Immobilienprozess mit 28 Angeklagten vor Kreisgericht Wil

Wegen der ungewöhnlichen Grösse des Falls mit rund 50 Beteiligten tagt das Gericht im Katholischen Pfarreizentrum. Am ersten Prozesstag legte der Untersuchungsrichter für Wirtschaftsdelikte die Anklage dar, die über 600 Seiten umfasst.


Raffiniert gefälschte Dokumente
Es geht um 136 Haus- und Wohnungsverkäufe in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen in den Jahren 2000 bis 2004. Mit unzähligen raffiniert gefälschten Dokumenten erschlichen die Drahtzieher weit überhöhte Hypothekarkredite für insgesamt über 70 Mio CHF. Die drei Drahtzieher und ihre Helfer arbeiteten laut Anklage professionell: Über Strohmänner oder Immobilienfirmen kauften sie Eigentumswohnungen, Ein- und Mehrfamilienhäuser, die zum Beispiel wegen Sanierungsbedarfs auf dem Markt günstig angeboten wurden.


Leere Versprechungen
Danach warben sie über Zeitungsinserate Käufer an. «Mit uns (erfolgreiches Immobilienbüro) innert Jahresfrist CHF 1 Mio. verdienen», lautete etwa die Versprechung. Interessenten wurden mit Prämien von 3000 bis 5000 CHF pro Kaufvertrag geködert. Die nötigen Eigenmittel schossen ihnen die Verkäufer zum Teil vor. Gegen 50 Personen liessen sich auf diese Weise zu einem oder mehreren Käufen überreden. Sie hofften darauf, ihre Liegenschaften später mit Gewinn weiterzuverkaufen – ein Versprechen, das in allen Fällen bitter enttäuscht wurde.


Käufer «blauäugig»
Den Banken wurden gefälschte Liegenschaften-Schätzungen, Kaufverträge, Lohnausweise, Kontoauszüge und Steuererklärungen, fingierte Werkverträge und Mietzins-Aufstellungen vorgelegt. Die Käufer waren laut Anklage «unerfahren, finanziell angeschlagen, manipulierbar und blauäugig». Für die Gespräche mit den Kreditgebern wurden sie durch die Drahtzieher instruiert. Die so getäuschten Finanzinstitute zahlten Hypothekarkredite aus, die jeweils den wahren Wert der Liegenschaften weit überstiegen. Daraus resultierte für die Banken und Versicherungen ein Gesamtschaden von 17,7 Mio CHF.


Millionenkasse für Beklagte
Die drei Drahtzieher sollen aus den illegalen Geschäften 12,7 Mio CHF kassiert haben. Die geprellten Käufer hingegen blieben auf ihren überteuerten Liegenschaften sitzen, konnten Bankzinsen und andere Kosten nicht bezahlen und mussten in den meisten Fällen Konkurs anmelden. Als die Betrügereien im Jahr 2004 aufflogen, gerieten die finanziell ruinierten Käufer auch noch in die Mühlen der Strafjustiz. In einer koordinierten Aktion nahm die Polizei neun Personen fest und eröffnete gegen 55 Personen Strafverfahren. Die Hälfte von ihnen sind bereits mit Strafbescheiden verurteilt.


Freiheitsstrafen von bis zu sieben Jahren gefordert
Die übrigen müssen sich diese und kommende Woche vor dem Kreisgericht Wil verantworten. Für den Hauptangeklagten, einen 52-jährigen Kaufmann, fordert die Anklage eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Der Mann ist wegen Versicherungsbetrugs vorbestraft. Für zwei weitere Drahtzieher sind drei und zweieinhalb Jahre beantragt. Den Drahtziehern werden gewerbsmässiger Betrug, Fälschung von Urkunden und Ausweisen, Steuerbetrug, Geldwäscherei und weitere Straftatbestände vorgeworfen. Die Helfer und die Käufer müssen mit bedingten Freiheits- oder Geldstrafen und mit Bussen rechnen. Die geprellten Banken und Versicherungen fordern Schadenersatz. (awp/mc/ps/22)

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