Was den Haushalten unter dem Strich bleibt: Das verfügbare Einkommen in der Schweiz

Aufgrund des ausgeprägten Finanzföderalismus und unterschiedlicher Marktstrukturen entstehen für die privaten Haushalte je nach Wohngemeinde andere Transfereinnahmen, Zwangsabgaben, Wohn- und Wohnnebenkosten. Dies führt zu erheblichen Unterschieden beim verfügbaren Einkommen und hat einen lebhaften Wettbewerb der Gebietskörperschaften entfacht.

Zunehmender Wettbewerb der Kantone und Gemeinden
Der Standortwettbewerb zwischen den Regionen der Schweiz nimmt neue Dimensionen an. Kantone und Gemeinden versuchen zunehmend, mit vielfältigen Massnahmen Privatpersonen, Kapital und Arbeitsplätze sowie die damit verbundenen Steueraufkommen anzuziehen. Die finanzielle Attraktivität der Wohnregionen wird jedoch zu einem grossen Teil auch von kleinräumig abgegrenzten Märkten (zum Beispiel für Immobilien, Krankenkassenversicherungsprämien oder Elektrizitätspreise) bestimmt. Deren Kräfte können den standortpolitischen Bestrebungen zur Erhöhung der finanziellen Wohnattraktivität entgegenwirken. So hat etwa die Bodenknappheit in steuerlich attraktiven Regionen zu einer überdurchschnittlichen Verteuerung der Wohnimmobilien geführt.

Wohnortwahl der Haushalte ? die finanzielle Sicht
Das frei verfügbare Einkommen stellt das zentrale finanzielle Kriterium bei der Wohnortwahl dar. Es bezeichnet denjenigen Betrag, welcher einem Haushalt unter Berücksichtigung aller Einkommenskomponenten und nach Abzug sämtlicher Zwangsabgaben (Einkommens- und Vermögenssteuern, Sozialversicherungsbeiträge, Berufliche Vorsorge, Krankenversicherungsprämien) und Fixkosten (Wohn-, Wohnneben- und Elektrizitätskosten) für den Konsum zur Verfügung steht. Da dieser Wert je nach den spezifischen Eigenschaften eines Haushalts unterschiedlich ist, haben die Ökonomen der Credit Suisse das frei verfügbare Einkommen für eine Vielzahl von hypothetischen Haushaltstypen in den rund 2 900 Schweizer Gemeinden berechnet.

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Bereits auf kleinem Raum beachtliche Unterschiede
Die Unterschiede der finanziellen Wohnattraktivität zwischen den Gemeinden können deutlich ausfallen, wie das folgende hypothetische Beispiel zeigt: Familie Muster wohnt in Avully (GE) in einem Einfamilienhaus mit mittlerem Ausbaustandard (Fremdfinanzierung 80%). Herr und Frau Muster haben zwei Kinder, verfügen über ein erspartes Vermögen von 300 000 CHF und erzielen gemeinsam ein Erwerbseinkommen von 150 000 CHF. Mit der Familienzulage und dem Vermögensertrag erreicht der Haushalt ein Bruttoeinkommen von rund 156 300 CHF. Nach Abzug aller Zwangsabgaben (Steuern, Vorsorge- und Sozialversicherungsbeiträge, Prämien der obligatorischen Krankenkasse) sowie der Wohnkosten, Wohnnebenkosten und Elektrizitätskosten resultiert ein frei verfügbares Einkommen von 49 500 CHF. In Nyon (VD) würden der Familie 56 800 CHF für den Konsum zur Verfügung stehen, was einer Differenz von 15% entspricht.

Appenzell Innerrhoden ? Klein, aber hoch attraktiv
Mit dem RDI-Indikator (Regional Disposable Income) für die Kantone fassen die Ökonomen der Credit Suisse die Werte des frei verfügbaren Einkommens für eine Vielzahl von Falltypen zusammen. Der Kanton Appenzell Innerrhoden belegt dank einer attraktiven Steuerbelastung, tiefen Immobilienpreisen, mässigen Gesundheitskosten sowie günstigen Strompreisen den Spitzenrang. Hinter Appenzell positionieren sich die steuergünstigen Zentralschweizer Kantone Schwyz, Nidwalden sowie der Kanton Zug, welcher aber vor allem aufgrund der hohen Wohnkosten Glarus den vierten Rang überlassen muss. Trotz grosszügiger Transfereinkommen verfügen die Haushalte im Kanton Genf wegen der überdurchschnittlichen Steuerbelastung, hoher Wohnkosten und der schweizweit höchsten Krankenversicherungsprämien über das niedrigste frei verfügbare Einkommen in der Schweiz.

Wieviele Rappen eines zusätzlichen Lohn-Frankens bleiben für den Konsum?
Aufgrund der Einkommenssteuer und weiterer einkommensabhängiger Kostenfaktoren bleibt von jedem zusätzlichen Franken Erwerbseinkommen nur ein Teil für den Konsum übrig, das sogenannte Grenzeinkommen. Die regionalen Unterschiede zeigen sich auch anhand dieses Indikators: Während die Zuger Haushalte durchschnittlich 72 Rappen eines zusätzlichen Frankens zur Verfügung haben, müssen sich die Neuenburger mit 56 Rappen begnügen. Sie liegen damit deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt von 63 Rappen.

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Teure Grosszentren ? der Glücksfall für die Agglomerationen
Die Ökonomen der Credit Suisse weisen in ihrer Analyse der Schweizer Gemeinden für die Grosszentren Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf klar unterdurchschnittliche Werte des verfügbaren Einkommens aus. Neben den im Allgemeinen hohen Immobilienpreisen fallen dort auch andere Kosten generell höher aus, so etwa die Krankenkassenprämien und die Steuerbelastung. Eine Ausnahme stellt Winterthur dar, welches als sechstgrösste Stadt im Schweizer Vergleich überdurchschnittliche RDI-Werte erreicht und sich damit unter den Städten als äusserst attraktiv erweist. Für die Gemeinden im Umfeld der Grosszentren bietet sich somit die Chance, sich als finanziell attraktive Wohnorte zu positionieren. So sind um Zürich ? und in geringerem Ausmass auch Basel ? Agglomerationsgürtel entstanden, in welchen die frei verfügbaren Einkommen höher liegen als in der Kernzone. Im Umfeld der Grosszentren Bern, Lausanne und Genf ist eine vergleichbare Entwicklung allerdings noch weniger weit fortgeschritten.

Krankenkassenprämien ? die schleichende Ver(s)teuerung
Die Prämien der Krankenversicherung stehen seit längerer Zeit im Rampenlicht. Während die jährlichen Erhöhungen mittlerweile zum Jahreskalender gehören, sind die bedeutenden regionalen Unterschiede in der Belastung der Haushaltsbudgets weniger bekannt. Am Beispiel der beiden Kantone Appenzell Innerrhoden und Genf lässt sich erkennen, dass die Prämien für die obligatorische Versicherung zum gewichtigen Faktor der finanziellen Wohnattraktivität geworden sind: Mit einer Differenz von jährlich 6’700 CHF wird eine vierköpfige Familie in Genf rund doppelt so stark belastet als in Appenzell.

Intransparente Gebührenordnungen erschweren den Durchblick
Neben den Wohnkosten fallen auch die Nebenkosten des Wohnens sowie die Elektrizitäts- und Energiekosten regional sehr unterschiedlich aus. Gemeindespezifische Preise und Erhebungsgrundlagen erschweren es potenziellen Zuzügern, die finanzielle Attraktivität eines Wohnstandorts abzuschätzen. Mit hohen Anschlussgebühren, unterschiedlichen Mengenpreisen, Versorgungspauschalen oder gar Fixkosten pro Wasserhahn sind zum Beispiel die Gebühren der Wasserversorgung für die Haushalte nur schwierig vergleichbar.



(Credit Suisse/mc/hfu)




Auskünfte
Thomas Rühl, Economic Research, Telefon +41 44 333 72 65, thomas.ruehl@credit-suisse.com
Sara Carnazzi Weber, Leiterin Regional Analysis, Telefon +41 44 333 58 82, sara.carnazzi@credit-suisse.com
Martin Neff, Leiter Swiss Economy Research, Telefon +41 44 333 24 84, martin.neff@credit-suisse.com
Media Relations Credit Suisse, Telefon +41 844 33 88 44, media.relations@credit-suisse.com

Internet
Die Studie «Was den Haushalten unter dem Strich bleibt: Das verfügbare Einkommen in der Schweiz» ist im Internet abrufbar unter: www.credit-suisse.com/research (Schweizer Wirtschaft / Regionen / Publikationen).


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