Neuenburg – Nach drei Jahrzehnten Pionierarbeit im Bereich digitale Gesundheit bereitet Jens Krauss die Übergabe der Leitung bei CSEM vor. Zu seinem Nachfolger als Vice President wurde der Medtech-Unternehmer Matthias Peterhans ernannt. Er tritt am 1. November 2026 bei CSEM ein und übernimmt die Funktion im Sommer 2027.
Der Führungswechsel erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Sensorik und künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten für die Medizin eröffnen – von der Auswertung grosser Mengen an Gesundheitsdaten bis hin zur Unterstützung klinischer Entscheidungen. Gleichzeitig baut CSEM seine Medtech-Aktivitäten in Bern weiter aus und bringt dort angewandte Forschung, Gesundheitsversorgung und Industrie enger zusammen. Damit stärkt CSEM auch den Kanton Bern als führenden Schweizer Standort für Medtech-Innovation.
KI eröffnet neue Möglichkeiten, die wachsenden Mengen an Gesundheitsdaten sinnvoll zu nutzen, die durch Medizinprodukte und Wearables generiert werden. Die Technologie geht über das Messen und Überwachen hinaus, um komplexe Gesundheitssignale zu interpretieren, das Treffen von klinischen Entscheidungen zu erleichtern und eine individuellere Versorgung zu ermöglichen.
Gleichzeitig wird es anspruchsvoller, diese Technologien an die Patientinnen und Patienten zu vermitteln. In Europa müssen KI‑fähige Medizinprodukte möglicherweise die Anforderungen sowohl der bestehenden Medizinproduktvorschriften als auch der KI-Verordnung der EU erfüllen. Für Schweizer Medizintechnik-Innovatoren bedeutet dies eine weitere Komplexitätsstufe auf dem bereits anspruchsvollen Weg in europäische und internationale Märkte.
Die Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, was die Technologie leisten kann. Es geht vielmehr darum, wie Innovationen in vertrauenswürdige, klinisch validierte und marktreife medizinische Lösungen umgesetzt werden können.
«Seit drei Jahrzehnten hat Jens Krauss CSEM dabei unterstützt, aufeinanderfolgende Innovationswellen im Bereich digitale Gesundheit zu antizipieren und zu gestalten», so Alexandre Pauchard, CEO von CSEM. «KI erweitert nun das Leistungsangebot der Technologie für das Gesundheitswesen. Doch um dieses Potenzial in vertrauenswürdige Lösungen umzusetzen, braucht es mehr als einen Algorithmus. Es setzt ein Verständnis für klinische Bedürfnisse, strukturierte Entwicklung, verantwortungsvolle klinische Validierung und ein umfassendes Verständnis der regulatorischen Rahmenbedingungen voraus. Darüber hinaus braucht es klare Wege zur Wertschöpfung für die Industrie. Matthias Peterhans beruflicher Werdegang war stets davon geprägt, diese beiden Welten zu verbinden. Dadurch ist er optimal dafür qualifiziert, unsere Aktivitäten in der Medizintechnik in die nächste Phase zu führen.»
Von der Raumfahrt zum Handgelenk
In Krauss’ beruflicher Laufbahn spiegelt sich ein Grossteil der Entwicklungsgeschichte moderner Wearable-Technologien im Gesundheitswesen wider. Bevor er 1996 bei CSEM anfing, arbeitete er an biomechanischer Software für eine bemannte Raumfahrtmission der Europäischen Weltraumorganisation.
Bei CSEM leistete er Pionierarbeit bei einer kontinuierlichen, unauffälligen Vitalzeichenüberwachung. Einige frühe Arbeiten von CSEM beschäftigten sich mit einer ganz besonderen Herausforderung: der Überwachung der Gesundheit von Astronautinnen und Astronauten aus der Ferne. Die Geräte mussten klein, zuverlässig und sehr energieeffizient sein und zudem kontinuierlich aussagekräftige Gesundheitssignale erfassen.
In den folgenden Jahrzehnten trug Krauss dazu bei, Wearable Sensing aus der angewandten Forschung in die Praxis zu übertragen. 2001 gehörte er zu den Erfinderinnen und Erfindern hinter dem ersten CSEM-Patent zur kontinuierlichen Pulsmessung über das Handgelenk mittels optisch-inertialer Technologie. Ausserdem entwickelte das Team rund 14 Jahre vor der Markteinführung der Apple Watch ein Konzept zur Herzfrequenzmessung. Diese frühen Arbeiten flossen später in kommerzielle Wearables ein, unter anderem über das Nokia-Spin-off PulseOn.
Heute finden sich die optischen Technologien zur Gesundheitsüberwachung von CSEM in Produkten von Tissot bis hin zu Festina wieder. Signant Health, vormals ActiGraph, setzt die CSEM-Technologie auch in grossen klinischen Studien ein und weitet ihren Wirkungsbereich von der täglichen Überwachung des Gesundheitszustands auf die medizinische Forschung aus.
Genau dieses Bestreben, angewandte Forschung in die Praxis umzusetzen, trug dazu bei, den Grundstein für Aktiia, heute Hilo, zu legen. Seine klinisch validierte Technologie zur kontinuierlichen Blutdruckmessung entstand aus der angewandten Forschung, die 2007 bei CSEM begann. Diese Arbeit half dem Unternehmen später, die Freigabe der US Food and Drug Administration (FDA) für sein optisches Blutdruckmesssystem zu erhalten.
«Als wir mit der Arbeit am Wearable-Monitoring begannen, war eine der grossen Fragen, ob wir physiologische Informationen auch ausserhalb des Spitals zuverlässig erfassen können», erklärt Krauss. «Heute können wir enorme Mengen an kontinuierlichen Gesundheitsdaten generieren. KI eröffnet Möglichkeiten, von denen wir vor 30 Jahren nur träumen konnten.
Doch ein Durchbruch in der angewandten Forschung ist erst der Anfang. Die eigentliche Leistung besteht darin, Technologie so zu gestalten, dass Industrie, Spitalärzt*innen und Patient*innen sie vertrauensvoll nutzen können. Ich glaube, Matthias Peterhans übernimmt das Ruder in einem der spannendsten Momente im Bereich der digitalen Gesundheit.»
Von der Sensorik zur ganzheitlichen Versorgung
Nach Jahrzehnten der Verbesserung, wie Wearables Signale des menschlichen Körpers erfassen, stellt sich nun die Frage, was wir daraus lernen können. Die Herausforderung besteht darin, wie wir diese Erkenntnisse in Lösungen umsetzen können, die Patientinnen und Patienten erreichen.
Eine Herausforderung, die sich stark mit Peterhans’ Erfahrung deckt. Seit mehr als 20 Jahren brachte er Medizintechnologien aus der Forschung und klinischen Validierung über Zulassungen auf die internationalen Märkte. Als Mitgründer und CEO der CAScination AG begleitete er chirurgische Navigationstechnologien durch den Prozess der klinischen Validierung, EU-Konformität (CE-Kennzeichnung), FDA-Zulassung und Kommerzialisierung. Später war er Mitgründer der ender diagnostics AG und hat in kurzer Zeit am Aufbau eines diagnostischen Produkt- und Dienstleistungsanbieters von fünf auf über 200 Mitarbeitende mitgewirkt.
Heute bringt Peterhans als COO der Xovis AG seine Erfahrung in die Führung komplexer internationaler Operationen ein. Zudem ist er als Experte für Innosuisse tätig und bewertet dort Innovationsprojekte und Förderanträge für Start-ups. Zuletzt ergänzte er diese Erfahrung durch den Abschluss des Executive-Programms des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum Thema «KI im Gesundheitswesen».
«CSEM hat eine herausragende Grundlage für Technologien geschaffen, die die Möglichkeiten im Bereich digitale Gesundheit verändert haben», stellt Peterhans fest. «Die Chance besteht nun darin, diese Engineering-Kompetenz mit KI und einer engen klinischen Zusammenarbeit zu verbinden, um führende Technologien zu erfolgreichen Lösungen für das Gesundheitswesen weiterzuentwickeln.»
«Ich freue mich darauf, in den kommenden Monaten gemeinsam mit Jens Krauss und seinem Team von dem zu lernen, was sie aufgebaut haben, und meine eigenen Erfahrungen in Medizintechnik, Unternehmertum und klinischer Umsetzung in die nächste Phase von CSEM einbringen zu können», so Peterhans.
Peterhans wird im Rahmen einer geplanten Übergabe mit Krauss zusammenarbeiten und im Sommer 2027 die Gesamtleitung der Medizintechnik-Aktivitäten von CSEM übernehmen. Die Übergabe erfolgt während des Ausbaus der klinisch orientierten Medtech-Massnahmen im Kanton Bern. Die Zusammenarbeit mit der Insel Gruppe und der Universität Bern führte seit 2023 zu 32 Projekten in den Bereichen Medizinprodukte, kontinuierliches Monitoring, Diagnostik und KI.
Für Krauss schliesst sich mit der Übergabe der Kreis von drei Jahrzehnten Innovation im Bereich digitale Gesundheit: angefangen beim Erlernen der kontinuierlichen Erfassung von Signalen des menschlichen Körpers bis hin zur Erforschung, wie KI uns dabei helfen kann, die Bedeutung dieser Signale zu verstehen. (CSEM/mc/hfu)
| Über CSEM – Mit Innovation Zukunft gestalten CSEM ist ein Schweizer Technologie-Innovationszentrum, das bahnbrechende Technologien mit bedeutenden gesellschaftlichen Auswirkungen entwickelt und diese in die Industrie überführt, um die Wirtschaft zu stärken. Die öffentlich-private non-profit Organisation ist international renommiert und unterstützt die Innovationstätigkeit von Unternehmen in der Schweiz und im Ausland. CSEM ist in den Bereichen Präzisionsmikrofertigung, digitale Technologien und nachhaltige Energien tätig. Um seine Mission als Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft zu erfüllen, arbeiten mehr als 650 Mitarbeitende aus 46 Ländern eng mit den führenden Universitäten, Fachhochschulen, Forschungsinstituten und Industriepartnern zusammen. Mit seinen sieben Standorten in Allschwil, Alpnach, Bern, Landquart, Neuenburg, Schwyz und Zürich ist CSEM schweizweit aktiv. www.csem.ch |
