Kevin Müller, Mitgründer KLAIR: «Wir wollen werden, was Tempo für Taschentücher ist»

Kevin Müller, Mitgründer KLAIR (Bild: KLAIR, Moneycab)

Ein Zufallsfund in sozialen Medien, erste Prototypen in der Garage und sechs Monate bis zum Launch: Die Geschichte von KLAIR klingt nach einem klassischen Schweizer Startup. Seit Herbst 2025 vertreibt die Commera GmbH aus Uzwil einen mechanischen Aromaöl-Inhalator, der Menschen beim Rauchstopp helfen soll, ohne Nikotin, ohne Elektronik, ohne Tabak.

Das erste Quartalsziel hat das Unternehmen bereits übertroffen, inzwischen zählt KLAIR nach eigenen Angaben knapp 6’000 aktive Kunden und feiert nächsten Monat das einjährige Bestehen. Mitgründer und Geschäftsführer Kevin Müller spricht über die Idee hinter dem Produkt, ein Geschäftsmodell mit wiederkehrenden Einnahmen und die Ambitionen, einen Gattungsbegriff zu etablieren wie einst Tempo oder Pampers.

Herr Müller, Sie kommen aus Strategie, Marketing und Vertrieb. Wie kommt man mit diesem Hintergrund auf einen Aromaöl-Inhalator?

Müller: Durch einen Zufallsfund in sozialen Medien. Ich bin auf ein ähnliches Konzept gestossen, habe angefangen zu recherchieren und gemerkt, dass der europäische Markt dafür praktisch leer ist. Mein Mitgründer und ich haben dann sehr schnell entschieden, eine eigene, bessere Lösung zu entwickeln. Die ersten Schritte passierten buchstäblich in der Garage: Skizzen, Designentwürfe, erste Prototypen. Rund sechs Monate nach der ersten Idee waren wir online.

Was ist KLAIR konkret, für jemanden, der das Produkt nicht kennt?

Müller: Ein mechanisches Aromaöl-Inhalationsgerät, vollständig ohne Elektronik, ohne Batterie, ohne Nikotin und ohne Tabak. Im Innern steckt eine austauschbare Kapsel mit einem Baumwollträger, der mit natürlichen ätherischen Ölen getränkt ist, lebensmittelrechtlich zugelassen. Beim Einatmen wird Luft durch die Kapsel gezogen, im Mundraum entsteht ein mildes Aroma. Kein Rauch, kein Dampf, keine Verbrennung. Was bleibt, ist die vertraute Handbewegung: Gerät greifen, zum Mund führen, einatmen. Genau dieses Ritual wollen wir erhalten, ohne den Schaden.

Warum braucht es dafür ein neues Produkt?

Müller: Weil bestehende Rauchstopp-Produkte an der falschen Stelle ansetzen. Nikotinpflaster, Kaugummis, Sprays: Sie alle ersetzen den Wirkstoff, aber nicht das Verhalten. Die Verhaltensforschung zeigt seit Jahren, dass Rückfälle häufig nicht durch körperlichen Entzug entstehen, sondern durch Gewohnheiten. Die Zigarette nach dem Essen, die Pause mit den Kollegen, der Griff in der Stresssituation. KLAIR adressiert genau diesen Teil. Statt zu fragen «Wie ersetze ich Nikotin?», stellen wir die Frage «Warum rauchen Menschen überhaupt?»

Das Konzept ist also nicht neu erfunden, sondern konsequenter weitergedacht?

Müller: Genau. Und der Markt beginnt das zu merken. Ein ähnliches Konzept war 2025 in der deutschen TV-Sendung «Die Höhle der Löwen» zu sehen. Das zeigt, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt. Wir haben gegenüber solchen Konzepten aber klare Unterschiede: Wir gehören zu den ersten Anbietern mit einer Komplett-Metall-Linie, bieten eine der grössten Aromen- und Designvielfalt auf dem Markt mit aktuell siebzehn Geschmacksrichtungen und zehn Designs, und zählen zu den führenden Anbietern in der Schweiz.

Wie lief die Startphase konkret, und wie finanziert sich ein solches Projekt?

Müller: Wir sind sehr bewusst schlank gestartet: zwei Modelle, fünf Geschmacksrichtungen, ein eigener Onlineshop. Das zwingt zu Disziplin und hält den Fokus auf dem, was wirklich zählt: Produkt und Kunde. Über die genaue Finanzierungsstruktur spreche ich nicht öffentlich, aber wir haben das Unternehmen sehr bodenständig aufgebaut.

Wie hat sich das Geschäft seitdem entwickelt?

Müller: Das erste gesetzte Quartalsziel, ein sechsstelliger Umsatz, haben wir bereits im ersten Quartal übertroffen. Inzwischen zählen wir knapp 6’000 aktive Kunden, und nächsten Monat feiern wir unser einjähriges Bestehen. Das Sortiment ist auf zehn Designs und siebzehn Aromen gewachsen, getrieben ausschliesslich von der Nachfrage, nicht von einem Marketingplan. Das ist für uns das beste Signal.

Wie sieht das Geschäftsmodell dahinter aus?

Müller: Das Gerät selbst ist wiederverwendbar und langlebig. Das wiederkehrende Geschäft entsteht über die Aromakapseln, die regelmässig nachgekauft werden. Eine Kapsel hält rund drei Tage, ein Dreierset deckt etwa neun Tage ab. Wer KLAIR täglich nutzt, kauft kontinuierlich nach. Das schafft planbaren, wiederkehrenden Umsatz, was für ein junges Unternehmen ein erheblicher Vorteil ist, und gibt uns die Möglichkeit, die Kundenbindung langfristig aufzubauen.

Wo steht KLAIR rechtlich? Das Produkt bewegt sich in einem ungewöhnlichen Bereich.

Müller: Das Tabakproduktegesetz greift bei uns schlicht nicht, weil das Produkt keinen Tabak, kein Nikotin und keine Elektronik enthält und keine Verbrennung oder Verdampfung nutzt. KLAIR ist eine neue Kategorie, für die es regulatorisch noch keine fertige Schublade gibt. Die Einordnung erfolgt unter das Lebensmittelrecht, als aromatisiertes Produkt zur Anwendung im Mundraum.

Sie wollen KLAIR als Gattungsbegriff etablieren, wie Tempo für Taschentücher. Ist das realistisch für ein Startup aus Uzwil?

Müller: Das ist unser erklärtes Ziel, und ich bin überzeugt, dass der Zeitpunkt dafür günstig ist. Es gibt bis heute kein alltagstaugliches Wort für einen nikotinfreien Aromaöl-Inhalator. Das ist zunächst ein Problem, weil Menschen nach etwas suchen, das sie nicht benennen können. Aber wer den Kategorienamen zuerst besetzt, besitzt die Kategorie langfristig. Tempo, Pampers, Tesa: Das sind Marken, die früh genug da waren. Wir glauben, dass wir diesen Moment gerade erleben.

Was sind die nächsten konkreten Schritte?

Müller: Wir arbeiten laufend an der Weiterentwicklung unserer Aromen, am Ausbau des Sortiments und an neuen KLAIR-Modellen. Parallel dazu wollen wir in den stationären Handel, also Tankstellen, Kiosks, Supermarktkassen in der Schweiz, dort wo Zigaretten gekauft werden. Dazu kommt die Expansion nach Deutschland, eine Niederlassung ist in Vorbereitung. Und wir entwickeln Ergänzungsartikel speziell für den Rauchstopp-Alltag: ein Supplement für mehr Energie und eines für besseren Schlaf, zwei Dinge, die beim Aufhören häufig leiden.

Letzte Frage: Was muss in fünf Jahren eingetreten sein, damit Sie sagen können, KLAIR ist ein Erfolg?

Müller: Dass jemand «ein KLAIR» sagt, wenn er einen Aromaöl-Inhalator meint. Nicht unsere Marke, sondern unseren Namen als Gattungsbegriff. Das wäre der Beweis, dass wir eine neue Kategorie wirklich etabliert haben. Alles andere, Umsatz, Marktanteile, Länder, folgt daraus. (kl/mc/hfu)


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