Anja Hochberg: Deutsche Steuerreform keine Lösung für Wachstumsprobleme


Deutschland ist – mit Abstand übrigens – der Konjunkturverlierer in der Europäischen Union. Die Credit Suisse rechnet für dieses Jahr mit einem Nullwachstum und auch 2004 dürfte das zarte Konjunkturpflänzchen nur zögerlich wachsen (BIP: + 0.7%).

Das Wachstumsproblem Deutschlands ist dabei äusserst komplex und lässt sich schlussendlich auf die fehlende Konsumdynamik zurückführen. Da liegt es auf der Hand, dass die von der Bundesregierung beschlossene – freilich noch zustimmungspflichtige – dritte Stufe der Steuerreform als probates Mittel gegen die Konjunkturlethargie gepriesen wird.Bei genauem Hinsehen ist jedoch Skepsis angezeigt.

Wenngleich die avisierten Steuererleichterungen von durchschnittlich rund 10% den privaten Haushalten eine willkommene Stütze in konjunkturell angespannten Zeiten bietet, packt dieser Einkommensschub das deutsche Konjunkturübel nicht an der Wurzel. Seit März 2002 steigen die realen verfügbaren Einkommen in Deutschland ohnehin und dieser Trend dürfte – dank noch immer beachtlicher Nominallohnsteigerungen und rückläufiger Inflation – anhalten. Umsetzt in eine konjunkturrelevante Steigerung der Einzelhandelsumsätze hat sich dies freilich noch nicht.

Zurückhaltung der Konsumenten
Nach dem Abschwellen der geopolitischen Unsicherheiten hat die spürbare Kaufzurückhaltung der Haushalte – dies lässt sich statistisch belegen – eine andere Ursache. Der kräftige Anstieg der Arbeitslosigkeit von 9.3% im Dezember 2000 auf jüngst 10.7% ist hauptsächlich für den Konsumverdruss verantwortlich. Dabei beunruhigt die Haushalte freilich nicht so sehr die Steilheit des Anstiegs. In den USA katapultierte z.B. die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum von knapp 4% auf über 6%. Gravierender ist, dass – im Vergleich z.B. zu den USA, Grossbritannien oder den Niederlanden – die „Sockelarbeitslosigkeit“ bedeutend höher ist.

Der äusserst hohe Anteil der strukturellen Arbeitslosigkeit (rund 70%) bedeutet in Deutschland, dass selbst bei einem durchschnittlichen Konjunkturaufschwung (Wachstumsraten um die 1.5 – 2%) die Arbeitslosenquote nicht kräftig fällt. Deutschland braucht daher 4-mal soviel Wachstum wie die USA, um die Arbeitslosenrate im selben Ausmass zu senken. Die Ursachen hierfür sind altbekannt, häufig diskutiert, aber wenig reformiert: die starke Arbeitsmarktregulierung (von der Agenda 2010 unzureichend in Angriff genommen), die hohen Lohnnebenkosten (soziale Sicherungssysteme) oder die geringe Differenzierung im Lohnsystem (Flächentarifverträge).

Da heisst es also zwei Augen haben: Eins für die Nachfrageseite (Stärkung der Konsumkraft) und eins für die Angebotsseite (Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Senkung der Lohnnebenkosten, etc). So lange der Reformeifer so ausgeprägt nachfragelastig ist, dürften sich die gewünschten konjunkturellen Effekte in engen Grenzen halten und so gar über die Zinswirkung der drastisch gestiegenen Staatsverschuldung verwischt werden.


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Deutsche Steuerreform: Keine Lösung für das Wachstumsproblem CS Studie 42 Kb
Die Autorin 
Anja Hochberg
 
Anja Hochberg (Jahrgang 1970) studierte in Berlin Wirtschaftsgeschichte, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft, absolvierte am Europa-College in Brügge erfolgreich ein Postgraduate-Studium in «International Economics» und promovierte an der University of Wales. Dort war sie zudem 4 Jahre als Dozentin für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt «Internationale Finanzmärkte» tätig. Im Frühsommer 1999 tauschte Frau Hochberg akademische Verantwortung gegen volkswirtschaftliche Praxis und wechselte in die volkswirtschaftliche Abteilung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) nach Frankfurt. Dort zeichnete sie für die Analyse der G7-Ökonomien und der Finanzmärkte verantwortlich. Seit Januar 2001 ist Frau Hochberg für die Credit Suisse tätig, zunächst im Economic Research & Consulting für die Analyse der Weltkonjunktur und die Zinsentwicklung zuständig, übernahm sie im Januar 2002 die Leitung des Bereichs Fixed Income & Forex Analysis.Kontakt:
anja.hochberg@credit-suisse.com

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