Von Manoj Mehta, President EMEA bei Cognizant
Trotz jahrelanger Diskussionen und Pilotprojekte nutzen nur 25 Prozent der Beschäftigten in der EU künstliche Intelligenz (KI) bei der Arbeit – in den USA sind es 43 Prozent. Diese Lücke lässt sich nicht allein mit dem Zugang zu besseren Tools oder zu Spitzenmodellen erklären. Sie zeigt vielmehr, wie Organisationen mit Veränderung umgehen. Zu viele europäische Organisationen begehen denselben grundlegenden Fehler: Sie verwechseln den Zugang zu KI mit ihrer tatsächlichen Nutzung. Häufig äussert sich das in pauschalen Vorgaben: Die Beschäftigten sollen mithilfe von KI produktiver werden, müssen aber selbst herausfinden, was das für ihre Rolle bedeutet. Unsere eigene Forschung zeigt, dass mehr als ein Drittel der Beschäftigten noch immer nach klaren Gründen sucht, KI zu nutzen.
Wenn Europa seine Beschäftigten davon überzeugen will, dass KI sie unterstützt und nicht bedroht, muss es neu darüber nachdenken, wie es Zuversicht, Vertrauen und Motivation in der gesamten Belegschaft aufbaut.
Die Sorgen der Beschäftigten verstehen
Jeder Mensch geht anders mit Arbeit, Risiko und Technologie um. Ängste und Bedenken unterscheiden sich je nach Karrierephase, technischer Versiertheit und weiteren Faktoren.
Bei allen Unterschieden sind 41 Prozent der Beschäftigten in der EU zumindest etwas besorgt, ihren Arbeitsplatz durch KI zu verlieren. Besonders ausgeprägt ist diese Sorge unter anderem bei jungen Menschen, die kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben stehen.
Die heutigen Beschäftigten wiederum sind in ihrer Haltung zur Technologie gespalten. Unsere Forschung hat mehr als 60 verschiedene Personas identifiziert, die sich sieben übergeordneten Archetypen zuordnen lassen. Manche greifen bereitwillig zu KI-Tools, andere sind vorsichtiger oder müssen erst überzeugt werden. Und manche wissen schlicht nicht, wo sie anfangen sollen oder wie KI in ihren Arbeitsalltag passt.
Auch Alter und Karrierephase prägen diese Haltungen. Da Europas Erwerbsbevölkerung immer älter wird, fürchten manche erfahrene Beschäftigte womöglich, überflüssig zu werden, oder fragen sich, ob es sich lohnt, spät in der Karriere noch völlig neue Arbeitsweisen zu erlernen. Das erschwert es, lang eingeübte Arbeitsgewohnheiten zu verändern.
Und selbst wenn Beschäftigte KI nutzen wollen, sind 82 Prozent nach eigenen Angaben regelmässig unzufrieden mit den Tools, die ihnen tatsächlich zur Verfügung stehen. Solche schlechten Erfahrungen können schnell dazu führen, dass sie sich von KI abwenden – und künftige Einführungen zusätzlich ins Stocken geraten.
Ohne gezielte Unterstützung werden Unternehmen keine Rendite erzielen, ganz gleich, wie viele Tools sie kaufen.
Die Belegschaft ins Boot holen
Führungskräfte müssen anerkennen, dass die Ängste der Beschäftigten nicht unbegründet sind. Cognizant prognostizierte 2023, dass bis 2032 90 Prozent aller Jobs durch KI grundlegend verändert würden. Neuere Forschung zeigt jedoch: Diese Marke wurde sechs Jahre früher erreicht als erwartet.
Das dürfen Führungskräfte nicht beschönigen. Wollen sie die Kluft zwischen Beschäftigten und KI-Initiativen überbrücken, müssen sie Vertrauen aufbauen – und das beginnt mit Ehrlichkeit. Das Management sollte klar benennen, was bereits entschieden ist, was noch offen ist und wo Automatisierung noch erprobt wird. So erhalten die Beschäftigten die Informationen, die sie brauchen, um zu verstehen, wo sie stehen, wie sich ihre Rolle verändern könnte und welche Unterstützung sie erwarten können.
Flankiert werden muss das durch Weiterbildung, Unterstützung und Entwicklungspfade, damit Unternehmen ihre Belegschaften auf die neuen Arbeitsweisen vorbereiten. So bietet etwa das Programm Skillspring von Cognizant personalisierte Lern- und Entwicklungsangebote, ausgerichtet auf die Kompetenzen, die Beschäftigte in ihrer jeweiligen Rolle benötigen.
Ähnlich ermöglicht es die Initiative Bluebolt den Mitarbeitenden, Ideen mit dem gesamten Unternehmen zu teilen und so die Art und Weise zu verbessern, wie Arbeit erbracht wird. Das bedeutet keinen kompletten beruflichen Neuanfang. Vielmehr geht es darum, dass die Beschäftigten über die nötigen Kompetenzen verfügen, um die Möglichkeiten von KI mit ihrem vorhandenen Fachwissen zu verbinden.
Auch die Debatte über KI braucht einen neuen Rahmen. Statt Automatisierung in den Mittelpunkt zu stellen, sollten Führungskräfte darauf setzen, Wirksamkeit zu steigern, Fähigkeiten zu erweitern und Qualität und Wirkung menschlicher Arbeit zu erhöhen.
Auf Verhalten ausrichten, nicht auf Technologie
Unternehmen müssen Transformation anders angehen. Im Kern heisst das: weg von einzelnen Technologieprojekten, hin zu einem unternehmensweiten Wandel über alle Teams hinweg. Der erste Schritt liegt beim Führungsteam, das umdenken muss: Statt KI als Lösung für seine Probleme zu betrachten, sollte es gezielt auf Ergebnisse hinarbeiten, die KI möglich macht.
Das gelingt in drei einfachen Schritten:
- Eine „Intention Architecture“ definieren. Erfolgreiche Organisationen richten ihr Programm nicht daran aus, was die Technologie kann, sondern daran, was Menschen künftig anders machen sollen. Sie planen vom gewünschten Verhalten aus rückwärts und klären, welche Handlungen, Entscheidungen und Arbeitsabläufe KI verändern soll.
- Experimentieren zur Normalität machen. Die meisten Teams fühlen sich psychologisch nicht sicher genug, um offen auszuprobieren, zu scheitern und nachzubessern. Leistungsstarke Organisationen schaffen strukturierte Freiräume, in denen Experimente erwartet, unterstützt und abgesichert werden. So wird Lernen Teil der Arbeit – und kein Nebenprojekt.
- Das gewünschte Verhalten über Führungskräfte und Vorbilder vorleben. Menschen übernehmen, was sie sehen, nicht, was man ihnen sagt. Wenn Führungskräfte und geschätzte Kolleginnen und Kollegen KI-Tools selbstverständlich in ihrem Arbeitsalltag nutzen, wird der Wandel Teil der Kultur, statt blosse Vorgabe zu bleiben.
Umdenken für die Zukunft
Europa wird seine Lücke bei der KI-Nutzung nicht schliessen, indem es einfach mehr Beschäftigten Zugang zu leistungsfähigeren Tools verschafft. Das gelingt erst, wenn Organisationen den Menschen einen klaren Grund geben, KI zu nutzen, ihnen die Zuversicht vermitteln, zu experimentieren, und ehrlich darlegen, wie sich Arbeit verändern wird. Die Technologie ist bereit. Entscheidend wird sein, ob Führungskräfte ihre Belegschaft mitnehmen. (Cognizant/mc/ps)
Über Manoj Mehta
Manoj Mehta ist Präsident der EMEA-Region bei Cognizant. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Ausrichtung und die operative Leistungsfähigkeit von Cognizants Geschäft in Nord-, Mittel- und Südeuropa, dem Nahen Osten, Afrika sowie in Grossbritannien und Irland, und führt die Commercial- und Delivery-Teams, um für Kunden die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Manoj ist seit 2005 bei Cognizant tätig und hatte seither verschiedene Führungspositionen im kommerziellen und technologischen Bereich inne, zuletzt als Leiter des globalen Large-Deals-Teams.
