Zürich – Der Schweizer Aktienmarkt bleibt am Dienstag zwar auf Rekordjagd, die Avancen fallen aber etwas zurückhaltender aus als noch zu Wochenbeginn. Die Erleichterung über die anhaltende Entspannung im Nahen Osten stützt weiterhin.
«Der Markt klammert sich derzeit an jedes Signal, das auf eine diplomatische Lösung zwischen Washington und Teheran hindeutet», beschreibt ein Händler das Markt-Sentiment. «Nach den geopolitischen Turbulenzen der vergangenen Wochen ist die Sehnsucht nach Stabilität gross.» Noch sei aber völlig offen, ob aus Hoffnung tatsächlich nachhaltige Entspannung werde. «Die Märkte balancieren zwischen Friedenshoffnungen, KI-Zweifeln und geopolitischen Risiken. Dabei sollten die Friedenshoffnungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage im Nahen Osten fragil bleibt.»
Neben den Aktienmärkten bleibt auch der Ölmarkt im Entspannungsmodus, wie die weiter gefallenen Preise zeigen. So notiert der Preis für die weltweite Referenzsorte Brent wieder klar unter 90 US-Dollar je Barrel. Alleine am Montag war er um knapp 9 Prozent gesunken. Sinkende Ölpreise dürften die wieder aufgeflammten Inflationsängste etwas besänftigen. Nach der EZB in der vergangenen Woche warten Marktteilnehmer nun auf den Mittwochabend. Dann wird die US-Notenbank Fed ihren Zinsentscheid veröffentlichen. Dabei hoffen Investoren auf Hinweise zum weiteren Fed-Kurs, und darauf, wie die Notenbank die aktuelle Gemengelage einschätzt.
Der Leitindex SMI gewinnt gegen 11.10 Uhr 0,45 Prozent auf 14’486,36 Punkte. Von den 20 SMI-Einzeltiteln legt die Mehrzahl (14) zu. Die neueste Bestmarke hat der Leitindex im Verlauf des Vormittags bei 14’492 Punkten gesetzt, womit die 14’500er Marke als nächste runde Hürde in Sicht kommt. Der Mid-Cap-Index SMIM der mittelgrossen Werte steigt um 0,87 Prozent auf 3112,72 Punkte und der SPI um 0,51 Prozent auf 20’285,66 Zähler.
Nach dem ruhigen Wochenstart dreht sich das Zahlenkarussell wieder schneller. Dabei weiss der Blue Chip Sika (+7,0%) zu überzeugen. Die Wachstumsbeschleunigung ab Anfang April kommt in Analystenkreisen gut an. Dasselbe gilt für die überarbeiteten Jahresvorgaben.
Im Schlepptau geht es auch für andere baunahe Werte wie Geberit (+2,1%) oder Holcim (+0,9%) aufwärts. Dabei legt Holcim selbst am Ende der Woche eigene Zahlen vor.
Als Stütze für den Markt erweisen sich die zuletzt arg gebeutelten Nestlé (+1,8%). Vergangene Woche waren die Titel im Zuge der Halbjahreszahlen um 5,7 Prozent abgesackt. Die beiden Pharma-Schwergewichte Roche (+0,1%) und Novartis (+0,2%) notieren ebenfalls im Plus.
Das Verliererfeld führen die Anteilsscheine der Swiss Re (-0,9%) an. JPMorgan hatte die Aktien heruntergestuft und sich kritisch über die Gewinnchancen der kommenden Jahre geäussert. Auch Swiss Life und Zurich (beide unv.) hinken dem Markt hinterher. Im Vorfeld der für den morgigen Mittwoch erwarteten Zahlen macht sich auch bei den UBS-Aktien (-0,4%) eine gewisse Unruhe breit. Allerdings hatten die Titel seit Ende April auch einen sehr starken Lauf.
Nach dem heutigen Börsenschluss wird mit Logitech (+0,1%) noch ein weiterer Blue Chip über den jüngsten Geschäftsverlauf berichten.
Warten auf MAMA
Daneben sind der Bauzulieferer Forbo (+7,7%), der Verpackungsspezialist SIG (+7,4%) und der Industriekonzern Sulzer (+7,2%) nach Zahlen gesucht. Absoluter Spitzenreiter sind nach Zahlen allerdings Lem, wie der Kurssprung um 19 Prozent zeigt. Der Komponentenhersteller hatte mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen.
Gemeinsam abwärts bewegen sich dagegen einmal mehr die Techwerte. Schwache Vorgaben aus den USA hatten bereits in Asien für zum Teil massive Kursverluste gesorgt. Händler verweisen auf die bevorstehenden Zahlen der sogenannten «MAMA»-Gruppe am Mittwoch und Donnerstag: Microsoft, Meta, Apple und Amazon. «Damit veröffentlichen gleich vier der grössten Unternehmen der Welt ihre Quartalszahlen», fasst ein Händler zusammen. «Kaum eine Berichtswoche dürfte für die Stimmung an der Börse wichtiger sein als diese.» Denn wie zuletzt zu beobachten, können selbst exzellente Quartalszahlen paradoxerweise Enttäuschungen auslösen, falls der Ausblick nur minimal schwächelt. (awp/mc/ps)
