von Robert Jakob
Moneycab.com: Herr Ryffel, die Huber+Suhner-Aktie hat sich zeitweise im Gleichschritt mit den KI-Hotstocks bewegt. War Ihnen die Kursverdreifachung nicht etwas unheimlich?
Urs Ryffel: Der Kurs spiegelt die Erwartungen des Marktes wider, insbesondere mit Bezug auf das Potenzial von KI-Rechenzentren. Wir selbst fokussieren uns auf das operative Geschäft und darauf, unser Unternehmen in der gesamten Breite erfolgreich zu führen. Wir wollen die Erwartungen unserer Investoren durch nachhaltiges Wachstum und tatsächliche Leistung rechtfertigen.
Jetzt haben Sie mit Ingun in Konstanz ein bedeutendes Unternehmen im Bereich Test- und Verbindungstechnik mit 400 Mitarbeitenden in unmittelbarer Nachbarschaft übernommen. Ist die räumliche Nähe ein Vorteil?
Ja, definitiv. Die geografische Nähe kann die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen den Teams fördern. Noch wichtiger ist aber die strategische, kulturelle und technologische Nähe: Wir kennen Ingun seit vielen Jahren und sehen einen sehr guten Fit.
«Ingun ergänzt unser bestehendes Prüf- und Messtechnikportfolio durch hochpräzise Test- und Kontaktierungslösungen.»
Urs Ryffel, CEO Huber+Suhner
Gibt es Überschneidungen zwischen Ingun und Huber+Suhner?
Nein, und deshalb ist die Akquisition attraktiv für uns. Ingun ergänzt unser bestehendes Prüf- und Messtechnikportfolio durch hochpräzise Test- und Kontaktierungslösungen. Gemeinsam können wir Kunden künftig umfassendere End-to-End-Testlösungen anbieten.
Warum stieg der Bestellungseingang im ersten Halbjahr 2026 im Segment Industry um 41,7%, während Communication um 30% zurückging?
Die beiden Segmente befinden sich aktuell in sehr unterschiedlichen Marktzyklen. Im Kommunikationsgeschäft bleiben die klassischen Märkte wie Festnetz und Mobilfunkinfrastruktur dagegen weiterhin verhalten. Positiv ist, dass unser Rechenzentrumsgeschäft an Dynamik gewinnt. Hier sind wir dabei, die Produktion von optischen Switches (Optical Circuit Switches, OCS) hochzufahren und erwarten für das zweite Halbjahr zusätzliche Umsätze.
Der freie Cashflow war mit minus 65 Millionen Franken deutlich negativ. Ist das angesichts der Liquidität und der Ingun-Übernahme problemlos tragbar?
Ja. Wir verfügen weiterhin über eine sehr solide Bilanz mit einer Nettoliquidität von rund CHF 146 Mio. Der negative Cashflow ist vor allem die Folge gezielter Investitionen in künftiges Wachstum, insbesondere in den Ausbau unserer OCS-Kapazitäten sowie in den Aufbau von Lagerbeständen zur Bedienung des hohen Auftragsbestands für OCS und im Industriesegment.
Was erwarten Sie im zweiten Halbjahr von OCS und Hollow Core Fiber?
Wir erwarten im Rechenzentrumsgeschäft einen Anstieg gegenüber dem ersten Halbjahr. Grundlage dafür sind der hohe Auftragsbestand und die bereits getätigten Investitionen. OCS entwickelt sich zunehmend zu einer Schlüsseltechnologie für KI-Rechenzentren. Bei Hollow Core Fiber arbeiten wir weiterhin an zukünftigen Anwendungen mit höchsten Anforderungen an Latenz und Performance. Hier ist das Potenzial vor allem mittel- bis langfristig.
«OCS entwickelt sich zunehmend zu einer Schlüsseltechnologie für KI-Rechenzentren.»
Ist Helium, welches bei der Herstellung sowohl von Halbleitern als auch von Glasfasern als Kühlmittel gebraucht wird, immer noch knapp?
Eine gewisse Knappheit ist zu spüren im Ökosystem, aber wir sehen aktuell keine signifikanten Auswirkungen auf unser Geschäft.
EMEA steht inzwischen für 60% des Umsatzes, sechs Prozentpunkte mehr als in der Vergleichsperiode. Wo erwarten Sie künftig besonders starkes Wachstum?
Grundsätzlich sehen wir Wachstumsmöglichkeiten in allen Regionen. Nordamerika, aber auch China und Indien, sind neben Europa Märkte mit gutem Potenzial in unterschiedlichen Technologie- und Infrastrukturmärkten.
In welchen technologischen Nischen sehen Sie in den nächsten Jahren noch grösseres Potenzial?
Vor allem dort, wo wir von langfristigen Megatrends profitieren und unsere technologischen Stärken gezielt einsetzen können. Dazu gehören der anhaltend steigende Datenverkehr und der Ausbau von KI-Infrastrukturen, die wir beispielsweise mit unseren optischen Lösungen bedienen. Aber auch die fortlaufende Elektrifizierung in den Transportsystemen und anderen Bereichen bietet weiteres Potenzial für Lösungen, die eine effiziente Stromübertragung ermöglichen, zum Beispiel in der Schnelladeinfrastruktur oder auch in E-Nutzfahrzeugen. Im Bereich Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik sehen wir zudem Chancen, übergreifende Lösungen aus allen drei unserer Technologien – Hochfrequenz, Fiberoptik und Niederfrequenz – anzubieten. Dazu kommen noch ausgewählte Industrie- und Hochtechnologieanwendungen, wie zum Beispiel Quanten-Computing, die auf lange Sicht attraktives Potenzial aufweisen.
«Quanten-Computing hat auf lange Sicht attraktives Potenzial.»
Das frühere Ziel von einer Milliarde Umsatz haben sie beim jetzigen Bestellniveau quasi erreicht. Der Auftragsbestand nahm ja über die Hälfte zu. Wo soll Huber+Suhner 2030 stehen?
Unser Ziel ist es, in attraktiven Märkten profitabel zu wachsen, unseren Kunden technologisch führende Lösungen anzubieten und die Chancen aus Megatrends wie künstlicher Intelligenz, Elektrifizierung und Sicherheit zu nutzen. Wenn uns das gelingt, wird das finanzielle Wachstum folgen. Eine genaue Zahl nenne ich hier aber nicht.
