Anne Carson erhält Nobelpreis für Literatur

Literatur-Nobelpreisträgerin Anne Carson. (Illustration: Niklas Elmehed © Nobel Prize Outreach)

Stockholm – Die Kanadierin Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis 2026. Das hat die Schwedische Akademie am Donnerstagmittag in Stockholm verkündet. Die Akademie zeichnet die kanadische Autorin für «ihr kühnes und einfallsreiches Werk» aus.

Anne Carson bekommt den Nobelpreis für Literatur 2026. Die kanadische Schriftstellerin wird von der Schwedischen Akademie ausgezeichnet für «ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen zeitgenössischer Literatur geschaffen hat.»

Die 76-jährige Autorin hat Gedichte und Essays veröffentlicht. 2001 erschien ihr Roman in Versen «Rot» auf Deutsch, 2019 gab es eine Neuauflage im Verlag S. Fischer. Der Versroman wird oft als Carsons grösstes Werk gepriesen. Es ist auch im SPIEGEL-Kanon «Hundert Jahre Weltliteratur» vertreten; «Rot» sei »eine sprachlich brillante Geschichte über Anderssein und unerwiderte Liebe«, heisst es darin.

Mehrere Bücher von Carson sind bei Matthes und Seitz Berlin erschienen, darunter »Irdischer Durst« und »Anthropologie des Wassers«. Zuletzt war 2013 mit Alice Munro eine kanadische Autorin ausgezeichnet worden.

Die 1950 in Toronto geborene Anne Carson ist klassische Philologin, sie lehrte an zahlreichen Universitäten in Kanada und den USA griechische und römische Literatur. Berühmt ist ihr Ausspruch: «Ich lese keine neuen Bücher. Die meisten Bücher, die ich lese, sind 2500 Jahre alt.»

Ihr erstes eigenes Buch veröffentlichte Carson 1986, später in deutscher Sprache unter dem Titel »Der bittersüsse Eros« erschienen. Es entstand aus ihrer Doktorarbeit und bezieht sich unter anderem auf die griechische Dichterin Sappho. In allen ihren weiteren Büchern verband Carson antike Mythen und Erzählungen, griechische und lateinische Sprache mit Geschichte, Anthropologie und moderner Kulturwissenschaft. Dabei mischt sie auch verschiedenste literarische Formen miteinander: Lyrik, Poesie, Prosa, Drama und Essay gehen eine literarisch wie intellektuell anspruchsvolle Verbindung ein.

Sie war in Island, «um dem Wind zuzuhören»
Anders Olsson, der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees in der Schwedischen Akademie, hebt aus Anne Carsons Werk «The Glass Essay» hervor, erschienen im Band «Glas, Ironie und Gott», welches das Potenzial des Langgedichts demonstriere, in dem Genregrenzen zu verschwimmen scheinen. Carson habe Langeweile einmal als ihren Erzfeind bezeichnet, heisst es weiter, sie begegne diesem Zustand mit drastischem Humor und Witz. Weiter erwähnt das Komitee das 2010 erschienen Buch »Nox«, das sie in Erinnerung an ihren 2000 in Dänemark gestorbenen Bruder schrieb.

Immer wieder kooperierte Anne Carson mit Vertretern angrenzender Formen, mit bildenden Künstlern und Choreografen, mit Opern- und Theaterregisseuren. Auch dies zeuge «von der Freiheit, mit der sie sich zu literarischen Erwartungen und Regelsystemen verhält», so die Nobelpreisjury. Genau darin liege die herausragende Bedeutung, die ihr Werk seit den Neunzigerjahren für die internationale Kunst- und Literaturszene habe.

Die Akademie erreichte Anne Carson in Island, wie Ingrid Carlberg, die ständige Sekretärin des Gremiums, sagte. Sie sei dort, »um dem Wind zuzuhören«. Laut Carlberg war Anne Carson »sehr überrascht« über die Nachricht.

2025 hatte der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai den Literaturnobelpreis »für sein unwiderstehliches und visionäres Œuvre, das inmitten apokalyptischen Terrors die Macht der Kunst bekräftigt«, bekommen. Im Jahr zuvor hatte die Südkoreanerin Han Kang die Auszeichnung erhalten – »für ihre eindringliche, poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offenbart.«

Überreicht werden alle Preise am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. (mc/ps)

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