Zürich – Die Schweiz gilt als Wasserschloss Europas. Doch die anhaltende Hitze und Trockenheit machen deutlich, dass die Wasserverfügbarkeit auch hierzulande regional und saisonal zunehmend unter Druck geraten kann. Für Unternehmen stellt das ein Risiko dar: Wasserknappheit, Hochwasser und Veränderungen der Wasserverfügbarkeit können Produktionsprozesse, Standorte, Lieferketten, Transportwege und Energieversorgung unmittelbar treffen.
Eine Studie von BDO Deutschland und dem NABU (Naturschutzbund Deutschland) zeigt, dass viele deutsche Unternehmen ihre Abhängigkeit von Wasser und Flusssystemen unterschätzen und die damit verbundenen Risiken bislang nicht ausreichend berücksichtigen. Die Ergebnisse geben Anlass, einen Blick auf Schweizer Unternehmen zu werfen. Wie werden Wasserrisiken hierzulande berücksichtigt – und wie gut sind Schweizer Unternehmen darauf vorbereitet?
Die Studie Unternehmen in Flussgebieten – Wasser als Standortrisiko von BDO Deutschland und dem NABU analysiert 160 börsenkotierte Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX mit 15’000 Standorten in Deutschland. Rund 60 Prozent der untersuchten Unternehmen sind mit ihren Geschäftsmodellen in mittlerem bis hohem Mass auf die Ressource Wasser angewiesen – etwa zur Kühlung, als Prozesswasser oder für den Transport. Trotzdem findet sich diese Abhängigkeit bislang nur unzureichend in Unternehmensstrategie und Nachhaltigkeitsberichterstattung wieder. Besonders auffällig: 34 Prozent der stark betroffenen Unternehmen, die sowohl durch ihre Standortnähe als auch durch ihr Geschäftsmodell direkt von der Ressource Wasser abhängen, stuften das Thema Wasser zum Zeitpunkt der Erhebung nicht als wesentlich ein.
Unternehmen betrachten vor allem, welchen Einfluss ihre Geschäftstätigkeit auf die Wasserressourcen hat. Weniger im Fokus steht die umgekehrte Frage: Welche Auswirkungen haben Wasserknappheit, Hochwasser oder andere Veränderungen der Wasserverfügbarkeit auf das eigene Geschäft? Langfristige, systemische Gefährdungen wie sinkende Grundwasserspiegel oder abnehmende Wasserspeicherkapazität ganzer Flusssysteme werden in den Berichten praktisch nicht adressiert. Diese Kurzsichtigkeit kann Konsequenzen für Standortresilienz und Vermögensbewertungen mit sich bringen.
Ähnliches Bild bei Schweizer Unternehmen
Die aktuelle Trockenheit zeigt, dass auch in der Schweiz die Verfügbarkeit von Wasser unter Druck geraten kann. Damit stellt sich auch für Unternehmen die Frage, wie stark ihre Geschäftsmodelle, Standorte und Lieferketten von einer verlässlichen Wasserverfügbarkeit abhängig sind.
Ein erster Blick auf Schweizer Unternehmen deutet auf eine ähnliche Tendenz wie in Deutschland hin. Dafür hat BDO Schweiz rund 30 Nachhaltigkeitsberichte von Schweizer Unternehmen ausgewertet, die sich an den ESRS orientieren oder nach diesen berichten.
«Die Analyse ist nicht wissenschaftlich repräsentativ, zeigt aber eine klare Tendenz», sagt Roland Z’Rotz, Leiter Nachhaltigkeitsberatung bei BDO Schweiz. «Wenn Unternehmen Wasser als wesentliches Nachhaltigkeitsthema identifizieren, geschieht dies überwiegend aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Umwelt. Finanzielle Risiken und Abhängigkeiten vom Wasser werden dagegen nur vereinzelt thematisiert, und das, obwohl wir bei vielen der Unternehmen ein erhöhtes Standortrisiko durch Überflutung und eine erhöhte Abhängigkeit von der Ressource Wasser und deren Selbstregulierungsmechanismen feststellen konnten.»
Wasser gehört ins Risikomanagement
Als Konsequenz empfehlen BDO Deutschland und der NABU einen Perspektivwechsel: Wasser sollte nicht nur als ökologisches Randthema, sondern als strategischer und finanziell relevanter Standortfaktor behandelt werden. Unternehmen sollten ihre Abhängigkeit von Wasser systematisch erfassen und Massnahmen ergreifen, um ihre Standorte und Geschäftsmodelle widerstandsfähiger gegenüber Wasserknappheit und Hochwasser zu machen.
Auch für Schweizer Unternehmen liegt darin ein konkreter Ansatzpunkt. «Eine Wasserrisikoanalyse hilft Unternehmen zu verstehen, wo sie tatsächlich von Wasser abhängig sind und welche Konsequenzen Wasserknappheit, Trockenheit oder Hochwasser für Standorte, Produktion und Lieferketten haben können», sagt Roland Z’Rotz. Neben physischen Risiken sollten dabei auch Transitionsrisiken berücksichtigt werden – beispielsweise strengere regulatorische Anforderungen, steigende Wasserkosten, Einschränkungen bei Nutzungsrechten sowie Reputations- und Compliance-Risiken.
«Als ersten Schritt sollten Unternehmen ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten in Bezug auf Wasser an besonders exponierten Standorten systematisch identifizieren. Anschliessend lässt sich beurteilen, welche Risiken finanziell relevant werden können und mit welchen Massnahmen die Widerstandsfähigkeit des Geschäftsmodells erhöht werden kann», rät Roland Z’Rotz.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, welche Auswirkungen ein Unternehmen auf Wasser hat, sondern auch, welche Auswirkungen Wasser auf das Unternehmen haben kann. (BDO/mc/hfu)
Die vollständige Studie von BDO Deutschland und NABU finden Sie hier.
