Edgar Rappold, CEO Winterthur Technologie Group: «Der Trend zu treibstoffeffizienteren Fahrzeugen wird die Nachfrage nach unseren Produkten erhöhen»

Von André Schäppi


Moneycab: Herr Rappold, die Winterthur Technologie Gruppe (WTG) ist mit ihren Produkten schwerpunktmässig im Automobilsektor aktiv. Die Branche schwächelt teilweise. In welchem Umfang sind Sie von dieser Entwicklung betroffen und welche Erwartungen haben Sie für das kommende Jahr?


Edgar Rappold: Hier muss man präzisieren: Die Schwächung betrifft vor allem die Amerikaner und die Franzosen. Aber die Deutschen hatten noch nie eine derart gute Automobilkonjunktur. Und da Deutschland einer unserer wichtigsten Märkte ist, können wir durchwegs von diesem Aufschwung profitieren. Für das erste Halbjahr 2007 sollte diese positive Entwicklung im gegenwärtigen Rahmen anhalten. Dazu kommt, dass der Trend zu treibstoffeffizienteren Fahrzeugen auch die Nachfrage nach unseren Produkten erhöhen wird, da das unter anderem durch genauere Komponenten, die geschliffen werden müssen, erreicht wird. Hier besteht ein grosses Potenzial. Bei den Amerikanern werden noch viele Teile geschabt, was zu ungenaueren Produkten führt. Andererseits erzeugt der Trend zu mehr Fahrkomfort durch immer höherstufige Automatikgetriebe ebenfalls die Nachfrage nach präzisen Komponenten.


Wie entwickelt sich Ihr zweitwichtigstes Segment, die Stahlindustrie?


Die Stahlindustrie boomt im Moment und diese Entwicklung ist in dem für uns relevanten Sektor des rostfreien Stahls noch ausgeprägter. Der Preis liegt derzeit in der Grössenordnung $ 32000 pro Tonne Nickel. Das ist mehr als doppelt so viel wie vor nicht allzu langer Zeit und reflektiert ganz klar die starke Nachfrage. Dieses Jahr liegt die Produktionssteigerung bei rostfreiem Stahl in der Grössenordnung von 11%. Wir erwarten, dass dieser Trend auch noch im ersten Halbjahr 2007 anhalten wird. Später wird sich das Niveau wieder bei 6-7% einpendeln, was jedoch immer noch erfreulich ist.


Aber der Verbrauch von Schleifmitteln nimmt ja nicht linear mit der Produktion an rostfreiem Stahl zu?


Nein, nicht ganz. Aber die Zahlen sind nicht weit weg und kommen dem schon nahe. Wenn wir jetzt also 11% Steigerung haben, wird auch unser Wachstum in den guten Einstelligen liegen.


In welchem Rahmen drücken Rohstoffpreise (zum Beispiel für Energie) auf die Kostenseite und was unternehmen Sie zur Abfederung?


2006 haben sich die Rohstoffpreise gegenüber 2005 etwas stabilisiert. Davon ausgenommen sind Energiepreise, und vor allem die Stromkosten sind enorm gestiegen. Wir hatten im ersten Halbjahr eine Steigerung von 37% und diese Erhöhung aufzufangen, ist nicht einfach. Aber wir haben durchaus Strategien und setzen diese mit Neuentwicklungen um. So muss man beispielsweise die Glaskeramik nicht unbedingt bei 1300°C sintern. Das kann heute mit modernen Werkstoffen ohne Weiteres bei 900°C erfolgen. Dies führt schon zu wesentlichen Reduktionen im Energieverbrauch. Mit verschiedenen Massnahmen konnten wir, obwohl wir dieses Jahr wesentlich mehr produziert haben, an allen Standorten den Energieverbrauch reduzieren. Nur wenig, aber immerhin. Denn bei steigenden Preisen würde uns ein höherer Verbrauch noch empfindlicher treffen.
Auf der anderen Seite versuchen wir mit Recyclingstrategien Einsparungen zu erzielen. Das heisst, dass wir etwa die bei der Nachverbrennung anfallende Energie in einem Kreislauf wiederverwenden. Hier gibt es schon Erfolge: So wird im Winter zum Beispiel das ganze Werk Österreich nur mit der Energie der Nachverbrennungsanlagen geheizt.


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Für die Penetration in neue Regionen wie etwa Osteuropa oder Asien werden zusätzliche Ressourcen zur Marktbearbeitung benötigt. In welchem Umfang fallen hier überproportionale Kosten an und wie sehen Sie die Entwicklung für die kommenden Jahre?


Ja, in einer ersten Phase fallen überproportional Kosten an. Aber wir haben auch ganz klar unsere Vorgaben: Wir wollen bei jedem neuen Markteintritt nach einem halben Jahr kostentragend werden. Diese Strategie hat beispielsweise mit dem vor rund einem Jahr neu gegründeten Büro in Moskau funktioniert. Mitte dieses Jahres hatten wir bereits den Break-Even erreicht. Als zweites Element starten wir eher bescheiden und wachsen entsprechend den Marktentwicklungen.
Zusammenfassend möchte ich festhalten: Wir haben diese Kosten in erhöhtem Mass, aber wir betrachten diese Investitionen als Teil unserer Marktentwicklung. Wichtig ist jedoch, dass Büro-Neugründungen so schnell wie möglich selbsttragend werden. Und unsere Erfahrung hat gezeigt, dass diese Strategie in den neuen EU-Ländern und auch in Osteuropa erfolgreich war.


Letztes Jahr hatten Sie die Büro-Neugründung in Russland. Wie sieht es mit Asien aus?


Wir planen, unsere Vertretungen, sofern dies die Qualität der Kundenbetreuung erhöht, ebenfalls durch eigene Büros abzulösen. Das macht uns schlagkräftiger und fokussierter und gibt weniger Streuverluste. Eigene Ingenieure haben wir heute ja bereits vor Ort. Da macht dieser Schritt durchwegs Sinn.


Und welchen Zeithorizont haben Sie für diese eigene Büros?


Wenn möglich schon Ende nächstes Jahr, spätestens aber 2008.


Wie sieht der Umsatz aus, den die WTG jetzt in China macht?


Wir weisen China nicht gesondert in unserem Umsatz aus. Aber soviel dazu: 2005 hatten wir in Asien rund CHF 10 Millionen erreicht. Und ein grosser Teil davon wird in China generiert. Der Zuwachs dieses Jahr wird wieder erfreulich sein und auch künftig anhalten. Das hängt damit zusammen, dass China in letzter Zeit stark auf rostfreien Stahl setzt und damit auch vermehrt Nachfrage nach unseren Produkten entsteht. Wenn jetzt technologisch der nächste Schritt einsetzt, nämlich die Inlandfertigung von Komponenten wie für Motoren, dann verstärkt das die Nachfrage noch zusätzlich.


Sie haben jüngst erwähnt, dass die WTG im Bereich Flugzeug- und Kraftwerkstechnik intensiv an Verbesserungen arbeitet, die bereits 2007 umsatzwirksam werden sollen. Das tönt nach Baustelle. Was verbirgt sich dahinter?


Da haben wir uns nicht ganz glücklich ausgedrückt, denn tatsächlich handelt es sich um keine Problemfälle, die wir hatten. Vielmehr haben wir neue Produkte, die besonders beim Tiefschleifen, und das ist ja das Thema bei Turbinen, sehr leistungsfähig sind. Der Hintergrund dazu ist folgender: Um in der Turbinenindustrie stärker zum Zug zu kommen, genügt es nicht, wenn wir nur Produkte haben, die gleich gut sind wie die der Konkurrenz. Wir brauchen etwas Besseres, das in der Bearbeitung von Turbinen-Komponenten wesentliche Vorteile bringt. In diesem Bereich haben wir vielversprechende Neuentwicklungen, mit denen wir Kunden begeistern wollen und die wir ab nächstem Jahr auf den Markt bringen werden.


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Sie möchten also stärker im Bereich Flugzeug- und Kraftwerkstechnik zulegen?


Ja, denn hier sind wir noch zu wenig aktiv. Die Energieerzeugung ist ein interessantes Gebiet. Einerseits wird dieser Sektor noch durch neue Kraftwerke wachsen und zudem ist es interessant, alte Turbinenkomponenten zu ersetzen.


Im Rahmen von Road-Shows versucht Ihr Unternehmen, potentiellen Investoren die Vorzüge von WTG besser zu erklären. Dabei soll das dem Titel anhaftende Image der Hochtechnologie korrigiert werden. Haben die Leute Mühe, Ihre Produkte zu verstehen? Oder haben Sie das Gefühl, dass die Leute nicht das richtige Bild von Ihrem Unternehmen haben?


Ja, ich glaube, teilweise schon. Schon beim Namen der Gesellschaft Winterthur Technologie AG weiss man auf den ersten Blick nicht, was sich dahinter verbirgt. Wir sagen zwar immer wieder, dass wir hochtechnologische Produkte haben, hinter denen sich eine forschungsintensive Werkstofftechnik verbirgt. Was wir jedoch zu wenig zeigen, ist, dass sich dahinter ein Verbrauchsartikel verbirgt, der für das Schleifen gebraucht wird.


Stichwort Innovationen: Nächstes Jahr wird «uWin» auf den Markt kommen. Worum handelt es sich dabei, in welche Bereichen soll es eingesetzt werden, soll es bestehende eigene Produkte substituieren und welche Erwartungen haben Sie betreffend Umsatz?


Nein, wir möchten mit diesem Produkt ganz bewusst keines unserer bestehenden Produkte ersetzen. uWin soll für schwierige Problemlösungen angewendet werden, für die wir bisher keine Produkte hatten. Zur Umsatzentwicklung: Wir wollen mit uWin 2007 knapp eine Million Franken erreichen und rechnen damit, im Laufe von 3 bis 5 Jahren jährlich 10 Mio. Franken zu generieren. uWin ist ein sehr starkes Produkt und alle Versuche zeigen, dass es ein sehr grosses Potenzial aufweist. Im Prinzip handelt es sich dabei um einen neuartigen Werkstoff, eine hochfeste Glaskeramik, mit dem wir die Festigkeit der Schleifscheiben erhöhen können, aber gleichzeitig weniger Bindemittel einsetzen.


Sie haben gesagt, uWin wird für spezielle Problemanwendungen gebraucht. Was muss ich mir darunter vorstellen, was wäre denn eine typische Anwendung, bei der Sie uWin sehen?


uWin hat sicher den Vorteil, dass es besonders kühl schleift. Es entwickelt sehr wenig Reibung, sehr wenig Energie und darum kaum metallurgische Veränderungen am Werkstoff. Wenn Sie beispielsweise sehr dünnwandige Komponenten haben – und der Trend geht etwa in der Automobilbranche immer häufiger in diese Richtung -, die sie schleifen müssen und deren Eigenschaften wie Festigkeit nicht geschädigt werden dürfen, dann ist uWin interessant. Es ist also ein Werkzeug, das durch die kühlschleifenden Eigenschaften keine Veränderungen des Materials bewirkt. Das ist sicher der Hauptvorteil.


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Haben Sie uWin in der Automobilbranche getestet?


Klarerweise testen wir dort, wo das Potenzial am grössten ist. Und wir haben sehr positive Rückmeldungen erhalten.


Nochmals Innovationen: Mindestens ein Drittel der verkauften Produkte soll jünger als 3 Jahre sein. Sind Sie überzeugt, dass Sie diese hohe Geschwindigkeit auch längerfristig durchhalten können?


30% sind sicher hoch angesetzt, aber durchaus erreichbar, wenn man erfolgreich sein und bleiben will. Und bis jetzt konnten wir dieses hohe Tempo halten. Nach wie vor haben wir einige Neuentwicklungen in der Pipeline. Seien es Produkte wie uWin oder etwa Innovationen bei den Verbundwerkstoffsscheiben, also den ganz grossen Trennscheiben.


Wachsen Sie schneller als Ihre Mitbewerber?


Ja, organisch sicher schneller als der Durchschnitt der Mitbewerber.


Die Winterthur Technologie möchte wohl nach wie vor auch durch Akquisitionen wachsen. Allerdings hat man seit längerer Zeit nichts mehr gehört. Was tut sich in diesem Bereich?


Wir führen zwar nach wie vor intensive Gespräche, aber bei der aktuellen Konjunkturlage wollen nur wenige Unternehmen, die für uns interessant sind, diesen Schritt machen. Akquisitionen werden eben einfacher, wenn die Konjunktur etwas abflacht. Wir sprechen immer noch mit den Kandidaten vom letzten Jahr, aber es werden keine Entscheidungen getroffen. Wir hoffen aber, dass es 2007 klappt. Das wäre sehr positiv für die Aktie und die Investoren würden das begrüssen.


Bis zu welcher Grössenordnung könnten Sie sich denn eine Akquisition vorstellen?


Wenn wir heute unsere Bilanz anschauen, werden wir Ende Jahr ca. 55% Eigenkapital haben, wodurch wir genügend Mittel haben. Wir haben mal gesagt, dass wir uns Akquisitionen in der Grössenordnung von 20 Millionen Euro vorstellen könnten, aber etwas Grösseres bis zur Grössenordnung von unter 50 Millionen Euro ist durchaus nicht ausgeschlossen und ich glaube, dass auch eine Kapitalerhöhung bei einer grösseren Akquisition von unseren Investoren begrüsst werden würde.


Welche Erwartungen haben Sie betreffend Umsatz und EBITDA für das laufende Jahr?


Wir werden uns bequem im Bereich des von uns avisierten organischen Wachstums von 6-8 % bewegen und unser EBITDA wird bei rund 18% liegen.




Zur Person

Edgar F. Rappold, geboren 1946 in Wien, ist schweizerisch-österreichischer Doppelbürger, verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Studium der Chemie an der ETH Zürich und in Padua gründete er ein Industrieberatungsbüro, während er noch einen Lehrgang als Master of Business Administration absolvierte. 1985 übernahm er die Rappold Schleifmittel Industrie, Österreich. 1992 kaufte er WST Winterthur Schleiftechnik, 1999 folgte die Integration der schwedischen SlipNaxos; dazu kamen weitere Akquisitionen und die Gründung von Tochtergesellschaften. Dadurch entstand unter seiner Federführung die heutige Winterthur Technologie Gruppe, deren CEO er heute ist. Rappold ist Beirat der Bank Austria-Creditanstalt und trägt den Berufstitel eines Professors.

Das Unternehmen

Winterthur Technologie AG ist einer der führenden europäischen Hersteller von hochwertigen Präzisionsschleifscheiben für industrielle Anwendungen, die vorwiegend in der Automobil- und Stahlindustrie eingesetzt werden. Das Unternehmen ist in allen relevanten Märkten Europas, aber auch in Nord- und Südamerika sowie in Asien mit seinen Vertriebsorganisationen und seinen Produkten präsent. Hergestellt werden keramische Schleifscheiben, kunstharzgebundene Schleifscheiben, Trennschleifscheiben sowie superharte Schleifwerkzeuge aus Diamant und kubischem Bornitrid.
Die Winterthur Technologie AG besteht aus drei operativen Betrieben in Österreich, der Schweiz und Schweden sowie Verkaufsniederlassungen in Europa und USA. Mit rund 600 Mitarbeitern erwirtschaftete das Unternehmen im Jahr 2005 einen Umsatz von 78 Millionen Euro.
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