartung. Damit wir alle unsere Soft- und Hardware-Projekte rasch vorantreiben können, greifen wir zudem auf rund weitere 50 externe Entwickler zurück. Wir sind aber aktiv bestrebt, die internen Softwareressourcen auszubauen und das Know-how zu internalisieren. Neben der Stärkung unserer Entwicklungskompetenzen in der Schweiz, bauen wir auch einen Software-Hub in Barcelona auf, wo wir in den kommenden zwei Jahren über 40 neue Stellen schaffen werden.

Was gibt es bei der Patientenbetreuung an Zukunftsmusik?

Die Therapietreue bei chronischen Krankheiten ist eine grosse Herausforderung für unser Gesundheitssystem. Die Mehrheit der Betroffenen nimmt die notwendigen Medikamente nicht regelmässig. Als Spezialistin für die Selbstbehandlung werden wir mit digitalem Therapie-Monitoring einen grossen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen.

Die kugelschreiberförmigen Pen-Systeme zur Medikamenteninjektion laufen rund. Im gerade vollendeten Halbjahr kletterte der Umsatz des Segments Delivery Systems deshalb um 19 Prozent auf 108,3 Millionen Franken. Werden sich die anderen Systeme wie beispielsweise die Auto-Injektoren ähnlich gut entwickeln können?

Die Autoinjektoren sind bereits jetzt ein wesentlicher Treiber für den erfreulichen Umsatzzuwachs. Aktuell verdoppeln wir die Kapazitäten für diese Geräte nochmals. Nach den Pens und nun den Autoinjektoren arbeiten wir intensiv an der dritten und vierten Welle von medizintechnischen Geräten. Das ist einerseits der sogenannte Patch-Injektor YpsoDose. Diese ermöglichen die Selbstmedikation der modernen, zunehmend komplexen und grossvolumigen Formulierungen, wie sie beispielsweise in der Onkologie zunehmend eingesetzt werden. Und andererseits versprechen wir uns viel von den gerade erwähnten digitalen Lösungen für das Therapie-Monitoring. Durch verbessertes Therapie-Monitoring wird die Therapietreue unterstützt und der Therapieerfolg gesteigert.

«Ein Diabetiker injiziert sich täglich – je nach Therapie – eins bis zehnmal Insulin. Die allermeisten Diabetiker haben damit keine Mühe mehr.»

Ypsomed hat drei Jahrzehnte Erfahrung im „Pieksen“. Selbst bei den Injektionsnadeln gibt es immense technische Fortschritte. Wieviel weniger tut eine Injektion heute weh, im Vergleich zu früher?

Mit dem Ziel den Injektionskomfort zu erhöhen haben wir unsere Pen-Nadeln in den vergangenen Jahren konsequent weiterentwickelt. Heute haben unsere haardünnen Nadeln einen Aussendurchmesser von nur noch 0.2 mm und eine sechsfach geschliffene Nadelspitze. Damit gleitet die nur noch 4 mm lange Nadel kaum spürbar in die Haut. Ein Diabetiker injiziert sich täglich – je nach Therapie – eins bis zehnmal Insulin. Die allermeisten Diabetiker haben damit keine Mühe mehr. Wir werden nicht mehr viel Innovation in die Nadeln stecken, aber insbesondere an den Herstellkosten arbeiten. Damit sind wir auch in Zukunft kompetitiv. Aktuell stellen wir gut eine halbe Milliarde Pen-Nadeln pro Jahr her und erhalten Anfangs 2021 durch eine neue Anlage Kapazität für weitere rund 200 Millionen.

In diesem Jahr haben Sie die kurzfristigen Kreditlinien um 100 Millionen und damit fast um die Hälfte erhöht. Daraus vermute ich, dass irgendein Coup geplant ist?

Wie gesagt, sehen wir grosse zeitnahe Opportunitäten in unseren bestehenden Geschäftsfeldern. Wir wachsen zu einer globalen Anbieterin und übernehmen in der Digitalisierung des Gesundheitssystems eine Vorreiterrolle. Zudem müssen wir zügig unsere Kapazitäten ausweiten und neue Plattformen mittels Automatisierung industrialisieren. Schliesslich übernehmen wir unsere Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft und verbessern uns in der Nachhaltigkeit. Diese Opportunitäten wollen wir sicherstellen. Erst wenn wir das alles geschafft haben, werden wir uns anderen Fragen widmen.

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