Museum Rietberg: Das Vermächtnis Amazoniens – Kunst und Archäologie

Nationalpark Chiribiquete in Guaviare, Kolumbien. Foto: © Daniel Rosengren)

Zürich – Die Ausstellung «Das Vermächtnis Amazoniens – Kunst und Archäologie» im Museum Rietberg lädt vom 30. Oktober 2026 bis 14. März 2027 Besuchende dazu ein, Amazonien aus einer neuen Perspektive kennenzulernen: als einen der vielfältigsten Kulturräume Südamerikas. Seit mindestens 13’000 Jahren leben Menschen in diesem Raum, gestalten Landschaften, entwickeln Wissen und schaffen Kunstwerke von aussergewöhnlicher Ausdruckskraft. Monumentale Anlagen, weitreichende Netzwerke des Austauschs, reich verzierte Keramiken und spektakuläre Felsbilder erzählen von einer Vergangenheit, deren Tiefe lange unterschätzt wurde.

Gleichzeitig führt die Ausstellung in Weltvorstellungen ein, die bis heute in vielen indigenen Gemeinschaften lebendig sind. Natur und Kultur werden dabei nicht als getrennt betrachtet. Sich der Archäologie Amazoniens zu nähern, bedeutet daher auch, unsere Beziehung zur Welt neu zu denken, neue Wege des Zusammenlebens zu erkunden – und damit das Vermächtnis Amazoniens in die Zukunft zu tragen.

  1. Was ist Amazonien? Einführung in eine faszinierende Welt

Amazonien ist kein ferner Ort auf der Landkarte. Es ist eine lebendige Welt, die ebenso aus Flüssen, Wäldern und Siedlungen besteht wie aus Kulturen, Erinnerungen und unzähligen Geschichten.

Die Ebene des Amazonas-Stromes erstreckt sich über fast 70 Prozent der Fläche Südamerikas und neun Länder. Ihr Flusssystem verbindet ein Areal von mehr als sechs Millionen Quadratkilometern, darunter Wälder, Savannen und Feuchtgebiete. Sie ist einer der artenreichsten Räume unseres Planeten. Doch Amazonien ist weit davon entfernt, eine unberührte Landschaft zu sein. Es ist das Ergebnis einer langen gemeinsamen Geschichte von Menschen, Pflanzen, Tieren und anderen Wesen des Waldes. Viele Gebiete, die heute wie Primärwald erscheinen, wurden über Jahrhunderte hinweg geformt.

Indigene Kunstwerke veranschaulichen die vielfältigen Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Bewohnern des Waldes. In den Vorstellungen vieler indigener Gesellschaften Amazoniens gibt es keine starre Trennung zwischen Menschen und anderen Wesen. Vielmehr sind sie Teil derselben Welt und unterscheiden sich vor allem durch ihre körperliche Erscheinungsform. Deutlich wird dies am Beispiel der Jagd: Wer als Jäger oder Gejagter wahrgenommen wird, kann sich je nach Perspektive verändern. Jagen ist deshalb weit mehr als die Beschaffung von Nahrung: Es stiftet und erneuert Beziehungen zwischen Menschen und anderen Wesen.

In Amazonien gelten zudem Pflanzen als Vermittler zwischen verschiedenen Welten. Über Jahrtausende hinweg entwickelten die Gesellschaften Amazoniens eine tiefe Kenntnis von Heil- und Nahrungspflanzen sowie von Pflanzen, die besondere Bewusstseinszustände ermöglichen. In vielen Gemeinschaften des Amazonasgebiets wird Wissen nicht allein durch Worte weitergegeben, sondern auch durch Träume, Gesänge und visionäre Erfahrungen.

Highlight – Menschen oder Geier?
Zu den spannendsten Werken in diesem Ausstellungsbereich gehören die Karyatidengefässe der Tapajó. Ihre modellierten Figuren überraschen mit einem raffinierten Spiel der Perspektiven: Je nach Blickwinkel können sie als menschliche Gestalten, als Königsgeier oder andere Wesen gesehen werden. Die Gefässe veranschaulichen damit zentrale Vorstellungen amazonischer Kosmologien: die Wandelbarkeit von Körpern, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und die Möglichkeit, mit Wesen anderer Sphären in Beziehung zu treten.

  1. Amazonien im Museum: Vergessene Geschichten in verschlossenen Kisten

Seit dem 19. Jahrhundert gelangten zahlreiche Werke aus Amazonien durch Forschungsreisen und Expeditionen nach Europa und Nordamerika – häufig ohne Zustimmung der betroffenen indigenen Gemeinschaften. Lange wurden diese Sammlungen aus kolonialer Perspektive betrachtet. Ihre historische Tiefe, die technologischen Innovationen und künstlerischen Leistungen amazonischer Gesellschaften blieben weitgehend unbeachtet. Viele Werke verschwanden für Jahrzehnte in Museumsdepots.

Die Ausstellung macht solche Bestände wieder sichtbar. Dazu gehören archäologische Zeugnisse, die der schwedische Forschungsreisende Erland von Nordenskiöld Anfang des 20. Jahrhunderts im bolivianischen Amazonasgebiet sammelte und die seither ungeöffnet in Transportkisten im Ethnographischen Museum Stockholm lagerten. Ihre Wiederentdeckung eröffnet neue Einblicke in die Vergangenheit Amazoniens und in die Geschichte wissenschaftlicher Expeditionen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den berühmten Graburnen der Insel Marajó in Brasilien. Die Bestattungsstätten wurden seit dem 19. Jahrhundert durch Grabraub, wissenschaftliche Expeditionen und den Kunsthandel stark beeinträchtigt. Heute stehen die Urnen nicht nur für die aussergewöhnliche Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer*innen. Sie fragen auch nach dem Umgang mit einem kulturellen Erbe, das auf Sammlungen in aller Welt verteilt ist.

Highlight – Die berühmten Marajoara-Urnen:
Die reich verzierten Graburnen der Marajoara-Kultur waren weit mehr als Behälter für die menschlichen Gebeine der Verstorbe- nen. Als eigens geschaffene und bemalte Körper begleiteten sie die Toten in andere Daseinsformen. Menschliche und tierische Merkmale verbinden sich in ihnen zu eindrucksvollen Bildern von Verwandlung, Erinnerung und Fortbestehen.

  1. Geschichten auf Stein: Die Felsmalereien von La Lindosa und Chiribiquete

Tief im kolumbianischen Amazonasgebiet erheben sich monumentale Felswände, über und über bedeckt mit unzähligen Bildmotiven. Nur wenige Menschen haben diese abgelegenen Orte jemals besucht. Die Ausstellung Das Vermächtnis Amazoniens ermöglicht eine seltene Begegnung mit einer der aussergewöhnlichsten Bildlandschaften Amerikas: Eine virtuelle Reise führt zu den Felsmalereien von Chiribiquete und der nahegelegenen Serranía de La Lindosa. Sie zählen nicht nur zu den ältesten Kunstformen des amerikanischen Kontinents, sondern möglicherweise auch zu den atemberaubendsten Bildergalerien in freier Natur. Einige der mit diesen Orten verbundenen archäologischen Zeugnisse reichen bis zu 12‘000 Jahre zurück.
Menschen, Affen, Jaguare, Fische, Fledermäuse, Pflanzen und andere Wesen bevölkern diese visuellen Erzählungen, die mit roten Pigmenten auf den Fels gemalt wurden. Viele Bilder überlagern sich und zeugen von einer jahrtausendelangen künstlerischen Tradition, die möglicherweise bis in die Gegenwart fortgeführt wird.

Highlight – Eine virtuelle Reise nach Chiribiquete:
Eine immersive Installation führt tief in die eindrucksvollen Felslandschaften Amazoniens. Monumentale Felswände, jahrtausendealte Bildmotive und spektakuläre Landschaften lassen eine Welt lebendig werden, die nur wenige Menschen je mit eigenen Augen gesehen haben. So eröffnet sich ein einzigartiger Blick auf eine der bedeutendsten Kunsttraditionen Amazoniens. Für viele Besuchende dürfte dieser Raum zu den bewegendsten Momenten des Ausstellungsrundgangs zählen.

  1. Vielfalt – verschiedene Arten, den Wald zu bewohnen

Archäologische Forschungen zeichnen ein differenziertes Bild des präkolonialen Amazonien. Von kleinen Siedlungen bis zu weit- läufigen Netzwerken von Dörfern und Städten entwickelten die Gesellschaften vielfältige Formen des Zusammenlebens, der Landschaftsgestaltung und der Beziehungen zur Umwelt. Dennoch finden sich nur wenige Hinweise auf ausgeprägte soziale Hierarchien oder die Konzentration von Macht und Reichtum. Eine zentrale Rolle spielten Schamaninnen als Vermittlerinnen zwischen Menschen, Ahnen, Tieren, Pflanzen und den Geistern des Waldes.

Amazonien war eng mit anderen Regionen Südamerikas verbunden. Über Flüsse und Landwege zirkulierten Güter, Kulturpflanzen, Wissen, Vorstellungen und Symbole zwischen dem Amazonas- gebiet, den Anden und der Karibik. Dank neuer LiDAR-Technologien – hochpräziser Laserscans – lassen sich heute selbst unter dichtem Blätterdach verborgene Siedlungen, monumentale Erdwerke und ausgedehnte Wegenetze erkennen. Tausende künstlich angelegte Hügel, verbunden durch Strassen und Plazas im Upano-Tal in Ecuador und in den Llanos de Moxos in Bolivien, sowie riesige Bodenzeichnungen in Brasilien zeugen von komplexen Gesellschaften und weitreichenden Verbindungen. Graburnen, künstlich geschaffene fruchtbare Böden und zahlreiche Monumentalbauten belegen bis heute tiefgreifende Eingriffe in die Landschaft ebenso wie das reiche kulturelle Erbe der Gesellschaften Amazoniens.

Highlight – Die frühe Geschichte des Kakaos:
Ein aussergewöhnliches Gefäss aus Santa Ana-La Florida im ecuadorianischen Amazonasgebiet erzählt von der langen Geschichte einer Pflanze, die heute rund um den Globus geschätzt wird. Analysen nachgewiesener Rückstände zeigen, dass Kakao hier erstmals vor rund 5000 Jahren domestiziert und kultiviert wurde. Von Amazonien verbreitete sich der Kakao dann in andere Regionen Amerikas – und letztendlich in die ganze Welt.

  1. Indigene Perspektiven, geteiltes Wissen

Das Wissen vieler Gesellschaften Amazoniens lebt bis heute in den Gemeinschaften fort, die den Regenwald bewohnen. Handwerkliche Techniken, Bauweisen, Keramikherstellung, Flechtarbeiten und Körperschmuck beruhen auf Traditionen, die über Generationen weitergegeben wurden. Auch Felskunst, Boden- und Steinbilder sowie andere Zeugnisse der Vorfahren sind für viele indigene Gemeinschaften Ausdruck einer lebendigen Verbindung zu Geschichte, Landschaft und der spirituellen Welt.

In enger Zusammenarbeit mit der Quijos-Gemeinschaft NAOQUI in Cotundo (Ecuador) entstand ein Raum der Begegnung mit den Klängen, Stimmen, Erinnerungen und Sichtweisen heutiger indigener Gesellschaften. Gemeinsame Projekte, Feldforschungen und Dokumentationen vermitteln die Bedeutung der Felslandschaften und in Stein geritzter Bildzeichen, die von Mitgliedern der Gemeinschaft auch musikalisch interpretiert wurden. Ein Video gibt Einblicke in die lebendige Beziehung der Quijos-Gemeinschaft zu diesen für sie heiligen Orten.

Highlight – Gemeinsam Flechten und Gestalten:
Ein besonderes Element der Ausstellung ist ein traditionell geflochtenes Dach, das gemeinsam mit Vertreter*innen der Quijos-Gemeinschaft, Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste und Besuchenden entstehen wird. Damit öffnet sich ein Ort der Begegnung, der zum Austausch, Lernen und Verweilen einlädt. Während der Laufzeit der Ausstellung bietet der Künstler Pedro Abu Wirz zudem Workshops für Schulklassen an. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit Ton und setzen sich dabei mit den Beziehungen zwischen Menschen, Natur und anderen Lebewesen auseinander.

  1. Körper, Kunst und Symbolismus

Körperbemalung und Körperschmuck gehören zu den wichtigsten Ausdrucksformen indigener Gesellschaften Amazoniens. Sie machen Zugehörigkeit, Herkunft und Persönlichkeit sichtbar und verweisen auf Lebensphasen, Ansehen, Bündnisse und rituelles Wissen. Vogelfedern, Pflanzenfasern, Samen, Zähne, Knochen und Muscheln werden zu kunstvollen Schmuckstücken verarbeitet, die Menschen mit Tieren, Ahnen und anderen Wesen in Beziehung setzen.

Der menschliche Körper entsteht nicht einfach mit der Geburt, sondern wird im Laufe des Lebens geformt. Ernährung, Heilmittel, Enthaltsamkeit, Körperbemalung und rituelle Unterweisung tragen dazu bei, ihn Schritt für Schritt zu gestalten. Federn, Pigmente und Ornamente verleihen dabei die Eigenschaften jener Wesen, von denen sie stammen, und schaffen Verbindungen zu den anderen Lebewesen, mit denen wir die Welt teilen.

Eine zentrale Rolle spielen Rituale, die Geburt, Initiation und Tod begleiten. Musik, Bewegung, Körperschmuck dienen nicht der Darstellung, sondern der Verwandlung: Sie ermöglichen den Kontakt mit Ahnen, Geistern und Tieren und machen die Grenzen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten durchlässig. Diese Traditionen reichen weit in die Vergangenheit zurück und sind archäologisch vielfach belegt. Auch die Vorfahren bleiben gegenwärtig – etwa in den kunstvoll gestalteten Graburnen, die ihre Präsenz, ihr Wissen und ihre Beziehungen zu den Lebenden bewahren.

Highlight – Klein, grün und mächtig:
Muiraquitãs sind kleine Anhänger aus grünem Stein, meist in Form von Fröschen. Sie wurden von den für ihre meisterhafte Stein- bearbeitung bekannten Tapajó gefertigt und gehörten zu den begehrtesten Prestigeobjekten des präkolonialen Amazonien. Über weitreichende Handelsnetzwerke gelangten sie bis in die Karibik. Als Schmuck einflussreicher Frauen standen sie für Ansehen, Bündnisse und Verbundenheit. Einer Überlieferung zufolge wurden sie einst von den legendären Kriegerinnen der Icamiabas als Glücksbringer geschaffen. (Museum Rietberg/mc/ps)

Ausstellungsinformationen

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