Digitale Infrastruktur statt Kanzlei: Wie KI den Zugang zum Recht verändert

Dominique Lecocq, Gründer von Laine Neural Network (Bild: Laine)

Das Recht bildet einen der Grundpfeiler der modernen Wirtschaft – und zugleich eines ihrer hartnäckigsten Paradoxe. Weltweit generiert der Rechtsmarkt jährlich Umsätze von rund 1’000 Milliarden US-Dollar. Diese Grössenordnung verdeckt jedoch eine strukturelle Realität: Zwischen 80 und 90 Prozent des tatsächlichen Rechtsbedarfs werden nie von Fachpersonen bearbeitet. Für Privatpersonen ebenso wie für kleine und mittlere Unternehmen bleibt der Zugang zum Recht häufig zu teuer, zu langsam oder zu komplex.

Von Dominique Lecocq, Gründer von Laine Neural Network

Diese Diskrepanz ist nicht auf fehlende Nachfrage zurückzuführen, sondern auf die Organisation juristischer Dienstleistungen selbst. Vertragsgestaltung, Analyse, Verhandlung, Umsetzung und Streitbeilegung basieren weiterhin auf fragmentierten Prozessen, heterogenen Werkzeugen und unstrukturierten Austauschformaten. Diese Zersplitterung erzeugt erhebliche operative Reibungsverluste, uneinheitliche Qualität und Kosten, die selbst für Kanzleien nur schwer zu senken sind.

Vor diesem Hintergrund beschränkt sich künstliche Intelligenz nicht länger auf marginale Produktivitätsgewinne. Sie verfolgt zunehmend das Ziel, die Funktionsweise des Rechts insgesamt neu zu strukturieren, indem sie das Recht in eine integrierte digitale Infrastruktur überführt.

Vom Einzelvertrag zur integrierten juristischen Infrastruktur

Juristische Plattformen der neuen Generation beruhen auf einem klaren technologischen Bruch. Es handelt sich nicht um den blossen Einsatz von Sprachmodellen, sondern um Multi-Agenten-Architekturen, in denen jeder Agent eine spezifische Aufgabe erfüllt: Klausel-für-Klausel-Formulierung, rechtliche Validierung, Vertragslogik, methodische Strukturierung oder Anpassung an nationale Rechtsordnungen. Diese Agenten arbeiten zusammen und kontrollieren sich gegenseitig, um die strukturelle Kohärenz und die rechtliche Durchsetzbarkeit der Dokumente sicherzustellen.

Dieser Ansatz ermöglicht es, Verträge schneller und kostengünstiger zu erstellen und gleichzeitig ihre rechtliche Robustheit zu erhöhen. Die Vertragsgestaltung wird zu einem strukturierten, skalierbaren Prozess, ohne Abstriche bei inhaltlichen Anforderungen oder lokaler Rechtskonformität.

Ein weiterer zentraler Pfeiler ist die Vertragsprüfung. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden Dokumente detailliert analysiert, um Risiken, Inkohärenzen, fehlende Schutzklauseln und Verhandlungsspielräume zu identifizieren. Im Rahmen von Due-Diligence-Prozessen lassen sich so grosse Dokumentenvolumina parallel auswerten, Verpflichtungen, Verantwortlichkeiten und Fristen systematisch erfassen und Analysen generieren, die unmittelbar bei M&A-Transaktionen, Investitionen oder regulatorischen Prüfungen genutzt werden können.

Strukturierte Verhandlung und beschleunigte Streitbeilegung

Die Integration erstreckt sich auch auf die Verhandlungsphase. Der Austausch zwischen den Parteien wird zentralisiert und strukturiert, Präferenzen und Meinungsverschiedenheiten formalisiert, und Vertragsänderungen werden juristisch kohärent vorgeschlagen. Ziel ist es, oft langwierige und ungeordnete Prozesse durch nachvollziehbare, unterstützte Interaktionen zu ersetzen.

Besonders tiefgreifend ist die Transformation im Bereich der Streitbeilegung. Anstatt Konflikte systematisch in langwierige und kostenintensive Gerichtsverfahren zu überführen, integrieren bestimmte Verträge automatisiert aktivierbare Schiedsmechanismen. Die Parteien reichen ihre Argumente und Belege in gesicherten Umgebungen ein; die künstliche Intelligenz schlägt auf Basis des anwendbaren Rechts und der vertraglichen Bestimmungen eine Lösung vor, bevor gegebenenfalls ein unabhängiger Schiedsrichter eingreift.

Die Entscheidungen bewegen sich innerhalb international anerkannter Rahmenwerke und behalten damit ihre Vollstreckbarkeit über nationale Grenzen hinweg. Ziel ist es, Verfahren, die heute Monate oder gar Jahre dauern, auf Zeiträume zu verkürzen, die mit wirtschaftlichen Erfordernissen vereinbar sind.

Kontinuierliches Lernen und ökonomische Transformation des Rechts

Im Zentrum dieser Plattformen steht ein kontinuierlicher Lernmechanismus. Korrekturen durch unabhängige Anwältinnen und Anwälte werden – anonymisiert und gesichert – in das System zurückgeführt. Sie verfeinern schrittweise die Klausellogik, die Validierungsregeln und die lokalen Besonderheiten. Mit zunehmender Nutzung gewinnt die Plattform an Präzision, Zuverlässigkeit und Kohärenz und erzeugt einen kumulativen Skaleneffekt.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich. Während traditionelle juristische Dienstleistungen auf hohen und oft wenig planbaren Honoraren beruhen, ermöglichen abonnementsbasierte Modelle einen transparenteren und breiteren Zugang zum Recht. Für Kanzleien sinken die Infrastrukturkosten, während sich die Wertschöpfung stärker auf Expertise, strategische Beratung und die finale Verantwortung verlagert.

Diese Entwicklung marginalisiert den Juristen nicht, sondern definiert seine Rolle neu. Wiederkehrende und standardisierte Aufgaben werden automatisiert; menschliches Urteilsvermögen bleibt zentral für komplexe Analysen, strategische Entscheidungen und Verantwortung. Künstliche Intelligenz wirkt als Produktivitäts- und Skalierungshebel – nicht als Ersatz.

Juristische KI als komplementäre Rolle zu Anwälten

In der Schweiz besteht kein allgemeines Anwaltsmonopol für Rechtsberatung oder Vertragsgestaltung; vorbehalten bleiben der Anwaltschaft insbesondere die berufsmässige Vertretung vor Gericht sowie die Führung des Anwaltstitels. Vor diesem Hintergrund dürfen auf künstlicher Intelligenz basierende juristische Plattformen weder als Anwaltskanzleien auftreten noch Rechtsdienstleister ersetzen, sondern müssen als technologische Infrastrukturen positioniert sein.

Ihr Tätigkeitsbereich beschränkt sich auf die Automatisierung und Strukturierung standardisierter juristischer Aufgaben, ergänzt durch Kontroll-, Orientierungs- und Compliance-Mechanismen. Sobald Nutzeranfragen Fragen rechtlicher Komplexität, Gültigkeit, Konformität oder Haftung aufwerfen, müssen diese Plattformen die Nutzer ausdrücklich an unabhängige Anwälte verweisen. Dort bleibt menschliches Urteilsvermögen, juristische Auslegung und berufliche Verantwortung unerlässlich.

Konzeption und Governance solcher Systeme müssen zudem den berufsrechtlichen Standards der Anwaltschaft entsprechen, insbesondere in Bezug auf Vertraulichkeit, Unabhängigkeit und Ethik. Ebenso sind hohe Anforderungen an Sicherheit, Governance und technische Compliance einzuhalten, wie sie durch anerkannte Standards und Zertifizierungen vorgegeben werden. Dieses Positionierungsmodell ist eine zentrale Voraussetzung, um Effizienz und Zugänglichkeit des Rechts zu verbessern, ohne die Schlüsselrolle der Anwälte im juristischen Ökosystem zu untergraben.

Vertrauen als entscheidender Erfolgsfaktor

Die entscheidende Frage bleibt jene der Akzeptanz. Der Erfolg dieses Wandels wird weniger von der Technologie selbst abhängen als vom Vertrauen der Nutzer, der regulatorischen Anerkennung und der Fähigkeit dieser Systeme, ihre Robustheit unter realen Bedingungen unter Beweis zu stellen. Eines ist jedoch bereits klar: Indem künstliche Intelligenz die mangelnde Zugänglichkeit des Rechts adressiert, entwickelt sie sich von einem Werkzeug zu einer Infrastruktur – und greift damit eines der tiefgreifendsten strukturellen Ungleichgewichte der Weltwirtschaft an. (Laine/mc/hfu)


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