Walter Börsch, CEO Starrag Group, im Interview

Walter Börsch

Walter Börsch, ehemaliger CEO Starrag Group. (Foto: Starrag)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Börsch, die Auftragslage der Starrag Group hat sich gegenüber dem Vorjahr und auch gegenüber dem Ende des letzten Jahres stark verbessert. Der Auftragseingang legte in den ersten sechs Monaten um 64% zu. Der Auftragsbestand liegt 20% höher als zu Jahresbeginn. Was hat die Entwicklung positiv beeinflusst?

Walter Börsch: Sämtliche Regionen und fast alle Abnehmerindustrien waren im ersten Semester im Plus. Nach Regionen legte Asien in absoluten Werten nach einer vergleichsweise schwachen Vorjahresperiode am stärksten zu und bestritt damit über ein Drittel des gruppenweiten Auftragseingangs, gefolgt von Europa. Mit Blick auf die Abnehmerindustrien trug der Bereich Aerospace den grössten Anteil zum Wachstum der Neubestellungen bei, dies auf der Basis eines unterdurchschnittlichen ersten Halbjahres 2015.

Aber auch der Bereich Industrial vermochte deutlich mehr Neubestellungen einzuschreiben. Dabei konzentrierte sich der Zuwachs auf die klassischen Industriesegmente, während der Auftragseingang aus dem Luxussegment und in diesem Rahmen der Uhrenindustrie auf bereits tiefem Niveau leicht rückläufig war. Der Bereich Energy legte – auf allerdings immer noch bescheidenem Niveau – ebenfalls deutlich zu, während Transportation unter Vorjahr abschloss. Einmal mehr zeigt sich, dass die Ausrichtung auf strategische Abnehmerindustrien zum Ausgleich und damit zur Risikominimierung beiträgt.

Wie lange sichert der aktuelle Auftragsbestand die Auslastung?

Da das Neumaschinengeschäft stets mit substantiellen zusätzlichen Kundendienstleistungen verbunden ist, repräsentiert dieser Arbeitsvorrat gesamthaft eine solide Grundauslastung über rund ein Jahr.

Der Umsatz lag währungsbereinigt leicht unter dem Vorjahreswert und das Betriebsergebnis erreichte mit 3,4 Mio Franken knapp die Hälfe des Vorjahreswertes. Was hat die entsprechenden Ergebnisse massgeblich beeinflusst?

Der Rückgang erklärt sich in erster Linie mit punktuellen Kostenüberschreitungen bei einzelnen Kundenaufträgen und der geringeren Auslastung aufgrund der abgeschwächten Nachfrage aus der Uhrenindustrie. Zudem belasteten Restrukturierungskosten aus Personalmassnahmen zur Anpassung der Kapazitäten und Effizienzsteigerung an verschiedenen Standorten das Betriebsergebnis mit 1 Mio Franken.

«Die Vision unserer Digitalisierungsstrategie ist es, ein autonomes, selbstoptimierendes System zu kreieren. Dies ist ein evolutionärer Veränderungsprozess, der alle unsere Marktsegmente betreffen wird.»
Walter Börsch, CEO Starrag Group

Die operative Marge betrug im ersten Halbjahr 1,9 %. Lässt sich der Rückstand auf das Minimalziel von 4 % in der zweiten Jahreshälfte noch aufholen?

Bei der operativen Marge erwarten wir im zweiten Semester eine deutliche Verbesserung, so dass für das Gesamtjahr der Rückstand zu 2015 mindestens teilweise wettgemacht werden sollte.

An den «Technology Days» präsentieren Sie Vertretern aus Industrie, Fachmedien und Hochschulen regelmässig Ihre neusten Innovationen. Was steht bei Ihren Innovationen über die Marktsegmente hinweg im Fokus?

Die Herausforderungen, die unsere Kunden gestalten müssen, erfordern zunehmend intelligente Integrationskonzepte. Gruppenweite Lösungen, die bei uns im Fokus stehen, sind deshalb Verfahrensintegrationen, innerhalb der klassischen Werkzeugmaschine oder ausserhalb im Rahmen von Systemlösungen.

Wie wird diese Innovationsfähigkeit im Zuge der Automatisierung und der Digitalisierung auf die Probe gestellt?

Die Vision unserer Digitalisierungsstrategie ist es, ein autonomes, selbstoptimierendes System zu kreieren. Dies ist ein evolutionärer Veränderungsprozess, der alle unsere Marktsegmente betreffen wird. Die hohe Kunst besteht darin, die jeweils vorhandenen Möglichkeiten, in Kundennutzen zu transferieren. Dies ist uns bereits in einigen Fällen eindrücklich gelungen.

Starrag-Verwaltungsrat Walter Fust hat in einem Interview erklärt, die Branche stünde in einer eigentlichen Technologiefalle. Die Unternehmen lieferten bereits in der Angebotsphase Technologien, die dem Kunden eine effizientere Produktion ermöglichten, bezahlen wollen diese aber eigentlich nur ein Stück Hardware, sprich eine Werkzeugmaschine. Können Sie uns das Problem etwas näher erläutern?

In der Werkzeugmaschinenbranche ist es bislang üblich, dass hochwertige, sehr detailliert ausgearbeitete technische Lösungskonzepte, in der Angebotsphase kostenfrei erstellt werden. Diese Lösungskonzepte werden verschiedentlich von unseren Kunden Wettbewerbern zur Verfügung gestellt. Somit ist dann ein pfiffiges technisches Konzept, in das wir unter Umständen Bearbeitungsversuche, Simulationen etc. investiert haben, keine Differenzierungsmöglichkeit mehr. Herr Fust vergleicht das gerne mit Konsumenten, die sich im Fachhandel ausführlich beraten lassen und dann bei einem Internethändler, der keine Fachberater und entsprechende Verkaufsfläche vorhalten muss, bestellen. Im Detailhandel nennt man das Beratungsbetrug.

Das grosse Knowhow der Schweizer Werkzeugmaschinen-Hersteller ist unbestritten. Wegen des starken Frankens steht die Branche aber unter grossem Druck. Welches ist das «Starrag-Rezept», die entsprechenden Nachteile auszugleichen?

Starrag vertraut auf die gleichen Massnahmen, wie viele andere Schweizer Unternehmen: Innovationen und effiziente Abläufe.

«Mit einer starken eigenen Ausbildungsabteilung versuchen wir, möglichst viele junge Menschen für Technik und die Starrag zu begeistern.»

Demnächst nimmt die 2012 übernommene Bumotec SA die neu erstellte Fabrik im freiburgischen Vuadens in Betrieb. Was wird am neuen Produktionsstandort gefertigt?

Am neuen Produktionsstandort fertigen wir die Produktlinien unserer Marken SIP und Bumotec. Auf Grund der sehr flexibel gestalteten Infrastruktur und der sehr engen Temperaturführung in den Hallen, können grundsätzlich fast alle unsere Produkte, abgesehen von grossen Portalmaschinen, dort montiert werden.

Starrag hat Produktionsstandorte in Deutschland und Frankreich. Ist Vuadens auch ein Statement für den Produktionsstandort Schweiz?

Vuadens belegt, wie unser Werk in Rorschacherberg, dass wir davon überzeugt sind, in der Schweiz auch weiterhin hochwertige Werkzeugmaschinen erfolgreich bauen zu können.

Wie stark können Sie das inländische Fachkräftepotenzial ausnutzen und wie stark ist Starrag andererseits auf ausländische Fachkräfte angewiesen?

Mit einer starken eigenen Ausbildungsabteilung versuchen wir, möglichst viele junge Menschen für Technik und die Starrag zu begeistern. Unabhängig davon sind wir auf Personal aus den angrenzenden Ländern angewiesen.

Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist ja ein grosser Unsicherheitsfaktor für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Wie beurteilen Sie die Situation? Welche Lösung erhoffen Sie sich?

Im Vergleich zu anderen Ländern hat die Schweiz heute schon einen sehr hohen Ausländeranteil und eine hohe Einwohnerdichte im Verhältnis zur besiedelbaren Fläche. Es ist deshalb durchaus nachvollziehbar, dass insbesondere in ländlichen Gegenden die Bürger weiterem Zuzug und Bebauung kritisch gegenüber stehen. Andererseits hängt unsere positive wirtschaftliche Entwicklung eng mit Austausch von Waren und Personen zusammen. Deshalb hoffe ich auf eine praktikable, möglichst einfach zu handhabende Regelung mit der EU zur Personenfreizügigkeit.

Herr Börsch, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Walter Börsch (1959, Deutscher) ist seit 2014 CEO der Starrag Group und Leiter Regionalvertrieb. Er war von Januar 2012 bis Ende 2013 verantwortlich für die damalige Business Unit 1 und damit für die Marken Starrag in Rorschacherberg (Schweiz) sowie die Technologietochter TTL in Haddenham (Grossbritannien). Zuvor war er seit 2007 verantwortlich für den Bereich Operations der Starrag Group. Von 2005 bis 2007 war Herr Walter Börsch Geschäftsführer Vertrieb und Technik bei einem international tätigen Werkzeugmaschinenhersteller. Davor war er während fünf Jahren Leiter einer Geschäftseinheit bei der Hüller Hille GmbH, nachdem er dort seit 1987 verschiedene Führungsfunktionen in den Bereichen Produktion, Qualitätswesen und Vertrieb innehatte. Herr Walter Börsch ist Dipl. Ing. Maschinenbau der Technischen Hochschule Aachen und hat eine Weiterbildung in Marketing an der Hochschule St. Gallen absolviert.

Zum Unternehmen:
Die Starrag Group ist ein technologisch weltweit führender Hersteller von Präzisions-Werkzeugmaschinen zum Fräsen, Drehen, Bohren und Schleifen von Werkstücken aus Metall, Verbundwerkstoffen und Keramik. Zu den Kunden zählen vor allem international tätige Unternehmen in den Zielmärkten Aerospace & Energy, Transportation & Industrial Components und Precision Engineering. Das Portfolio an Werkzeugmaschinen wird ergänzt um Technologie- und Servicedienstleistungen und ermöglicht den Kunden substantielle Produktivitätsfortschritte.
Die Produkte werden unter folgenden strategischen Marken vertrieben: Berthiez, Bumotec, Dörries, Droop+Rein, Heckert, Scharmann, SIP, Starrag, TTL und WMW. Die Firmengruppe mit Hauptsitz in Rorschach/Schweiz betreibt Produktionsstandorte in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Indien sowie Vertriebs- und Servicegesellschaften in zahlreichen weiteren Ländern.

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