Paul J. Hälg, CEO Dätwyler Gruppe

von Robert Jakob


Moneycab: Herr Hälg, der Fünfjahresplan Ihres Unternehmens sieht eine Umsatzsteigerung auf 2 Milliarden Franken vor. Ein Drittel davon soll von Akquisitionen kommen. Wie beurteilen Sie die letzen Zukäufe, vor allen denjenigen des Versandhändlers Reichelt? Da sprechen Sie ja gar von «strategischem Quantensprung».


Paul J. Hälg: Reichelt passt sehr gut in unsere Strategie. Durch diesen Kauf haben wir die bisherigen Übernahmen und das Stammgeschäft in der Katalogdistribution für Elektronik, Automation und Computerzubehör weiter aufgewertet. Im Gegensatz zu unseren bisherigen Marken Distrelec und ELFA ist Reichelt stärker auf das Privatkundengeschäft ausgerichtet und hat ein engeres Sortiment mit einer aggressiveren Preispolitik. Mit dieser zusätzlichen Marke können wir daher unsere Kundengruppen erweitern und damit unser bestehendes Geschäft ideal ergänzen. Von den Margen her ist das Geschäft mit unseren bestehenden Aktivitäten vergleichbar.



«Der Kupferpreis ist zwar wichtig, ist aber für alle Marktteilnehmer gleich. Im Kabelgeschäft hat sich ein allgemein akzeptierter Mechanismus etabliert: Preiserhöhungen beim Kupfer können überwälzt werden.» Paul J. Hälg, CEO der Dätwyler Gruppe


Das Osteuropa-Geschäft litt stark unter der Krise, wie sieht dort aktuell die Zukunft aus?


Osteuropa als Absatzmarkt ist für uns vor allem in den Konzernbereichen Technische Komponenten und Kabel von Bedeutung. Wir sind zuversichtlich, dass die Region in Zukunft wieder zum alten Wachstum zurückfindet. In der Katalogdistribution beispielsweise war nach dem starken Rückgang 2009 im laufenden Jahr auch die Erholung dynamischer als in Westeuropa.


Im Kabelgeschäft machte Ihnen der hohe Kupferpreis bereits sehr stark zu schaffen. Nun steht das rote Metall noch höher, es eilt von einem Rekord zum anderen. Was kann man da machen?


Der Kupferpreis ist zwar wichtig, ist aber für alle Marktteilnehmer gleich. Im Kabelgeschäft hat sich ein allgemein akzeptierter Mechanismus etabliert: Preiserhöhungen beim Kupfer können überwälzt werden, wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung.


Im Vergleich zum 1. Halbjahr 2009 ist der Anteil Materialaufwand am Umsatz gestiegen. Wo könnte es neben Kupfer in den nächsten Jahren noch eng werden?


Als Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung muss bei allen Rohmaterialien mit anziehenden Preisen gerechnet werden. Neben Kupfer sind für die Dätwyler Gruppe vor allem die Elastomer-Rohstoffe relevant. Die Preise folgen der Entwicklung des Ölpreises.



«Der Hauptgrund für den Wechsel von IFRS auf Swiss-GAAP  liegt in den zunehmend komplexen und aufwändigen Detailregelungen von IFRS. Aus unserer Sicht standen die Kosten nicht mehr im Verhältnis zum Nutzen.»


Könnte Dätwyler im Bereich Sourcing auch an Akquisitionen denken? Nach der Reichelt-Übernahme hätten Sie ja noch genug Cash dazu.


Nein, eine Rückwärtsintegration ist für uns kein Thema. Wir wollen unsere Finanzkraft nutzen, um unsere Positionen in den bearbeiteten Absatzmärkten zu stärken. Auf der Beschaffungsseite forcieren wir eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen unseren Konzernbereichen: Bei den Technischen Komponenten und Kabel geht es um den gemeinsamen Einkauf von Elektronik-Komponenten in Asien, bei den Pharmazeutischen Verpackungen und Gummi um die koordinierte Beschaffung von Elastomer-Rohstoffen.


Auch Dätwyler hat von IFRS auf Swiss-GAAP zurückbuchstabiert. Welches ist der grosse Nachteil der komplexeren internationalen Buchhaltungsmethode IFRS für Daetwyler im Speziellen?


Der Hauptgrund für den Wechsel liegt in den zunehmend komplexen und aufwändigen Detailregelungen von IFRS. Aus unserer Sicht standen die Kosten nicht mehr im Verhältnis zum Nutzen. Mit Swiss GAAP FER steht uns als Schweizer Unternehmen eine solide, aber einfach zu handhabende Alternative zur Verfügung. Dätwyler wird die Konzernrechnung auch in Zukunft in hoher Qualität nach dem «true and fair view»-Prinzip erstellen. Unsere Inhaberaktien bleiben an der SIX Swiss Exchange kotiert und sind weiterhin Bestandteil des Swiss Performance Index SPI.


Im 2009 verbuchte Dätwyler Restrukturierungskosten von 19,5 Mio. Franken. Was hat das auf Heller und Pfennig unterm Strich gebracht?


Die Restrukturierungskosten 2009 waren nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Fachhandelsunternehmens Maagtechnic wieder herzustellen. Unter anderem haben wir in der Schweiz und in Deutschland die lokalen Verteilzentren geschlossen und die Lagerhaltung zentralisiert. Dass sich dies auszahlt, zeigt der Vergleich der Halbjahreszahlen des Konzernbereichs Technische Komponenten: Während wir 2009 auf Stufe EBIT einen Verlust von 2.2 Millionen Franken verzeichneten, erreichten wir 2010 einen Gewinn von 33.1 Millionen Franken.


Der asiatische Pharmamarkt wächst generell unglaublich rasant. Dätwyler hat 20 Millionen Franken in ein Verpackungswerk in Indien investiert. Was erwarten Sie in den nächsten Jahren?


Indien ist bereits heute sowohl für die Pharma- als auch für die Generikaindustrie ein wichtiger Produktionsstandort. Nirgendwo sonst ausserhalb der USA gibt es so viele Pharma-Werke, die von der amerikanischen «Food and Drug Administration» (FDA) zertifiziert sind. Zusätzlich wird erwartet, dass Indien für die Pharmaindustrie in Zukunft zu einem wichtigen Absatzmarkt wird. In einem nächsten Schritt wollen wir bis in fünf Jahren auch in China eine Produktionsstätte für pharmazeutische Verschlüsse eröffnen.



«Die Restrukturierungskosten 2009 waren nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Fachhandelsunternehmens Maagtechnic wieder herzustellen. Unter anderem haben wir in der Schweiz und in Deutschland die lokalen Verteilzentren geschlossen und die Lagerhaltung zentralisiert.»


Als Zulieferer der Automobilindustrie profitieren Sie im Moment stark vom Schwung bei den Autobauern. Zeichnet sich in der Bauindustrie hingegen in einigen Regionen nicht eine Abschwächung ab?


Die Nachfrage aus der Automobilindustrie hat sich bereits 2009 stark erholt. Unser Konzernbereich Gummi ist dort als Spezialist für Dichtungs- und Dämpfungsteile gut aufgestellt. Auf Gruppenebene erwirtschaften wir nur noch rund 6% des Umsatzes in der Automobilindustrie. Die Bauindustrie ist für den Konzernbereich Kabel von Bedeutung. Weil verschiedene Länder staatliche Sparprogramme angekündigt haben, ist die zukünftige Entwicklung vor allem in den reifen Märkten schwierig einzuschätzen. Mit dem Fokus auf Zweckbauten sind wir aber mehrheitlich auf die Privatwirtschaft ausgerichtet.





Der Gesprächspartner: 
Paul J. Hälg (Jahrgang 1954) aus Wollerau ist promovierter ETHZ-Chemiker. Er startete seine berufliche Laufbahn bei der Swiss Aluminium Ltd., bevor er während 15 Jahren die verschiedensten Führungsfunktionen bei Gurit-Essex (Gurit-Heberlein-Gruppe) einnahm, zuletzt als CEO. Von 2001 bis 2004 war er als  Mitglied der Forbo-Konzernleitung, Leiter des Geschäftsbereichs Klebstoffe. Im August 2004 wurde er CEO der Dätwyler Gruppe. Paul Hälg präsidiert den Verwaltungsrat der börsenkotierten Gurit Holding AG. Ausserdem ist er Mitglied des Sika Verwaltungsrats sowie des Swissmem Vorstands.
 
Das Unternehmen:
Die Dätwyler Gruppe ist ein international ausgerichteter Multi-Nischenplayer, tätig als industrieller Zulieferer und Distributor technischer und elektronischer Komponenten.  Mit den vier Konzernbereichen Technische Komponenten, Pharmazeutische Verpackungen, Kabel und Gummi fokussiert sich die Gruppe auf die Märkte Industrie, Pharma und Datacom. Mit über 40 operativen Gesellschaften, Verkäufen in über 80 Ländern und rund 4’700 Mitarbeitenden erwirtschaftet die Dätwyler Gruppe einen Umsatz von rund CHF 1’300 Mio. Dätwyler ist seit 1986 an der SIX Swiss Exchange kotiert (Valoren-Nr. 3048677).

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