Watson.ch: It’s on

Hansi Voigt, Geschäftsführender Chefredaktor von watson (Bild: 20 Minuten, Nicolas Aebi)

Zürich – Journalismus kann und muss nicht neu erfunden werden. Es sind immer noch gut recherchierte und erzählte Geschichten, welche die Leser faszinieren. Die Form der Darstellung kann aber dank des Internets neu definiert werden, frei von den Zwängen des Printformates.

Von Helmuth Fuchs

Die Chance, eine Online News Plattform vollständig neu aufzubauen, bietet sich nur sehr selten. Hansi Voigt und sein Team haben diese Gelegenheit bekommen, gut finanziert für die Startphase von Peter Wanner. Mit rund 50 Personen wurde gleich eine Marke für ein reines Online-Portal gesetzt. Da Werbung alleine die Kosten für ein solches Unternehmen kaum wird tragen können, sind im Geschäftsmodell auch Einnahmen durch Verbreitung von inhaltlichen Kundenmeldungen über die Plattform vorgesehen.

Technik im Herzen
Anders als bei traditionellen Verlegern, welche die ganze Online-Entwicklung entweder gänzlich vernachlässigten, skeptisch akzeptierten oder als notwendiges Übel aufnahmen, ist bei watson ein Team am Werk, das Online als ihre Spielwiese versteht. Das Content Management System wurde von Grund auf neu und für die speziellen Bedürfnisse von watson entwickelt. Mit wenigen Klicks, Drags und Drops können Artikel erstellt werden. Die gestalterischen Freiheiten sind fast uneingeschränkt, ohne dass darunter die Einfachheit der Bedienung leidet.

Die Beta-Illusion
Die Aufbruchsstimmung an der Hardstrasse ist unübersehbar. Im Grossraumbüro herrscht Start-Up Atmosphäre, es stehen Möbel rum, die noch ausgepackt werden müssen, es wird kurz und intensiv diskutiert und schnell entschieden und es ist irgendwie unglaublich ruhig. Kein Zurufen, Rumbrüllen, Telefongeläute. Konzentriertes Arbeiten an grossen Bildschirmen duldet keinen allzu hohen Lärmpegel. Das Resultat ist ein Portal, das es so in der Schweiz noch nicht gegeben hat. Grosse Bildkacheln mit fetten, farbigen Titeln. Dahinter oft Kurz- und Fremdmeldungen, aber auch lange, selbst recherchierte Geschichten. Sport und Gesellschaftsmeldungen bilden die Schwerpunkte in der Startphase. Keine traditionelle Navigation, sondern eine Themenwolke. Um den Druck der Erwartungen etwas zu mildern, wurde watson als Beta lanciert. Am Web gibt es aber eigentlich keine Beta Version. Man ist da mit dem was man hat. Von da weg ist es ein ständiges Verbessern, Ausbauen, Entschlacken, Umbauen. Und was watson zum Start bietet, lässt sich sehen. Nebst der neuen Bildsprache kann man sich zum Beispiel über sein Facebook-Konto anmelden und Artikel komentieren («Mein watson»).

Ein Medium für die Leser
Die Leser haben zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten mit watson. Zudem beobachten die Journalisten zu den von ihnen bearbeiteten Themen andere Quellen wie Twitter und werden dort als Experten wahrgenommenen Benutzern anbieten, auf watson selbst Meldungen zu produzieren. Die Leser werden also zu Mittätern auf Augenhöhe. Die zahlreichen Kommentare, Verbesserungsvorschläge und Diskussionsbeiträge nach dem ersten Tag zeigen, dass von den rund 100’000 Lesern des ersten Tages einige auch schon aktiv sind. Ein kleiner Coup ist die Zusammenarbeit mit Spiegel Online, von dessen Seite ganze Artikel bei watson publiziert werden.

What’s next
Nach dem Start wird ganz schnell der Alltag eintreten. Die Erwartungen der Leser und Kunden müssen genau so erfüllt werden wie die eigenen und die der Geldgeber. Aktuell stehen die Apps noch aus, ein RSS Reader, bessere Integration mit den Sozialen Medien, bessere Themenübersicht und und und. Aber alles in der Gewissheit, dass der erste Schritt schon mal richtig gut gelungen ist.

 

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