Kunstmuseum Bern: Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)

Franz Gertsch, Vietnam (Ausschnitt), 1970, Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen. 213 × 294 cm. Hess Art Collection GmbH, Schweiz. (© Franz Gertsch AG)

Bern – Franz Gertsch (1930–2022) gilt als Pionier des Fotorealismus und als Meister des modernen Holzschnitts. Als einer der bedeutendsten Schweizer Künstler:innen seiner Zeit erlangte er mit monumentalen Werken Weltruhm. Franz Gertsch. Blow-Up wurde vom Louisiana Museum of Modern Art in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und seiner Familie entwickelt und zuletzt in den Deichtorhallen Hamburg gezeigt. Nach dieser europäischen Wiederentdeckung kommt die Ausstellung nun als zweiteilige Retrospektive in die Schweiz. Sie bietet einen umfassenden Überblick über sechs Jahrzehnte künstlerischen Schaffens: Das Kunstmuseum Bern zeigt vom 14. August 2026 bis 17. Januar 2027 Franz Gertsch. Blow-Up (Part I) und das Museum Franz Gertsch in Burgdorf vom 19. September 2026 bis 28. Februar 2027 Franz Gertsch.

Blow-Up (Part II). Gertschs Werk bewegt sich zwischen Detailtreue und Monumentalität, Nahsicht und Fernwirkung, Mensch und Natur und beeindruckt bis heute durch seine Grösse, fotografische Präzision und immersive Wirkung.
Fokus auf Malerei: Frühwerk, Siebzigerjahre und Spätwerk

Das Kunstmuseum Bern konzentriert sich ausschliesslich auf die Malerei. Die knapp 40 Gemälde zeichnen Gertschs Entwicklung von den realistischen Anfängen über nahezu abstrakte Arbeiten und ikonische Werke der Jugend- und Musikszene der 1970er-Jahre bis hin zu Porträts, Familienbildern und epischen Naturdarstellungen aus dem Spätwerk nach.

Den Auftakt bildet die Gegenüberstellung der beiden grössten Arbeiten Gertschs (je vier mal sechs Meter): das Familienbild Maria mit Kindern (1971) und das Werk Medici (1971–1972), das als Kultbild Zeitgeschichte geschrieben hat. Die Ausstellung führt im Anschluss chronologisch vom Frühwerk über die 1970er-Jahre bis zum Spätwerk. Erstmals werden in einer Diashow private Fotografien sowie jene Dias gezeigt, nach denen Gertsch im abgedunkelten Atelier malte.

Im Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Wirklichkeit und Wahrnehmung

Die Ausstellung verdankt ihren Titel Michelangelo Antonionis berühmtem Film Blow-Up (1966). Wie dieser stellt auch Gertschs Werk die Frage: Wo beginnt die Wahrheit in einem Bild? Für Gertsch garantierte die Fotografie Realität, die Malerei hingegen Wahrheit. Aus der Distanz wirken seine Werke wie fotografische Realität. Aus der Nähe lösen sie sich in abstrakte Malerei auf – und mit zunehmendem Abstand schärft sich die Szene. «Jedes Detail ist gleichberechtigt», betonte Gertsch. Diese Spannung zwischen Nahsicht und Fernwirkung prägt das visuelle Erlebnis vor seinen Gemälden und bildet den Kern seiner Methode. In Zeiten von künstlicher Intelligenz und virtuellen Welten gewinnt sein Werk so eine neue Aktualität.

Frühwerk: Von den Alten Meistern zur Entdeckung der Pop Art

Franz Gertsch wird am 8. März 1930 in Mörigen am Bielersee geboren. Früh kommt er im Kunstmuseum Bern mit Werken von Ferdinand Hodler und Paul Klee in Berührung. Sein Lehrer Hans Schwarzenbach weckt zudem seine Begeisterung für die alten flämischen Meister und die italienische Frührenaissance und vermittelt ihm deren Techniken, insbesondere die lasierend aufgetragene Eitemperamalerei.

Gertschs frühe Stillleben, Landschaften und mythologische Szenen entstehen in Eitempera oder Mischtechnik und sind von einem naturalistischen Stil und altmeisterlicher Präzision geprägt. Mitte der 1960er-Jahre eröffnet ihm die Pop Art neue Bildwelten und Methoden: Motive aus der Populärkultur dienen fortan als Vorlagen, etwa Fotos von Bob Dylan, Mick Jagger, den Rolling Stones oder Françoise Hardy aus Jugend- und Musikmagazinen. Zunächst verarbeitet er diese zu reduzierten Collagen aus eingefärbtem Papier, die er anschliessend grossformatig in Dispersionsfarbe umsetzt.

Sein Gemälde Huaa…! (1969) markiert den Übergang in eine neue Schaffensphase mit fotorealistischen Grossformaten. Es zeigt einen britischen Hauptmann im Krimkrieg, wurde jedoch als Kommentar zur amerikanischen Politik im Vietnamkrieg gelesen. Unter anderem von Antonionis Film Blow-Up (1966) inspiriert, entwickelt Gertsch bei der Ausführung des Bildes seine «Blow-Up»-Technik: Er fotografiert Magazinseiten, projiziert die Dias auf die Leinwand und malt nach diesen Vorlagen. Damit etabliert er einen radikal neuen Malansatz, aus dem fortan in monatelanger, teils jahrelanger Arbeit monumentale Gemälde hervorgehen.

1970er-Jahre: von flüchtigen Augenblicken zu Denkmälern des Zeitgeistes

Ab 1969 arbeitet Gertsch fast ausschliesslich mit eigenen fotografischen Vorlagen. Narrative und zeitgenössische Inhalte erscheinen ihm nun als Ablenkung von seinem Ziel, wahrhaftige Bilder der Welt zu schaffen, wie sie erscheint. Sein Blick richtet sich auf die eigene Familie in alltäglichen, privaten Momenten. Werke wie Brecht, Hanne-Lore, Silvia (1970) oder Maria mit Kindern (1971) zeigen seine Kinder in der Badewanne oder beim Picknick. Flüchtige Augenblicke überführt Gertsch ins Monumentale und verdichtet sie zu allgemeinen Erfahrungsbildern. Diese Art von unmittelbaren Familienbildern gab es in der Schweizer Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bis dahin nicht.

Parallel faszinieren ihn der damals zwanzigjährige Luciano Castelli und sein Freundeskreis. Die Gruppe erprobt die Auflösung gesellschaftlicher Konventionen, die Durchlässigkeit von Kunst und Leben, Frau und Mann, Ich und Du – Sinnbilder eines radikalen Aufbruchs der 1970er-Jahre in der Schweiz. Als aufmerksamer, urteilsfreier Beobachter hält Gertsch diese Momente fotografisch fest und übersetzt sie in monumentale Gemälde: At Luciano’s House (1973), Marina schminkt Luciano (1975) oder Luciano I (1976). Mit Medici (1971-1972) sorgt er an der documenta 5 in Kassel für grosses Aufsehen und erlangt internationale Anerkennung.

Bedeutend sind auch die in der Camargue entstandenen Werke: Roma-Mädchen beim Spielen am Strand und im Meer in Saintes-Maries-de-la-Mer werden zu Ikonen seines Fotorealismus. Zugleich vollzieht Gertsch auch einen materiellen Wandel: Er malt erstmals auf ungrundierter Baumwolle, die er an der Canal Street in New York entdeckt hatte. Diese Maltechnik erlaubt keine Korrekturen – jeder Pinselstrich muss sitzen. Jeder Tupfer wird zum «Bogenschuss eines Zen-Meisters» und «das slow painting nahm seinen Anfang», hält Gertsch fest.

Spätwerk: im Rausch der Natur, der Pigmente und der Schönheit

1976 zieht Gertsch mit seiner Familie in ein altes Bauernhaus in Rüschegg im Kanton Bern, das bis zu seinem Tod sein Lebensmittelpunkt bleibt. Dort beginnt er mit dem Holzschnitt. In den 1980er-Jahren wendet er sich von zeitgeistigen Themen ab und findet in der Natur um sein Haus neue Bildwelten. Mensch und Natur begreift er fortan gleichermassen als «Wesenheiten» und behandelt sie gleichwertig.

Diese Weltsicht kulminiert im gross angelegten Guadeloupe-Triptychon (2011–2013), einer Hommage an seine Frau Maria: Die nackte, träumende Figur ist in das Schattenspiel tropischer Vegetation eingebettet. In einer Kunstwelt, die vor allem Innovation und kritisches Bewusstsein fordert, wendet sich Gertsch bewusst der Schönheit zu – als Gegenbewegung. (Kunstmuseum Bern/mc/ps)

Kunstmuseum Bern
Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)
14.8.2026-17.1.202
Ausstellungsinformationen

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