Mario Gassner, CEO Finanzmarktaufsicht Liechtenstein

Von Radovan Milanovic


Moneycab: 2009 stieg das verwaltete Kundenvermögen in Liechtenstein gemäss FMA, der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein, im Vergleich zum Vorjahr um 17% auf CHF 261,6 Mrd. Der Nettoabfluss von Kundengeldern betrug CHF 7,0 Mrd. Für 2010 sind Sie jedoch aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Stabilität und Sicherheit optimistisch. Zeigen sich bereits erste Anzeichen für Ihren Optimismus?


Mario Gassner: Die Banken zeigten sich an ihren Bilanzpressekonferenzen zuversichtlich, den Netto-Geldabfluss stoppen zu können und wieder mehr Geld hinzuzugewinnen. Der Fonds- und Versicherungsbereich entwickeln sich gut. Nach wie vor sind aber die Risiken der globalen Wirtschafts- und Finanzsysteme hoch. Auch der internationale Druck auf das Offshore-Geschäft bleibt bestehen. Wir sind für das laufende Jahr vorsichtig optimistisch.



«Die Zugehörigkeit Liechtensteins zum EWR ist für das Land sehr bedeutend. Hier ging Liechtenstein einen anderen Weg als die Schweiz.» Mario Gassner, CEO, FMA (Finanzmarktaufsicht) Liechtenstein


Interessant ist die Zunahmen der Kundenvermögen in 2009 bei den Fonds um 41% auf CHF 37,3 Mrd. und bei den Versicherungen um 38% auf CHF 25,9 Mrd. Bei den Prämieneinnahmen verzeichneten die Versicherer einen Anstieg um 51% auf
CHF 9 Mrd. Sehen Sie diese Entwicklung nur als kurzfristige Flucht in «save haven»?


Nein. Beides sind junge, wachsende Märkte. Die Versicherer weisen mit Ausnahme des Jahres 2008 seit 2003 ein starkes, lineares Wachstum auf. Im letzten Jahr haben sie zudem von der italienischen Steueramnestie profitiert. Auch der Fondsstandort hat in den letzten Jahren mächtig zugelegt. Für einen Finanzplatz wie Liechtenstein, der sich in einem Strukturwandel befindet, ist gerade die Langfristigkeit der Geschäftsmodelle bedeutend.


Eine Konzentration und die grosse Attraktivität der beiden Produkte Fonds und Versicherungen kennt der Finanzplatz Schweiz nicht. Was ist der Grund dieser Entwicklung? Unterscheiden sich diese Produkte in rechtlicher Hinsicht gegenüber vergleichbarer in der Schweiz?


Im Vergleich zum Bankensektor sind der Fonds- und Versicherungsbereich auch in Liechtenstein noch relativ klein. Beide Märkte profitieren vom direkten Zugang Liechtensteins zu den Märkten des Europäischen Wirtschaftsraumes und zur Schweiz sowie von attraktiven gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die Zugehörigkeit Liechtensteins zum EWR ist für das Land sehr bedeutend. Hier ging Liechtenstein einen anderen Weg als die Schweiz.


Profitiert der Finanzplatz Liechtenstein bereits von Finanzströmen im Hinblick auf die ausufernden Staatsverschuldungen und fallender Staatseinnahmen von Euro-Ländern und Rechtsunsicherheiten in den betreffenden Ländern?


Ängste um die Stärke und Stabilität des Euros mögen für vermehrte Zuflüsse von Geldströmen in den Frankenraum, dem ja auch Liechtenstein angehört, verantwortlich sein. Genau lässt sich dies nicht beziffern. Die Freude darüber hält sich jedoch in engen Grenzen. Sowohl die Schweiz als auch Liechtenstein haben ein vitales Interesse an einem stabilen, starken Euro. Das stärkste Standbein der liechtensteinischen Wirtschaft ist die Industrie, die den weitaus grössten Teil ihrer Erzeugnisse ins Ausland exportiert.



«Liechtenstein ist mit der EU und ausländischen Regierungen im Gespräch, nicht im Krieg. Zurzeit steht der Abschluss von Doppelbesteuerungsabkommen im Zentrum. Diese müssen so ausgestaltet sein, dass beide Seiten profitieren.»


Die Finanznot der Länder des Euro-Verbunds dürfte periodisch neue Begehrlichkeiten bei stabilen Ländern wie Liechtenstein und die Schweiz wecken. Wie schützt sich Liechtenstein vor solchen Angriffen?


Sie dramatisieren zu stark. Liechtenstein ist mit der EU und ausländischen Regierungen im Gespräch, nicht im Krieg. Zurzeit steht der Abschluss von Doppelbesteuerungsabkommen im Zentrum. Diese müssen so ausgestaltet sein, dass beide Seiten profitieren. Das Ausland will Steuerreinnahmen und Liechtenstein deklarierte Gelder verwalten. Die Verschärfung der Finanzmarktregulierung rührt von der Finanzkrise her und betrifft alle Staaten.


Mit den verschärften internationalen Standards bezüglich Regulierungen und Aufsicht der Finanzmärkte wird der Druck auf Offshore Finanzplätze weiter wachsen. Anderseits spricht Herr Michael Lauber, Aufsichtsratspräsident der FMA, auf die aktive Partizipation in aufsichtsrelevanten internationalen Gremien hin und betont «…vernetzt sein heisst mitreden und mitgestalten…». Mit den Rechten entstehen auch Pflichten. Wird das Wachstum des Finanzplatzes Liechtenstein somit nicht eingeschränkt?


An der Übernahme von neuen internationalen Standards im Steuer-, Aufsichts- und Geldwäschereibereich führt kein Weg vorbei, wenn der Finanzplatz langfristig Bestand haben soll. Eine aktive Vorwärtsstrategie bietet unseres Erachtens am meisten Aussicht auf Erfolg. Wenn die Standards intelligent in Landesrecht umgesetzt werden, können wir den Finanzmarktakteuren Handlungsspielräume verschaffen. Liechtenstein hat dabei einen Zeitvorteil, weil die Entscheidungswege kurz sind. Gut vernetzt zu sein bedeutet für uns auch, rechtzeitig an die relevanten Informationen zu kommen.


Welche konkreten Auswirkungen werden die Zusammenarbeit mit internationalen Finanzgremien und die Anwendung der neuen Banken- und Finanzgesetze auf Kunden des Finanzplatzes Liechtenstein haben?


Liechtenstein ist Mitglied des EWR und hat damit bereits eine EU-kompatible Gesetzgebung. Von den Neuerungen in der Regulierung der Finanzmärkte, die ja alle Finanzmärkte betreffen, sollten die Kunden nicht viel spüren. Sie wollen Produkte, die auf sie zugeschnitten sind. Die Regulierung sollte dies nicht verhindern.



«An der Übernahme von neuen internationalen Standards im Steuer-, Aufsichts- und Geldwäschereibereich führt kein Weg vorbei, wenn der Finanzplatz langfristig Bestand haben soll. Eine aktive Vorwärtsstrategie bietet unseres Erachtens am meisten Aussicht auf Erfolg.»


Bedingen die neuen Gesetze und Kontrollaufgaben nicht ein Aufblähen der Aufsichtsbehörde in Liechtenstein, die bis anhin schlank gehalten werden konnte?


Eine verschärfte Regulierung muss nicht mit einem Mehraufwand an Aufsichtstätigkeit verbunden sein. Wir haben einen risikobasierten Ansatz. Damit kontrollieren wir dort, wo die relevanten Risiken liegen. Neue Aufgaben für die FMA gibt es aber beispielsweise dann, wenn wie geschehen Liechtenstein das Geldspielverbot aufhebt und unsere Behörde für die Einhaltung der Geldwäschereibestimmungen zuständig ist.


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Die OECD hat Liechtenstein im November 2009 von der grauen auf die weisse Liste gesetzt, da das Fürstentum über ein Dutzend Doppelbesteuerungsabkommen und Steueraustausch-Abkommen abgeschlossen hat. Für Kunden, die ihre Gelder diskret in Liechtenstein anlegen wollten, doch eher ein Nachteil?


Liechtenstein hat sich im März 2009 zum OECD-Standard für den Austausch von Steuerinformationen bekannt und damit ein klares Zeichen gesetzt, dass das Land auf steuerlich deklarierte Gelder setzt. Ein Kunde, der sich nicht daran hält, muss damit rechnen, dass seine Daten bei begründeter Anfrage herausgegeben werden. Dann gibt es aber viele legitime Gründe für Diskretion. Diese wird auf dem liechtensteinischen Finanzplatz sehr hoch gehalten. Der Schutz der Privatsphäre ist tief im Land verwurzelt. Es gilt daher insbesondere, für die Altkunden im Gespräch mit den Wohnsitzstaaten angemessene Lösungen zu finden.


Mit den verlorenen Freiheiten «von gestern» haben und werden die Finanzplätze Schweiz und Liechtenstein weiter an Terrain zu Gunsten anderer Finanzplätze wie Singapur, Dubai und Fernost verlieren. Wie will Liechtenstein in Zukunft das Wachstum seiner Finanzindustrie sichern?


Mit der genannten Vorwärtsstrategie, sich aus den Veränderungen Vorteile zu verschaffen. Dies gelingt, wenn die Politik, Behörden, Verbände, Finanzmarktteilnehmer und die FMA am gleichen Strick ziehen und sie in ihrem Bereich für intelligente und innovative Lösungen sorgen. Dann bauen wir auf die wirtschaftliche und politische Stabilität Liechtensteins. Ein Kunde braucht Vertrauen in das Institut und den Staat, wenn er sein Geld anlegt. Wichtig ist, dass die internationalen Standards für die Regulierung und Aufsicht über die Finanzplätze weltweit Geltung besitzen. Es geht um gleich lange Spiesse.



«Es gibt aber viele legitime Gründe für Diskretion. Diese wird auf dem liechtensteinischen Finanzplatz sehr hoch gehalten. Der Schutz der Privatsphäre ist tief im Land verwurzelt. Es gilt daher insbesondere, für die Altkunden im Gespräch mit den Wohnsitzstaaten angemessene Lösungen zu finden.»


Wie unterscheidet sich die Anwendung des künftigen Korsetts neuer internationaler Finanzaufsicht und -gesetze zwischen der Schweiz und Liechtenstein?


Die Auswirkungen auf die Schweiz haben wir nicht geprüft. Eine ganz wesentliche Veränderung im Aufsichtsbereich ist die Schaffung einer Europäischen Finanzmarktaufsicht. Streitpunkt ist hier, wie viel Kompetenzen die nationalen Behörden an die europäische Behörde abgeben müssen. Wir erwarten auch Auswirkungen auf Liechtenstein. Es geht für uns darum, die Hoheit über die Beaufsichtigung unserer Institute zu behalten.


Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Finanzplatzes Liechtenstein?


Wie gesagt, wir sind für das laufende Jahr vorsichtig optimistisch. Als Aufsichtsbehörde befassen wir uns mit positiven wie auch negativen Szenarien und den sich daraus ergebenden Risiken. Persönlich bin ich überzeugt, dass die langfristige Entwicklung stark vom Mindset der einzelnen Akteure abhängt. Wir müssen in den Veränderungen die Chancen sehen, wieder mehr Pioniergeist zeigen und uns selbstverständlich auch der Risiken bewusst sein. Dabei ist die Gewährleistung der Stabilität und Sicherheit des Finanzplatzes natürlich eine Grundvoraussetzung.






Der Gesprächspartner:
Mario Gassner ist liechtensteinischer Staatsbürger und stammt  aus dem Walserdorf Triesenberg (LI). Nach verschiedenen Stationen in der Landesverwaltung wirkte er Mitte der 90er-Jahre massgeblich am Aufbau des Versicherungsplatzes Liechtenstein mit, insbesondere in der Gestaltung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Mario Gassner ist seit 2005 bei der FMA tätig, an deren Aufbau er beteiligt war. Im Juni 2008 wurde er zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung ernannt. Mario Gassner leitet ein Team von rund 70 Personen.


Das Unternehmen:
Die Finanzmarktaufsicht (FMA) Liechtenstein ist eine unabhängige öffentlich-rechtliche Anstalt. Im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags sorgt die FMA für die Gewährleistung der Stabilität des Finanzmarktes Liechtenstein, den Schutz der Kunden, die Vermeidung von Missbräuchen sowie die Umsetzung und Einhaltung anerkannter internationaler Standards.

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