Wie der Einkauf die Früchte der Digitalisierung erntet

Sven Siepen

Sven Siepen, Managing Partner von Roland Berger in der Schweiz. 

Zürich – Die Einführung digitalisierter Prozesse ist zweifellos eine der grössten Herausforderungen für Chefeinkäufer (CPOs, Chief Procurement Officers). Nichtdestotrotz ist die Realisierung und Messung von Kosteneinsparungen quer durch alle Branchen weiterhin die wichtigste Aufgabe. Zusätzlich werden In den kommenden drei bis fünf Jahren Themen wie die Sicherung der Warenverfügbarkeit und Produktqualität sowie die Fähigkeit, durch proaktives Einbinden von Lieferanten einen messbaren Beitrag zum Innovationsmanagement zu leisten, weiter an Bedeutung gewinnen.

Zu diesen und weiteren Ergebnissen kommt die internationale «CPO Agenda 2016», für die die Experten von Roland Berger das Feedback von weltweit 200 Einkaufsverantwortlichen ausgewertet haben. Ausgehend von den wichtigsten Trends, ihren Implikationen für den Einkauf und den daraus resultierenden Hebeln haben die Studienautoren jeweils eine industriespezifische CPO-Agenda für die Hauptbranchen Automotive, Chemie, Verbrauchsgüter, Investitionsgüter/Maschinen- und Anlagenbau, Gesundheitswesen/Medizintechnik/Pharma sowie Versorgungswirtschaft, entwickelt.

«Der Einkauf muss und kann einen wesentlichen Beitrag zur Realisierung strategischer Vorteile leisten», sagt Sven Siepen, Managing Partner von Roland Berger. «Entsprechend steigen die Erwartungen an die Einkaufsleiter – auch in der Schweiz. Verglichen mit unserer 2014 veröffentlichten Vorgängerstudie ist die Zahl der Themen, die von CPOs als wichtig oder sehr wichtig eingestuft werden, deutlich gestiegen. Obwohl die Trends je nach Industriezweig variieren, haben die Einkaufschefs eines gemeinsam: Sie stehen vor grösseren Herausforderungen.»

Digitalisierte Prozesse als nächster grosser Prüfstein für Einkauf
Zum jetzigen Zeitpunkt messen nur 30 Prozent der befragten CPOs der Digitalisierung von Betriebsabläufen eine wesentliche Bedeutung bei. Gleichzeitig räumen sie auch ein, nicht gut auf die Bewältigung des digitalen Wandels vorbereitet zu sein. Und: 71 Prozent der Einkaufsleiter gehen davon aus, dass die Bedeutung digitalisierter Prozesse in den kommenden drei bis fünf Jahren dramatisch zunehmen wird. Noch stärkeres Disruptionspotenzial durch die Digitalisierung sehen CPOs aus Branchen wie dem Maschinen- und Anlagenbau (90%) oder der Automobilindustrie (84%).

«Innovationen und Digitalisierung werden auch für den Einkaufsbereich immer wichtiger und sind unverzichtbare Voraussetzungen für den künftigen Erfolg», sagt Knapp. Als wirkungsvollste Hebel für die Bewältigung des digitalen Wandels im Einkauf nennen die CPOs eine verstärkte Automatisierung, etwa durch autonomes Bestellen (81%), und den Aufbau von komplett digitalen Informationsströmen über alle Funktionen hinweg (78%). Nahezu ebenso wichtig ist den Befragten, gemeinsam mit ihren Lieferanten die Datenkonnektivität zu verbessern (75%) sowie ein höheres Mass an Markttransparenz für Industrie 4.0-Lösungen herzustellen (72%).

Eine Vielzahl an Herausforderungen wartet auf den CPO
Die aktuellen Aufgabenstellungen für CPOs lauten also: Realisierung und Messung von Kosteneinsparungen, Sicherung von Lieferfähigkeit und Qualität, Steigerung des Produktwerts, Management von Marktvolatilität und Marktrisiken, Optimierung des Betriebskapitals, Sicherung von Innovationen und Aufbau von Lieferantenpartnerschaften 2.0. Ein Vergleich der einzelnen Industriezweige zeigt, dass CPOs in den Branchen Chemie, Automobil und Gesundheitswesen/Medizintechnik/Pharma die besten Voraussetzungen haben, um diese Aufgaben zu meistern. Dagegen stufen Einkaufschefs aus der Verbrauchsgüterindustrie ihre durchschnittliche Fähigkeit zur Bewältigung dieser Herausforderungen am geringsten ein.

«Grundlegende CPO-Aufgaben wie die Realisierung und Messung von Kosteneinsparungen standen schon bei der Studie 2014 im Mittelpunkt und werden dies auch künftig tun. Mittlerweile ist die Fähigkeit, diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, recht gut ausgereift», beobachtet Knapp. «Beim Umgang mit dem digitalen Wandel sieht die Situation allerdings wesentlich schlechter aus, und zwar in allen Branchen. Wer hier schnell und entschieden handelt, könnte sich entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern.»

Selbst in der Chemiebranche, in der sich die CPOs am besten gerüstet sehen, besteht in puncto Digitalisierung noch Handlungsbedarf. «Die weitgehend integrierten und bereits hochgradig automatisierten Wertschöpfungsketten im Chemiesektor werden zunehmend digitalisiert und wir gehen davon aus, dass diese Entwicklung sehr schnell weitergeht», sagt Knapp und fordert die Branche zum Handeln auf: «Es ist für CPOs elementar, sich mit den für den Einkauf relevanten Chancen und Hebeln vertraut zu machen.» Ähnlich sieht der Experte die Lage in der Automobilindustrie: «Die Digitalisierung ist das Topthema, dem sich Automotive-CPOs 2016 widmen müssen.»

Wie andere Unternehmensbereiche muss auch der Einkauf die Vorteile der Digitalisierung im Bereich Kosten, aber auch mit Blick auf Agilität, Effizienz und Innovationen für sich nutzbar machen. Da die Digitalisierung zudem ein enormes Wertschöpfungspotenzial für interne Geschäftspartner birgt, könnte sie zu einer besseren Akzeptanz und Glaubwürdigkeit des Einkaufs in der Automobilbranche führen. (Roland Berger/mc/ps)

Roland Berger

 

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