Werner Vogels ist seit 2005 CTO und Vice President bei Amazon.com und veröffentlicht jedes Jahr einen technologischen Ausblick auf das kommende Jahr. Fünf Entwicklungen stehen in seiner Vorschau für 2026 im Vordergrund.
Roboter als Begleiter
Einsamkeit hat sich zur globalen Gesundheitskrise entwickelt. Die WHO (World Health Organization) hat sie als solche anerkannt, und weltweit ist jeder sechste Mensch betroffen. Bei den über 60-Jährigen berichten 43 Prozent von sozialer Isolation. Vogels sieht in KI-basierten Begleitrobotern eine ernsthafte Antwort darauf. Das Astro-Team von Amazon hat beobachtet, wie Menschen echte emotionale Bindungen zu Robotern aufbauen.
Studien zeigen: 95 Prozent der Demenzpatienten, die regelmässig mit dem Roboter PARO interagierten, profitierten davon durch beispielsweise geringere Depressionen und besseren Schlaf. Das Modell ersetzt keine menschliche Pflege, sondern ergänzt sie. Roboter übernehmen Routineaufgaben und bieten konstante Präsenz, Menschen konzentrieren sich auf das, was Empathie und Urteilsvermögen erfordert.
Der moderne Entwickler
Vogels denkt nicht, dass KI Developer überflüssig macht, und begründet es anhand ähnlicher Entwicklungen in der Vergangenheit. Als Compiler etwa eingeführt wurden, fürchteten Assembly-Programmierer um ihre Stellen. Das Ergebnis war aber mehr Abstraktion, mehr Menschen im Software-Engineering, ganze Industrien entstanden neu. Dasselbe Muster zeigte sich mit dem Cloud Computing. Jede Vereinfachung hat also bisher mehr Nachfrage erzeugt, nicht weniger. Generative KI bildet da keine Ausnahme.
KI generiert Code, aber sie ist nicht dabei, wenn über Budgets und Prioritäten entschieden wird. Wer Systeme ganzheitlich überblickt, wird wertvoller, nicht überflüssiger. Vogels nennt das den „Renaissance Developer“. Dieser ist ein moderner Universalgelehrter, der Kreativität, Systemdenken und Expertise vereint.
Quantensicherheit
Quantencomputer galten lange als Jahrzehnte entfernt. Doch diese Annahme scheint überholt. AWS stellte mit Ocelot einen Quantenchip vor, der den Aufwand für Fehlerkorrektur um bis zu 90 Prozent reduziert. Und Googles Willow-Chip zeigte, dass Fehlerraten exponentiell mit der Code-Distanz sinken. Die Sicherheitsimplikationen dieser Entwicklungen sind gravierend, denn unsere digitale Infrastruktur basiert bisher auf Public-Key-Kryptographie. Für Quantenmaschinen stellt das kein ernsthaftes Hindernis dar.
Eine Forschungsarbeit aus dem Mai 2025 zeigt, dass 2048-Bit-RSA-Schlüssel mit weniger als einer Million Qubits gebrochen werden können. Das sind 95 Prozent weniger als noch vor sechs Jahren geschätzt. Angreifer sammeln bereits heute verschlüsselte Daten, um sie später zu entschlüsseln. AWS hat den NIST-Standard ML-KEM bereits in zentralen Diensten integriert. Post-Quantum-Kryptographie, Infrastrukturplanung und Talentaufbau im Quantenbereich sind die drei Handlungsfelder, die Vogels für Unternehmen skizziert.
Verteidigungstechnologie als Taktgeber
Militärische Innovationen fanden bisher ihren Weg in die Zivilgesellschaft, wenn auch nur langsam. Von DARPA kam beispielsweise das Internet, aus der militärischen Radarforschung die Grundlage für Mikrowellenherde und Flugsicherung. Hier findet jedoch ein Umbruch statt. Unternehmen wie Anduril Industries entwickeln Technologien von Anfang an auch für den zivilen Bereich und beschleunigen so den Innovationstakt. Software-Updates für autonome Systeme erfolgen wöchentlich statt jährlich. KI-Algorithmen lernen aus realen Daten und verbessern sich über Nacht. So entstehen Feedback-Zyklen, die in Tagen statt Jahrzehnten gemessen werden.
Nachtsichtsysteme und autonome Logistiklösungen aus dem Militärbereich finden längst Anwendung in Rettungseinsätzen. Das Fazit von Vogels: Organisationen in Gesundheit, Infrastruktur und Katastrophenschutz sollten sich auf Technologien vorbereiten, die aus heutigen Verteidigungsinvestitionen in wenigen Jahren entstehen und nicht erst in Jahrzehnten.
Personalisiertes Lernen
Individuelle Bildung war über lange Zeit ein Privileg. KI verändert diese Gleichung grundlegend. Das KI-Tutoring-Tool Khanmigo der Khan Academy erreichte beispielsweise im ersten Jahr 1,4 Millionen Schüler. Das lag 1.400 Prozent über den Erwartungen. Und der Zugang kostete nur vier Dollar pro Monat. In Grossbritannien nutzen bereits 92 Prozent der Studierenden solche KI-Tools.
KI ersetzt keine Lehrpersonen, aber sie übernimmt, was schlecht skaliert: Korrekturen, Administration, Routinefragen. Lehrpersonen, die KI einsetzen, sparen im Schnitt 5,9 Stunden pro Woche. Vogels erwähnt auch den Bildungsforscher Ken Robinson, der traditionelle Schulsysteme als auf Konformität ausgerichtet beschrieb. Das geht auf Kosten von Neugier. KI hat das Potenzial, diesen Fokus zu korrigieren und Schüler zu erreichen, die das bestehende System längst verloren hat.
Fazit
Was die Vorhersagen verbindet, ist eine klare Haltung: Technologie ist dann wertvoll, wenn sie menschliche Fähigkeiten erweitert. Einsamkeit, Sicherheit, Bildungszugang sind gesellschaftliche Herausforderungen, für die Technologie zunehmend konkrete Antworten liefert. (mc/pg)
