Simon Michel, CEO Ypsomed, im Interview

Simon Michel

Ypsomed-Konzernchef Simon Michel. (Foto: Ypsomed)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Michel, Ihre Firma ist das perfekte Beispiel, wie eine über Jahrzehnte gepflegte Plattformtechnologie betriebswirtschaftlich Früchte trägt. Was war in all der Zeit für Sie und Ihren Vater der grösste Anschub?

Simon Michel: Mein Vater Willy Michel hat unsere Vorgängerfirma Disetronic zusammen mit seinem Bruder Peter 1984 gegründet, um die Selbstbehandlung für Menschen mit Diabetes einfacher und sicherer zu machen. Aus dieser Vision ist über Jahrzehnte ein breites Portfolio an Insulinpumpen, Pens und Autoinjektoren entstanden, das wir kontinuierlich weiterentwickelt haben. Der wichtigste Anschub war aber immer die langfristige Perspektive. Wir haben konsequent in Plattformtechnologien investiert und diese auf immer mehr Therapiegebiete ausgeweitet. Gleichzeitig wächst unser Markt seit Jahrzehnten, weil chronische Erkrankungen zunehmen und immer mehr Therapien in die Selbstbehandlung verlagert werden.

«Mein Vater hat den Grundstein gelegt, heute darf ich diese Entwicklung weiterführen.»
Simon Michel, CEO Ypsomed

Erfolg hat seinen Preis: die Ypsomed Aktie wird rund um das Zehnfache Ihres Buchwertes gehandelt. Wieso brauchte es da noch die Kapitalverdichtung durch Aktienrückkauf?

Mit dem Aktienrückkaufprogramm haben wir Kapital an unsere Aktionärinnen und Aktionäre zurückgegeben und gleichzeitig unsere Kapitalstruktur optimiert. Das Programm unterstreicht unsere Überzeugung, dass unsere Aktie eine attraktive Investition darstellt und spiegelt unser grosses Vertrauen in die langfristige Strategie und finanzielle Stabilität von Ypsomed wider. Unser Expansionskurs ist durch den Rückkauf nicht beeinträchtigt. Der Aktienrückkauf unterstreicht vielmehr die Ambition, eine nachhaltige Steigerung des «Shareholder Value» zu erreichen.

Das Präfix Ypso kommt aus dem Lateinischen (ipso). Also steht Ypsomed für selbständige Patienten. Was ist dabei die Herausforderung. Immer noch die Hygiene?

Unser Name steht für das, was wir tun: «Ypso» steht für «selbst» und «med» für «Medikation». Unser Ziel ist es, Menschen eine möglichst einfache und sichere Selbstbehandlung zu ermöglichen. Die grösste Herausforderung ist heute nicht mehr die Hygiene, sondern die Benutzerfreundlichkeit. Unsere Injektionsgeräte müssen für Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen körperlichen Einschränkungen intuitiv und zuverlässig bedienbar sein. Denn je einfacher die Anwendung ist, desto eher können Betroffene ihre Therapie sicher und konsequent selbst zu Hause durchführen.

Wie kommen eigentlich bei der Automedikation die Patienten mit dem Schmerz bei der Injektion zurecht?

Die meisten Medikamente werden in das Unterhautfettgewebe, beispielsweise am Bauch oder Oberschenkel, injiziert. Dort ist die Injektion in der Regel gut verträglich. Viele Anwenderinnen und Anwender beschreiben sie als kurzen Stich, der nur wenige Sekunden dauert. Die Nadel ist bloss ein paar Millimeter lang und sehr fein. Wesentlich häufiger als der eigentliche Schmerz ist die Hemmschwelle, sich selbst eine Injektion zu verabreichen. Deshalb legen wir grossen Wert auf eine einfache und sichere Anwendung. Die Anwenderinnen und Anwender werden genau angeleitet und erhalten über optische und akustische Signale eine klare Rückmeldung, wenn die Injektion beginnt und wenn sie abgeschlossen ist. Zudem bleibt die Nadel während des gesamten Vorgangs durch einen Schutzmechanismus verborgen. Das erleichtert vielen Menschen die Selbstinjektion deutlich.

Bis Ende des Jahrzehnts wollen Sie SHL als Marktführer bei der Selbst-Injektion überholt haben. Worauf begründen Sie diese Wette?

Bei Pens sind wir klarer Marktführer. SHL ist im Segment für variable Dosierungen nicht aktiv. Bei Autoinjektoren für fixe Dosierungen ist SHL derzeit noch grösser als Ypsomed. Die heutigen kommerziellen Stückzahlen spiegeln jedoch zu einem wesentlichen Teil Kundenentscheidungen aus vergangenen Jahren wider. Für die zukünftige Entwicklung sind deshalb neu gewonnene Kundenprojekte und deren spätere Kommerzialisierung entscheidend. Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir mit 44 neuen Kundenprojekten einen neuen Rekord erzielt und im ersten Quartal dieses Geschäftsjahres konnten wir bereits 14 weitere für uns gewinnen. Diese Projektabschlüsse werden ihre Wirkung in den nächsten Jahren entfalten. Die Weichen dafür haben wir in den vergangenen Jahren gestellt, indem wir uns zur reinen Injektionsspezialistin weiterentwickelt haben.

Wir haben sehr gute Voraussetzungen, bis Ende des Jahrzehnts auch im Marktsegment Autoinjektor stark zu wachsen. Dank flexibler Produktionskapazitäten können wir sowohl kleine als auch sehr grosse Volumen zuverlässig liefern. Mit unseren Produktionsstandorten in Europa, China und ab Ende 2027 auch in den USA sind wir zudem nahe bei den wichtigsten Pharmamärkten und können unsere Kunden weltweit vor Ort unterstützen. Bis 2030 werden wir eine jährliche Kapazität von einer Milliarde Injektionsgeräte haben. Wir sind also sehr gut für die Zukunft aufgestellt.

«Wir verfügen heute über eines der breitesten und innovativsten Produktportfolios und begleiten unsere Kunden von den ersten klinischen Studien bis zur Serienproduktion.»

Ypsomeds operative Gewinnmarge liegt im Moment bei 32,5%. Wo kann Sie dann 2030 liegen?

Ypsomed wächst weiterhin stark, auch mit grösseren kommerziellen Arzneimitteln. Bei grösseren Volumenbestellungen bieten wir, wie in der Branche üblich, niedrigere Preise an, also Mengenrabatte. Unsere Marge bis 2030 wird aber weiterhin über 30% liegen. Wir investieren zwischen 2024 und 2028 1.3 Milliarden Franken in den Ausbau unserer Produktionskapazitäten, um über Standorte von höchster Qualität zu verfügen.

Eine Vielzahl der Produktverbesserungen wird in Zusammenarbeit mit den OEM-Kunden erreicht, und ein Teil der Kunden finanziert handkehrum auch Ypsomeds Produktionsinfrastruktur mit. Ab welcher Grössenordnung lohnt sich das für beide Seiten?

So würde ich das nicht formulieren. Unsere Kunden sind Pharma- und Biotechunternehmen, die ihre Medikamente mit einem Pen oder Autoinjektor von Ypsomed verabreichen lassen. Dafür bieten wir ihnen verschiedene Produktplattformen an, die wir auf ihre jeweiligen Anforderungen anpassen. Damit beide Seiten langfristig planen können, gehen wir gegenseitige Verpflichtungen ein. Unsere Kunden leisten einen Beitrag zur Reservierung von Produktionskapazitäten, und wir garantieren im Gegenzug die vereinbarten Mengen und Liefertermine. Im Kern geht es also um Planbarkeit und Versorgungssicherheit für beide Seiten. Dieses Modell gibt unseren Kunden die Sicherheit, dass sie ihre Produkte zuverlässig auf den Markt bringen können. Gleichzeitig schafft es für uns die Grundlage, rechtzeitig in neue Produktionskapazitäten zu investieren und diese wirtschaftlich auszulasten.

Ob sich das lohnt, hängt nicht allein von einer bestimmten Stückzahl ab, sondern von der langfristigen Perspektive eines Projekts. Sobald eine verlässliche Planung über mehrere Jahre möglich ist, profitieren beide Seiten.

Sie arbeiten auch an recyclebaren Injektoren. Könnten diese sogar eines Tages autoklavierbar sein?

Unser Ziel ist nicht, Einwegprodukte mehrfach zu verwenden, sondern sie von Anfang an so zu entwickeln, dass ihre Materialien möglichst hochwertig recycelt werden können. Dafür reduzieren wir die Zahl der eingesetzten Kunststoffe, setzen konsequent auf Monomaterialien und gestalten die Produkte so, dass sich die einzelnen Komponenten am Ende ihres Lebenszyklus einfach trennen lassen. So können die Wertstoffe möglichst effizient im Kreislauf gehalten werden.

Sie haben die SVP wegen des «Anti-Ausländer-Wahns» kritisiert. Ypsomeds Verwaltungsrat ist ein Potpourri verschiedener Nationalitäten – ein weiteres Erfolgsrezept?

Ja, denn ich bin überzeugt, dass unterschiedliche Perspektiven ein Unternehmen besser machen. Das gilt für den Verwaltungsrat genauso wie für unsere Teams. In einer globalen Hochtechnologie-Branche sind wir auf internationale Fachkräfte angewiesen. Vielfalt ist für uns kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Erfolg.

«Bei Ypsomed arbeiten Menschen aus über 50 Nationen.»

Wenn der Produktionsstandort Schwerin 2 fertig ist, wird Ypsomed pro Jahr über 1 Milliarde Injektionssysteme produzieren können. Hilft die Tatsache, dass Sie sowohl in China als auch den USA produzieren, politische Risiken auszubalancieren?

Unser Ziel liegt bei einer Kapazität von rund einer Milliarde Injektionssystemen pro Jahr bis Anfang des nächsten Jahrzehnts. Mit den Investitionen stellen wir sicher, dass wir für das erwartete Marktwachstum sehr gut positioniert sind. Wir verfolgen konsequent das Prinzip «local for local». Mit Produktionsstandorten in Europa, China und künftig auch den USA sind wir nahe bei unseren Kunden und den wichtigsten Pharmamärkten. Das verkürzt Transportwege und Lieferzeiten, reduziert den CO₂-Ausstoss und erhöht gleichzeitig die Versorgungssicherheit. Zudem macht uns diese regionale Aufstellung widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Entwicklungen, Handelskonflikten oder Importzöllen.

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